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Laufberichte

Immer eine Reise wert

 

Mein zweiter Berlin Marathon steht auf dem Programm. 1996 hatte ich Judith mit öffentlichen Verkehrsmitteln begleitet, 2016  war ich erstmals selbst in der Bundeshauptstadt am Start.  Ich hatte  bis dahin schon etliche Marathons absolviert und glaubte alles erlebt zu haben, was es bei einem Citymarathon in dieser Größe zu erleben gibt. Weit gefehlt, die Stimmung an nahezu der ganzen Strecke des Berlin Marathons war einfach umwerfend und unvergleichlich.

Daher mein Wunsch, den Lauf noch einmal zu genießen. 2019 meldete ich Judith und mich bei der Startplatzlotterie an, wir hatten Glück und bekamen beide einen Startplatz zugeteilt. Pandemiebedingt fiel der Lauf aus, eine Ummeldung auf 2021 war aber ohne Probleme möglich. Nur die Generali-Ausfallversicherung war so frei, nochmals eine Police in Rechnung zu stellen.

Trotzdem: Alles passt wunderbar, ich finde ein schönes Hotel in der Stadtmitte und kann auch noch einen DB-Gutschein, natürlich auch aus 2020, für eine günstige ICE-Fahrt verwenden. Für unseren Berlin-Aufenthalt  wollen wir uns etwas mehr Zeit gönnen, sodass wir am frühen Freitagnachmittag schon auf dem Weg zur Marathonmesse am ehemaligen Flughafen Tempelhof  sind. Berlin-Tempelhof war einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands und nahm 1923 den Linienverkehr auf. Bis zu seiner Schließung im Oktober 2008 war er neben Tegel und Schönefeld einer von drei internationalen Verkehrsflughäfen im Großraum Berlin.

Vor dem Gebäude findet die 3G-Kontrolle statt. Die meisten Schalter sind Geimpften und Genesenen vorbehalten. Der QR-Code wird gescannt und der Name mit dem Ausweis verglichen. Dann gibt es das blaue Berlin-Marathon-Bändchen, welches nun zusammen mit dem grünen Band aus Riga mein Handgelenk schmückt.

93% geimpfte Teilnehmer wird die Presse vermelden, wobei nur von der WHO genehmigte Impfstoffe gezählt werden. Alle übrigen SportlerInnen können vor Ort einen kostenpflichtigen PCR-Test vornehmen lassen.

 

 

Durch die Schalterhalle, die ich früher mal in Betrieb erleben durfte, geht es auf das Rollfeld. Mehrere „Rosinenbomber“ aus der Zeit der Luftbrücke werden wir heute sehen. Bevor es  Abfluggates gab, hatte man hier ein Stahldach über den Teer verlegt, unter dem die kleinen Maschinen regengeschützt parken konnten. Wir gehen in einen Bereich, der mit großen Holztoren geschützt ist, quasi ein Hangar. Dort befindet sich die großzügig angelegte Messe. Natürlich präsentieren sich diesmal bei weitem nicht so viele Anbieter wie gewohnt, aber die Sponsoren sind da und einige weitere Ausrüster sowie Veranstalter anderer Städtemarathons.

In der nächsten Halle dann die Startnummernausgabe. Ich gerate an Steffen, einen waschechten Berliner, der sich sehr darüber freut, dass ich Deutsch spreche. Offensichtlich sind am Freitag viele internationale Starter in Berlin angekommen. Einheimische werden dann wahrscheinlich erst am Samstag anreisen.

Judith und ich bekommen unsere Startnummer, einen durchsichtigen Plastiksack - alternativ hätte man auch einen sogenannten Poncho als Wärmespender für den Zielbereich buchen können - und am Ausgang eine Berlin-Marathon-Umhängetasche mit den versprochenen Sponsoren-Gadgets. Die Tasche ist meines Erachtens Gold wert: Ganz groß steht dort „Berlin Marathon 2021“.  Da kann man sich das „Finisher“-Shirt sparen. Sonst noch: ein „Sebamed“-Duschgelpröbchen und drei Info-Zettel. Sieht nach schwierigen Zeiten für Sponsoren aus….

