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Laufberichte

Zum Wohl die Pfalz

 


Weck, Worscht unn Woi


Bei Weck, Worscht unn Woi treffe ich auf zwei Kerle im figurbetonten, rosafarbenen Einteiler. Schnell wird mir klar, die kommen wie ich aus Hessen und sind erfahrene Weinstraßen Marathon-Läufer.



Wein rinnt meine Kehle hinunter, quillt ins Gehirn und macht sich sofort in meinem Körper bemerkbar. Der Fremdschämeffekt für die zwei rosa Panthermännchen vergeht mit dem ersten Schluck.

Die ersten zehn lustigen und hügeligen Kilometer liegen hinter mir, als ich durch das kleine Dorf der Mühlen und Brunnen, Kleinkarlbach, laufe. Hier trennen sich die Wege der Marathon-/ und Halbmarathonläufer und ich freue mich über mehr Bewegungsfreiheit bei schwankendem Gang. Etwas weiter schützen die Ausläufer des Haardtgebirges die  WeinBERGE. Um mich herum höre ich es keuchen und schnaufen,  der erste große Anstieg nach Bobenheim am Berg. Für einige bereits eine Bewährungsprobe. Weit geht der Blick über das Pfälzer Land, ich sehe die rauchenden Schlote im zwanzig Kilometer entfernten Ludwigshafen. Wenn, wie Naturpsychologen herausgefunden haben wollen, allein der Anblick einer sanft geschwungenen, hügeligen Landschaft Glücksgefühle auslöst, kann auch der Veranstalter mehr als zufrieden sein. Am höchsten Punkt der Marathonstrecke strahlen die schwitzenden Läufer über das ganze Gesicht. Die Pfälzer Frohnatur klopft mir auf die Schulter. „Alla hopp, lass unsch do käh Wurzle schloche“. Wir begeben uns wieder auf die Strecke.


„Un in Wacherem kriegscht widder Dorscht…“


"Runter schmeckt's bekanntlich besser als rauf". Die zwei Panther eilen hastig an mir vorbei, wollen möglichst schnell die nächste Verpflegung erreichen. Mit Renate und Ludwig laufe ich ein Stück gemeinsam durch Weisrem (Weisenheim am Berg). Und tatsächlich, am nächsten Weinstand gable ich die beiden rosa Raubtiere wieder auf. Nicht nur hier sind alle fröhlich, haben ein Lächeln im Gesicht. „Das macht richtig Spaß“, sagt eine Läuferin berauscht neben mir. Obwohl Weine eine große Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen sollen, wird es nun in unserer Verkostungsgruppe doch ganz schön hektisch.



Zwischen Glas und Lewwerworschtbrot müssen Erinnerungsfotos gemacht und sofort auf Facebook gepostet werden. Wie von selbst laufen die Beine abwärts in den Edelweinort Leistadt mit dem barocken Rathaus. Am anderen Ende des Rathausplatzes sitzt unterdessen eine große Gruppe beim FC Leistadt und gönnt sich ein Weißwurst-Frühstück. Nach einem kurzen Anstieg rollt es weiter abwärts und es sind noch knapp drei Kilometer bis nach Bad Dürkheim. 


 „Doch is do grad Worschtmarkt do bleibt der kä Wahl…“


Von weitem sehe ich schon das größte Weinfass der Welt in Bad Dürkheim. 1,7 Millionen Liter soll es fassen, kann es aber nicht; das Fass ist vielmehr eine werbewirksame Idee, besonders für das Restaurant in seinem Inneren.



Eine Reservierung sei zu empfehlen, rät mir die Pfälzer Frohnatur. Nicht ganz so groß, aber dafür zahlreich, lagern die Fässer bei dem Küfer Wilhelm Eder. Von Bad Dürkheim in die weite Welt werden diese Fässer von einem der größten Holzfassvertriebe Europas verkauft. „Uff de Worschdmarkt (Wurstmarkt) gehe jährlich 600.000 Leut“. Mit einem dialektischen Babbelfeuerwerk klärt mich die Pfälzer Frohnatur auf. Es ist das größte Weinfest der Welt, welches sich Wurstmarkt nennt, früher aber eher ein Fischmarkt gewesen sein soll.

