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Laufberichte

Romantik auf die harte Tour

 

Ein bisschen Hölle auf dem Weg gen Himmel

 

Da zumindest bei mir der „Restart“ einfach nicht glücken will, schleiche ich durch die Straßen Schlierbachs von dannen. Der Asphalt mutiert schließlich zur Forststraße und dieser wiederum zum Pfad. Durch dichten Wald führt uns der Streckenkurs entlang der Hänge des Neckartals schnell wieder in einsame Höhen. Ein Weilchen noch begleiten uns die Ausblicke ins Tal, dann tauchen wir wieder ab in die Waldesstille und -einsamkeit. Einige Flach- und Gefällstücke bringen ein wenig Erholung und lassen auch bei mir den „Laufmotor“, wenn auch stockend, wieder anspringen.

Bei km 36 sind wir, zumindest luftlinienbetrachtet, dem Ziel im Schlossgarten schon verdammt nahe. Man sieht ihn nicht, aber wie aus dem „Off“ höre ich schon die Stimme des Zielmoderators und den Beifall für die Ankömmlinge empor schallen. Selbst das Schloss blitzt in der Ferne kurz durch das Blätterdach. Aber nichts da. Jetzt wartet der wohl härteste „Job“ des Rundkurses auf uns: Der Aufstieg  zum Heidelberger Hausberg, dem Königstuhl (567 m üNN), über die sogenannte Himmelsleiter.

Die Bezeichnung "Himmelsleiter" ist ein Euphemismus ohnegleichen. "Höllensteig" wäre aktuell wohl treffender. Über mehr als 1.200 Stufen aus unregelmäßig behauenen, oft verquer liegenden  Sandsteinen führt dieser Steig, 270 Höhenmeter überwindend, vom Heidelberger Schloss direttissma zur Gipfelregion des Königstuhls.

Seit 1844 gibt es die Himmelsleiter schon. Allzu viele Gipfelstürmer wird es heutzutage nicht mehr geben, die diesen Weg wählen, zumal man den Gipfel auch sehr viel bequemer mit der Bergbahn direkt von der Altstadt aus erreichen kann. Aber um einen erschöpften Marathoni final nochmals ordentlich zu quälen, ist dieser Steig ohne Zweifel bestens geeignet, auch wenn wir ihn nur partiell bewältigen müssen.

Schweigend und keuchend stapft die Läuferkarawane im Zeitlupentempo Stufe für Stufe dem bis zuletzt vom Laubwald verborgenen Gipfelziel entgegen. Dann endlich: Eine Menschentraube erwartet uns am Ausgang des Steigs, uns auf den letzten Metern nochmals kräftig anfeuernd. Eine Erlösung ist das Erreichen des Gipfels, gleichzeitig auch des höchstgelegenen Streckenpunkts. Man muss eben schon ein wenig leiden, um das Gefühl der Euphorie ordentlich auskosten zu können.

Fünf Kilometer liegen noch vor uns, und die führen (fast) nur noch bergab. Das heißt aber keineswegs, dass wir gemütlich auslaufen können. Extrem wurzelig und steinig ist der Pfad, der steil hinab führt. Verwunschen wirkt der Wald um uns herum, denn Gestein und Baumstämme sind moosüberzogen. Mehr hoppeln als laufen wir durch das Grün. Auf bequemen, soweit man das überhaupt noch so sagen kann, Forstwegen geht es in Schleifen weiter gen Tal.

Ein kurzes Stück müssen wir über Asphalt, ehe der herrlich eingewachsene Friesenweg die finale Landschaftspassage unseres Kurses einläutet. Unterwegs queren wir zwischen den Stationen „Schloss“ und „Molkenkur“ über eine Brücke die Trasse der Bergbahn. Schon seit 1890 ist die Standseilbahn in Betrieb. Von der Brücke genieße ich für Momente einen tollen Fernblick gen Altstadt und Neckar, ehe mich das blickdichte Dickicht wieder verschluckt.

Und wieder höre ich in der Ferne leisen Ziellärm. Ein wenig gedulden muss ich mich aber auch jetzt noch. Der Friesenweg führt uns bis zum Wolfsbrunnenweg oberhalb des Schlossgartens, der uns schon vom morgendlichen Anmarsch zum Startgelände vertraut ist. Mit Blick auf die Rückseite des Schlossareals geht es direkt dem Startgelände entgegen und unter dem Startbogen durch. Im wohlgefüllten Zelt wird bereits ordentlich gefeiert. Geradezu einsam ist es dagegen auf und neben der Piste. Aber noch bin ich nicht im Ziel.  

 

Empfang im Schlossgarten

 

Über den steilen Zickzack-Weg geht es ein weiteres Mal hinab in den Schlossgarten. Dann habe ich es vor Augen: Die wehenden Fahnen, den eingezäunten Zielkorridor und den erleuchteten Einlaufbogen. Und jetzt fühlt sich das schon ganz anders an als heute Vormittag. Freude und Erleichterung verjagen die Erschöpfung und begleitet vom Applaus der ausharrenden Zuschauer und den Glückwünschen des jeden Einläufer persönlich willkommen heißenden Zielmoderators rausche ich ein ins Ziel.

Es lohnt sich, in der überaus reizvollen Szenerie länger zu verweilen. Und das tun auch viele. Auf einer höher gelegenen Terrasse des Schlossparks ist das Zielbuffet für die Läufer gerichtet. Wundervoll ist aus dieser Vogelperspektive der Ausblick auf den Zieleinlauf und den Park drumherum.

Wer handfestere Kost bevorzugt, muss noch ein wenig höher steigen, zum Zelt neben dem Startbereich. Hier leistet ein Grillmeister ganze Arbeit und das Bier fließt in Strömen. Und wer noch richtig Kraft hat und gar nicht genug bekommen kann, der geht zum Duschen. Denn die hält der Veranstalter drunten in der Altstadt, von der Talstation der Bergbahn noch eine Viertelstunde Fußmarsch entfernt, bereit. Aber was macht das schon einem medaillendekorierten Happy Finisher aus?

 

Siegerliste Marathon

 

Männer

1 Eisel, Philipp (GER) TV Mußbach 03:32:59
2 Kohmann, Martin (GER)  SG Stern Mannheim 03:36:15
3 Rolli, Markus (GER)  TV Forst Triathlon 03:37:05 

Frauen

1 Grüber, Almuth (GER)  engelhorn sports team  03:42:50 
2 Sina, Manishe (GER)  LG Seligenstadt 04:00:42
3 Loge, Bianca (GER)  LG Rülzheim 04:06:46

392 Finisher

 

 

Heidelberg-Impressionen

 

 

Einen weiteren Laufbericht (von Joe Kelbel)
mit vielen Bildern gibt es hier auf Trailrunning.de

 

 

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Informationen: GELITA Trail Marathon Heidelberg
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