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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (4)

 
Autor: Klaus Duwe

Die große Herausforderung in den Vogesen (Grand Defí des Vosges) findet in diesem Jahr wegen Corona nicht statt. Ich möchte Euch teilhaben lassen an meinen Erinnerungen an meine erste Teilnahme an dieser Veranstaltung im Elsässischen Niederbronn. Es war 2007 und man beachte die Anmerkungen zu Trailrunning. Für mich waren damals Trails noch schmale Pfade.

Das Streckenangebot wurde im Laufe der Jahre immer vielfältiger und extremer, damals waren 51 km und 1200 HM die „Königsdisziplin“.

 

„Difficile“ (2007)

 

Man weiß es: andere Länder, andere Sitten. Trotzdem ist man hin und wieder überrascht, wenn man landesspezifische Eigenheiten entdeckt, besonders wenn es sich um den Nachbarn handelt.

In Deutschland haben Citymarathons den mit Abstand größten Zuspruch. Die anspruchsvolleren Landschaftsläufe werden eher als Geheimtipp gehandelt und von denen bevorzugt, die den Rummel nicht so mögen. Bei unserem Nachbarn im Westen, den Franzosen, ist das umgekehrt. Allerdings kann man deren bevorzugte Laufkategorie schon nicht mehr als Landschaftslauf bezeichnen. So ein „Trail“ geht schon entschieden weiter. Man kann auch sagen: Dort, wo der Rennsteig aufhört, fängt das Trailrunning an. Mehr als 400 solcher „extremer Landschaftsläufe“, viele davon mit Marathon- und Ultradistanzen, gibt es in Frankreich.

So betrachtet ist es kein Zufall, dass 2000 Startplätze für den mörderischen Ultra-Trail du Mont Blanc (163 km, 9000 HM) innerhalb von 12 Stunden vergeben waren. Wenig später waren auch die 1500 Plätze für die „Kurzdistanz“ (86 km, 4500 HM) weg. Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist genau wie der Grand Raid auf Reunion der Traum und die Krönung für den Franzosen.

Weil man seine Karriere als Trailrunner aber nicht damit beginnt, hier einmal als Vorgeschmack der Bericht vom Trail du Grand défi des Vosges (51 km, 1200 HM) in Niederbronn les Bains.

Am Sonntag heißt es früh aufstehen, denn der Start ist bereits um 7.30 Uhr. Da in diesem Jahr das Frühjahr im Januar und der Sommer im April beginnt, ist das auch witterungsbedingt ganz praktisch. Bereits in der Ausschreibung findet sich der Hinweis, dass es auf der gesamten Strecke nur 3 Verpflegungsstellen gibt, die Verpflegung ist also weitgehend Sache der Teilnehmer. Entsprechend ist die Ausrüstung der eintreffenden Akteure: fast alle haben einen Trinkrucksack oder zumindest Trinkgürtel dabei, manche auch Stöcke, Trailschuhe scheinen ebenso obligatorisch.

Vor dem Start sind alle etwas mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (ca. 250 gehen eine Stunde später auf einen 24 km langen Rundkurs) auf der kleinen Tribüne der Sporthalle versammelt, um von Präsident Didier Ament noch einmal etwas über die Strecke und die Regeln zu erfahren. Er hält seine Ansprache auf Französisch, die ungefähr 20 Deutschen lassen sich das Wichtigste von einem Einheimischen erklären.

Dann versammelt man sich vor der Halle und folgt einem Polizeiauto mit Blaulicht etwa 10 Minuten durch den Ort bis zum offiziellen Startplatz am Waldrand. Wenn der letzte Läufer eingetroffen ist, wird gestartet und es geht gleich richtig zur Sache.

 

 

 

 

Wie „schnell“ ist man auf schmalen Pfaden?

 

Ein schmaler Weg führt uns durch einen herrlichen Buchenwald, der jetzt mit seinen leuchtend grünen, jungen Blättern ganz besonders schön ist. Im Nu hat sich das Feld sortiert und in die Länge gezogen. Auf 432 Meter Höhe auf einem Ausläufer des Reisberges erreichen wir die Wasenburg. Eine Hinweistafel erinnert daran, dass Goethe 1770 die Burg besucht hat. Zur Zeit der Römer stand hier ein Merkur-Heiligtum.

Kilometerangaben sucht man hier vergebens. Ich habe keine Ahnung, welches Tempo ich auf diesem Terrain laufe. 5 oder 6 Kilometer mögen es bis zum Wasenköpfel sein, an dessen Fuß der Ort Oberbronn liegt, der für seine Spezialität Blutwurst mit Kastanien bekannt ist.  Es steil abwärts bis zu einer Lichtung mit einem frisch gepflügten Acker. Ich bin mir nicht sicher: war das der Bauer oder doch die Wildschweine?

Als ich eben von einem Läufer überholt werde, sehe ich, wie er eine Streckenmarkierung vom Baum abmacht. Erst denke ich, er nimmt es sich als Souvenir mit. Dann macht er aber auch die nächsten ab und ich will mich schon empören. Die Selbstverständlichkeit aber, mit der er vorgeht, macht mich nachdenklich. Kann es sein, dass ich der Letzte bin, und hinter mir bereits die Strecke „abgeräumt“ wird?

