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Laufberichte

Beim ersten Mal tut's weh

30.09.12

Eine Stadt neu erleben...

 

Ich bin ein Berliner. Klar, viele Menschen haben das schon von sich behauptet, doch ich bin hier geboren, aufgewachsen, bin hier zur Schule gegangen, habe hier studiert und alle Entwicklungen der letzten 28 Jahre miterlebt. Gerade deshalb hätte ich mir nie vorstellen können, was mich die nächsten Stunden auf dem Weg zum Brandenburger Tor erwartet. Direkt nach dem Start kreuzte das Feld den Großen Stern mit der Siegessäule, auf der die Siegesgöttin Viktoria den Läufern den Weg Richtung Ernst-Reuter-Platz wies. Direkt hinter dem Charlottenburger Tor lief das Feld durch den Hauptcampus der Technischen Universität Berlin. Ich weiß nicht, wie oft ich auf meinem Weg zum Diplom-Ingenieur zwischen dem Hauptgebäude auf der linken und dem Mathematik-Gebäude auf der rechten Straßenseite wechseln musste, doch auch hier kam bestimmt der ein oder andere Kilometer zusammen. Die Stimmung, die die Menschen an dieser Ecke machten, ist kaum zu beschreiben.

Am Ernst-Reuter-Platz bog das Feld nach rechts Richtung Moabit ab und bei Kilometer 5 zeichnete sich ein erster Stau ab, denn der erste Erfrischungspunkt näherte sich. Bei Kilometer 6 warteten Natascha, Andrea und Kay das erste und nicht das letzte Mal und alles läuft gut. Auf Berlin-Moabit, ein Bezirk, der vor allem durch die denkmalgeschützte Justizvollzugsanstalt bekannt ist, folgte eine Tour durch das Regierungsviertel mit schönem Blick auf das Bundeskanzleramt, den Reichstag und den Berliner Hauptbahnhof. Von hier aus ging es, begleitet von Jazz- und Blues-Bands sowie Menschen in Kostümen Richtung Alexanderplatz und Strausberger Platz, dem östlichsten Teil der Strecke bei Kilometer 12. Hier wurde ich von kräftigen Bassklängen, die die ganze Straße erzittern ließen, empfangen und wieder war die vom Publikum erzeugte Stimmung einfach unfassbar gut. Soviel positive Energie ist man in dieser Stadt gar nicht gewöhnt.

Von hier aus ging es Richtung Süden durch das Kottbusser Tor, an dem die türkische Gemeinde den Läufern musikalisch richtig eingeheizt hat, bis zum Hermannplatz, wo ich wieder auf Natascha und Familie traf. An der Halbmarathonmarke konnte ich auch mit meiner Mutter abklatschen und es ging wieder Richtung Süden auf einer Schleife vorbei am Rathaus Schöneberg und dem Wilden Eber, der zu einer riesigen Party-Zone umfunktioniert wurde. Von hier sind es noch 14 km bis ins Ziel...

 

Schmerzen...

 

Bei Kilometer 35 erreichte ich die Berliner Gedächtniskirche und vom Kurfürstendamm aus ging es Richtung Potsdamer Platz. Die Stimmung des Publikums war weiterhin großartig, doch meine Beine begannen, Probleme zu machen. Schmerzen in den Muskeln wechselten sich mit Taubheitsgefühlen ab. Ein fataler Gedanke schlich sich in mein Bewusstsein: „Ich kann nicht mehr...“ Aufhören? Alles hinschmeißen? Die letzten neun Monate das Klo runter spülen? So kurz vor dem Schluss? Obwohl, es waren noch sieben Kilometer... Weg mit dem Gedanken, einfach weiter! I

ch schleppte mich vorwärts, ein Bein vor das nächste, aufgeben stand gar nicht zur Diskussion! Bei Kilometer 39 am Potsdamer Platz, dessen beeindruckende Skyline komplett in nur acht Jahren entstand, traf ich zum letzten Mal vor dem Ziel auf Natascha, Andrea und Kay. Die gereichte Cola nahm ich gern und es wurde Zeit, das Rennen zu Ende zu bringen. Den nächsten Kilometer konnte ich noch laufend hinter mich bringen, dann war mir so schlecht und schwindelig, dass ich Angst hatte, zwischen Kilometer 40 und 41 am Gendarmenmarkt dem nächsten Streckenposten vor die Füße zu kotzen. Das wäre das Ende gewesen. Das durfte doch nicht wahr sein... Nein, so wollte ich mich nicht verabschieden.