Letztendlich finden wir auch den Ausgang, der nicht so optimal gekennzeichnet ist. Mein Eindruck der Startnummernabholung: Perfekter Ablauf, keine Wartezeiten und äußerst freundliche und gutgelaunte Helfer.

Was macht ein erfahrener Marathoni am Tag vor dem Lauf? Ausruhen. Hatten wir auch vor und sind prompt in den Tierpark gefahren, der für seine unendlichen Weiten bekannt ist. Normalerweise befördert eine kleine Transportbahn fußkranke oder geh-unwillige Besucher, aber in Zeiten von Corona ist die nicht in Betrieb.

Das Informationsheft des Marathons beantwortet übersichtlich alle Fragen. Da gibt es viele Tipps für die Anreise und den Ablauf im Startbereich. Der Start des Marathons ist auf 9:15 Uhr festgelegt. Es gibt acht Startblöcke, die in Wellen auf die Strecke geschickt werden. Block G nimmt die Läufer mit Zielzeit 3:45 bis 4:15 auf, Block H die langsameren und auch die Neulinge.

Judith und ich sind in Block G gut aufgehoben und werden um 10:05 Uhr starten. Von der U-Bahn Potsdamer Platz ist es noch ein gutes Stück zu gehen. Unendlich viele Teilnehmer sind um 8:30 Uhr unterwegs. Aber auch hier gilt: perfekte Informationen an den Straßen und immer hilfsbereite Informanten unterwegs. Vor dem Reichstagsgebäude unzählige Zugangskontrollstellen. Es geht aber auch hier ohne Wartezeit: Bändchen, Startnummer und ein kurzer Blick auf die durchsichtige Tasche, dann sind wir drinnen.

Wer zum ersten Mal teilnimmt, sollte trotzdem etwas mehr Zeit einplanen. Es gibt eine zentrale Kreuzung im Tiergarten, von der die meisten Wege zu Startbereichen abzweigen, die Zelte für die Taschenabgabe liegen auch hübsch verteilt. Auf diesem zentralen Knoten kann es eng werden. Toilettenhäuschen gibt es viele mit langen Schlangen davor. Im Nachhinein kann ich berichten, dass an der Startaufstellung weitere Häuschen in ausreichender Zahl stehen. Ein perfekte Idee.

 

 

Wir sind 40 Minuten vor unserem Start im Block. Jeder Block hat eine Videoleinwand und perfekte Beschallung, sodass man sich die Wartezeit auch mit Bildern von der -  auf Rekordkurs befindlichen -  Führungsgruppe und Infos zum Ablauf verkürzen kann. Viele Mexikaner und Thailänder sind um mich rum, dazu natürlich SportlerInnen aus den üblichen europäischen Ländern. Die sonst immer stark vertretenen Chinesen fehlen vollständig.

Nach dem Start von Block F werden wir langsam nach vorne geführt. Judith trifft Eva, mit der sie beim Bratislava-Marathon auf dem Treppchen stand. Heute wird die slowakische Sportlerin Dritte in der AK 70 werden. Generell sind die SiegerInnenzeiten in den AK unglaublich schnell. Hier ist wirklich die Elite am Start.

 

Es geht los

 

Um uns in Stimmung zu bringen,  probieren wir unter Anleitung des Moderators gemeinsam den isländischen „Huh“-Schlachtruf, bekannt von der Fußball-EM 2016. Funktioniert ganz gut und schon geht es los. Kein Gedränge und die „Straße des 17. Juni“ nimmt auf ihren vielen Spuren die Teilnehmenden locker auf. Es geht auf dem Großen Stern um die Siegessäule mit der „Goldelse“ herum. Wir laufen nach Westen. Die Strecke ist einfach erklärt: Es wird eine große Runde gelaufen, mit einer Einbuchtung bei Start und Ziel. Der ehemalige Osten Berlins wird dabei etwas stiefmütterlich behandelt, wie unser Sportsfreund Henry meint, der so alt ist wie ich, seine Jugend aber auf der anderen Seite des „Eisernen Vorhangs“ verbracht hat.

Und etwas ist ganz wichtig: Der Marathon verläuft zu 95% in großstädtischem Wohngebiet und nur zu 5% im Park, quasi bei Start und Ziel. Für einen Freund von Stadtmarathons also das Nonplusultra.

