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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (5)

 
Autor: Joe Kelbel

Wenn ein Marathon ausfällt, der wie der Weinstraßen Marathon in Bockenheim nur alle 2 Jahre stattfindet, ist das besonders schade. Schade ist auch, dass man für dieses oder ausnahmsweise nächstes Jahr keinen Ersatztermin gefunden hat. Der nächste Marathon an der Deutschen Weinstraße ist am 10 April 2022. Da hilft nur eines: In schönen Erinnerungen kramen. Hier ist Joes Laufbericht mit Bildern aus 2010. Weitere Laufberichte mit vielen Bildern findet man hier auf Marathon4you.de

 

Weihnachten ist öfter (2010)

 

Der temperamentvolle Pfälzer ist schlagfertig und lustig. Und wenn Kirchweihe (Kerwe) oder Weinfest ist, haut er richtig auf den Putz. Und wenn mal nicht Kerwe ist, dann ist der 1. Mai, der Tag an dem so mancher Bauer seinen mit Mist beladenen Wagen auf dem First der Scheune vorfindet, oder es ist Vadderdag und  die Haustür ist zugemauert. Oder Schützenfest, und das Puhlfass (Jauchebehälter) ist mit Lehm gefüllt, oder es wurde ne fette Wildsau erlegt und ich musste mich mit den Treiber im Armdrücken und Schorlepetzen messen.

Wenn es mal nicht diese „nadierlischen“ jährlichen Anlässe sind, dann ist es eben der Weinstraßen-Marathon! Weil da auch viele Auswärtige antreten, gibt‘s den aber nur alle zwei Jahre.

Die Burschen aus Bockenheim (eschde Pälzer Bu), dem Startort des Marathons, sind wahre Haudegen. Des halb passe ich auch gut dort hin. Es fließt in ihren Adern wohl das hitzige Blut ihrer früheren Gebieter, den Grafen von Leiningen, die als Wappentier den munteren, stoßlustigen Bock wählten. Nach so mancher „Kellervisite“ vermied ich immer die Frage, ob die Kopfschmerzen vom Wein oder von der sanften Faust des Winzers stammten. In Bockenheim  bezeichnet man dieses natürliche Leiden einfach als die „Bokemer Kranket“.

 

 

In der Pfalz ist der Mann noch ein Mann und der Läufer ein Läufer. Der Pfälzer Läufer hat keine von Stützstrümpfen marmorierte Waden. Auf der Marathonmesse kauft man nicht Sport-BH, Startnummernbändchen, Müsliriegel oder Power-Gel, sondern Leberklöße (Lewwerknepp), Sauerkraut, Bratwurst und Wein (Palzwoi). Und statt Massage tanzt man auf den Tischen. Im Starterbeutel liegen nicht Duschgel und Blasenpflaster, sondern eben eine gute Flasche Wein, vom Organisationsteam selbst verkostet.

Über 1000 Marathonläufer und 2000 HM-Läufer treten an, schon im Januar wurde das Teilnehmerlimit überschritten. Die Anreise ist problemlos und schnell. Shuttlebusse stehen direkt an der Autobahnausfahrt.

Start 10 Uhr  am Haus der Deutschen Weinstraße -  es ist einem römischen Kastell nachgebildet (weil die Römer ja den Wein brachten) und überspannt die Weinstraße. In den Räumlichkeiten gibt es Ausstellungen und andere Veranstaltungen, und natürlich Verkostungen rund um den Wein. Im Starterblock ist es eng. Marathon und Halbmarathon werden gemeinsam gestartet.

 

 

 

Sommerliche Temperaturen an der Weinstraße

 

Schnell geht es aus dem Ort hinaus und man kann frei laufen. In den Weinbergen ist es heiß. 20 Grad waren ja angesagt, aber die Wärme ist ungewohnt, der Frühling kommt unvorbereitet. Die Temperaturen werden von vielen nach dem langen Winter unterschätzt. Ich weiß, es sind 500 HM zu bewältigen, und die werde ich  jetzt auch ganz gemütlich bewältigen.

Die schmale Gasse der Fußgängerzone von Grünstadt ist cool. Wer hier an den Frühstückstischen der Cafés sitzt, hat diese Stampede à la Karl May nicht erwartet und schaut uns verwundert nach.  Der erste Verpflegungsstand kommt für die HM-Läufer völlig unerwartet. Panik bricht aus, so wie immer bei solchen Läufen.

Nach Grünstadt wird es extrem sonnig. Weite Blicke in die Ferne, oh wie liebe ich das. Links schaut man bis zum Odenwald und rechts bis zum Pfälzer Wald, wo es die schmackhaften Wildschweine gibt. Das  entschädigt auch  für diese Mühe zwischen den Weinbergen. Wer jetzt erst merkt, dass  Steigungen zu diesem Lauf gehören, der kann bei km 8,7 auf den Halben umsteigen.

