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Laufberichte

Faszination Freiheit

17.08.13
Autor: Joe Kelbel

VP 18 (km 108) Königsweg. Der Königsweg wurde 1730 durch König Friedrich Wilhelm mit königlichen Geldern angelegt, daher der Name; ist scheiss lang und raubt dir die Freude am Lauf.

Um zum VP 19 (km 112) Sportplatz Teltow zu gelangen, laufen wir weg vom Mauerweg, auf der anderen Seite des Teltowkanals Richtung Kleinmachnow. Ätzend, denn auf der anderen Straßenseite kommen mir die schnelleren Läufer entgegen, die schon den VP 19 genossen haben. Cut-Off ist dort 03:00 Uhr, es ist schon dunkel, also etwa 21:30 Uhr. Ich stelle mich unter die Dusche. Zum dritten Mal frische  Klamotten. Etwas Luxus muss sein, ich bin nicht auf der Flucht.

VP 20 (km 119) Osdorfer Straße, Es gab für Fluchthelfer Blanko-Druckbögen für westliche Personalausweise. Ob die Bundesrepublik dort mit verdiente? Viele Inhaftierte wurden jedenfalls von der Bundesregierung freigekauft. Auch Horst Müller, der verhaftet wurde, weil er im Prager Flughafen, dort wo Westdeutsche und Ostdeutsche im Transitraum zusammenkamen, westdeutsche Pässe verkaufte.

Es gab vier Versuche, die DDR mittels Flugzeugentführung zu verlassen. Christel und Eckard begingen nach dem gescheiterten Versuch in Schönefeld Selbstmord.

Es ist Sommer, überall wird gefeiert. Links, rechts, überall in den Dörfern jenseits des ehemaligen Grenzstreifens pulsiert das Leben. “Sie hatte Klasse, gar keine Frage, ich lutschte an ihrem Zeeehehee!” Manchmal nervig, wenn schlechte Musiker gute kopieren, oder Feuerwerk meinen Halbschlaf stört. Auch Duft von Gegrilltem und das Lachen der Mädchen sind nicht förderlich für einen Lauf auf ekligem Grenzstreifen, der im Scheinwerfer so verschwimmt, dass man seekrank wird. Der Radbegleiter vor mir schiebt sein Rad, während sein Laufschützling “läuft”. Ich denke mir, ich bin schneller, aber das rote Licht verschwindet langsam.

VP 21 (km 124) Lichtenrade, schnurgerader Grenzstreifen, super gut zu laufen. Ich rechne mir eine wunderbare Zielzeit aus, da…. SCHEISSE ! FUCK ! Trete ich wieder volle Kanne gegen einen Stein. Noch nie habe ich so geschrien. Unvorstellbarer Schmerz. Ich schicke einen Laufkameraden weg, als er mir helfen will. Ich will jetzt allein sein.

Ganz, ganz dunkles Zonenrandgebiet, dunkelstes Ende von Schöneberg, brutalstes Kopfsteinpflaster, ich humpele hinüber auf die andere Straßenseite, damit mich kein Läufer findet.

Anhand der Straßenbeleuchtung kann ich erkennen, ob ich auf ehemaligen Westberliner Gebiet oder auf ehemaligem DDR-Gebiet liege: der Osten hat elektrische Laternen, der Westen setzte auf Gaslaternen, um im Falle eines Embargos unabhängig zu sein. Denn das Gas wurde aus Kohle hergestellt, die man in großen Mengen bunkerte. Ich starre in eine Gaslaterne und zähle die Mücken. Westmücken also. 

VP 22 (km 129) lange Zeit später.  Kirchhainer Damm. Akribisch wurde jede Grenzverletzung von den DDR-Grenzern notiert: “Vier West-Berliner forderten zur Fahnenflucht auf. Danach zogen zwei Personen die Hosen herunter und zeigten unseren Posten ihr entblößtes Gesäßteil.”

Die Fernschreiber der Regimenter ratterten Tag und Nacht, denn jede Kontaktaufnahme könnte Teil der psychologischen Kriegsführung des Gegners sein. Die Nerven lagen blank. Bei mir auch, ich will weiter.

VP 23 (km 134) Buckower Damm, ich kann wieder lachen. “Ich hab mich für euch hübsch gemacht” sagt mir die Süße, die mir in einer Art Trachtenzeug soweit entgegenläuft, dass mir der Mund offen bleibt: “Willkommen in Groß Ziethen, mein Schatz!” Ich weiß zwar nicht, wo Groß Ziethen ist, aber es gibt Schmalzbrote. “Mit Hügel?” ”Mit Hügel und viel Salz!” Mario pennt, ein Auge offen; hätte nie gedacht, das er noch einmal weiterläuft.

