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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (11)

 
Autor: Klaus Duwe

„Deutschlands größter Frühjahrsmarathon wird zum ersten Mal nicht im Frühling stattfinden. Die auf Grund der Coronavirus-Pandemie ausgesetzte 35. Ausgabe des Haspa Marathon Hamburg wird auf Sonntag, 13. September 2020 verschoben. Ursprünglicher Termin war der 19. April.“

So heißt es in einer Pressemitteilung des Veranstalters.  Man muss in Zeiten wie diesen mehr denn je optimistisch sein.  Unsere Rückblick-Serie „So war es und so wird so wieder“ erscheint dennoch zum traditionellen Frühjahrstermin.

Übrigens, bei den Teilnehmerzahlen handelt es sich keineswegs um einen Schreibfehler. Sie waren 2002 und 2005 sogar noch höher.

 

 

2007: Hamburg gehört den Marathonis

 

Nicht der Marathon-Sonntag alleine, das ganze Wochenende ist für alle Beteiligten ein einmaliges Erlebnis. Gleich nach der Eröffnung am Freitagnachmittag ist die Messe gut besucht, sodass sich der Ansturm auf die Startunterlagen und die Schnäppchen schön verteilt und über alle Tage eine entspannte und stressfreie Atmosphäre spürbar ist.

In Hamburg wird ja von drei verschiedenen Plätzen aus gestartet. Die Elite und andere Schnelle starten in der Karolinenstraße, Bei den Kirchhöfen und auf dem Groch-Fock-Wall beginnt etwas zeitversetzt in verschiedenen Blocks für die Breitensportler und Hobbyläufer der Hamburg-Marathon. Egal wo du stehst, die Stimmung ist super. Zuschauer und Läufer werden mit letzten Informationen versorgt.

29.195 Aktive sind gemeldet, davon wollen 23.027 den Marathon laufen. Die letzten Sekunden zählen wir gemeinsam rückwärts, dann fällt um 9.05 Uhr der Startschuss und los geht’s. Tausende Zuschauer bejubeln die Marathonis – unglaublich, wo doch noch von anderen Plätzen gestartet wird. Auf der Reeperbahn haben dann alle einen gemeinsamen Weg.

Das Vergnügungsviertel präsentiert sich im Sonntagskleid und ohne Baustellen. Die Straße mit den vielen Bars, Striplokalen, Kinos und Spielhöllen ist so belebt, wie auch in besten Geschäftszeiten nicht. Die Menschen feiern, als seien die Kicker von  St. Paul von der Regional- gleich in die Bundesliga aufgestiegen. St. Pauli ist nicht jugendfrei, die Polizei hat darauf bestanden, dass die Ordnungskräfte mindestens 18 Jahre alt sind.

In der Holländischen Reihe stehen kaum Zuschauer, die Straße ist so eng, sie wird von den Läuferinnen und Läufern gebraucht. Die Leute feiern an den Fenstern und auf den Balkons mit. Als ich bei Kilometer 5 in der Bernadottestraße das Gedränge an der ersten Getränkestelle hinter mir habe, muss ich den Kopf schütteln. Es ist unglaublich, was sich auf diesem Streckenabschnitt bisher abgespielt hat. Ich bin zum vierten Mal in Hamburg, keinen Marathon bin ich bisher öfters gelaufen – und das hat seine Gründe. Aber heute wird alles übertroffen.

Die Elbchaussee, eine der besten Adressen Hamburgs: herrschaftliche Villen, parkähnliche Gartenanlagen, Blick auf die Elbe. Ich wusste nicht, dass hier so viele Menschen wohnen. Und heute feiern alle mit. An der Verpflegungsstelle gibt es Bananen – das ist gut, denn wenn erst einmal der Magen knurrt, ist es zu spät. Gegenüber im Landhaus Scherrer stehen geschmorte Kalbsbäckchen auf Kohlrabi mit Kichererbsenpüree auf der Karte. Der Nobelschuppen hat allerdings sonntags geschlossen.

Gleich stehen die Menschen noch dichter, wie soll das bloß am Fischmarkt werden? Als wir das abschüssige Stück hinunter zur Elbe laufen, ist es so, wie wenn man in ein voll besetztes Stadion läuft. Rechts und links der Straße stehen die Menschen dicht gedrängt, auf Brücken und Wegen ist kein Platz mehr frei. „Wer hier ohne Gänsehaut durchkommt, ist ein ganz abgebrühter Hund“, stellt ein Hamburger fest, der seine Stadt so auch noch nicht erlebt hat. Die Stimmung ist unbeschreiblich. Einerseits wachsen einem Flügel, andererseits möchte man verweilen und genießen.

Rechts sehen wir die Speicherstadt. 1888 wurde dieser größte, zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt eröffnet. Zwar werden dort auch heute noch Kaffee, Tee, Kakao, Computer und Orientteppiche gelagert, aber viele Baugerüste und Kräne künden von Aufbruch und Veränderung. Die HafenCity entwickelt sich zum größten innerstädtischen Bauprojekt Europas.

 

Bilder von der Strecke (2007)

 

Wir laufen auf den Hauptbahnhof (km 15) zu und tauchen ab in den dunklen, kühlen Tunnel. Draußen werden wir wieder von einer jubelnden Menschenmenge empfangen. Hunderte Kinderhände strecken sich den Läufern entgegen und wollen abgeklatscht werden.

