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Laufberichte

Great Wall Marathon

05.09.09

Wieder nähere ich mich einem der vielen Wachtürme, durch die wir durchlaufen müssen. Wachtürme durchlaufen heißt  in der Regel Treppe hoch oder runter, verbunden mit abrupter  Richtungsänderung. Dieser hier hat aber noch eine Besonderheit für uns parat.  Eine sehr steile Treppe führt uns ein Stockwerk nach unten. Die Treppe ist so schmal und verwinkelt, dass immer nur eine Läuferin oder Läufer sie passieren kann. Allerdings ist diese, ebenso wie alle anderen Gefahrenstellen, durch ein auffälliges Schild gekennzeichnet. Meistens steht außerdem immer eine Helferin oder ein Helfer bereit  und passt auf, dass auch alles gut geht. Vor allen Dingen auf der letzten Runde ist das ziemlich hilfreich.

Einige hundert Meter weiter wartet auch schon das nächste Hindernis auf uns.  Hierbei handelt es sich um einen der zahlreichen Mauerausgänge. In der Mitte der Mauer geht eine Treppe steil nach unten,  wo man die Mauer durch einen seitlichen Ausgang verlassen kann. Dann geht es ebenso steil wieder hoch. Oben, an den seitlichen Mauerrändern, bleibt ein schmaler  Streifen, der allerdings nicht abgesichert ist. Je nach Mauerausgang kann die Höhe von den seitlichen Streifen bis nach unten zum Ausgang mehrere Meter betragen.

In der Vorbesprechung auf den Lauf wurden diese Gefahrenstellen mehrfach angesprochen und es wurde uns mitgeteilt, dass die offizielle Laufstrecke über die Treppe runter und wieder rauf geht.  Als ich mich einer dieser Stellen nähere, bin ich mental noch ganz auf treppab und wieder hoch eingestellt, als ich dann allerdings sehe, wie steil und tief die Treppe nach unten geht,  disponiere ich spontan auf langsames Gehen und Kräfte sparen um.

Mittlerweile kommen schon die ersten Läufer der Spitzengruppe entgegen.  Also kann es bis zum Kontrollpunkt 1 nicht mehr allzu weit sein. Allerdings wird die Laufstrecke immer anspruchsvoller. Mehrere Mauerausgänge mit ihren schmalen Rändern müssen überwunden werden. Bei einigen davon muss man sogar treppab und wieder hoch, weil es keine Abkürzung gibt. Die Steigungen werden wieder heftiger, die Wachtürme liegen z.T. auf  recht hohen Bergen und entsprechend steil sind auch die Treppen.  Manchmal  schaltet man sogar auf Allrad um, soll heißen, die Hände werden mit zur Fortbewegung genutzt.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass der Zustand der Mauer teilweise sehr schlecht ist. Einige Streckenabschnitte ohne Treppenstufen sind so verwittert, dass der Lauf  einem Ruinenlauf gleicht. Bei manchen Mauerausgängen kann man die Abkürzungen über die schmalen zerbröselten seitlichen Streifen nur noch als abenteuerlich bezeichnen.

Und dann, eine letzte steile, total zerfallene Treppe, gefolgt von einem ziemlich hoch gelegenen ebenfalls zerfallenden Wachturm und unvermittelt steht man vor der Kontrollstelle Nr. 1. Einige freundlich lächelnde Chinesinnen und Chinesen sitzen bzw. stehen an einem Tisch und versorgen die Läufer mit verschiedenen Obstsorten und  Getränken. Erst jetzt fällt mir auf, in was für einer grandiosen Gegend  wir hier eigentlich laufen.  Unglaublich zerklüftet und bis zum Horizont reicht die grüne Landschaft, über deren Höhen sich die Chinesische Mauer schlängelt, die völlig zu Recht als Weltwunder gilt. Schade, dass man während des Laufes nicht die Möglichkeit hat, diesen Ausblick zu genießen. Ein einziger unachtsamer Moment könnte einen Sturz nach sich ziehen.

Nach ca. 16 Minuten bin ich wieder bei der zentralen Versorgungsstelle angekommen. Eine Banane, ein Becher Wasser und auf geht' s zum Kontrollpunkt Nr. 2, der sich in nur 650 m Entfernung befindet, allerdings an der tiefsten Stelle der Laufstrecke.  Also geht es relativ steil bergab. Hinter einem Wachturm geht es sogar eine kleine Eisenleiter hinunter, aber auch hier kündigen Warnschilder den Gefahrenbereich an.

An der Kontrollstelle Nr. 2 haben Marlies und  Laura aus unserer Gruppe mit einigen chinesischen Helfern alles bestens im Griff. Der Rückweg von gerade mal 4 Minuten ist allerdings recht heftig, weil es ja fast nur bergauf geht. Einmal auftanken, eine Banane und auf geht es zum nächsten Ziel, der in ca. 1,3 km entfernt liegenden  Kontrollstelle Nr. 3.

Zunächst geht es erst mal angenehm steil bergab. Ich passiere den späteren Zielbereich, den Startbereich und dann ist Schluss mit lustig.  Auf einer sehr steilen Strecke geht es auf  ungezählten Stufen steil in die Höhe.  An den höchsten Wachtürmen sind auf den letzten Metern die Treppenstufen so extrem steil, dass ich das erste Mal auf  Allrad umsteige.  Runter gehören solche Passagen mit zu den schwierigsten Stellen.