Die Bebauung  geht  bei Kilometer 1,8 los, quasi nach dem Start im Tiergarten. Von oben hören wir das Pfeifen einer S-Bahn. Wahrscheinlich grüßt uns auf diese Weise ein Läufer, der heute arbeiten muss. Am Hochhaus der Technischen Universität drehen wir nach Nordosten und sehen die Viertel Wedding und später Moabit. Es riecht nach Brathähnchen. Keine Marathonverpflegung, sondern ein Grill direkt an der Strecke. Die erste rote Klinkerkirche, die Heilandskirche.

Die Mitglieder des Jubilee-Clubs erkennt man an ihren grünen Startnummern und den Schildern auf dem Rücken mit der Anzahl der absolvierten Teilnahmen am Berlin Marathon.  Zehn müssen es mindestens sein, um in den illustren Kreis aufgenommen zu werden, der garantierte Startplätze ohne Verlosung und weitere Vorteile bietet. Ich halte ein Schwätzchen mit meinem Nebenmann. Für ihn wäre es heute die 40. Berlin-Teilnahme, wenn es denn keine Pandemie gegeben hätte.

 

 

Der Name auf der Startnummer ist so groß gedruckt, dass ich mich nicht zu wundern brauche, wenn dauernd eine „Judith“ in meiner Nähe angefeuert wird. Bei Kilometer sechs geht es an der bekannten JVA Moabit vorbei. In dem denkmalgeschützten Gebäude haben  971 Häftlinge Platz. Schon jetzt befinden sich viele Zuschauer an der Strecke. Dafür sorgen das Wetter mit Temperaturen über 20 Grad und die Tatsache, dass Wahlsonntag ist.

Weiter geht’s mit dem Regierungsviertel auf dem Spreebogen und zwei Spreebrücken mit den entsprechenden Höhenmeterchen. Eigentlich wäre es doch mal nett, wenn die Bundeskanzlerin an die Strecke käme. Aber nix da. Dafür stellt die Schweizer Botschaft ein großes Aufgebot an feiernden Eidgenossen, die mit Fähnchen und Kuhglocken für Stimmung sorgen. Das Gebäude ist hier das einzige Haus, das den Bombenhagel im 2. Weltkrieg überstanden hat. Am Abgeordnetenhaus vorbei und dann weiter in den Osten der Stadt. Auf den Friedrichstadtpalast zu, dann links ins Gebiet mit den Altbauten am Prenzlauer Berg.              

Bei Kilometer 10 ändert sich das Ambiente, jetzt grüßt der Sozialismus. Die Führung der DDR wollte seinerzeit eine moderne Stadt kreieren und so finden sich hier hinter dem Alexanderplatz breite Straßen und viele Hochhausblöcke. Kurz danach sehen wir den Strausberger Platz mit Springbrunnen und zwei Wohnhochhäusern. Hier wurde in den 1950er Jahren eine Prachtstraße im stalinistischen Stil erbaut. Henry meinte, dass in den modernen, großen Wohnungen einfache Arbeiter der DDR leben durften. Ein letztes Mal über die Spree, es geht nach Süden. Vor mir ein Läufer mit „Free Britney“-Aufdruck auf dem Hemd. Es geht um die Sängerin Britney Spears, die wegen psychischer Probleme vor Jahren unter die Vormundschaft ihres Vaters gestellt wurde und diesen Zustand unbedingt beenden will. Ich erkundige mich bei Judith nach dem Namen des Bayern, der als Folge  eines Justizirrtums  jahrelang in der Psychiatrie festgehalten wurde. Gemeint ist Gustl Mollath, doch der Läufer neben mir tippt vorschnell und ungefragt auf den ersten Bayern, der ihm einfällt, nämlich „Markus Söder“.  Aber will der nicht heute Bundeskanzler werden? Würde vielleicht wollen, aber offiziell kandidiert er nicht.  Fragen über Fragen... Ja, Marathon kann viel Spaß machen!

In der Heinrich-Heine-Straße eher weniger Zuschauerzuspruch. Man sitzt auf den Balkonen in der Sonne und schaut uns zu. Dann modernere Häuser. Die stehen auf dem ehemaligen Todesstreifen, kurz danach erst die Doppelreihe Kopfsteine, die den Verlauf der ehemaligen Mauer markieren. Dann steigt gefühlt die Stimmung an der Strecke.

