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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (44)

 
Autor: Klaus Duwe

"Für uns alle ist in dieser schwierigen Zeit das vorherrschende Thema das Corona-Virus, von dem momentan noch niemand weiß, wie die weitere Entwicklung sein wird. Durch die exponentielle Ausbreitung des COVID-19 sehen wir uns schweren Herzens gezwungen, den elften Brixen Dolomiten Marathon und die 2. Auflage des Dolomites Ultra Trail und LadiniaTrails vom 4. Juli 2020 abzusagen …" Solche Mitteilungen überraschen längst nicht mehr.

Bei den ersten Auflagen des Brixen Dolomiten Marathons war ich noch selber am Start, danach fast jedes Jahr als Fotograf an der Strecke. Neben der Teilnahme am Premierenlauf, der ja immer etwas Besonderes ist, weil man nicht weiß, was einen erwartet, ist mir der Lauf von 2012 ganz besonders in Erinnerung. Deshalb habe ich diesen Bericht für den Rückblick ausgewählt.

Alle Laufberichte und viele Bilder vom Brixen Dolomiten Marathon
gibt es hier auf

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Im Land der bleichen Berg

 

Es ist schön zu sehen, wie eine Idee in die Tat umgesetzt wird und sich zur Erfolgsgeschichte entwickelt. Wer die Strecke von Brixen hinauf zur Plose einmal gelaufen ist, zweifelt nicht daran, dass es  weiter aufwärts geht mit dem Brixen Dolomiten Marathon. Aber eine attraktive Strecke alleine reicht nicht, um sich gegen die Konkurrenz vor allem der Schweizer Bergmarathons zu behaupten. Das wissen die Verantwortlichen, allen voran Christian Jocher, selbst aktiver Marathonläufer, und Brigitte Salcher vom Tourismusverein sehr genau. Deshalb heißt ihre Devise: Kontinuierliche  Weiterentwicklung und Verbesserung.

Bei der dritten Auflage macht man in diesem Jahr gleich mehrere Schritte vorwärts. Das Veranstaltungszentrum ist komplett auf den Domplatz, dem Wohnzimmer von Brixen, umgezogen. Open Air schmeckt die Pasta gleich noch mal so gut.

Zum ersten Mal werden am Freitag Kinderläufe in die Veranstaltung einbezogen. Und, das nicht nur neu für Brixen, sondern für ganz Südtirol, ein Frauenlauf über 4,2 km.  Alle sind mit großer Begeisterung dabei.  Nicht nur für die Organisatorinnen ist dieser Lauf absolutes Neuland, auch viele der Teilnehmerinnen  stehen zum ersten Mal an einer Startlinie. Da ist es gut, dass es zunächst nicht um Zeiten und Platzierungen geht und ohne Chip gelaufen wird.

 

 

Und dass es nicht überall als Finisher-Getränk  Prosecco gibt, werden die Neulinge auch noch erfahren. Denn viele sind auf den Geschmack gekommen und werden demnächst auf diversen Teilnehmerlisten erscheinen.   Auch der Hauptlauf macht die Organisatoren stolz. Insgesamt haben sich über 600  Läuferinnen und Läufer aus 15 Nationen für den Marathon und für die 4er-Staffel angemeldet.

 

Geschichtliches

 

Brixen liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Brenner und Bozen. Sie ist die älteste Stadt Tirols und mit 20.000 Einwohnern die drittgrößte in Südtirol. Über viele Jahrhunderte war die Stadt am Eisack sehr einflussreicher  Sitz von Fürstbischöfen, die bis 1803 auch deutsche Reichsfürsten waren.  Einer von ihnen, Bischof Poppo (der Bayer),  wurde 1048 sogar zum Papst gewählt. Allerdings war er nicht lange Kirchenoberhaupt, denn nach nur 24 Tagen starb er an Malaria. Man hält es auch für möglich, dass er von Anhängern seines Vorgängers (Benedikt IX.) vergiftet wurde.

