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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (48)

 

Infolge der Corona-Pandemie fällt der Eiger Ultra Trail 2020 aus. Stattdessen feiert Grindelwald am 18. Juli 2020 die Trail Surprise 2.0. Die limitierten Startplätze waren im Handumdrehen vergeben. Einen Kurzbericht dazu gibt es zeitnah auf dieser Seite, einen aktuellen Laufbericht wird es nicht geben. Dafür blicken wir zurück auf die Premiere des Eiger Ultra Trails (2013), von der es auf Marathon4you und Trailrunning.de gleich vier Beiträge mit vielen Bildern gibt.

Ausgewählt haben wir den Bericht von Daniel Steiner, der als Schweizer einen besonderen Bezug zum Eiger hat. Er war auf der Königsdistanz E 101 unterwegs und erlebte genau das, was man keinem Berglauf bei der Premiere wünscht. Aber lest selber ….

Weitere Laufberichte mit vielen Bildern gibt es hier
auf Marathon4you und Trailrunning.de

 

 

Fixstern am Trailhimmel

 

Wenn immer ich ihn sah, ergriff mich eine schauerliche Ehrfurcht. Sein Anblick und das, was ich über ihn wusste, jagten mir immer wieder einen kalten Schauer über den Rücken. Einiges wusste ich aus Erzählungen, das meiste jedoch aus einem mit Schwarz-Weiß-Fotos bebilderten Buch meines Teenager-Onkels: Weiße Spinne, Todesbiwak, eiskalte Nächte, Erfrierungen und Todesstürze. Eine gruselige Faszination ging von ihm und seiner Nordwand aus. Ich bin mit dem Eiger als Mythos aufgewachsen und obwohl die alpinistische Entwicklung dem Berg in der öffentlichen Wahrnehmung Zähne gezogen hat, hat er für mich diesen Status bewahrt.

Nicht so richtig in dieses Bild einordnen konnte ich die Meldung, als es einen neuen Rekord für das Durchsteigen der Nordwand gab. Im Februar 2008 verbesserte der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck* seinen eigenen Rekord auf der Heckmair Route und erreichte den Gipfel nach 2 Stunden 47 Minuten.

Die Ultraläufer im deutschsprachigen Raum sind gut vernetzt. Kaum eindeckt einer eine neue Veranstaltung, wissen die anderen dank sozialer Medien und unserer Portale innert Kürze davon. Bestes Beispiel war der Eiger Ultra Trail. Die Kunde seiner Lancierung machte in Windeseile die Runde. Kaum erfuhr ich davon, klickte ich mich auf die Website und erfuhr, dass die 100km mit 6700 Höhenmetern härter seien als die Eigernordwand solo zu durchklettern. Worte aus dem Mund ebendieses Ueli Steck, Botschafter für diese neue Laufveranstaltung. Das ist schon mal eine Ansage.

*Update: Uli Steck ist am 30. April 2017 in Nepal tödlich verunglückt.

Je weiter ich das Tal der Schwarzen Lütschine hochfahre, desto augenscheinlicher wird es, dass diese Premiere akribisch vorbereitet wurde. Immer wieder begegne ich Hinweisen auf die Veranstaltung und in Grindelwald selbst grüßt ein großes Banner über der Straße: „Welcome Trail Runners“.

Zu diesem Empfang kommen noch die Komponenten Kindheitserinnerungen und Rückkehr ins Berner Oberland, Heimat meiner Vorfahren, und das Treffen einer Menge von Läuferbekanntschaften. Die dreieinhalb Stunden zwischen Ankunft und obligatorischem Briefing vergehen allzu rasch.

 

 

Die Startnummer gibt es nach der Kontrolle der Pflichtausrüstung. Die Augen der Prüfer sind streng, besonders die Regenjacken erfüllen nicht alle den vorgegebenen Standard. Wer durchkommt wird mit dem Vertrauen entlassen, dass er morgen all diese Dinge auch dabei hat. In der Startertüte, einem modischen „Shopping Bag“, sind nebst Gutscheinen und Werbung auch ein Funktionsshirt, ein Buff, ein Stirnband und ein reflektierendes Armband, das morgen ab 21.00 Uhr getragen werden muss.

