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Laufberichte

Mit Speck fängt man Läufer

 
Autor: Joe Kelbel

 

Das Wasserwerk hatte einst die Stadt Bonn und die Bäder entlang des Ufers  mit Rheinfilterwasser versorgt. Ab 1958 wurde Bonn aus der Eifel mit Wasser versorgt, das Wasserwerk stillgelegt. Ab 1986 tagte hier der Bundestag, da der alte Plenarsaal abgerissen werden musste. 

Am Rheinufer weist ein großer, roter Anker auf das Gebäude. Er hat den wundervollen deutschen Namen „L`Allume“ und wurde von Mark di Suvero errichtet. Berliner und Stuttgarter werden seine Großplastiken kennen. 

Nun kommen wir an einer anderen Großplastik vorbei, am Hochhaus des Hauptsponsors Deutsche Post DHL. In nur zwei Jahren (2000-2002) wurde das größte Hochhaus außerhalb Frankfurts gebaut, gegen den Stimmen der Oppositionspartei CDU. Das erwähne ich nur, weil es in Frankfurt immer andersrum war. Auch in 2002 war es, als die Deutsche Post die amerikanische Firma DHL übernahm. Deren Logo ist nun sichtbar, es sind die Anfangsbuchstaben der Gründer Dalsey, Hillblom und Lynn. Von diesem Hochhaus aus gab es die ersten Drohnenflüge, die Medikamente über den Rhein transportierten. Der Postbetrieb auf die Nordseeinseln soll demnächst genauso erfolgen. 

 

 

Wir sind jetzt in der Petra-Kelly-Allee. Das erinnert mich daran, dass Politiker nicht immer einen natürlichen Todes sterben. Ludwig Erhard, der zweite Bundeskanzler Deutschlands, starb mit 80 Jahren, sein Außenminister hieß übrigens Gerhard Schröder. Dieser Schröder gehörte aber zur CDU.

Links von der Ludwig-Erhard-Allee ist die Rheinaue. Der Zuschlag, hier die Bundesgartenschau 1979 auszurichten, rettet das ehemalige Auengebiet vor dem Bau einen riesigen Bürokomplexes. Ein großer Bürokomplex ist jetzt Caesar, ein Forschungsinstitut der Max-Plank-Gesellschaft. Hier stand einst eine amerikanische Barackensiedlung. Meine Mutter war Dolmetscherin und ging dort zum Friseur, weil Hochfrisuren en voque waren. En vogue (in Welle) war damals auch diese französische Warze, die sämtliche Friseusen auf der Oberlippe hatten. Es war für mich eine schreckliche Zeit. Zwischen Frauenzeitschriften und Schönheitswarzen wartete ich, bis meine Mutter aus der Trockenhaube entlassen wurde. Es war eine Zeit zum Weglaufen. 

Der Wendepunkt unserer Strecke ist an der Mittelstraße. Meine Großeltern bekamen nach der Vertreibung hier eine Wohnung zugewiesen. Wenn wir jetzt weiterlaufen würden, dann wäre das die frühere Streckenführung des Marathons, die damals (also lange nach der Vertreibung) noch bis Mehlem ging. Dort kämen wir zu dem Haus, das wir nach einer Party komplett renovieren mussten. Wenn die Jugend von heute so cool wäre wie wir damals, dann gäbe es heute keine globale Erwärmung.

Bei km 17  kommen wir in den Bereich der Siedlung Vicus Bonnensis, des zivilen römischen Bonns. Hier lebten im 2.Jahrhundert mindestens 10.000 Menschen. Die Ausgrabungen an der Dahlmannstraße wurden vom Investor Hyndai finanziert, der hier 2006 das Kongresszentrum baute. Dieses Gebäude, wie auch die der Deutschen Welle und der Vereinten Nationen, werden nie einen Pokal gewinnen können. Die Cheerleaders, die uns auf die Spendenmatte lotsen, schon. Ob jemand weiss, wofür er mal wieder spenden soll? Es wird für einen guten Zweck sein.

Wir biegen ab auf die B9. Diese wichtige Straße führte schon mitten durch Vicus Bonnensis und verband Koblenz mit Köln,  die beidseitigen Fußgängerwege waren damals überdacht. Für uns steht eine großzüge Absperrung zur Verfügung. Zu meiner Zeit sperrte man dieses Gebiet mit Panzerwagen ab. Heute genügen wieder Streifenwagen. 

Vor dem Palais Schaumburg das zwei Meter große Denkmal für  Konrad Adenauer. Das Palais ist immer noch (Zweit)-Wohnsitz der Bundeskanzlerin. Bei der Größe des Palais fällt bestimmt eine enorme Zweitwohnsitzsteuer an. Zunächst fallen jede Menge Magnolienblüten ab und ich von den 4:30 Pacern, als ich für ein Foto abbiege. Danach kommt die Villa Hammerschmidt, für die der Bundespräsident Zweitwohnsitzsteuer, oder Drittwohnsitzsteuer zahlen müsste. 

