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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (50)

 
Autor: Klaus Duwe

Der Königsschlösser Marathon in Füssen gehört zu den schönsten Landschaftsmarathons die ich kenne. Der Lauf entland von Seen mit Blick auf Berge und Schlösser ist bei den laufenden M4Y-Reportern so beliebt, dass es mittlerweile jede Menge Laufberichte und Bilder gibt. Weil das Juwel im Voralpenland wegen Corona dieses Jahr ausfällt, wurde als Rückblick mein Laufbericht von 2011 ausgewählt.

 

 

Einfach märchenhaft

 

Wie könnte ein Marathon auch anders sein - dort, wo der Märchenkönig seine Schlösser baute!

Aufgewachsen ist König Ludwig II. mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Otto auf Schloss Hohenschwangau in der Nähe von Füssen. Die Landschaft mit sanften Hügeln, steilen Bergen und idyllischen Seen hatte es dem Schöngeist angetan. Und als es darum ging, sich sein Traumschloss zu bauen, fiel ihm kein geeigneterer Platz ein, als der Hügel gegenüber seiner „Kinderstube“,  wo zu der Zeit die Ruinen von zwei mittelalterlichen Burgen standen.

Kein Mensch konnte ahnen, dass Schloss Neuschwanstein einmal zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands avancieren würde. Vor allem diejenigen nicht, die den König wegen seiner Schuldenmacherei entmündigen und, wie viele Königstreuen in Bayern heute noch glauben, umbringen ließen. 

Heute sind die Königsschlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee das Touristenmagnet schlechthin. Alleine Schloss Neuschwanstein besuchen täglich 10.000 Menschen aus aller Welt und bringen über 100.000 Euro in die Kassen der Bayerischen Schlösserverwaltung. Es lebe der „Kini“.

Heuer ist das Wetter wenig sommerlich, eher herbstlich, die Temperaturen tagsüber knapp zweistellig. Es regnet und in den Bergen gibt es Neuschnee. Wer nicht schon angemeldet ist, bleibt da lieber zu Hause und schimpft über die Hitze, wenn demnächst wieder mal die Sonne scheint.

Die Eventarena ist ein großes Festzelt auf dem Parkplatz in der Kemptener Straße, direkt am Eingang zur Altstadt, die überragt wird vom Hohen Schloss, eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Burganlagen in Bayern.

Kinder- und Jugendläufe, Halbmarathon und 10er finden am Samstag statt. Der Sonntag gehört den Marathonis und ein paar Staffelläufern. Alles drängt ins Zelt, keiner will zum nur einen Steinwurf entfernten Startplatz. Der Regen ist von der Sorte, der nicht aufhören will. Wenn es richtig schüttet, weiß man, das geht vorbei. Aber wenn es so vor sich hin regnet? Ich beobachte einen Läufer, der sich zweimal umzieht. Erst kurz, dann lang, dann wieder kurz. Geblieben ist es bei Regenjacke und Mütze. Man erzählt sich, wie es letztes Jahr war, als die Strecke an ein paar Stellen unter Wasser stand.

 

 

Wider Erwarten lässt der Regen nach. Langsam macht man sich auf den Weg. Die Zeit bis zum Start haben Alice Übele und Martin Pulver gut genutzt. Sie kommen gerade mit Bürgermeister Paul Iacob (Markenzeichen: Fliege) vom Standesamt. Logisch, dass sie sich beim Laufen kennengelernt haben. Den Heiratsantrag hat Paul seiner Alice in Athen gemacht – letztes Jahr beim großen Marathon-Jubiläum. Ja, dann: Viel Glück!

Das wünsche ich auch Marco Diehl, dem Seriensieger.  Der klappert vor Kälte und hat gar kein gutes Gefühl.  Wigald Boning ist da besser dran. Sein sonst eher schrilles Outfit ist heute wetterbedingt bis auf den Hut eher unauffällig, was man von Martin „Magic“ Schöll’s traditionellem Rautendress nicht sagen kann.

 

 

Viel von der Stadt sehen wir nicht. Gleich nach dem Start (um 7.30 Uhr!) geht es auf kürzestem Weg in Richtung Hopfensee. Dass die Straße leicht ansteigt, merkt kaum jemand. Jeder ist froh, dass er sich bewegen kann und die Kälte aus den Knochen kriegt. Umdrehen tut sich auch keiner. Deshalb bleibt ihnen der Säuling (2047 m), einer der schönsten Aussichtsberge im Voralpenland, zunächst  verborgen.  Bis auf das letzte Stück ist der Berg leicht zu besteigen. Der Blick, vor allem auf die Schlösser und Seen, ist atemberaubend. Bei klarem Wetter soll man die Münchner Frauenkirche sehen können.