Vor elf Jahren lief ich anlässlich des Jungfrau Marathons meinen ersten Marathon überhaupt. Weil es davon keinen Bericht gibt und ich erst vor ein paar Jahren in den Besitz des Geographischen Lexikons der Schweiz  aus den Jahren 1904/5 gelangte, streue ich diesmal Wissenswertes aus diesem historischen Dokument zu den verschiedenen zu durchlaufenden Orten ein.

GRINDELWALD (Kt. Bern, Amtsbez. Interlaken). 1057 m. Gem. und Pfarrdorf, mit zahlreichen im obern Kessel des Grindewaldthales zerstreut gelegenen Häusergruppen, zu beiden Seiten der Schwarzen Lütschine und in einer an Schönheiten reichen Hochgebirgslandschaft; … während der Saison zahlreiche Verkaufsläden. Grindelwald eignet sich wegen seines gemässigten Klimas, sowie seiner windgeschützten, sonnigen und nebelfreien Lage zum Sommer- wie auch zum Winterkurort. Zahlreiche Gasthöfe, die zusammen mehr als 1000 Fremde beherbergen können…

Diese Fremdenbetten wären heute von den Teilnehmern der drei Bewerbe E16, E51 und E101 belegt und deren Begleitpersonen müssten schauen, wo sie unterkämen. Im Kongresssaal finden die 450 Mutigen, die den langen Kanten auf dem Programm haben, gerade Platz, um sich beim Briefing die wichtigsten und neuesten Informationen geben zu lassen und die Macher des Anlass kennenlernen zu dürfen. Alle sind gespannt, für welche Strecke sich Ueli Steck entscheiden wird. Er bleibt dabei, der E101 ist für ihn härter als die Nordwand solo, und nimmt die Startnummer für den E51 entgegen. Ich kaufe ihm das so nicht ab, habe aber alles Verständnis, dass er die Verletzungsgefahr auf der langen Strecke für sich als zu groß betrachtet.

Eine Kombination von Aufregung und lärmenden Nachtschwärmern lässt mich die wenigen Stunden bis zum Aufstehen unruhig schlafen. Auch wenn es lange dauern wird, bis ich mich wieder ins Bett legen kann: Ich bin bereit, von mir aus kann es losgehen. Ohne Ahnung wie, aber mit der Hoffnung, dass es trotz leichter Beschwerden in der Achillessehne gut gehen wird, trabe ich um 05.00 Uhr im hinteren Teil des Feldes los, hinein in die Morgendämmerung, hinein ins Vergnügen.

 

 

Die einzelnen Etappen sind häppchenweise portioniert und zum Beginn gibt es einen acht Kilometer langen Aufstieg zur Grossen Scheidegg.

SCHEIDEGG (GROSSE) 1961 m. Sehr bekannter und stark begangener Passübergang im Berner Oberland, führt von Grindelwald zwischen dem NW.-fuss des Wetterhorns und dem Grindelwald Schwarzhorn hindurch in 7 Stunden nach Meiringen. Guter Saumweg vom Hotel Wetterhorn (1 Stunde hinter Grindelwald)bis zur Station der Drahtseilbahn nach den Reichenbachfällen. Grindelwald – Passhöhe (mit Gasthof) 3 Stunden. …

 

Der Zeitplan gönnt uns höchsten zweieinhalb Stunden und ich bin gespannt, ob ich auf diesem ersten Teilstück schon eine halbe auf das Zeitlimit heraus laufen kann. Obwohl der Wanderweg schmal ist und wenig Platz zum Überholen lässt, gibt es kein Gedränge und Geschubse und ich kann mich im Wohlfühltempo bewegen. Es bleibt auch Zeit und Raum, um im Schatten des Passes zu verfolgen, wie die Bergspitzen eine nach der anderen von der morgendlichen Sonne berührt werden.

Das erste Mal ins Sonnenlicht hinaustreten kann ich unmittelbar nach der Verpflegung auf der Grossen Scheidegg. Es verstärkt die Urlaubsgefühle, in welchen ich schon schwelge, und treibt mich an.