Weiter, einfach weiter! Ich weiß nicht woher, doch irgendwo steckten noch Reserven, die mir halfen, langsam weiter vorwärts zu kommen. Gehen ist immer noch besser als aufgeben. Ich nahm noch einmal eine Hand voll Power Shots in der Hoffnung, dass das enthaltene Koffein mir hilft, mich noch einmal zu fokussieren. Solange der Kopf mitmacht, können die Beine meckern wie sie wollen. Es waren doch nur noch 1000 m...


 

Die letzten 1000m - pures Adrenalin

 

Neben dem Wunsch, unbedingt ins Ziel kommen zu wollen, war das Publikum auf dem Zielkilometer der Grund, nicht einfach stehen zu bleiben. Diese Stimmung, diese Freude, dieser ehrliche Wunsch, dass man ins Ziel kommt, von Menschen, die man nie gesehen hat und wahrscheinlich auch nie mehr sehen wird, hat mich am Ende getragen. Seinen Namen zu hören oder Sätze wie „Wenn es einfach wäre, würde ich es auch machen“ treiben einen noch mal an. Mehr noch, das Adrenalin, das durch den Anblick des Brandenburger Tores mit diesen Menschenmassen freigesetzt wurde, mobilisierte noch einmal Energien, woher auch immer.

Ich konnte ein letztes Mal loslaufen. Jetzt konnte mich niemand mehr aufhalten, das waren meine letzten 500m, mein Zieleinlauf, mein Moment. Nach 4:55:55 h überquerte ich total fertig die Ziellinie. Als ich mir die Medaille umhängen ließ, konnte ich noch gar nicht fassen, was gerade passiert war, was ich da geschafft habe.

Doch bereits am Nachmittag macht sich ein Gefühl von Stolz breit, denn ich habe eine Grenze durchstoßen, die vor einem dreiviertel Jahr noch unantastbar schien. Die Basketball-Legende Michael Jordan sagte einmal: „Grenzen sind wie Ängste oft nur eine Illusion!“ Wenn ich die letzte Zeit mit all den Erfahrungen Revue passieren lasse, kann ich dem Mann nur zustimmen.

 

Watch out! - Here comes the Spider-Man!

 

Es mag komisch klingen, aber die Wahl der Kleidung half, diesen ersten Marathon wirklich zu etwas ganz besonderem zu machen. Deswegen möchte ich diesem Thema gerne einen eigenen Abschnitt widmen. Ich hatte mir monatelang Gedanken gemacht, was ich beim Marathon tragen werde. Nicht das Wetter oder das Material waren bei diesen Überlegungen vorrangig, ich wollte zum einen erkennbar sein, damit mich Natascha und ihre Eltern in dem Feld finden können und zum anderen etwas tragen, was irgendwie zum Anlass des Tages passte. Wie kaum ein anderes Symbol steht Spider-Man seit meiner frühesten Kindheit für mich für Durchhalten und dass man sich nie aufgeben sollte. Dank eBay fand ich bereits im Frühjahr ein Lauftrikot im Design des Spider-Man-Kostüms und so stand schon sehr früh fest, wie ich an den Start gehen werde. Was ich nicht ahnen konnte, war, was dieses Trikot für Interaktionen mit dem Publikum und dem Läuferfeld hervor rufen würde.