Die Party geht an der Alster weiter, zuerst Ballindamm mit Blick auf den Rathausturm, dann Jungfernstieg. Mit Alster meint der Hamburger nicht den 53 km langen Elbezufluss, sondern den Alstersee. 1190 staute man die Alster, um eine Kornmühle zu betreiben. Für eine zweite Mühle wurde 1235 ein weiterer Damm errichtet. Durch eine falsche Berechnung wurde die Alster überschwemmt und der See entstand. Der Jungfernstieg ist nach der Umgestaltung mehr denn je Mittelpunkt und Treffpunkt für Jung und Alt, Einheimische und Gäste. Heute gehört er den Marathonis und ihren Fans, wie der Rest der Stadt um die 42 km lange Laufstrecke.

Ich bin ungefähr 18 Kilometer gelaufen, zur Esplanade, die bei km 40 erreicht wird, ist es nur ein Steinwurf. Dort fiebern die Zuschauer einem packenden Marathonfinale entgegen. Derweil trabe ich über die Kennedybrücke, die Außen- von Binnenalster trennt. Mit wenigen Ausnahmen sind Bäume und Sträucher bereits verblüht. Auf dem Wasser tummeln sich zahllose Segelboote. Traumwetter nennt man das, wenn die Sonne strahlt und die Temperaturen dabei erträglich sind. Über den Wind freuen sich allerdings die Segler alleine.

Ich habe fest mit ihnen gerechnet und werde nicht enttäuscht: Vor dem Haus 14 a sitzen wieder die drei Damen am schön gedeckten und mit Blumen geschmückten Frühstückstisch. Kaffee und Champagner lehne ich ab, aber zu einem Kirschkuchen mit Streusel lasse ich mich nur zu gerne überreden. Dem Beispiel der Damen folgen viele Anwohner und sind mir ihren Garten- und Balkonmöbeln an die Straße und auf die Grünflächen umgezogen. Normalerweise geht es hier etwas ruhiger zu und man kommt zum Durchatmen. Heute gönnen die Hamburger den Marathonis keine Pause.

„Vorwärts“, „super“, „das schafft ihr“, klingt es aus tausend Kehlen. Die Hymne des Tages aber ist: „Wir woll’n euch laufen seh’n“.

Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass es in Hamburg keine vom Veranstalter organisierten Streckenfeste gibt. Außer drei NDR-Stationen sind alles spontane und private Aktionen der Anwohner. Dabei nutzen einige Vereine das große Fanaufkommen und bessern mit dem Verkauf von Getränken und Gegrilltem die Vereinskasse auf. Auch mancher Gastwirt hat den Zapfhahn nach draußen verlegt. Man hat allerdings schon den Eindruck, es sei von irgendeiner Stelle ein Wettbewerb ausgeschrieben, welcher Stadtteil die meisten Leute auf die Straße bringt.

 

Impressionen (2018)

 

Würde es nicht alle 5 Kilometer laut piepen, weil eine Zeitmatte überlaufen wird, man würde nicht merken, wie die Zeit vergeht. Schmerzen in den Beinen, in den Waden oder Knien? Ja, jetzt, wo ich daran denke. Gleich sind sie vorbei. „Klaus, du siehst gut aus“, behaupten die Mädels und ich strahle sie an. Fuhlsbüttler Straße, Überseering und Maienweg , immer das gleich Bild. Manchmal bleibt den Läuferinnen und Läufern nur eine schmale Gasse, durch die man fürchtet, nicht durchzukommen.

Als es auf die Alsterkrugchaussee geht, gibt es noch einmal einen stürmischen Empfang, dann scheint es ruhiger zu werden. Aber es scheint nur so. Dudelsack-Klänge wecken Erinnerungen an den Jungfrau-Marathon, dem Laufevent in den Bergen. In Eppendorf  (km 36)beginnt praktisch die Zielgerade. Vorbei am Klosterstern geht es auf die Rothenbaumchaussee. In der Menschenkette am Straßenrand sind kaum Lücken zu erkennen.

Bei km 40 sind wir am über 100 Jahre alten Bahnhof Dammtor und an der letzten Verpflegungsstelle. Dass die hübschen Mädels von Red Bull bereits hier und nicht erst im Ziel ihren Zaubertrank ausschenken, ist eine gute Idee. Denn jetzt geht es auf den Gorch-Fock-Wall zu dem Streckenabschnitt, den kein Hamburg-Finisher vergisst. Die Straße steigt nämlich deutlich spürbar an. Viele Marathonis gehen, alle Aufmunterungen und Anfeuerungen helfen nicht. Es ist eng, im Zick-Zack überhole ich einen nach dem anderen. Dann wird die Straße breiter, wir kommen zum Startplatz und laufen beim Sievekingsplatz rechts in die Karolinenstraße und an der Gnadenkirche vorbei.

Unglaubliche laut ist es hier, die Menschen jubeln an der Straße und auf den auch noch nach 4 ½ Stunden voll besetzten Tribünen. Die modernen Glasfasaden der neuen Messehallen, die historischen Backsteinbauten und der Fernsehturm im Hintergrund sind Hamburgs neue Marathon-Arena. Der Zieleinlauf ist grandios und einmalig. Ich sehe nur glückliche Menschen. Danke Hamburg, du bist spitze!

Ich hoffe, wir sehen uns in Hamburg am 13. September 2020

 

 

Informationen: Haspa Marathon Hamburg
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