 

 

Der Weg auf den nächsten fünf Kilometern bis First ist einfach zu belaufen und erlaubt es, das herrliche Panorama in der Morgensonne ausgiebig zu genießen. Das gelingt nach der dortigen Verpflegung weniger. Hinunter nach Bort gibt es auf vier Kilometern 600 Höhenmeter abzubauen, da empfiehlt es sich, die Füße konzentriert voreinander zu setzen.

Für einmal ist es umgekehrt: „Wie zerronnen, so gewonnen“, heißt es nach der erneuten Verpflegung bei der Bergbahnstation. Auf Wiesen, durch schönen Wald und zum Schluss auf steilem Bergpfad geht es wieder dorthin, woher wir eben gerade kamen. Da oben ist mittlerweile richtig was los.

 

 

Die zwei Stunden nach uns gestarteten Läufer des E51 sind auf dem Durchmarsch. Sie haben diese Schlaufe nicht eingebaut, womit sich bei der Verpflegung die beiden Felder für die nächsten dreißig Kilometer vermischen.

Zusammen mit Japanern und anderen Touristen geht es zum Bachsee, Endstation Wanderautobahn, über welchem im Hintergrund das Faulhorn grüßt. Es gibt einen Wanderweg entlang des Sees direkt dorthin, doch wir sind nicht im Klassenlager, also geht es um den Reeti und das Simelishorn herum. Jetzt wird es - nicht nur wegen der zu querenden Schneefelder - so richtig alpin unter den Füßen.  Auf den acht Kilometern dieses Teilstücks gibt es nur 350 positive und 450 negative Höhenmeter zu meistern, womit ein flotter Trab bis zum nächsten Verpflegungsposten und Cut Off bei Oberläger Bussalp möglich ist.

 

 

Von den Beinen her ist nach diesen 30 Kilometern alles im hellgrünen Bereich. Wenn ich mich aber weiter mit nach hinten,  zur Prachtskulisse des Oberländer Dreigestirns, gedrehtem Kopf weiterlaufe, handle ich mir eine Genickstarre ein. Aber auch der Blick nach vorne und oben hat seine Tücken. Das Gasthaus auf dem Faulhorn scheint so nah und ist doch so fern, zudem verschwindet es mehr und mehr im aufziehenden Nebel. Der Weg zum höchstgelegenen Punkt der Strecke beschreibt einen Bogen, auf welchem auch noch Schnee liegt, bevor der nächste Etappenort in Griffweite liegt. Mit der Bergpreiswertung habe ich definitiv nichts zu tun, aber es gibt Blumen für alle. Auf beiden Seiten des Weges leuchten die zierlichen Boten des Bergfrühlings, dann kommt der Schlussanstieg vor der Zeitnahme auf dem Faulhorn.

 

 

FAULHORN 2683 m. Gipfel in der nach ihm benannten Gebirgsgruppe zwischen Brienzersee einerseits, Grindelwald und Grosser Scheidegg andererseits, ein schon seit vielen Jahren oft besuchter Aussichtspunkt. Wird gewöhnlich von Grindelwald über das Wirtshaus Waldspitz auf einem guten Maultierpfad in 4 ½ Stunden bestiegen, kann aber auch auf gutem Weg von der Schynigen Platte aus in 3 ½, vom Hotel auf der Grossen Scheidegg aus über die schönen Rasenflächen der Grindalp in 4 Stunden…erreicht werden. Etwas s. unter dem Gipfel in 2672 m ein kleiner Gasthof. Prachtvolle Aussicht, deren Glanzpunkt das wunderbare Hochgebirgs- und Gletschergebiet zwischen Wetterhorn und Blümlisalp bildet.  ...

Im Anschluss auf die Verpflegung folgt das mit elf Kilometern längste Teilstück nach Schynige Platte. Für die ganz harten Socken mögen die Gebirgswege mit Schneefeldern kein Thema sein, für meinen Begriff sind ein paar recht technische Passagen darin enthalten, welche meine volle Konzentration fordern. Deshalb schalte ich ein paar Zwischenstopps ein, denn die Aussicht auf den kleinen Sägistalsse und hinab zum 1400 Meter tiefer liegenden Brienzersee mit seiner charakteristischen Färbung lasse ich mir nicht entgehen. Der Weg ist so richtig nach meinem Gusto und erlaubt mir ein zügiges Vorwärtskommen. Oder liegt es daran, dass hier im zarten Alter von sechs Jahren bei mir der Grundstein zu meiner heutigen Begeisterung fürs Trailrunning gelegt wurde? In umgekehrter Richtung war dieser Streckenabschnitt die erste Etappe einer dreitägigen Wanderung nach Meiringen, welche fest und gut in meinem Gedächtnis hängengeblieben ist.

