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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (26)

 
Autor: Klaus Duwe

„Premiere 2020: enovos TriDays Luxembourg - Wer noch auf der Suche nach einer sportlichen Herausforderung für 2020 ist, sollte einen Blick auf das neue Top-Event im Ausdauersport werfen. Am langen Wochenende zu Christi Himmelfahrt vom 21. bis 23. Mai 2020 können sich Athleten für die Mitteldistanz an 3 Tagen über 1,9 km Schwimmen, 90 km Radfahren und 21,0975 km Laufen oder die Langdistanz an 3 Tagen über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km anmelden. Nicht nur individuelle Teilnehmer können an den Start gehen: Auch Teams, bestehend aus zwei oder drei Sportlern, haben die Möglichkeit, sich die unterschiedlichen Disziplinen aufzuteilen.“

Die Welt war noch in Ordnung, alsauf Marathon4you im November 2019 diese Pressemitteilung veröffentlicht wird. Renndirektor Erich François, der den ING Night Marathon Luxembourg 2006 mit 6.000 Teilnehmern etablierte und mittlerweile 17.000 heiß begehrte Startplätze vergeben kann, sah die enovos Tridays Luxembourg als eine sinnvolle Erweiterung zum Marathon.

Aber dann kam Corona …

Der Nachtmarathon in Luxemburg zählt bis heute zu meinen absoluten Favoriten. Gleich bei der zweiten Auflage war ich dabei, weitere Teilnahmen folgten. Als etwas Besonderes sind mir meine Eindrücke aus 2010 in Erinnerung. Hier ist mein Bericht:

 

 

2010: Der Löwe schläft nicht heute Nacht

 

Der Löwe, das ist sozusagen das Wappentier  der ING. Der Niederländische Finanzdienstleister (Internationale Nederlanden Groep) ist  Titelsponsor des europe marathon in der Luxemburgischen Hauptstadt.  Die Firmenfarbe ist orange. Beides, der Löwe und Oranje dominieren an diesem Wochenende die Stadt. Der Marathon ist das Sportereignis in Luxemburg. 8000 Läuferinnen und Läufer (ausgebucht!) aus 74 Nationen sind gemeldet. Nirgendwo ist ein ähnlich großes Starterfeld internationaler.

Alles eitel Sonnenschein also? Nein, um den Marathon gab es im Großherzogtum im Vorfeld heftige Streitereien. Das hat zur Folge, dass man mit dem Veranstaltungszentrum von der Coque zwei Kilometer weiter in die Luxexpo umgezogen ist. Glaubt man verschiedenen Pressemeldungen, ist Luxemburg die einzige Marathonstadt, in der weder Hoteliers und Gastronomie noch der Einzelhandel von den Läufern und ihren Begleitern nennenswert profitieren. Sitzt da irgendwo versteckt ein Stänkerer mit böser Absicht?

Unser Problem ist das nicht. Wer die Coque nicht kennt, wird auf der Luxexpo nichts vermissen. Außer einem Parkplatz vielleicht. Die liegen nämlich im weiteren Umkreis, sind aber mit kostenlosen Shuttlebussen sehr gut eingebunden. Hat man das Messegelände erreicht, liegt alles beieinander: Startnummernausgabe, Kleiderdepot, Pasta-Party und Marathonmesse. Start und Ziel ebenso.

 

 

Marco ist ganz happy. Er kommt aus der Schweiz und freut sich natürlich, einmal in einem Land zu laufen, das noch kleiner ist als seine Heimat. Tatsächlich ist Luxemburg nur unwesentlich größer als das angrenzende Saarland. In der EU ist nur Malta kleiner. Wer die Luxemburger aber deshalb unterschätzt, macht einen großen Fehler. Davon später, jetzt will ich laufen.

Um 18.00 Uhr geht es direkt vor der Messe los. Man hätte auch oben auf der breiten Zufahrtstraße zur Messe starten können. Die scharfe Rechtskurve gleich zu Beginn bliebe einem erspart, aber die Atmosphäre wäre nicht so schön. So ist es wie bei allen großen Hauptstadt-Marathons, nur halt eine Nummer kleiner und deshalb vielleicht sogar etwas sympathischer.

 

 

Nach einem Kilometer blicke ich nach vorn und hinten auf eine unendliche Läuferschlange. Viele Zuschauer stehen an der Straße und die ersten Trommlergruppen. Aber auch so ist unter den Aktiven eine phantastische Stimmung. Ich komme kaum vorwärts, will alles in Bildern festhalten. Zu Beginn der Kirchberg-Schleife (mit dem Europäischen Gerichtshof) kommen uns bei km 2 schon die Ersten entgegen, sie haben bereits 5 Kilometer zurückgelegt und einen Eindruck, was streckenmäßig so geboten wird: rauf und runter, dazwischen mal flach. Seine Bestzeit läuft man woanders, aber auch nicht in New York oder Boston. Und sonst? Meine Güte, wir sind hier in keinem Wohngebiet und trotzdem gibt es jede Menge Zuschauer. Super.