Ich bin noch nie Letzter geworden und werde es auch heute nicht, da bin ich mir sicher. Trotzdem mache ich auf dem Partisanenweg, einem breiten, sandigen Weg mit nur mäßigem Gefälle Dampf und genieße zumindest einmal für ein kurzes Stück einen lockeren Lauf.  Dann geht es in Serpentinen über Steine und Wurzeln steil nach unten bis wir ins kühle, weil jetzt noch schattige Zinseltal kommen. Weiter südlich gibt es noch einmal ein Flüsschen mit diesem Namen, deshalb nennt man das hier Zinsel du Nord.

Wir folgen den Flüsschen eine ganze Weile, immer leicht abwärts, teils durch tiefes Laub, teils auf steinigen Pfaden. Schließlich erreichen wir (ich bin jetzt über 2 Stunden unterwegs) den Eselsplatz, wo die Verpflegungsstelle eingerichtet ist.

Danach trennt sich unser Weg, wir nehmen den schmalen Pfad, der wieder steil nach unten führt und uns auf einen sehr aussichtsreichen, bequemen Panoramaweg führt. Hier wachsen vornehmlich Kiefern und Fichten, nur vereinzelt heben sich ein paar Buchen mit ihren hellgrünen Blättern ab, dazwischen stehen auch ein paar Eichen und Lärchen. Von weitem sieht man die Burgruine Lichtenberg aus dem 13. Jahrhundert, die einmal eine der wichtigsten Wehranlagen in den Nordvogesen war und noch im deutsch-französischen Krieg eine wichtige Rolle spielte.

 

 

Auf der Überholspur

 

Nach annähernd 3 Stunden Marsch und Lauf  hole ich jetzt den einen oder anderen Kollegen ein, Letzter bin ich ohnehin schon lange nicht mehr. Die Wege wechseln ständig, allerdings sind auf dem Abschnitt durch den Hanauer Wald nach Bärenthal keine langen und extremen Steigungen. Dennoch braucht man für die anspruchsvollen Wege viel Kraft und volle Konzentration. Richtig zum Genießen sind die letzten Kilometer bis zu dem beliebten Ferienort. Der Weg geht an einem sumpfigen Bach entlang, rechts stehen einige der für die Nordvogesen typischen, bizarren Sandsteinformationen. Am Bärenthaler Weiher ist dann die zweite Verpflegungsstelle eingerichtet.

Etliche Läufer legen hier eine längere Pause ein oder beenden ihr Trailrunning für heute. Die Ausfallquote liegt am Ende bei 20 %. Ist es die Hitze? Tatsächlich werden annähernd 30 Grad erreicht. Die Angler am Weiher stört es wenig. Sie machen Jagd auf Hechte, die hier nicht nur zahlreich,   sondern auch noch von stattlicher Größe sind. Das Angeln ist im Elsass ein sehr beliebtes Sonntagsvergnügen und heute bei dem schönen Wetter ist die ganze Familie dabei und wartet mit der Pfanne auf die Beute.

 

 

32 Kilometer sind hier erreicht, mehr als 4 Stunden bin ich unterwegs, 3 werde ich wohl noch brauchen. Ich fülle meine Trinkflasche auf und mache mich auf den Weg. Die nächsten  Kilometer nach Philippsburg sind nicht besonders schwer. Wir überqueren die gut gesicherte Verkehrsstraße und haben jetzt den schwersten Streckenabschnitt vor uns. 6 Kilometer zieht sich der Weg bis zum Wintersberg hin. Dabei geht es keineswegs auf einem Rutsch nach oben, viele flache Passagen und breite Wegen gaukeln einem vor, die höchste Stelle erreicht zu haben. Dann kommt der nächste Anstieg auf schmalen, steinigen Pfaden …

 

Hitze im April

 

Die Hitze macht jetzt jedem sehr zu schaffen. An einem Bach sitzt ein müder Läufer. Ich frage, was ihm fehlt. „Difficile“, antwortet er nur. Und noch einmal „difficile“, dabei schüttelt er den Kopf. Meine Flasche ist bereits leer und ich fülle sie am Bach wieder auf. Ich kann jedem nur den Rat geben, bei solchen Läufen ausreichend zum Trinken mitzunehmen. Mehr als die 3 Verpflegungsstellen hier sind nämlich überall nicht üblich. Es wird auch klar, dass Kilometerangaben mehr irritieren als nützen können. Was willst du damit anfangen, wenn es heißt: noch 5 Kilometer. Geht es bergab, bist du in 30 Minuten da. Geht es wie hier steil nach oben, brauchst du mehr als eine Stunde. Von der Anstrengung gar nicht zu reden.

In engen Serpentinen und sehr steil geht es auf den letzten Stück aufwärts, dann wird der höchste Punkt der Strecke, der 581 Meter hohe Große Wintersberg und die dritte Verpflegungsstelle erreicht. Man empfiehlt mir (sehe ich noch so gut aus?), den 25 hohen Turm zu besteigen, was ich aber dankend ablehne. Tatsächlich bin ich nämlich ziemlich fertig mit der Welt. Dass es jetzt nur noch abwärts gehen soll, kann mich nicht trösten, denn auch das ist mir schmerzfrei nicht mehr möglich. Und immerhin sind noch 8 Kilometer zu laufen.

Trotzdem heißt es nicht „Augen zu und durch“ sondern „Augen auf und genießen“, denn auch dieser Streckenabschnitt ist mit seinen vielen Ausblicken einfach herrlich – aber nicht einfach zu laufen. Erst ganz am Schluss kommt ein kurzes Stück Teerstraße, und man kann bis zum Zieleinlauf auf dem roten Teppich den lockeren Ultraläufer geben.

 

AUF WIEDERSEHEN beim Grand Defi des Vosges am 10. und 11. April 2021

 

Informationen: Grand Défi des Vosges
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