 

 

Auf dem dritten Drittel entlässt uns die Bewölkung in die Sonne; Sommersonne, Mittagssonne, die auch auf über 2000m unerbittlich sein kann. Dafür ist der Rundblick großes Kino. In eine Richtung Brienzer- und Thunersee und die Stadt zwischen den Seen, Interlaken; in die andere die Krone der Berner Alpen.

 

SCHYNIGE oder SCHEINIGE PLATTE 2070 m. So heisst einer der Drei Gipfelpunkte am WSW.-Ende der Faulhorngruppe. Liegt unmittelbar sö. über Interlaken, mit welchem Fremdenzentrum er durch eine 10.6 km lange elektrische Zahnradbahn verbunden ist. … um die Endstation Schynige Platte in 1970 m Höhe zu erreichen. Hier steht ein Hotel, dessen Terrasse bereits eine prachtvolle Aussicht auf die Bergriesen des Berner Oberlandes bietet. …

Die Wärme setzt mir zu, vielmehr meinem Magen. Es ist früher Nachmittag und in meinem Wasserbauch entwickelt sich ein Bärenhunger. Den Verpflegungsplan habe ich zwar genau studiert und die Bestückung der einzelnen Posten mit Iso, Wasser, und verschiedenen Gels und Riegeln sowie teilweise mit Brot, Käse, Trockenfrüchten, Schokolade und Biberli ist reichhaltig. Ich habe allerdings zu wenig bedacht, dass ich bei höheren Temperaturen schlecht auf funktionale Sportlernahrung anspreche. Mein Vorrat an Cola ist aufgebraucht und des Ultraläufers Lieblingsgetränk wird leider erst ab Burglauenen angeboten, womit ich mich bis dort mit Wasser und meinem Notproviant durchschlagen muss. Also verlasse ich Schynige Platte mit einem Ernährungsdefizit, dafür mit mittlerweile zwei Stunden Zeitpolster.

 

 

Keine neun Kilometer sind es bis Burglauenen, aber die haben es in sich. 1200 Höhenmeter abwärts, von denen jeder einem Robinson und seinem Kalender gleich eine Kerbe in den Oberschenkeln hinterlässt. Dafür, dass die nicht die einzigen Leidtragenden sind, sorgt der neu mit spitz gebrochenem Alpenkalk geschotterte und bleibende Eindrücke auf der Fußunterseite hinterlassende Wirtschaftsweg.  Damit nicht nur die Physis zu beißen hat, gibt es einige ausgesetzte, mit Seil gesicherte Passagen. Herunterschalten muss ich da nicht, da ich sowieso gemütlich unterwegs bin und mich von einem Damenteam des E51 anstecken lasse und mir in einem schattigen Waldstück auch eine kurze Sitzpause gönne.

Der Etappenort Burglauenen ist von der Distanz als auch von den Höhenmetern her ziemlich genau Halbzeit. Mit einer schnellen Verpflegung könnte ich fast eine weitere halbe Stunde Vorsprung auf die zweite Streckenhälfte mitnehmen. Mir ist aber wichtiger, dass ich mich ernährungs- und hydrationstechnisch auf Vordermann bringen kann. Mit der angebotenen Pasta gelingt mir das zur Hälfte, die andere besorgt mir eine koordinierte Aktion von Helfer und Personal der nebenan gelegenen Festwirtschaft. In Ermangelung eines bleifreien, genehmige ich mir einen veritablen Gerstensaft. Entschuldigung, liebe Sportfutterentwickler, es ist diese Diät, welche mich wieder ohne Übelkeitsgefühl und Sodbrennen in alter Frische auf die Strecke bringt – nicht zur Strecke.