Nach gut drei Kilometern verlassen wir den entlang der Verkehrsstraße führenden Radweg und laufen auf Schotterwegen durch typisches Allgäuer  Hügelland, ohne dass sich uns auch nur einmal  eine nennenswerte Steigung entgegen stellt.  Dabei haben wir immer einen wunderbaren Blick auf die Berge, soweit sie die tiefliegenden Regenwolken freigeben.  Ab und zu muss man allerdings schauen, wo man hintritt. Sonst holt man sich in einer der vielen tiefen Pfützen nasse Füße, sofern man noch trockene hat.

Was sonst noch auffällt? Alle Marathonis sind mit einem Lächeln unterwegs. Eine Läuferin frage ich, warum sie bei dem Scheißwetter so gut drauf ist. Sie versteht mich zunächst nicht. Sie kommt aus Norwegen, dort würde es jeden Tag regnen. Das sei schon in Ordnung. Eine kleine Gruppe um mich rum kommt aus Finnland, Julie aus den USA, Jennifer aus Kanada und Ayanda aus Südafrika. Bei keinem Lauf in dieser Größenordnung sind mehr Nationen am Start und ist der Anteil ausländischer Sportler größer  als hier. Das behaupte ich. Fast wage ich es nicht, noch einmal jemand auf Deutsch anzusprechen.

 

 

Wir laufen entlang des Hopfensees, den man aber zunächst durch Bäume und Sträucher und wegen des verschilften Ufers nur an manchen Stellen sehen kann, bevor uns der Weg direkt an das Seeufer und wenig später in den Kurort Hopfen am See (km 10) führt. Man will es heute zwar kaum glauben, aber im Hopfensee kann man wegen seiner geringen Tiefe bereits ab Mai baden.  Am Strandbad mühen sich drei Alphornbläser und es gibt sogar ein paar Zuschauer. Die meisten Leute beobachten das Geschehen aber  gemütlich vom Frühstückstisch aus. 

Keiner von ihnen würde mir glauben: Ich will nicht tauschen. Seit einiger Zeit halte ich mich an Thomas, der die Pace für 4:45 macht. Mit im Schlepp sind Regina, Gudrun und Sybille, Elmar, Annette und Bernd und noch ein paar. Drei von ihnen behaupten, mein Buch zu haben, der Rest ist mindestens einmal täglich auf der Website.  Der schon erwähnte bunte internationale Haufen kommt ab morgen dazu. Wir haben einen Riesenspaß. Um den Anschluss nicht zu verlieren, muss ich mir die Zeit für einen Fotostopp vorher herauslaufen oder später hinterher hecheln. Ich bin mal gespannt, wie lange das gut geht.

 

 

Der Südseite des Sees laufen wir ein zweites Mal entlang, ehe wir auf dem ebenfalls schon bekannten Radweg zurück nach Füssen laufen, diesmal ganz bequem mit leichtem Gefälle und den Säuling fest im Blick. Bernd wird von seinem Fanclub kurz aufgehalten und muss wie ich jetzt Gas geben, um am Pacer dranzubleiben. Wir laufen links hinunter zum Forggensee und machen einen kleinen Umweg zum Festspielhaus.

Dem Kini würd’s grausen, würd‘ er sehn, was sich da so abspielt. Der Start des Musicals „Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies“ im Jahr 2000 war ganz vielversprechend und in 1506 Vorstellungen zählte man 1,5 Mio. Besucher. Trotzdem wurde der Betrieb Ende 2003 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. 2005 startete man mit einem neuen, zum Teil von Konstantin Wecker komponierten Musical. „Ludwig 2 – Der Mythos lebt“ war ein Flop und nach zwei Jahren fiel der letzte Vorhang.  Seither werden wechselnde Programme gespielt.  An der Lage des Festspielhauses direkt am See mit Blick auf des Königs Lieblingsschloss, Neuschwanstein, kann es nicht liegen.

Ein Jammer ist das auch deshalb, weil Ludwig II. ja selbst einmal ein Festspielhaus finanziert hat, für dessen Aufführungen man heute als Normalbürger nach ungefähr  15 Jahren eine Karte zugeteilt bekommt. Die Rede ist von den Bayreuther Festspielen. Richard Wagner erfreute sich der Gunst und des Geldes des Königs, der sich manchmal exklusiv ganze Opern von ihm aufführen ließ.

 

 

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Bildgalerie von Birgit Fender und Anton Lautner

 


 

 

 

Der Lech durchfließt den Forggensee. Ein kleines Stück folgen wir dem Fluss, bis wir ihn schließlich überqueren (km 21). Die Stadt ist nicht weit, wir sehen das Hohe Schloss und den Kirchturm vom Kloster St. Mang. Nach einem kleinen Waldstück erreichen wir nun erneut den Forggensee und laufen kilometerweit an dessen Ufer entlang. Es ist einfach traumhaft schön: der See mit den kleinen, grünen Inseln, festgemachten Booten, das Festspielhaus am anderen Ufer, saftige Weiden, die Berge und, jetzt immer im Blickfeld, Schloss Neuschwanstein.