Zum Fürstbistum gehört seit jeher der im 13. Jahrhundert erbaute Dom, die ranghöchste Kirche in Südtirol. Nur wenig später (1260) wurde die Hofburg , damals Bischofsburg, erbaut. Viel älter ist die 1038 geweihte Pfarrkirche St. Michael.  Außerdem umrahmen das  Rathaus und weitere historische Gebäude den Domplatz, von dem enge, romantische Gassen und die berühmten Laubengänge ausgehen.

 

Meteorlogisches

 

Für die Bauern in Südtirol ist Heuwetter, wenn es richtig heiß ist, so wie jetzt. Morgens wird gemäht,  mittags gewendet und abends die Heuernte eingefahren. Für die Urlauber ist das dann Badewetter. Und für die Läufer? Ihr könnt es Euch denken. Bergwetter ist das nicht. Es sei denn, man fährt mit der Seilbahn nach oben und setzt sich vor einer Hütte unter einen Sonnenschirm und lässt sich alle 30 Minuten ein Weizenbier bringen.

 

 

Da hilft nur eins: Früher Start. Nach den Erfahrungen des ersten Jahres, wo es ähnlich heiß war, hat man den Start auf 7.30 Uhr gelegt. Außerdem lässt man den Läuferinnen und Läufern reichlich Zeit (8 Stunden) und hetzt sie nicht auf den Berg.  Die Getränke- und Verpflegungsstationen sind so zahlreich und so positioniert, dass auch langsame Läufer völlig ausreichend versorgt werden. Dass man trotzdem immer für alle Fälle etwas dabei haben sollte, braucht man erfahrenen Läufern nicht zu sagen. Auf die sonst in den Bergen für mich obligatorische Wind- oder Regenjacke verzichte ich heute allerdings, denn trotz der Hitze gibt es keine Gewitterneigung.

 

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Bildgalerie aus 2019

 

 

 

 

Logistisches

 

Der Dolomiten Brixen Marathon bietet sich natürlich für einen Kurzurlaub an, den man hier in vielen ausgezeichneten Hotels und Gasthöfen verbringen kann. Für mich ist es immer sehr angenehm, wenn ich am Marathontag keinen Stress mit der Anfahrt und/oder mit der Parkplatzsuche habe. Deshalb bevorzuge ich nach Möglichkeit immer eine Unterkunft in der Nähe des Startplatzes.

In Brixen habe ich da einen tollen Tipp für Euch: Die Hotels Grüner Baum. Die Zimmer sind super ausgestattet und  klimatisiert, ein Frühstück mit allem Drum und Dran gibt es schon in aller Früh und in ein paar Minuten ist man zu Fuß auf dem Domplatz.

Ein Tag, der so beginnt, wird ein guter.

 

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Sportliches

 

Viele Läuferinnen und Läufer sind zum ersten Mal beim Brixen Dolomiten Marathon, manche machen sogar ihren ersten Bergmarathon. Zigmal muss ich erzählen, was das Besondere an diesem Marathon ist. Da sind vor allem zwei Punkte:

Das Streckenprofil: Nach 3 km geht es aufwärts, unaufhörlich. Es gibt zwar zwischendurch einige längere flache Passagen und manchmal läuft man auch bergab. Insgesamt ist der Anteil der Anstiege aber größer als bei allen Marathons, die ich kenne. Das ist auch in den Laufzeiten ablesbar. Ich brauche eine Stunde länger als beim Jungfrau Marathon.

Die Landschaft: Sie entschädigt für die Mühe. Wir sind in den Dolomiten, den schönsten Bergen der Alpen.