Schon hat die Pfälzer Frohnatur die nächste Geschichte parat und ich staune nicht schlecht: „Eine Gondelbahn in Bad Dürkheim?“. Warum sollte ein Ort, der das größte Weinfass der Welt sein Eigen nennt, nicht auch über eine eigene Seilbahn verfügen? Zum Verständnis muss man wissen, dass der Kurort gerade einmal  130 Meter hoch liegt und die Höhendifferenz zum gegenüberliegenden Gipfel, dem Teufelstein, lediglich 165 Meter beträgt. Wäre es nach dem Betreiber der Seilbahn gegangen, baumelten die 43 Gondeln auch noch heute über die Rebstockreihen. Aber die Eigentümer der darunterliegenden Grundstücke wehrten sich. Eine Enteignung misslang. Heute, 33 Jahre später, erinnert nur noch eine abgefackelte Talstationsruine an die kurze Ära der Bad Dürkheimer Gondelbahn.

Trunken vor Glück, vielleicht aber auch einfach nicht mehr ganz nüchtern, bin ich froh, nach fünf Monaten endlich wieder einen Marathon zu laufen. Weder Verletzungen noch andere Gründe haben mich gehindert, es hat sich schlicht und einfach nur nicht ergeben. Schnell war das Frühjahr da, bald folgt Ostern und Pfingsten und schwupp die wupp ist das erste Halbjahr um. Ich tue mich immer schwer im Training und ganz besonders hasse ich einsame lange und langweilig Läufe. Es ist für mich einfacher, jede Woche einen Marathon zu laufen als 26 Wochen lang keinen. Beim Dürkheimer Laufclub regenerierte ich meine wintermüden, knirschenden Gelenke bei schönen Läufen, netter Gesellschaft und guten Gesprächen über die Rebenhügel des Leiningerlandes.



Mitten auf dem Stadtplatz/Römerplatz, sozusagen im Mittelpunkt des Marathons, prosten mir die Panther von weitem zu. Auf der ganzen Strecke schwärmten sie schon von dem Lewwerworschtbrot von Rainer vom LC Bad Dürkheim, der mich überschwänglich begrüßt. Die rosaroten Panther wirken angeschlagen, der Wein ist leer. Unter der Live-Moderation durch Henning, ebenfalls vom LC Bad Dürkheim, laufe ich dann aber auch endlich weiter, denn noch zwanzig nicht zu unterschätzende Kilometer liegen noch vor mir.


Harmonie im Kurpark


Lustwandelnd führt der Weg nun durch Tempo-30-Zonen. Vor den Cafés herrscht großer Andrang. Hier werden die süßen Gelüste befriedigt, die Auslagen werden dem gerecht. Menschen in kurzen T-Shirts und noch kürzeren Hosen, die Sonnenbrille auf der Nase, die Jacke über den Arm gehängt, schlendern die Salinen rauf und runter. Die kurenden Herrschaften sprechen von ihren Anwendungen wie Läufer von Marathons. Urplötzlich werde ich langsamer und spüre nur noch den körperlichen Wunsch nach Entspannung. Das Kurhaus könnte dieses Wellness-Bedürfnis stillen. Aber in der Sonne ist kein Platz mehr frei. Auch dem Klischee „Tango nach dem Fango“ wird man in der Kurstadt gerecht. Es fließt die Isenach. Kühl und klar, wie gereinigt ist die Luft  entlang der Saline und der Kureffekt wirkt nach.



Das war nicht immer so. Kriegerische Auseinandersetzungen, Missernten und wechselnde Konfessionen hinterließen im 17. bis 19. Jahrhundert Verwüstungen, Plünderungen,  Hungersnöte und Seuchen. Die pure Not vertrieb die Bewohner aus der Heimat. Von der Pfälzer Frohnatur erfahre ich, dass unter deutschen Auswanderern die Pfälzer die stärkste Gruppe bildeten. Auch bei dem gerade erst 18jährigen Heinrich Hilgard war es nicht nur die Sehnsucht nach der Ferne, welche ihn zum Auswandern bewegte. Im Oktober 1853 mit nur 20 Dollar Startkapital ging es aus der Pfalz über Hamburg nach New York. Einige Jahre später wurde aus Heinrich Hilgard, Henry Villgard einem der bedeutendsten Eisenbahn-Tycoone in den USA. Sein Großvater war langjähriger Verwalter der Bad Dürkheimer Gradierwerke und genau von hier aus verläuft die Marathonstrecke zurück nach Bockenheim. 

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Informationen: Deutsche Weinstraße Marathon
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