 

 

Wir kommen zur Avenue John F. Kennedy (km 6), der autobahnähnlichen Zufahrtstraße zum Kirchberg, wo viele Banken, Institutionen und Behörden zuhause sind, aber auch RTL und, wie schon erwähnt,  die Messe.  Hier sieht man, wie Luxemburg die Strukturkrise in der Stahlindustrie gemeistert hat. Einerseits beherbergt man mit Acelor (hervorgegangen aus der einheimischen Arbed) den umsatzstärksten Stahlkonzern der Welt, andererseits hat man sich auf Dienstleistungen, vor allem Finanzen und Versicherungen, verlegt. Dort generiert man heute mehr als 80 % des BIP. Clevere Steuergesetze lassen zusätzliche Geldquellen sprudeln. Alleine aus dem Tank- und Tabaktourismus sollen dem Finanzamt 1 Mrd. Euro jährlich zufließen. Die niedrigste Mehrwertsteuer in der EU (15 %) lockt internationale Firmen wie eBay, Amazon, Apple oder Microsoft ins Land. 

An unserem Weg hinunter in die Stadt, der weiterhin von vielen Zuschauern gesäumt ist,  liegen so markante Gebäude wie das Veranstaltungs- und Sportzentrum Coque, die „Kirchberg- Twin-Towers“,  die Philharmonie und bei km 8 die Rote Brücke (Pont Grand-Duchesse Charlotte).

 

 

Dann wird’s heiß. Den Boulevard Robert Schuman passieren die Läufer gleich zweimal (km 8,5 und kurz vor km 13). Der riesige Oranje-Löwe dominiert die große Straßenkreuzung und ist Treffpunkt tausender Fans. Applaus, Gekreische und Getrommel bilden die weit hin hörbare Geräuschkulisse. Wir laufen rechts  Richtung Limpertsberg, wo uns die Zuschauer nur eine schmale Gasse lassen. Wer hätte das gedacht? Der Löwe tobt, Luxemburg steht Kopf.

 

 

Es ist auf den folgenden Kilometern zwar ruhiger, auf Zuschauer, Motivation und Komplimente braucht man aber nicht zu verzichten. In den Vorgärten wird gefeiert, gelärmt und gelacht. Zurück beim Oranje-Löwen ist der Geräuschpegel unverändert und noch im Stadtpark (km 14) sind die Trommeln und das Gekreische zu hören. Nur kurz ist unser Ausflug ins Grüne und Blühende, dann steuern wir den Knuedler an, den zentralen Platz vor dem Rathaus. Ein großes Reiterstandbild erinnert an den König und Großherzog Wilhelm II (Guillaume II), der dem Land 1848 die erste parlamentarische Verfassung gab. Nach ihm ist auch der Platz benannt, denn eigentlich heißt er Place Guillaume. Hier ist die Streckenteilung und noch einmal eine riesen Stimmung und eine phantastische Kulisse. Die „Halben“ machen sich auf den Rückweg zur Messe, die Marathonis erkunden den nächsten Stadtteil,  Belair.

 

 

Ohne Mühe geht das auch hier nicht ab. Es gibt immer wieder Steigungen, nicht sehr lange und auch nicht steil, aber sie sind da, drosseln das Tempo und treiben den Puls nach oben. Gehen kommt nicht in Frage. Es ist noch zu hell und es gibt zu viele Zeugen. Alle paar Kilometer kommt eine Getränke- oder Verpflegungsstelle. Ich weiß nicht, was es alles gibt, die Tischreihen sind ewig lang und voll bepackt. Ich halte mich an Wasser, Iso und Bananen, später ist Cola mein Favorit.

Bei km 20 sind wir wieder im Park, die Stadt ist weit genug entfernt, das Vogelgezwitscher übertönt den Marathon-Lärm. Einen Kilometer weiter sind wir auf der Av. Marie Therese. Die entgegenkommenden Läufer haben ca. 7 km Vorsprung. Trommler, Zuschauer und die einsetzende Dämmerung schaffen eine einmalige Atmosphäre. Es ist schön, am Abend zu laufen. Obwohl es die nächsten Kilometer in sich haben. Eine lang gezogene Steigung bei km 24 und ein elender Buckel bei km 26 sind mir in „guter“ Erinnerung.

Mir fallen schon länger viele Menschen mit afrikanischer oder asiatischer Herkunft unter den Zuschauern auf. Tatsächlich hat Luxemburg bei 460.000 Einwohnern einen Ausländeranteil von 40 %, in der Hauptstadt sind es sogar 60 %. Integrationsprobleme wie bei uns hat man allerdings nicht. Hilfreich ist dabei ganz bestimmt, dass an Luxemburgs Schulen Französisch und Deutsch Pflichtfächer sind und Englisch als dritte Fremdsprache gelernt wird. Amtssprache (neben Französisch) ist „Lëtzebuergesch“, ein moselfränkischer Dialekt, das außerhalb des Landes aber bestimmt kein Mensch versteht.