 

Der Lauf

 

 

 

Der Domplatz (560 m) liegt im Schatten, es ist angenehm kühl, als es endlich auf die Strecke geht. Schattig ist es auch in den Altstadtgassen. In den Bars wird der erste Espresso des Tages genossen und man sieht etliche Zuschauer. Auch in der Bevölkerung wird der Lauf jetzt schon mehr wahrgenommen.  Links das Kreuztor,  Zugang zur Altstadt, dann die Hofburg. Beim Sportzentrum erreichen wir den Eisack und laufen auf dem bequemen Uferweg bis zur Widmann-Brücke, die uns ziemlich genau am Zusammenfluss von Eisack und Rienz über die Flüsse bringt.  Während der Eisack am Brenner seine Quelle hat, entspringt die Rienz am Fuß der Drei Zinnen.  Der Eisack mündet dann bei Bozen in die Etsch.

An der ersten Steigung lässt man sich nicht lumpen und läuft noch tapfer, dann ist aber hier hinten im Feld Gehen angesagt. Roland, ein Schweizer Urgestein, optisch ein Mittfünfziger, laut Pass aber 77jährig (!), rollt das Feld von hinten auf. Nach sage und schreibe 6:39 Stunden ist er im Ziel.

Ein ungemütlicher Weg führt durch ein kleines Waldstück, dann geht es über Wiesen unterhalb Mellaun (862 m) weiter. Dreihundert Höhenmeter sind bereits geschafft, schöne Blicke hinunter nach Brixen und ins Eisacktal sind der Lohn.

 

 

Weitläufig geht es auf teilweise asphaltierter Straße weiter. Vor einem Bauernhaus sitzt der Senior und weist auf die geöffnete Kellertür, durch die man in einen dunklen und bestimmt sehr kühlen Raum blickt. Die Kantine sei geöffnet und der Grappa vorzüglich, sagt er. Aber er gewinnt keinen einzigen neuen Kunden an diesem frühen Morgen. Weiter oben, beim Schnagererhof, wird dagegen an der bereits dritten Getränkestelle eifrig zugegriffen. Gute zwei Kilometer später  ist man dann an der Talstation der Plosebahn (1067 m) in St. Andrä. Hier wechseln die Staffelläufer.

Auf dem Wanderweg 4 ist man in 4 ½ Stunden auf der Plose. Aber unsere Aufgabe ist es nicht, auf kürzestem Weg den Hausberg der Brixner zu erklimmen, sondern auf einer Distanz von 42,195 km. Deshalb weichen wir auch nach dem steilen Wiesenweg von der Wanderroute ab und nehmen die Forststraße ins Aferer Tal.

 

 

Im Wald sind die Temperaturen immer noch angenehm, manchmal weht sogar ein leichter Wind. Nein, kalt sei ihr nicht, sagt das Mädel an der Getränkestelle, dick in einen Kapuzenpulli gehüllt. Dann ist das gute Stück wohl neu und die Hübsche wird damit auch gleich abgelichtet.

Die meisten Wege beim Brixen Dolomiten Marathon sind nicht steil. Aber in meiner Leistungsklasse kann man sie halt trotzdem nicht laufen. Daher kommen die Zeitunterschiede zu manch anderem Berglauf.  Ab km 17 allerdings, wenn man oberhalb St. Jakob ins Aferer Tal kommt (1570 m), beginnen ca. 7 km purer Genusslauf mit kaum Höhendifferenz und nur harmlosen Steigungen.  Schade nur, dass die Berge, Peitlerkofel und Geisler, nur schemenhaft zu sehen sind.

Die Straße führt ostwärts zum Würzjoch (2003 m), einem kleinen Pass zwischen Gadertal und Eisacktal, den vermutlich schon die Römer nutzten. In den kleinen Dörfern und Siedlungen des Tales leben gerade mal 600 Menschen, meist von der Landwirtschaft und vom Tourismus.  St. Georg (1504 m), den Hauptort, erreichen wir bei km 19.