Km 15, Kottbusser Tor. In meiner Jugend das Zentrum des Punks. Heute sieht es hier recht schmuddelig aus. Hinter der Hochbahnstation wartet der unermüdliche Marathon-Begleiter Michel auf uns. Dann auf den schönen schnurgeraden Kottbusser Damm: Viel Stimmung und Multikulti, wie man an den Läden sehen kann. Das Highlight ist sicher der Hermannplatz an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Eine U-Bahn-Kreuzung mit dem ersten direkten Verbindungsgang zu einem Kaufhaus weltweit. Vor dem Krieg war der im amerikanischen Hochhausstil gehaltene Komplex ein Magnet für die Berliner. Besonders auch die Partyzone auf den beiden Hochhäusern mit Blick über die Stadt. Links der große „Sri Ganesha“-Hindutempel.  Spenden sorgen für seine stetige Erweiterung. Danach der Volkspark Hasenheide, der hin und  wieder für negative Schlagzeilen sorgt.

 

 

Wieder eine Vier-Kilometer-Gerade auf der Gneisenaustraße, diesmal nach Westen. Überall sieht man diese roten Backsteinkirchen, hier ist es die Kirche am Südstern. Für mich sehen alle gleich aus, weshalb ich  vermute,  wir laufen im Kreis, aber wer weiß das so genau. Die Stimmung an den U-Bahnhöfen nimmt immer noch  zu. Langsam erkenne ich Zuschauer an ihren Gesichtern wieder oder Insignien wie  Hasenohren, Fähnchen, Herzchen und ein Schild, auf dem eine Dame die Kilometer bis zum Ziel anzeigt. Noch soo weit?

Km 20, wieder eine Verpflegungsstelle. Anders als in der Infobroschüre vermerkt, gibt es an den großen VPs nicht nur Wasser, sondern immer auch einen Energiedrink, Bananen und Apfelstücke. Alles von unzähligen orange gekleideten Helfern angereicht. Becher soll man in die bereitgestellten Mülleimer werfen, dann werden sie wiederverwertet. Das klappt leider nicht immer so gut, denn die Eimer stehen zu dicht bei den Tischen. Man müsste die Becher also einwerfen, bevor man ausgetrunken hat oder länger vor den Mülleimern stehen bleiben. Es gibt auch die Möglichkeit, sich eigene Behältnisse aufzufüllen, quasi ein Müllvermeidungsprojekt und für mich beim nächsten Mal einen Versuch wert. Dazwischen gibt es weitere Wasserstellen, sodass ungefähr alle drei Kilometer Verpflegung und/oder Erfrischung angeboten wird, was bei den heutigen Temperaturen sehr zu begrüßen ist. 

 

Halbdistanz

 

Unter vielen verrosteten Eisenbahnbrücken hindurch. Früher waren oben Gleise, jetzt ist hier ein schöner Park entstanden. Scharfe Kurve nochmals nach Süden bei Km 21. Wieder eine Band, die gerade Pause macht. Wieder rufe ich „Pause machen könnt ihr später noch genug“ und wieder fliegen mir keine Notenständer an den Kopf, sondern die Musiker lachen.

Das ist vielleicht ein kleines Manko: Statt der üblichen 80 Musikgruppen, eine Zeitung sprach sogar von 90, gibt es in diesem Jahr nur 20 Standorte mit Trommelgruppen, Bigbands  etc.  Der Veranstalter wollte hier kein zu hohes Ansteckungsrisiko eingehen. Aber es gibt ja auch viele Privatleute, die Lautsprecher auf dem Balkon haben oder ihre Kochuntensilien kaputtschlagen. Die jungen Damen, die 2016 auf einem Balkon für stimmungsvolle Beschallung sorgten, sind ebenso feierbereiten älteren Herrschaften gewichen.  Die Mädels wurden vermutlich alle weggeheiratet - oder konnten sich die Miete nicht mehr leisten. Apropos: Heute sollen die Berliner zusätzlich zur Bundestagswahl über die Möglichkeit abstimmen, die großen Wohnungsbaugesellschaften zu enteignen. Dann gilt es noch das 19. Abgeordnetenhaus von Berlin zu wählen und die zwölf Bezirksverordnetenversammlungen...