Die Strecke hat was! Grelle Frühlingssonne und  anspruchsvolle langgestreckte Steigungen, wir müssen alle kämpfen! Die Verpflegungsstellen sind nun dringend nötig. Die Temperatur in den Weinbergen und auf dem Asphalt ist fast unerträglich. An jeder Stadion gibt es Wein, natürlich auch Wasser, Iso und Obst. Die meisten Läufer nehmen jetzt das Tempo raus, zu hart sind die heutigen  Bedingungen, zu verlockend der regionalen Spezialitäten an den Verpflegungsständen.

Endlich geht es abwärts. Auf einer Verkehrsinsel entdecke ich ein schönes Kunstobjekt: sieben Strahlen aus Stein über der Rheinebene, dahinter glänzen die folienbedeckten Spargelfelder im Dunst der kilometerweiten Ebene. Das ist wunderbar, das ist geil, das mag ich. Das ist mein Marathon, es geht abwärts.

 

Treffpunkt Verpflegungsstelle

 

Komischerweise trifft man an den Verpflegungsstellen immer dieselben Läufer. Und viele Läufer kennen die Zuschauer, die an den Café-Tischen sitzen. Die Stimmung ist super, das ist mein Marathon,  das mag ich.

Der Kurpark in Bad Dürkheim ist voller Blütenpracht. Wir laufen am Gradierwerk vorbei, nach einem Brand wird es gerade wieder aufgebaut.  In der 333 Meter langen und bis zu 18 Meter hohen Anlage werden rund 250.000 Reisigbündel zu Wänden geschichtet. Über diese Reisigwände rieselt Salzwasser, um so zu  verdunsten. Die salzhaltigen Tröpfchen haben einen positiven Einfluss auf Lungen und Bronchien, zusätzlich wird die Luft in der unmittelbaren Umgebung durch die Verdunstung gekühlt. Also ideales Laufrevier.

Hin und her geht es jetzt. Bei km 23 setzte letztes Mal der heftige Hagelsturm ein, der mich an meine Grenzen brachte, da ich zu knapp angezogen war. Heute schafft mich die brütende Hitze. Es sind mehr als 25 Grad jetzt um die Mittagszeit und ich kippe mir die Getränke (mit Pfälzer Geschmacksverbesserer) hinunter.

Gemütlich sind die Anstiege nach Kallstadt nicht, aber allemal besser als jetzt beim Sonntagsbrunch zu sitzen. Gabi Gründling moderiert hier oben und wundert sich, dass ich außer Atem bin.

Die erste außergewöhnliche Erfrischung bietet Dackenheim an: Es gibt Riesling aus Schwämmen. Ich verweile einen Augenblick und dusche in dem  feuchten Nass, da kippt Dr. Hoffmann tot um. Vergiftet. Da scheint der Edelwinzer Achim Hellinger seine Finger im Spiel gehabt zu haben. „Weinstraßenmord“ heißt der Pfalz-Krimi von Markus Guthmann. Der Tatort ist genau an dieser Rieslingtränke. Witzig!

 

 

 

Zurück in den Weinbergen

 

Zurück in den Weinbergen seh ich den Heiko, wie er da total relaxt mit seiner Freundin im Gras liegt und die schwitzenden Läufer betrachtet. Mann! Der hat´s gut! Ich mache schnell ein Foto, tippe mit dem Zeigefinger an die Stirn und laufe weiter.

Zurück in der Fußgängerzone von Grünstadt, es ist ruhiger geworden. Wenige Zuschauer, aber die sind besser drauf als heute Morgen. Wenn man bei km 38 ins Tal schaut, dann kann einem der Mut vergehen, denn auf der anderen Seite muss man wieder hoch. Aber vorher gibt es die beste Verpflegungsstation mit Live-Mucke!

Danach kommen uns schon die ersten HM-Läufer mit umgehängten Medaillen entgegen, aber für uns wird es jetzt nochmal verdammt hart. Wir quälen uns den endlos steilen Anstieg hoch. Dort, bei km 40, liegt die Doris faul in der Sonne und wartet auf ihren Mitläufer. Eigentlich hat sie Recht! Es ist Frühling und Wein gibt es noch reichlich im Ziel! Hang-Loose! Kurz vorm Ziel werde ich noch per Handschlag von Vanman Jochen Heringhaus begrüßt.

Hach, es war wieder mal ein schöner, aber harter Lauf bei kondenzstreifenfreiem blauem Himmel. Die Duschen werden von der Bundeswehr mit Diesel-Durchlauferhitzer auf angenehme Wärme gebracht und im Festzelt ist gute Stimmung. Was will man mehr?

Ein bisschen traurig bin ich, weil ich bei der Vorabend-Party nicht dabei war. Darauf muss ich nun wieder 2 Jahre warten, denn der Marathon an der Deutschen Weinstraße macht immer ein Jahr Pause.  Weihnachten ist öfter!

 

 

Informationen: Deutsche Weinstraße Marathon
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