 

 

Dass sich bei meinem Abmarsch gleich die Bahnschranke senkt, ist in meiner Leistungskategorie allerhöchstens eine unbedeutende Randnotiz im Sinne einer vollständigen Berichterstattung. Da der Gegenzug noch nicht an der Haltestelle eingetroffen ist, werde ich von den aufmerksamen Streckenposten über das Gleis und zwischen wartenden Autos hindurch zur Weggabelung gelotst.

Links ab, das talaufwärts, geht es für den E51, talabwärts, aber mit 700 Höhenmetern die Talflanke hoch, geht es beim E101. Das Feld ist wieder ausgedünnt – auch weil es zur Halbzeit viele Ausstiege gibt. Mehrheitlich für mich alleine arbeite ich mich die teilweise ausgesetzten Stellen hoch. Unterwegs wird bei einer Berghütte von den Anwohnern Wasser ausgeschenkt und ich mache eine kleine Gesprächspause.

In Gedanken versunken trabe ich von der Spätenalp gewissermaßen um den Eckpfeiler über der Vereinigung von Schwarzer und Weisser Lütschine herum ins Lauterbrunnental. Kurz vor Wengen verdecken immer mehr Wolken das warme Licht der Abendsonne.  

WENGEN 1277 m. … Kurort und viel besuchte Fremdenstation auf einer Felsenterrasse der rechten Seite des Lauterbrunnenthales… Zahlreiche Fremdenpensionen und Gasthöfe, die sich seltsam abheben von den braunen Hütten des alten Dörfchens. Während der Fremdensaison viel Verkaufsläden und Restaurationen. – Etwas Seidenklöppelei. Wasserversorgung und elektrisches Licht. Alpwirtschaft. Prächtiger Blick auf die Jungfrau, den vergletscherten Hintergrund des Lauterbrunnenthales,… auch der Männlichen wird  von Wengen aus direkt in 2 ½ -3 Stunden unschwierig erstiegen. Das in früheren Zeiten entlegene, und unbeachtete Alpendörfchen erhielt erst gegen Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts eine kleine Fremdenpension. Seither wuchs sein Ruhm von Jahr zu Jahr, und heute zählt Wengen mit seinen 29 Gasthöfen und Pensionen mit über 1000 Betten zu den Fremdenzentren des Berner Oberlandes.

Kurz vor dem Eingang zum Dorf ist ein großes Fest im Gang. Mein freundlicher Gruß bringt mir gleich eine Einladung ein, doch leider haben sie kein alkoholfreies Bier auf Lager. Mein Bauchgefühl sagt mir nämlich, dass dies im Moment die verträglichste und effizienteste Art der Flüssigkeits- und Kalorienzufuhr wäre. Da im Pflichtrucksack auch Geld dabei ist, kann ich mir beim ersten Restaurant am Weg diesen Wunsch erfüllen. Dafür fällt mein Halt beim offiziellen Posten umso kürzer aus. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich schnellstmöglich weiter will.

Die Wetterentwicklung gefällt mir nicht. Nur in Unkenntnis der örtlichen Verhältnisse und als unverbesserlicher Optimist kann man beim Anblick der sich zusammenziehenden Wolken darauf hoffen, dass sich da kein Gewitter zusammenbraut.

Erste schwere Tropfen fallen, dann setzt Starkregen ein. Bis hierhin kein Problem. Doch dann gibt es Donnergrollen, aus welchem sich zünftiges Krachen entwickelt. An geschützter Stelle rotten wir uns als Grüppchen zusammen. Ungeduldig warte ich, bis die vom Gewitter ausgehende Gefahr vorbei ist. Wenn es nur noch regnet ist es mir gleich, Hauptsache die elektrostatischen Unberechenbarkeiten bestehen nicht mehr. Während die anderen das weitere Abschwächen des Regens abwarten, mache ich mich nach Abflachen der Gewittergefahr auf den weiteren Weg. Die Abkühlung bekommt mir und ich freue mich, wie stramm ich vorankomme. Nach gut der Hälfte des Anstiegs, nach Überschreiten der Waldgrenze, kommt mir ein Läuferpulk entgegen, denen der Streckenposten die Umkehr verordnet hat. Sicher ist das als solches ärgerlich, aber wer dafür kein Verständnis hat, ist bei einem solchen Anlass in den Bergen am falschen Ort.