Bei diesem Pensum ist es kein Wunder, dass man Leute an den Wahllokalen anstehen sieht. Das ist doch ein Foto wert. Am nächsten Tag wird in der Zeitung zu lesen sein, dass in zwei Bezirken die Wahl ins Stocken kam oder Wahlwillige unverrichteter Dinge nach Hause gingen, weil die falschen Formulare angeliefert worden waren. Für die Wahlleitung musste der Marathon als Sündenbock herhalten, da die Straßensperren eine zügigere Anlieferung  der richtigen Wahlzettel verhindert hätten. Ein interessanter Versuch, vom eigenen Versagen abzulenken. (Inzwischen hat die Landeswahlleiterin ihr Amt zur Verfügung gestellt.) Ob das lange Anstehen nun an den erdrückend vielen Wahlmöglichkeiten liegt oder am akuten Formularmangel: Wenigstens haben die Wartenden hier das Glück, von Alphornbläsern unterhalten zu werden.

 

 

Nächstes Highlight: das Schöneberger Rathaus. Der ehemalige Sitz des Regierenden Bürgermeisters war in der Nachkriegszeit Schauplatz von Großkundgebungen und Staatsbesuchen. Hier versammelte man sich 1989 am Tag nach der Maueröffnung, und hier hielt Kennedy anno 1963 seine berühmte „Ich bin ein Berliner“-Rede – vor wesentlich mehr Menschen, als sich heute hier eingefunden haben.

Das schöne Wetter lockt zur Nachmittagszeit weitere Leute auf die Straße. Und wieder zwei rote Kirchtürme. Die Trommelgruppen sind zur Abwechslung in Aktion anzutreffen. Leider sehe ich nur wenige Shirts aus fremden Ländern. War immer nett, ein Laufhemd von einer Stadt zu sehen, die man kennt und von einer Veranstaltung, an der man selbst teilgenommen hat. Heute eher Fehlanzeige. Auch das schwarze Finisher-Hemd aus Berlin wird hinten keinen Aufdruck tragen. Lediglich ein blaues italienisches Trikot fällt auf. Es weist wohl auf einen Laufreisenveranstalter hin.

Am Streckenrand dominieren die Dänen, teilweise in Dänische Fahnen eingehüllt. Ein einsames Europafähnchen sehe ich erst bei den Kroatischen Schlachtenbummlern. Wir kommen zu km 27 und wie eine junge Damen ins Megafon schreit: Jetzt haben wir bald den höchsten Anstieg hinter uns. Außerdem gibt es bei km 27,5 wie immer Geltütchen.

Hier herrscht Vorstadtflair.  Die Häuschen haben nur wenige Stockwerke. Vor einem Altersheim, nun schon das dritte, an dem wir vorbeikommen,  sitzen wieder die BewohnerInnen und sind mehr oder weniger bei der Sache. Da muss ich immer an meine Mutter denken, die ich viele Jahre vor ihrem Pflegeheim an der Strecke in München begrüßen durfte. Da winke ich natürlich wie verrückt.

Kilometer 29,5: Jetzt also zurück Richtung Kurfürstendamm. Stimmung wie gehabt. Inzwischen haben uns auch viele aus der Gruppe H überholt. Und am rechten Rand wird jetzt oft marschiert. Aber die Straßen sind ja konstant breit. Wobei ich schon feststellen muss, dass in Berlin viel gebaut wird. Einige engere Stellen waren schon dabei.

Ich liebe Marathons vor Wahlen, da begegnet man so vielen freundlichen Leuten, die von Plakaten lächeln, die Tierschutzpartei mal ausgenommen.  Und jetzt bei km 32 merke ich endlich, dass Olaf Scholz uns persönlich antreibt: „Du schaffst das – berlinmarathon“. Danke, Herr Scholz, aber warum duzen Sie mich? Egal. Christian Lindner präsentiert sich wie gehabt schwarzweiß mit sorgenvoller Miene. Irgendwann werden die Leser dieses Berichts wissen, wie die Koalitionsverhandlungen ausgegangen sind. Und, Herr Scholz: Nächstes Mal bitte persönlich an der Strecke!