Bereits an der Siegessäule rief jemand aus dem Feld „HEY, DA VORNE IST SPIDER-MAN!!!“ und ich fragte mich, ob ich mir mit dem Trikot einen Gefallen getan habe. Diese Frage sollte sich schnell mit ja beantworten. Klar gab es zwei oder drei spöttische Bemerkungen aus dem Publikum, doch ergaben sich alleine durch dieses Trikot und dem Bekanntheitsgrad der Figur Spider-Man besondere Augenblicke. Es waren so viele Menschen aus allen Ländern und jeder Altersklasse, die mich persönlich angesprochen haben, mir Glückwünsche und Motivationen mitgegeben haben. „Go Spidey!“ „Look there, Spider-Man! Run Christian!“ Viele Kinder waren total erstaunt, plötzlich Spider-Man an sich vorbei rennen zu sehen, und wollten unbedingt abklatschen. „Mama, Mama, da war Spider-Man!“ Und gerade auf den letzten, richtig schmerzhaften Kilometern haben diese Zurufe so gut getan und mich ins Ziel getragen. Etwas Vergleichbares wie diese Atmosphäre habe ich noch nie erlebt und wenn ich könnte, ich würde mich bei jeder einzelnen Person für die Unterstützung bedanken.

 

Laufen für die Helden

 

Bevor ich diesen Bericht abschließe möchte ich noch eine ganz persönliche Sache anbringen. Läufer werden bei großen Halb- oder Marathonrennen gerne zu Helden stilisiert. Ich verstehe nur nicht warum. Was macht mich zum Helden, vor Publikum mir Herz und Lunge aus dem Leib zu laufen. Dadurch bin ich vielleicht ein Vorbild, aber ein Held? Was hebt mich als Läufer auf die gleiche Stufe wie Feuerwehrmänner und Polizisten, die für meine Sicherheit manchmal mehr opfern müssen, als je hätte von ihnen gefordert werden dürfen. Mein Vater verlor sein Leben, weil ein betrunkener Autofahrer lieber anfing, um sich zu schießen, als einzusehen, dass betrunken Auto zu fahren nicht nur ihn selbst gefährdet.

Nach meinem Vater benannt ist die „Volker-Reitz-Stiftung zu Berlin“. Sie steht für schnelle, unbürokratische Hilfe für verunglückte Beamte im Polizei- und Feuerwehrdienst oder, schlimmstenfalls, ihre Hinterbliebenen. Ich widmete den Marathon vorab den Menschen, die in Not geraten sind, weil sie ihre Pflichten über ihr eigenes Wohl stellten und habe gesagt: Sollte ich den Marathon unter 5 h beenden, werde ich pro km 2 € an die Volker-Reitz-Stiftung spenden. Sieht so aus, als müsste ich 85 € überweisen.


Fazit

 

Mein erster Marathon und das einzige Wort, das mir einfällt, ist „Wow!“. Dieses Gefühl nach 42km über die Ziellinie zu laufen ist einfach unbeschreiblich. Eine schöne Strecke, eine super Publikum, wundervolles Wetter. Besser hätte ich mir das erste Mal nicht wünschen können! Der Berlin-Marathon ist eine gute „Einstiegsdroge“ in die Welt der langen Läufe. Ich würde nie jemanden empfehlen, diese Belastung auf sich zu nehmen. Doch wem es in den Füßen juckt, dem kann ich nur sagen: „Mach es!“ Diese Erfahrung will ich nicht mehr missen!

Besonders bedanken muss ich mich bei meinen „Sponsoren“ Andrea und Kay, ohne die die Teilnahme nie zu Stande gekommen wäre. Von selbst hätte ich mich nie angemeldet und die letzten Monate wären komplett anders verlaufen. Bei Natascha für die Unterstützung in dieser Zeit. Bei meiner Mama dafür, dass sie das komplette Jahr bei allen möglichen Rennen als Streckenposten die Strecke sauber hielt. Bei Hübi und allen Angehörigen des Lauftreffs für die letzten Trainingseinheiten, bevor es Ernst wurde und bei jedem, der einfach daran glaubte, dass jemand wie ich eine solche Leistung vollbringen kann.

Das hat so viel Spaß gemacht. Vielleicht ist der Spider-Man auch bald in eurer Stadt!

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