 

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Bildgalerien von Anton Lautner

vom E 51 und E 35, die zusammen
fast die gesamte Strecke des E 101 abbilden

 

 

 

In Wengen erfahren wir, dass die später eingetroffenen Läufer hier gestoppt und bereits mit der Luftseilbahn auf den Männlichen gebracht wurden. Auch unsere Gruppe und ein paar weitere, später folgende Läufer dürfen dann den Aufstieg in Angriff nehmen, diesmal auf dem definitiv „unschwierigen“ Weg. Ohne Bewegung beginne ich – bis auf die Knochen nass – zu frieren und zu schlottern wie ein Schlosshund. Der kurze Weg von der Seilbahnstation zum Berggashaus Männlichen ist eine Qual. Wie lange ist es her, dass ich solche Qualen am anderen Ende der Skala litt? Gar nicht lange! Es zeigt wieder einmal deutlich, was ein Wetterumsturz in den Bergen bedeutet und dass man ohne die Pflichtausrüstung für einen solchen Fall so sicher ist wie beim Russischen Roulette.

In der komfortablen Wärme des Restaurants kann ich mich meiner nassen Klamotten entledigen und mich in die wärmenden Kleider aus dem Rucksack hüllen. Wer es wünscht und braucht, darf sich auch in eine Wolldecke einmummeln. Zusätzlich zum Standardangebot des Verpflegungspostens wird auch heißer Tee angeboten.

Die Freude auf den Ausblick vom Männlichen war nicht umsonst. Im Schein des Sonnenuntergangs gibt es beim Verlassen des Verpflegungspostens noch fast das ganze Programm.

MÆNNLICHEN 2345 m. Bekannter Aussichtsberg, oft auch der Grindelwalder Rigi genannt; N.-Ende der das Lauterbrunnenthal vom Grindelwaldthal trennenden Kette, die gegen S. über den Tschuggen und das Lauberhorn zur Kleinen Scheidegg absteigt. … Der Männlichen ist ein Aussichtpunkt ersten Ranges, von dem aus sich die Berner Alpen prachtvoll schön überblicken lassen. Von ihm aus haben die Maler Eugen Burnand, Baud-Bovy und Furet das mächtige Panorama der Berner Alpen aufgenommen, das an den Ausstellungen von Genf 1896, Chicago 1897 und Paris 1900 von Tausenden von Personen bewundert worden ist. Hinten über den ihrer ganzen Länge nach dem Blick aufgeschlossenen Thälern von Lauterbrunnen und Grindelwald erhebt sich der mächtige Kranz der eisgepanzerten Hochgipfel in unvergleichlicher Pracht. Jungfrau, Mönch und Eiger erscheinen vom Männlichen aus viel imposanter als von der Kleinen Scheidegg aus, da erstens die Entfernung grösser und damit die Perspektive günstiger ist und zweitens der im Vordergrund stehende Tschuggen einen willkommenen Massstab für die Beurteilung der Höhenverhältnisse bietet. …

 

 

Es spielt jetzt auch keine Rolle mehr, dass der E101 nicht wie ursprünglich vorgesehen durchgeführt werden kann, Hauptsache, es geht weiter. Statt über die Lauberhornschulter zur Wengernalp und dann zur Kleinen Scheidegg geht es auf direktem Weg dorthin und von dort nicht über die Station Eigergletscher und den Eiger Trail, sondern ohne Umweg hinunter nach Alpiglen. Es sind etwa neun Kilometer, die mir so auf die ursprüngliche Distanz fehlen.

Durch die Verkürzung der Strecke und die üppige Verpflegung auf dem Männlichen mache ich von der Verpflegung auf der Kleinen Scheidegg keinen Gebrauch; dabei ist der Posten in einer gemütlichen Skibar in einem Tipi untergebracht.

 

Der Mond taucht im Übergang vom Mönch zum Jungfraujoch auf, doch die fast volle Scheibe kann sich nicht gegen die Wolken durchsetzen und wird wieder von ihnen verschluckt. Aus der Idee mit dem Mondscheinspaziergang wird nichts, die Stirnlampe muss nun zum Einsatz kommen.