 

 

Eine Cheerleader-Gruppe empfängt uns nach km 33 auf dem Ku-Damm. Im Herzen des westlichen Berlins haben viele Nobelmarken ihre Geschäfte. In der Ferne taucht der Turm der zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf. Auch wenn man sich an den Anblick gewöhnt hat, sollte man nicht vergessen, dass diese Kirche wie auch elf Prozent aller Berliner Häuser im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Ein paar hundert Meter weiter das Kaufhaus des Westens, ein weltberühmter Konsumtempel. Der „Tempel“ in der Mitte der Straße ist die U-Bahnstation Wittenbergplatz. Unten verlaufen fünf Gleise der Kleinprofil-U-Bahn aus dem Jahr 1912.

Kurz danach tauchen zwei Gleise neben uns auf und erklimmen die Hochbahnstation Nollendorfplatz. Noch fünf läppische Kilometer. Am Kulturforum vorbei - die renovierte Neue Nationalgalerie übersehe ich leider - können wir schon fast den Lärm vom Ziel hören.

Für uns steht der Potsdamer Platz, gefolgt vom Leipziger Platz, auf dem Programm. Rechts das Bundesratsgebäude. Vor mir kommt eine Läuferin ins Schwanken. Der 4:15-h-Pacer kümmert sich um sie. Schon kommt Hilfe. Km 40, wir drehen auf Zielkurs. Am Aperolstand vorbei. Ich traue mich nicht zuzugreifen. Also lieber ein Blick auf den Gendarmenmarkt auf der linken Seite.  Das Schauspielhaus von Karl Friedrich Schinkel in der Mitte umrahmt vom Deutsche und Französischen Dom von Carl von Gontard.

 

Endspurt

 

Nach km 41 schwenken wir auf die breite Allee Unter den Linden ein. Das Brandenburger Tor vor uns und die Rufe der unzähligen Zuschauer verleihen zusätzliche Energie. Viele Teilnehmer zücken hier ihr Handy. Hinter dem Tor ist aber noch nicht Schluss. 300 Meter sind es bis zum Zielbogen. Die  Zuschauertribünen sind drei Stunden nach dem Zieleinlauf der Führenden schon ziemlich leer. Rekorde hat es – wohl nicht zuletzt wegen des warmen Wetters - heute nicht gegeben. Judith und ich laufen gemeinsam durch das Regenbogentor. Ein schöner Marathon ist vorbei.

 

 

Ich kann stehen bleiben und noch ein paar Bilder machen. Da wird niemand weitergeschickt. Jeder kann noch mal ein Erinnerungsbild machen. Die Medaille am schwarz-rot-goldenen Band ziert in diesem Jahr ein Porträt von Eliud Kipchoge. Wer möchte, bekommt eine Plastikfolie als Umhang

Getränke, später natürlich alkoholfreies Weißbier aus der Heimat in ungewohnt kleinen Fläschchen. Wir plaudern mit anderen Läufern. Wer will, kann in den Grohe-Duschtrucks Duschköpfe ausprobieren. Als wir nach über fünf Stunden auf dem Heimweg am Brandenburger Tor vorbeikommen, sind immer noch viele Sportler unterwegs, Wahnsinn, diese Umstellung von 6 Finishern beim selbstgemachten Oktoberfest-Marathon zu über 24.000 in Berlin zwei Wochen später.

Und natürlich sieht man am Sonntagabend in der ganzen Innenstadt die Medaille in vielen Restaurants. Auch die Merchandise-Kleidungsstücke finden großen Anklang, vor allem beim ausländischen Publikum. Und ich kaufe  den „Tagesspiegel“ mit der Ergebnisliste.

 

Fazit:

Der Berlin Marathon ist der stimmungsreichste Marathon, den ich kenne. Und zwar über die ganze Strecke. Er verläuft nahezu vollständig durch Wohngebiete,  es gibt viel zu sehen. Viele Highlights der Stadt liegen an der Strecke. Das Preis-Leistungsverhältnis ist bemerkenswert. Die Organisation ist sehr gut und die Helfenden ausnahmslos freundlich.

 


 

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