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Laufberichte

Goldenes Jubiläum

14.10.12
Autor: Klaus Duwe

Die Straße ist breit genug und gibt den Läuferinnen und Läufern von Anfang die Möglichkeit, ihr Tempo zu laufen. Darüber hinaus sind Tempomacher für verschiedene Zielzeiten im Einsatz. Nach gut 3 km kommen wir nach Werden, einem kleinen Stadtteil im Essener Süden. Von der historischen Altstadt sehen wir nichts, wir orientieren uns gleich Richtung Baldeneysee, dessen Ufer wir bei km 4 erreichen. Gleich kommt auch das Stauwehr, über das viele Zuschauer gleich nach dem Start ans diesseitige Seeufer geeilt sind, um die Marathonis erneut anzufeuern.

Die Ruhr, die dem mit 5 Mio. Einwohnern größten Ballungsgebiet Deutschlands den Namen gibt, hat ihre Quelle bei Winterberg im Sauerland und mündet nach 219 km bei Duisburg in den Rhein. Wer Lust hat, kann diese Strecke nonstop laufen. TorTour de Ruhr nennt sich das Ganze. Jens Vieler ist der Initiator. Meist ist er hier am Baldeneysee als Pacemaker im Einsatz, dieses Jahr nicht.

Erzählen wollte ich Euch aber, dass es die Ruhr an sechs Stellen aufgestaut wird und der Baldeneysee der größte der so entstandenen Seen ist. Er ist ein überaus beliebtes Naherholungsgebiet und Wassersportgebiet. Auch heute wird wieder wie wild gerudert und  gesegelt. Die Wege um den See sind ganzjährig mit Läufern und Walkern bevölkert.

Gegenüber sieht man die bunt beflaggte Regattatribüne, vor der man später ins Ziel läuft, die Villa Hügel, einst Wohn- und „Regierungssitz“ der Familie Krupp mit 269 Räumen mit 8100 qm Wohnfläche und später den Förderturm der Zeche Carl Funke I.

Rückblick ins Jahr 1983. In Essen starten erstmals mehr als 1000 Läuferinnen und Läufer. Bei strahlendem Sonnenschein stellt Jürgen Dächert mit 2:15:52 einen neuen Streckenrekord auf und der „Stern“ kauft für 9,3 Mio. DM von dem „anerkannten“ Kunstfälscher Konrad Kujau die Hitler-Tagebücher.  Im Juni berichtet der SPIEGEL, dass an der „Homosexuellen-Seuche Aids“ bereits mindestens hundert Deutsche erkrankt und sechs gestorben seien.

Wer heute ins Husten kommt, ist zu schnell unterwegs. An der Luft hier am See und im bunt gefärbten Herbstwald kann es nicht liegen. Die Zeiten, in der man das Ruhrgebiet mit verpesteter Luft gleichsetzte, sind vorbei. In manch vielbesuchtem  Urlaubsort ist es auch nicht schöner als hier. Entsprechend genüsslich gestalten die Aktiven im hinteren Feld ihren Lauf.  Dennoch erinnert alles an den Bergbau. So auch die Hespertalbahn, die zwischen dem Haus Scheppen, einem ehemaligen Lehnshof, und dem Alten Bahnhof Kupferdreh verkehrte. Als sie 1867 in Betrieb ging, um die Erzgruben zu erschließen, wurden die Wagen noch von Pferden gezogen. Heute ist sie eine mit viel Liebe am Leben erhaltene Museumsbahn.

Auf den guten Wegen kann man fast nicht anders, man muss schnell laufen. Jedenfalls war ich auf den ersten 10 Kilometern schon um einiges länger unterwegs. Wie immer geht es mir aber nicht um die Zeit, sondern darum, Euch einigermaßen vernünftige Bilder als  Appetithäppchen zu liefern. Das  Südufer ist dazu gut geeignet.

In Kupferdreh ist für die Staffelläufer der erste Wechsel angesagt. Erfahrungsgemäß geht es an solchen Punkten hoch her. Jetzt ist das Schlimmste  aber schon vorbei. Über die Kampmannbrücke queren wir die Ruhr, sinnigerweise zu den Klängen von „Rivers of Babylon“. Auf der ersten Runde macht man jetzt einen Ausflug auf der B 227, die man einfach 3 km rauf und wieder runter läuft. Das ist weitaus spannender, als es sich liest. Auf der breiten Betonpiste ist nämlich durch den Gegenverkehr mächtig was los. Die Läuferinnen und Läufer, die uns zunächst entgegenkommen, haben fast 6 km Vorsprung.  Trotzdem will ich nicht mit ihnen tauschen. Zu gequält sehen mir ihre Gesichter aus. Im Laufe der Zeit werden die Gesichtsausdrücke immer entspannter und man hat Zeit für einen Gruß oder ein kurzes Abklatschen.

Ich freue mich schon auf die Trommler der Antoniusschule, die von Daniel Bazanta betreut werden. Jeder, der einmal den Marathon Rund um den Baldeneysee gelaufen ist, kennt den dunkelhäutigen Kolumbianer mit der mächtigen weiß-grau-schwarzen Lockenmähne. Gutgelaunt und mit breitem Lachen auf dem Gesicht bestimmt er den Rhythmus und das Tempo.  Was der Mountain-Piper für den Jungfrau Marathon, ist Daniel Bazanta für den Essen Marathon. Ich höre die Trommeln, ich sehe die Kinder an der bekannten Stelle aufgereiht. Aber Daniel sehe ich nicht. Ich frage nach ihm. Er ist im März plötzlich gestorben. Die Frau, die es mir erzählt, und ich stehen uns eine Weile wortlos mit feuchten Augen gegenüber.  Dann laufe ich weiter.

Bei km 15 wird gewendet. Hinter mir kommen auch noch welche. Gar nicht mehr weit zurück ist Rüdiger  mit Filzhut und der 4:45-Gruppe. Es fehlen nur die Stöcke, sonst ist er komplett für einen Ultra-Trail ausgerüstet. Sein Vorrat an Getränken reicht für die ganze Gruppe. „Du hast, was mich betrifft, Überholverbot“, sage ich noch. Heute Morgen habe ich nämlich sein Angebot, von Anfang an mit ihm zu laufen, mit einem „das ist mir zu langsam“ entschieden abgelehnt.

Rückblick -  1994, in Essen findet der EU-Gipfel statt und der Marathon unter dem Motto „Europa in Essen“ ist internationaler denn je besetzt. Unter den Top 10 platzieren sich Läufer aus vier Nationen.  Sieger (Zenon Szczesniank) und Siegerin (Christina Pieczulis) kommen aus Polen. Im gleichen Jahr wird in Südafrika die Apartheit abgeschafft und Nelson Mandela wird der erste schwarze Präsident des Landes.  Und 2002, in Essen findet der 40. Marathon statt,  nehme ich zum ersten Mal  an einem Marathonlauf teil.

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Informationen: innogy Marathon Rund um den Baldeneysee
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