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Laufberichte

„Was ist das denn für ein Tag?“

02.05.10
Autor: Klaus Duwe

Noch einmal machen wir einen Schlenker nach Norden. Ich möchte mal wissen, wie viele Schrebergärten es in Hannover gibt. Im Orthfelde (km 30) ist wieder eine solche Siedlung und wieder wird kräftig gefeiert. Dass die Musik gerade Pause macht, trübt die gute Stimmung überhaupt nicht.

So richtig spannend wird es bei km 31 in der Nordstadt, als von rechts die Halbmarathonläufer auf unsere Strecke stoßen. Plötzlich ist auf und an der Strecke so richtig der Teufel los. Der Start der Halben war um 11.15 Uhr, 13,5 km sind es für sie bis hier hin. Wir haben es jetzt also mit den Läufern zu tun, die den Halbmarathon so um die 1:45 Stunden laufen, also wesentlich schneller sind, als wir. Trotzdem gibt es keine Probleme. Als die Marathonis nach einem Umweg in die Herrenhäuser Gärten erneut mit den Halben zusammen kommen, haben beide Laufgruppen dann in etwa das gleiche Tempo drauf. Deshalb empfinde ich das Timing wirklich genial.

Wir sind in der Kopernikusstraße und sehen links einen merkwürdigen Rundturm. Zur alten Stadtbefestigung gehört der aber ganz offensichtlich nicht. Es ist ein Bunkerturm aus dem Zweiten Weltkrieg. Man kann noch gut die Einschläge von Geschossen und Splittern erkennen.

Nach belebten Straßen mit vielen Zuschauern und Musik  kommen wir in die Nienburger Straße, wo es etwas ruhiger ist und dann zum Welfenschloss, erbaut nach Plänen des Architekten Tramm, der schon am Bau der Oper beteiligt war. Kaum war das Schloss fertig, kam es 1866 zur Entthronung der Welfen durch Preußen und der Prachtbau stand zehn Jahre leer, bis nach einem Umbau die Universität einzog, die noch heute Nutzer ist. Vor dem Schloss steht das Niedersachsenross, eine Bronzestatue, die zum Landeswappen erkoren wurde.

Ich bin von Schloss und Ross  so beeindruckt, dass ich hier etliche Minuten liegen lasse und die Chance verplempere, meine Jahresbestzeit wesentlich zu verbessern. Gut, dass mir ein paar schöne Bilder lieber sind, als Minuten und Sekunden.

Kurz nach dem Schloss laufen die Marathonis rechts in den Georgengarten (km 35), die Halben laufen links und haben noch ungefähr 3,5 km. Auf einen Schlag bin ich in einer anderen Welt. In einer Allee leuchtend grüner Bäume, nur manchmal unterbrochen von blühenden Kirsch-, Flieder- und Mandelbäumen,  ist plötzlich niemand mehr um mich herum. Nur ganz vorne sehe ich eine Gruppe Läufer. Zuschauer verlaufen sich hierher keine, sie jubeln in der parallel verlaufenden Nienburger Straße den Halben zu. Durch die Bäume sieht man die Läuferschlange und man hört das Klatschen und Trommeln.

Der Georgengarten gehört, wie übrigens auch der Welfengarten mit dem Schloss, zu den Herrenhäuser Gärten. Ihr Ursprung geht bis in das Jahr 1638 zurück. Im Großen Garten, einem der bedeutendsten Barockgärten in Europa, findet jährlich ein Feuerwerkswettbewerb statt, an dem sich die weltweit besten Pyrotechniker beteiligen.

Vereinzelt kann ich eine Läuferin oder einen Läufer überholen und aufmuntern. Linda gehört dazu, ihr bin ich schon oft begegnet. An ihren Shorts ist sie leicht als Britin zu erkennen. Sie gehört zum englischen 100-Marathon-Club. Am äußersten Ende des Parks sehen wir das Georgenpallais mit dem Wilhelm-Busch-Museum. Der Dichter und Comic-Pionier wurde 1832 in der Nähe von Hannover geboren und studierte hier Maschinenbau. Er war kein Läufer. Trotzdem hat er Dinge gesagt, die ganz gut zu uns passen:

 „Ausdauer wird früher oder später belohnt - meistens aber später.“

„Laß ihn im Galoppe tollen,
reite ruhig deinen Trab!
Ein zu ungestümes Wollen
wirft von selbst den Reiter ab.“

„Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“

Ab km 39 ist unsere Strecke wieder mit der der Halben gleich, wir haben jetzt auch den gleichen Schritt. Sofort ist es lauter, sowohl auf als auch an der Strecke.

Es ist lange her, dass die Pop-Art-Plastiken von Niki de Saint Phalle, die Nanas, Aufsehen erregten. Fast ohne Ausnahme achtlos laufen die Marathonis an den voluminösen weiblichen Körpern mit den Riesenbrüsten vorbei. 1974, als sie hier am Leibnizufer aufgestellt wurden, war das anders. Es gab wahre Proteststürme.

Mit Protest hat auch das nächste Denkmal zu tun. Es steht unmittelbar beim niedersächsischen Landtag und erinnert an sieben Göttinger Professoren (unter ihnen Wilhelm und Jacob Grimm), die sich gegen die Aufhebung der Verfassung durch Ernst August I. wehrten und deshalb entlassen und manche sogar des Landes verwiesen wurden.

Beim Anblick des Alten Rathauses glaubt man, in Hamburg, Lübeck oder Bremen zu sein. Tatsächlich handelt es sich um das südlichste Gebäude, das in sogenannter Norddeutscher Backsteingotik erbaut ist. 1863 zog das Stadtparlament um ins Wangenheimpalais und 1913 ins Neue Rathaus.

Dorthin laufen wir nun auf direktem Weg. Wer länger als 4.30 Stunden unterwegs ist, kriegt es jetzt noch mit den 10ern zu tun, die um 13.00 Uhr gestartet sind. An den Straßen stehen tausende Zuschauer. Fast ungläubig schaue ich auf die Menschenmenge. „Was ist das denn für ein Tag?“ Mir fallen die Worte des Sprechers von gestern ein, als klar war, dass die 96er haushoch gewinnen. Und der Spruch von Wilhelm Busch fällt mir ein. Der, dass Ausdauer meistens später belohnt wird. Ich lasse mich belohnen, beklatschen, bejubeln. Der Zieleinlauf ist nur mit den ganz großen Citymarathons in Deutschland zu vergleichen. Die Stimmung ist phantastisch und die Kulisse mit dem Neuen Rathaus und den vielen Zuschauern einmalig.

„Was ist das denn für ein Tag?“ fragen sich auch die Verantwortlichen. Sehnlichster Wunsch war, einer der eingekauften Eliteläufer möge unter 2:10 laufen. Gleich vier tun ihnen dann den Gefallen. Dass der Sieger Yussuf Sangoka mit 2:08:52 Stunden dann auch noch 30 Sekunden schneller ist als der Sieger eine Woche zuvor in Hamburg, tut zusätzlich gut.

Marathon-Impressionen

Marathonsieger

Männer

1 Songoka, Yussuf (KEN)    02:08:52
2 Ramadhani, Samson (TAN)   02:09:45
3 Kutto, Edwin (KEN)   MHK 02:09:50

Frauen

1 Stetsenko, Kateryna (UKR)    02:31:36
2 Otero, Gladys (KEN)    02:32:47
3 Kwambai, Irene (KEN)    02:34:14

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Informationen: HAJ Marathon Hannover
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