Auch hier verwandelt sich die Laufstrecke so nach und nach wieder in einen Ruinenlauf,  obwohl einige Stellen schon restauriert worden sind. Die Kontrollstelle Nr. 3 kann man jetzt sogar schon an den blauen Sonnenschirmen in der Ferne erkennen.  Allerdings sorgen zerbröselte Treppenstufen und extrem steiles Gelände dafür,  dass aus ziemlich nah ziemlich weit wird.  An der Kontrollstelle werden wir von Martina und Karlheinz nebst einigen chinesischen Helfern mit allem Notwendigen versorgt.

Auf dem Rückweg habe ich ziemliche Probleme mit den extrem steilen Treppenabstiegen.  Aber wenn man diese Stellen langsam nimmt, geht es. An der zentralen Versorgungsstelle herrscht mittlerweile Hochbetrieb. Da das Läuferfeld sich schon auf der ganzen Strecke verteilt hat, die einzelnen Disziplinen aber alle  noch im Wettkampf sind, ist hier ein einziges Kommen und Gehen. Schnell was trinken, eine Banane für unterwegs und ab geht' s in die zweite Runde.
Diesmal habe ich meinen Fotoapparat aus der Lauftasche geholt und mache nebenbei viele Bilder. Neben uns Läufern sind auch einige Touristen unterwegs,  allerdings gibt es dadurch keine Behinderungen. Immer wenn man jemanden aus der Gruppe trifft, motiviert man  sich gegenseitig etwas.

Die Laufbedingungen sind wettermäßig entgegen der Vorhersage ideal.  Ca. 24° und eine geschlossene niedrige Wolkendecke. Das bedeutet zwar diesige Sicht und nicht ganz so schöne Fernsicht, aber so ist es allemal besser zu laufen, als bei 28° und brütender Sonne.

Mittlerweile befinde ich mich in der letzten Runde.  An den steilsten Stellen bin ich jetzt immer auf allen Vieren unterwegs. Hier stehen übrigens auch die Chinesischen Händler, die Getränke, Souvenirs etc. verkaufen wollen.  Dazu sprechen sie jeden Touristen an, auch uns Läufer. Als ich mich mal wieder zu einem der höchsten Türme hoch schleppe, läuft die ganze Zeit eine Frau neben mir her und will mir irgendwelche Bücher verkaufen. Ich schleppe mich mit letzter Kraft gerade so die Treppen hoch - und die geht laut ihre Ware anpreisend neben mir her.  So hab ich mir das Finale eigentlich nicht vorgestellt . . .

An den jeweiligen Kontrollstellen, wo ich jetzt zum letztmalig erscheine, sage ich „danke“ den freiwilligen Helferinnen und Helfer, seien es Einheimische oder  aus unserer Reisegruppe, sie haben einen tollen Job abgeliefert. Ohne sie wäre der Lauf gar nicht möglich.  

Die letzte Runde muss nun nicht mehr ganz gelaufen werden, denn das Ziel liegt  ca. 350 m vor der Zentralen Versorgungsstelle.  Allerdings muss man von dort noch mal ca. 500 m zurück bis zu einem Wendepunkt und dann kann man endgültig durchs Ziel laufen.  Dummerweise liegt dieser Wendepunkt an einer der höchsten Stellen und fordert einem noch einmal alles ab.

Am Wendepunkt steht eine nette Chinesin und sorgt dafür, dass keiner zu weit läuft.  Die letzten 500 m zurück geht es  zumeist bergab. Fast überall stehen Leute, die uns anfeuern. Die letzten Meter zum Ziel geht es dann noch mal trepphoch, allerdings wird jetzt gelaufen, denn für jeden wird ein Zielband bereit gehalten. So einen Zieleinlauf erlebt man als Durchschnittsläufer auch nicht alle Tage.

Im Ziel gibt’s jede Menge zu trinken, Obst usw. und  auf bereitgestellten Liegen kann man sich massieren lassen. Zwei Ärzte sind ebenfalls vor Ort. Nachdem ich mich umgezogen habe (Duschen gibt es auf der Mauer natürlich keine), hole ich mir mein Essenspaket,  das man am Vortag im Hotel bestellen konnte.
Jetzt hat man auch Zeit, die großartigen Ausblicke, die man von der Mauer hat, zu genießen.  Nach etwas mehr als 6 Stunden  kommt auch der Letzte von uns wohlbehalten im Ziel an, wobei die Zeit und die Platzierung für die meisten von uns absolut keine Rolle spielen. Das Erlebnis des Mauerlaufes steht eindeutig im Vordergrund.

Die Siegerehrung findet im Zielbereich auf der Chinesischen Mauer statt. Für jeden gibt es eine Urkunde und einen Pokal überreicht von Wichart Hölscher, seiner  Frau Renate und Hans, dem deutschprachigen  Reiseführer.  Abends im Hotel gibt es noch ein reichhaltiges Festessen und eine Tombola. Anschließend sitzen  alle noch ziemlich lange zusammen, um den recht erlebnisreichen Tag Revue passieren zu lassen.

Irgendwann, wenn ich einmal  meine Marathonlaufschuhe an den Nagel hänge, werde ich mich fragen, welcher Lauf in meinen Leben wohl der eindruckvollste war. Ich denke, der Lauf auf der Chinesischen Mauer wird ganz oben auf der Liste stehen.

 

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