 

 

Etwas oberhalb liegt Palmschoss, wo es einmal ein Lungensanatorium gab und in den 1960er und 70er Jahren einen Nato-Stützpunkt. Viel wichtiger ist aber heute noch, dass 1952 ausgerechnet  ein Weinhändler auf die Idee kam, das Wasser einer bereits viele Jahre vorher entdeckten Quelle untersuchen zu lassen. Wegen seiner Qualität und seiner hervorragenden Eigenschaften ist das Plose-Wasser noch heute ein Erfolgsprodukt und nicht nur in Südtirol weit verbreitet.

Ich sage ja, Heuwetter! Es duftet nach dem würzigen Viehfutter. Aber mit der Romantik ist es vorbei. Wo früher die ganze Familie beim Mähen, Wenden und Einfahren im Einsatz war, sind heute Bauer und Bäuerin auch am steilsten Hang mit schwerem Gerät bei der Arbeit. Was jetzt hier gewendet wird, ist heute Abend in der Scheune. Erst wenn sich dann die ganze Familie bei Speck und Käse, Vinschgauer Brot und einem Roten zusammensetzt, wäre ich gerne dabei. Bis dahin ist mir mein Job lieber.

Ungefähr zwei Kilometer geht es auf der Passstraße in Richtung Würzjoch. Nicht ein Auto begegnet mir auf diesem Abschnitt. Trotzdem sind Carabinieri zur Sicherheit an der Strecke. Apropos Sicherheit: Die Strecke ist permanent ausgeschildert, am Veranstaltungstag gibt es zusätzliche Markierungen. Jeder Kilometer ist gekennzeichnet, in kurzen Abständen stehen Helfer, Feuerwehr und/oder Sanitäter. Ich fühle mich sicher.

 

Almblumen-Wanderung

 

 

Hinterafers heißt die letzte Siedlung, danach verlassen wir die Passstraße bei km 25. Gleichzeitig hat das gemütliche Joggen ein Ende. 350 Höhenmeter  sind auf 3 km zu bewältigen. Ich nenne diesen Abschnitt heute „Almblumen-Wanderung“. Zunächst ist kein Läufer in Sichtweite. Ich bin alleine und genieße es. Niemand treibt mich an, niemand bremst meinen langsamen Marsch noch mehr. Am Wegrand blüht es bunt, noch schöner sind die noch unberührten Wiesen. Die Stille ist fast vollkommen. Nur manchmal hört man von der Ferne den sonoren Klang einer Kuhglocke. Außer noch dem summenden Geräusch der Mücken ist nichts zu hören. Manchmal nehme ich mir zuhause auf meine Laufstrecke das Radio mit. Nie würde es mir aber einfallen, mich auf einem stundenlangen Lauf wie diesem mit Musik oder anderem von diesen Eindrücken abzulenken.

Tatsächlich kann ich zwei Marschierer einholen. Einer von ihnen, Gabriele, schwächelt wohl nur vorübergehend. Als ich mich bei der  Peitlerknappenhütte (1970 m) niedersetzte, um dem „Clou“ der jungen Musiker zu lauschen, zieht er auf und davon. Nur Felix und Renato bleiben künftig in meinem Blickfeld.  Allerdings traue ich Felix nicht mehr viel zu. Er hängt mächtig in den Seilen. Aber die Einheimischen sind zäh. Felix kommt aus Brixen.

Die Wolken geben die Spitzen der Geisler jetzt frei. Bizarr erheben sie sich über den riesigen Schutthalden. Zwischen dem Peitlerkofel, dem Wahrzeichen des Brixen Dolomiten Marathons, und der Geisler-Gruppe liegt das Villnösstal, die Heimat von Reinhold Messner. Noch weiter südlich, hinter den Geislern und der sich anschließenden Raschötz-Alm liegt das Grödner Tal, über dem sich der Langkofel majestätisch erhebt. Später sehen wir auch die Hochfläche des Schlern. Ich erinnere mich noch gut an Luis Trenker, der mit seinen Büchern und Filmen und seiner unnachahmlichen Art zu erzählen, seine Heimat bekannt gemacht hat. In seinem Geburtsort St. Ulrich ist er begraben.