Hinunter nach Alpiglen ist es unspektakulär. Sicher würde es mir auf dem Eiger Trail mehr Spaß machen, aber hier unterwegs zu sein ist immer noch die bessere Alternative als ein Rennabbruch. Dazu kommt, dass auch die Ausweichstrecke unmissverständlich markiert ist. So, wie ich die ganzen Umstellungen erlebt habe, würde es mich auch verwundern, wenn nicht auch für diese Situation ein Plan B ausgedacht gewesen wäre.

ALPIGLEN Sennhütten in 1611m, halbwegs zwischen Grindelwald und der Kleinen Scheidegg. Ist die einzige Zwischenstation der diese beiden Punkte verbindenden Eisenbahn. Kleines Gasthaus.

Ich kann mir alle Zeit der Welt lassen, um mich nochmals mit Essen und Trinken zu versorgen. Auch zu vorgerückter Stunde sind die Helfer – wie schon den ganzen Tag – sehr freundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Nicht einmal bemühen muss man sich, die frisch geschnittenen Schnitze einer Wassermelone zu greifen. Sie werden uns direkt überreicht.

Dass nach einiger Zeit die Lichter Grindelwalds auf gleicher Höhe erscheinen, ist insofern ein Trugbild, als dass wir an dieser Stelle immer noch eine gerade zweistellige Zahl von Kilometern vom Ziel entfernt sind. Erst geht es hinüber zu der von Scheinwerfern erhellten Gletscherschlucht. Nach einer Weile finde ich mich umgeben von Wald auf einem Wurzel- und Steinweg wieder, auf welchem es mit sanfter Steigung zur Schlucht geht. Zu meinem Glück ist es beim Überqueren der schmalen Brücke dunkel. Ich will nicht wissen, wie viel Meter tiefer das Gletscherwasser tost und noch weniger will ich es sehen. Müsste ich bei Tag da drüber, würde ich beim gleich folgenden Kontroll- und Sanitätsposten wegen auffällig weißem Gesicht gleich aus dem Rennen genommen.  So bleibt mir dies erspart. Im Gegenteil, die Offiziellen meinen, dass ich es in 20 statt der auf dem Wanderwegweiser angegebenen 45 Minuten zur Pfingstegg hoch schaffen werde.

Danke fürs Vertrauen, aber ich glaube, dass bereits eine halbe Stunde eine fast nicht machbare Leistung ist. In der Tat kommt jetzt die gefühlte Mutter aller Anstiege, ein Knochenbrecher sondergleichen. Aber das Ende ist absehbar, auch wenn es vom letzten Verpflegungsposten auf der Pfingstegg noch acht lange Kilometer bis ins Ziel sind. Sechs abwärts, einer gerade und dann noch hinauf ins Dorf an den Ort, wo ich gestern im Morgengrauen gestartet bin, so wird mir mit auf den Weg gegeben.

Es ist kein Trubel im Ziel; still und ehrenvoll werde ich empfangen und treffe dort auf Leute, die mich zwischen Wengen und Männlichen im Stil von Hase und Igel haben stehen lassen. Aber wen kümmert das schon? Mich nicht, mich interessieren weder Rang noch Zeit, zumal diese großzügig innerhalb der Zeitlimite liegt.

Gemeinsam setzen wir uns noch einen Augenblick an die Festbänke, denn der Getränkestand hat noch geöffnet und Andy kann sich sogar noch etwas auf den Grill legen lassen.

Wenn man um die langen Wartelisten weiß, die es bereits bei der ersten Austragung gab, kann man erahnen, welche Erwartungen die Teilnehmer in den Eiger Ultra Trail hatten. Diesem Druck haben alle auf Veranstalterseite Tätigen standgehalten und mit diesem Erstling gleich einen Fixstern am Trailhimmel aufgehen lassen.

Meine Schwierigkeit wird es nun sein, Argumente zu finden, die den Chefredakteur überzeugen, warum ich bei der zweiten Austragung auch wieder dabei sein soll.

 

Auf Wiedersehen beim Eiger Ultra Trail in Grindelwald 2021

 

Informationen: Eiger Ultra Trail
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