Das naturkundliche Museum Koenig ist Stöberrevier meiner Jugend. Die Villa Hammerschmidt gehörte einst dem Unternehmer Leopold Koenig. Sein Sohn Alexander  promovierte 1884 im Fach Zoologie. Als er heiratete, schenkte ihm sein Alter dieses Großgebäude, in dem nun das Museum ist. Im obersten Stockwerk fing Alexander  an, ausgestopfte Tiere zu sammeln, bis die Inflation 1923 sein Erbe auffraß und das Gebäude an den preussischen Staat ging. 

Wir befinden uns auf der Diplomatenrennbahn, wie die Strasse zur Bonner Regierungszeit hieß. Kurz hinter dem Auswärtigen Amt, was immer noch so heißt, sitzen die Burschen der Rhenania Xy mit Ledersesseln und Eiskübel auf der Fahrbahn. Die 4:30 Luftballons und damit Conny und Katharina verschwinden nun logischerweise endgültig aus meinem Sichtfeld. 

 

 

Kurz Zeit später, wirklich nur sehr kurze Zeit, starte ich eine Aufholjagd, fliege am Hofgarten vorbei. Die Straße am Neutor führt genau auf das Bonner Münster zu. Alles ist gelb hier, denn es ist die Basis der Postläufer. Ich gebe weiter Gas, laufe über den Münsterplatz, wo wieder ein guter Bruce dudelt, kämpfe mich durch den Duft gebratenen Specks und laufe…nein, ich muss noch eine Runde laufen und sterbe vor Hunger. Es ist Mittagszeit.

Rechts in der Sternstrasse wäre jetzt der Zieleinlauf. Wir laufen geradeaus, und na klar, links ist das Beethovenhaus. Mein 10 Meter-Abstecher für ein Foto des Geburtshauses des großen Meisters lässt Zuschauer, Security und Läufer aufschreien. Ich werde regelrecht eingekreist und dann auf den rechten Weg geführt. Mit offenen Mündern bleiben japanische Touristen stehen, als sei gerade der Mann mit dem Hut verhaftet worden. 

Mit dem „Anstieg“ zur Kennedybrücke beginnt die zweite Runde. „Joe, du musst auch mal schreiben, wieviel Höhenmeter die Strecke des Bonn Marathons hat!“ Also: die zweite Runde, ist absolut identisch mit der ersten, hat aber bedeutend mehr Höhenmeter. Ich lasse mich deswegen zurückfallen, um Kräfte zu sparen. 

Ich spare nun wirklich Kräfte. Da ich kaum noch Fotos schießen muss, brauche nicht mehr links und rechts zu flitzen und kann mich endlich mit den Leuten am Straßenrand unterhalten.
Etwas mehr als 2 Stunden später bin ich wieder auf der Beamtenrennbahn, biege vor der Hofgartenwiese ab und laufe durch die riesigen sonnengelben Aufbauten der Post. 

 

 

„1000 Meter bis zum Ziel“. Nun endlich rechts rum in die Sternstraße. Sie hieß bis zur Neuzeit Pisternenstrasse (von lat: pistrina= Bäckerstrasse), die Anfangssilbe liess man irgendwann weg. Die Straße wird von schmalen Häusern gesäumt, es sind die mittelalterlichen Grundstücke.

An vielen Gebäuden sind mittelalterliche Häusernamen angebracht. Erst die Franzosen, die Bonn 1794 bis 1814 besetzt hatten, führten die Hausnummerierung ein. Erkennen kann ich nichts davon, obwohl beim Laufen neue Gehirnzellen gebildet werden. So bleibt die Anzahl der Fotozäpfchen gleich. und die richten sich nun auf das gelbe Zielgelände. 

 

 

Der Zieleinlauf ist klasse. Vor mir Michèl, rechts die Tribüne, überall Cheerleader mit Glitzerzeug. Nagut, bin ein wenig spät dran. Das merke ich dann auch im Rewe-Dorf. Über 13600 Läufer haben vor mir die Marathonfrikadellen vertilgt. In der Ergebnisliste stehe ich  auf Platz 715. Darauf dann mal ein Erdinger Alkoholfrei! 

 

 

 

 

Marathonsieger

 

Männer

 

1 Kosgei, Edwin (KEN)      02:16:08     
2 Lemma, Siyoum (ETH)      02:27:53     
3 Dr. Mohamed, Rity (MAR) 02:31:44     

 

Frauen


1 Kiprona, Prisca (KEN) 02:46:26     
2 Bachar, Faiza (MAR)     03:05:01     
3 Günther, Marlen     03:10:35     

884 Finisher

12
 
 

Informationen: Deutsche Post Marathon Bonn
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