 

 

Jeder sieht jetzt, weshalb man die Dolomiten „Land der bleichen Berge“ nennt. Der Name kommt von dem französischen Geologen Dolomieu, nachdem auch das charakteristische Dolomitgestein benannt ist.

Wir laufen den Panoramaweg westwärts, also genau entgegengesetzt zu unserem vorigen Weg durchs Aferer Tal und ca. 400 – 500 m höher.  Kein Baum spendet mehr Schatten. Unterhalb der Gampenwiese liegt die Schatzerhütte (1984 m), in einer kleinen Senke, wir verlieren fast 100 Höhenmeter, die Skihütte. Die Höhe macht die Hitze erträglich, außerdem funktioniert die körpereigene Klimaanlage bestens. Manchmal geht ein leichter Wind und so wird ohne eigenes Zutun zusätzlich ein Ventilator aktiviert. Ehrlich, mir ist in den Bergen die Hitze lieber als Regen, Wind und Kälte.

Ich könnte die herrlichen Berge pausenlos fotografieren, mal mit Blumen, einem Brunnen, einer Kuh oder nur so. Meine zwei Mitstreiter habe ich aus den Augen verloren. Dafür taucht aus dem Nichts ein Italiener auf, der es aufgrund seiner Statur eigentlich nicht dürfte.  Na ja, ich revanchiere mich doppelt und überhole bei der nächsten Verpflegungsstelle gleich zwei Kollegen. Sechs oder sieben Kilometer mag dieser traumhaft schöne Weg sein. Dann ist Kreuztal erreicht, Bergstation der Plose-Bahn (2048 m) und eine weitere Verpflegungsstation mit allem, was man braucht.

 

 

Ab hier gäbe es bei schlechtem Wetter eine Alternativstrecke zur Plose-Hütte. Hoffentlich muss sie nie gelaufen werden. Nicht dass sie nicht schön und anspruchsvoll wäre. Ganz im Gegenteil.  Aber weil wir auf der „normalen“ Strecke ca. 400 m unter dem Gipfel bleiben und die Laufrichtung nordwärts wechselt, schauen wir jetzt statt in die Dolomiten wie aus der Vogelperspektive hinunter ins Eisacktal und nach Brixen und gewinnen völlig neue Eindrücke. Am Horizont erkennt man im Sommerdunst die Stubaier und Zillertaler Alpen. Unser Weg ist nur ein schmaler Pfad, mal wurzlig, mal steinig, mal zentimeterdick mit Kiefernnadeln gepolstert. Hauptsächlich führt er uns durch einen gigantischen Garten prächtig blühender Alpenrosen.  Das muss man einfach gesehen haben. Deshalb die Bemerkung mit dem „hoffentlich …“.

Obwohl, auf den letzten Kilometern kann man das durchaus anders sehen.

Aber zunächst wird die Ochsenalm erreicht (2085 m), ein herrlicher Aussichtspunkt und von St. Andrä aus ein beliebter Weg auf die Plose. Es empfiehlt sich, an der Verpflegungsstelle das volle Angebot in Anspruch zu nehmen, nicht nach oben zu schauen und stattdessen den Blick nicht von dem Weg zu nehmen. Wer meinen Rat nicht befolgt, sieht in unendlicher Entfernung ein Kreuz und darunter zentimetergroß kleine bunte, bewegliche Punkte. Jetzt gibt es welche, die wollen wissen, ob das der Gipfel sei. Die ehrliche Antwort lautet dann: „Nein, den sieht man von hier nicht!“ Ich kenne mich aus, lasse mich aber gerne auf dieses Frage- und Antwortspiel ein und mir Mut zusprechen.