Was mir noch auffällt? Viele Leute halten Sekt- (oder Champagner?)Gläser in der Hand. Ein kleines Indiz, dass es sich gut lebt im Großherzogtum. Ich glaube, nur im Vatikan und in Liechtenstein wird noch mehr verdient als hier. Das bringt 120.000 Berufspendler ins Land.

 

 

Über die Neue Brücke (Pont Adolphe, km 28) kommen wir von der Altstadt ins Bahnhofsviertel und laufen direkt auf das historische Sparkassengebäude zu. Eine kleine Schleife, dann es steil bergab ins Petruss-Tal. Dieser Streckenabschnitt ist neu und eine Bereicherung. Denn obwohl schon 1933 das Bachbett in eine Betonrinne verlegt wurde, ist es wunderschön hier. Besonders jetzt in der Dämmerung. Irgendwo gibt es noch Reste einer Schleuse, die man 1728 errichtete, um das Tal bei einem feindlichen Angriff fluten zu können. Bei km 30 sind wir unter der Pont Adolphe.  42 Meter ist sie hoch, 153 Meter lang. 1899 – 1903 wurde an der damals größten Steinbogenbrücke der Welt gebaut.

Ein kurzes Stück geht es steil aufwärts, dann wird es gemütlicher und schließlich sind wir wieder im Bahnhofsviertel. Eine  4 Kilometer Runde schließt sich an, dann sind wir wieder in der Altstadt, wo es zunächst ungewohnt ruhig ist - und die Zuschauer bei km 34 sind auch nicht wegen uns gekommen. Sie schauen den leidenschaftlichen  Tango-Tänzern zu.

 

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Impressionen

 

 

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Aber danach ist in der Altstadt wieder alles für uns gerichtet: Musik, Jubel und Applaus. Das große Finale. Der Löwe schläft nicht heute Nacht - und Luxemburg auch nicht. Und die Läufer sowieso nicht. Obwohl, bei meiner Zeit wird mancher denken: Hat er’s doch getan? Mit Fotografieren verliere schon eine Weile keine Sekunde mehr. Die kleinen Dinger sind ja gut und recht. Aber mit Blitz etwas sich Bewegendes ordentlich ablichten, das können sie nicht. Aber auch ohne Fotopause komme ich nicht schneller vorwärts. Jetzt kommt nämlich der lange Weg zurück zur Messe, immer leicht ansteigend. „Ich wollt, es wäre Nacht …“ fällt mir ein. Es ist Nacht und ich bin von allen guten Läufern verlassen. Ein paar Geher sind um mich rum und ein paar Staffelläufer.

Da kommt Karlheinz wie gerufen. Unser Hero 2009 ist auf Einladung der Veranstalter in Luxemburg. Sonst treibt er sich ja lieber auf noch längeren Strecken und in der Landschaft rum. Und das als Dialysepatient. Er erzählt mir seine neuesten Vorhaben. Ich kann nur den Kopf schütteln. Seine Ärzte auch. Sowas steht nicht in ihren Lehrbüchern.

Man lässt uns nicht alleine auf der langen Straße. Es gibt zu essen und zu trinken, ein paar Trommler halten wohl bis zum bitteren Ende durch und irgendwann ist jeder Marathon einmal zu Ende. Teufelslappen, letzter Kilometer. Es geht abwärts zur Messehalle. Die Staffelläufer geben Gas. Lieber lasse ich mich hier überholen, als in der Halle über den Haufen rennen. Ein paar Zuschauer stehen vor dem Eingang, dann geht’s in die dunkle Höhle.

 

 

Bunter Lichter zucken in der rauchgeschwängerten Halle. In einem schmalen Korridor geht es um zwei Kurven, überall stehen noch Zuschauer, Applaus, Musik, der Gruß des Sprechers, der Zielbogen und vorbei ist es. Nie hätte ich geglaubt, dass man in eine kalte, sterile Messehalle eine solche Atmosphäre zaubern kann. Super gemacht, Leute. Nur ein Zieleinlauf in der Stadt wäre noch schöner.

Sofort wird mir ein Getränk gereicht, dann gibt es die Medaille und schließlich den Versorgungsbereich, bestückt von Cactus, einer einheimische Einzelhandelskette.

Ich bin begeistert. Das Land ist klein, der Marathon ist es nicht.

 

Auf Wiedersehen beim
ING Night Marathon Luxemburg am 15.05.2021

 

 

Bilder aus 2018

(Klaus Sobirey)

 

 

 

 

Informationen: ING Night Marathon Luxemburg
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