Ein Fahrgastschiff gibt laut Signal, Passagiere winken. Man kann’s kaum glauben, aber der Forggensee ist zwar wie alle anderen Seen im Voralpenland nach dem Abschmelzen der Gletscher entstanden, aber seit 1910 bei Roßhaupten aufgestaut und im Winter vollkommen trocken. Dann sieht man Grundrisse alter Häuser und Straßen. Sogar Reste der Via Claudia Augusta, eine der wichtigsten Römerstraßen, die den süddeutschen Raum mit Norditalien verband, sollen erkennbar sein.

Bei Waltershofen (km 26) ist die Anlegestelle und eine der zahlreichen Verpflegungsstationen. Die meist jungen Helferinnen und Helfer machen unermüdlich ihre Arbeit. Nein, Arbeit ist das nicht. Sie haben Spaß und freuen sich über jeden Becher Wasser, Iso oder Cola, den sie los werden. Es gibt auch Riegel und Obst. Und wer bei nur noch sporadischem Regen auch äußerlich Erfrischung braucht, für den liegen Schwämme bereit. Der Service ist perfekt. 

 

 

Wenig später verlassen wir den See und laufen Richtung Schwangau, die Berge und die kleine, barocke Colomanskirche (km 30) aus dem 17. Jahrhundert fest im Blick. Ich habe mir wieder einen kleinen Vorsprung herausgelaufen und kann eine Fotopause machen. Dafür gibt’s von der 4:45-Gruppe ´ne Welle.

Ich muss gleich wieder spurten, denn wir laufen jetzt direkt auf das Märchenschloss zu und ich verspreche mir weitere lohnende Motive. Einmal gelingt es mir sogar, beide Schlösser, Neuschwanstein und Hohenschwangau zusammen mit meinen Kumpels auf ein Bild zu kriegen. Vor lauter Begeisterung  vergesse ich ganz, dass ich bereits 35 km gelaufen bin und bei meinem letzten flachen Marathon da kräftemäßig längst am Ende war. Heute ist doch mein Tag. Meiner Begleitung sei’s gedankt.

Unsere Gruppe ist etwas geschrumpft. Einige haben sich tatsächlich nach vorne abschiedet, einige folgen in Sichtweite. Dafür ist schon seit geraumer  Jessica auf gleicher Höhe. Sie kommt aus dem Odenwald. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist, was sie heute macht. Sagt sie zumindest. Denn einen Marathon ist sie noch nie gelaufen. Hurra, ein Rookie. Bernd, der Senior, sonst eher der ruhige Routinier, kümmert sich rührend um die hübsche junge Läuferin. „Nicht stehen bleiben, gehen“, mahnt er an der Verpflegungsstelle. Dann: „Laufen, Du musst laufen.“  Tapfer und meist wortlos folgt sie den Anweisungen.  Als sie etwas langsamer wird, weicht ihr Bernd nicht von der Seite. Man sieht ihr die Leiden nicht an. Aber man sieht ihr an, dass sie für die  Unterstützung dankbar ist. Ein tolles Team.

Im kleinen Schwansee  (km 38) spiegeln sich die dunklen Wälder, Berge und Wolken. Vom Schwanseepark, den die Wittelsbacher hier mal anlegen ließen, ist nichts mehr zu erkennen.  Im Sommer (nicht heute) wird hier gebadet, im Winter Schlittschuh gelaufen.  „Nur noch zwei Kilometer bis zur Stadt“, Bernd setzt seine Motivationsarbeit fort.

 

 

Parallel zur Verkehrsstraße laufen wir Richtung Füssen. Die Finnen holen uns ein, haben wohl Nurmis Gene. Über den Lechsteg erreichen wir die Stadt. Es gibt Wolkenlücken, ein heller Strahl trifft mich. Die Sonne, es gibt sie noch. Wir folgen dem Flussufer und haben jetzt auf 100 Metern den ersten nennenswerten Anstieg des Tages zu bewältigen. Auf der Alatseestraße geht’s dann abwärts und schon sind wir auf der Kemptener Straße und können uns im Ziel als Finisher feiern lassen. 

Hey, Jessica, Du bist 42 km gelaufen, zweiundvierzig Kilometer! Am Stück! Willkommen im Club! Danke Bernd, Du bist ein toller Kumpel. Danke auch an alle anderen, die ich heute begleiten durfte. Es war einfach märchenhaft.

 

Auf Wiedersehen beim Königsschlösser Marathon am 17.Juli 2021

 

Informationen: Königsschlösser Marathon
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