Die Helfer, die wie Cowboys auf dem Zaun sitzen und ein Bierchen trinken, frage ich, ob das ihre Hauptbeschäftigung  sei. „Wir haben unsere Arbeit gemacht“, sagt der eine. „Was man von Dir nicht sagen kann“, sagt ein anderer. Dabei zeigt er mit dem Finger in eine ganz bestimmte Richtung.  Der Mann mit dem Hammer, den man an einen anderen Zaun gebunden hat, bleibt stumm. Sein Werkzeug spricht deutliche Worte.

 

 

Erst holt mich Felix ein. Wo hat der Kerl plötzlich die Kraft her? Als mich wenig später auch Renato einholt, muss ich auch den ziehen lassen. Ich bin platt. Jeder Schritt tut mir weh. Nur ganz langsam komme ich vorwärts. Immer wieder bleibe ich stehen.

Wie ist der Mensch gestrickt? Warum habe ich vergessen, dass hier die letzten 3 Kilometer weder ein lockeres Schaulaufen noch ein kraftvolles Spurten sind, sondern eine Schinderei  mit 400 Höhenmetern? Plötzlich ist alles wieder da. Mir graust’s. Ich nehme mir vor, es nie wieder zu vergessen. Überhaupt, ich werde nie wieder einen Bergmarathon machen. Ich denke an Berlin, an London und an Rom. Leute, das sind Läufe, ich kann es Euch sagen.

Schafe kommen mir entgegen. Ich darf stehen bleiben. Menschen sehe ich keine. Es ist ja Heuwetter. Sehe ich unten in der Häusermenge das Schwimmbad? Das türkisfarbene Viereck muss es sein.  Warum musste ich mit dem Laufen anfangen? Schwimmen ist viel schöner. Mühsam und nach endlos langer Zeit erreiche ich das Wetterkreuz. Die Hälfte der Höhenmeter ist geschafft. Die zweite Hälfte ist nicht ganz so brutal. Bis auf das letzte Stück. Wenn’s hier eng wird, hilft der Helmut, der Clubpräsident persönlich.

Wo zaubert hier in der Wildnis bei gnadenloser Hitze die Bergwacht ein eiskaltes Red Bull her? Ich träume nicht, greife zu, kippe die Brause in mich hinein und spüre, wie sie sich augenblicklich im ganzen Körper verteilt. Ich schwöre Euch, die Leute bezahlen mir keinen Cent für das, was ich Euch jetzt sage. Der Erfinder des Werbeslogans muss im Rausch gewesen sein. Er muss erlebt haben, was er aufgeschrieben hat. Genau wie ich. Ich laufe nicht, ich fliege. Erst Felix bremst mich. Von Krämpfen geplagt, geht er stocksteif dahin. „Versuch locker zu traben, das ist besser.“ Er probiert’s, es geht. Ich laufe weiter.

 

 

Den Prachtblick auf die Dolomitenberge nehme ich noch mit, dann kommt mir Christian Jocher entgegen. „Darf ich Dich begleiten?“  Er darf.  Den Zieleinlauf hat ein genialer Künstler gestaltet. Wie gemalt liegen der Peitlerkofler und die Geisler Gruppe vor Dir. Du läufst eine Kurve, kommst auf den blauen Teppich, der Fotograf drückt ab und jeder Finisher ist vor dieser einmaligen Kulisse verewigt.

 

 

Ich werde gefeiert wie der Sieger. Und wie diesem vor über vier Stunden  hält man auch mir gleich das Mikrofon unter die Nase. Wie es gelaufen sei, will man wissen. „Na ja, die Frage ist nicht richtig gestellt. Sie müsste lauten: Wie ist es gegangen. Und darauf würde ich dann sagen: Gut!“

Dieser alte Angeber.  Eben noch am Jammern, jetzt schon wieder die große Klappe. Ich garantiere Euch, der vergisst die Schinderei erneut und ist nächstes Jahr wieder am Start.

 

 

Auf Wiedersehen beim Brixen Dolomiten Marathon am 3. Juli 2021

 

Informationen: Brixen Dolomiten Marathon
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