Wir nehmen eine Abkürzung durch Rudow, VP 24 (km 140). Hier begann der 500 Meter lange US-Spionagetunnel, der auf DDR-Seite die Telefonkabel der Sowjets anzapfte. 440.000 Gespräche wurden in 11 Monaten, bis zur Entdeckung aufgezeichnet. Die Tonbänder wurden täglich in die USA zur Auswertung geflogen.

VP 25 (km 144) Stubenrauchstraße. Hier starb Siegfried, ein Angehöriger der Grenztruppen, als er von drei Flüchtenden mit einer Eisenstange erschlagen wurde.

Die Jungs an diesem VP fragen mich, was nach mir kommt. “Nichts! Wirklich nichts!” Ich habe seit Stunden niemanden mehr gesehen. Die kalte Bratwurst mag ich nicht.

Gedenkstehle für Chris Gueffroy, letzter getöteter Flüchtling (5.02.1989). Seine Mutter wird mir in wenigen Stunden die Finishermedaille umhängen, dazu die Back-to-Back-Medaille für die zweimalige 100-Meilen Umrundung.

Aber zunächst geht es vom Teltow-Kanal zum Britzer Verbindungskanal. Der Schrecken der Nacht ist vorbei, VP 26 (km 150) Sonnenallee.

Auch durch Abwasserkanäle wurde geflüchtet. Die Freudenschreie des letzten Flüchtenden nach dem Bad in westlicher Jauche war jedoch so laut, dass der Tunnel entdeckt wurde.

Es gab einige Kanalfluchten. Der Esplanade-Tunnel mit seinem sauberen Regenwasser war sehr begehrt. Es bildeten sich regelrecht Versammlungen, so dass Durchkriech-Quoten per Los erteilt wurden.

VP 27 (km 156) Schlesischer Busch. Die Mädels hier am Verpflegungsposten sind gut drauf. Es ist etwa 8:45 Uhr, die Musik wummert von unten aus dem Kanal, wo die Fledermäuse die Nacht in den Bars verbracht haben. Rechts der Grenzturm.

“Entsorge den Kaffebecher im Mülleimer!” Ich glaub´s ja nicht! Kreuzberg ist voller zersplitterter Bierflaschen und Volljunkies, die auf die Straße kotzen, und ich soll meinen Kaffebecher vorschriftsmäßig entsorgen? Mir droht Disqualifikation, wenn nicht. 

Die Schlesische Straße pulsiert, da kommen wirklich noch um diese Uhrzeit gutaussehende Töchter aus den Clubs. Ich kann keine Markierung erkennen, hier ist alles vollgeklebt und vollgepappt, abgerissen und vollgesifft. Ein Tropfauge vor der Kneipe mit dem passenden Namen “Kraut und Rüben” lallt: “Da lang!“

Eine Bierflasche zerplatzt klatschend vor meinen Füssen. “Joe, du bist so verfickt coooool!” Anscheinend wirke ich erotisch, wenn mein Name auf der Startnummer steht. Dieses Bier hätte ich eh nicht mehr getrunken.

Der Westberliner Heinz Müller verirrte sich unter Alkoholeinfluss im Sperrstreifen. Zwei Feuerstöße töteten ihn. Der Westen erfuhr erst nach der Wende von seinem Schicksal.

Wolfgang besorgte sich kurzerhand einen echten Panzerwagen der NVA und raste mit Volldampf die Stalinallee (jetzt Frankfurter Allee) hinunter, durch die Mauer. Es wird geschossen, ein Westpolizist erhält einen Querschläger, Feuerschutz. Wolfgang überlebt mit Loch in der Brust.

Die Oberbaumbrücke stinkt gewaltig nach Pisse, es ist keine Laufmarkierung im Dreck der zerbrochenen Bierflaschen und zerrissenen Plakatreste zu erkennen. Rechts scheißt jemand gegen den Pfeiler, von links hält mir jemand ne versiffte Bierflasche entgegen. Ein Zwischending von Mann und Frau lobt mich über den Klee für meine Leistung und versucht mich zu küssen, während sich Glasscherben in meine Sohlen bohren. Oh Berlin, du kannst ganz schön hässlich sein!

Vorbei geht es an der East-Side Galerie. Originalmauer, 1,3 Kilometer lang. Kurioserweise von der Ostseite bemalt, denn die Malerei stammt aus den Jahren 1989/1990. Die Motive werden immer wieder mutwillig überkritzelt. 2009 wurden sie weitgehend originalgetreu neu gemalt. Dies ist eine Hinterlandmauer. Aufgrund der Nähe zur Spree erhielt sie auch die Betonröhre, damit man oben keinen Halt hat. Deswegen sieht sie optisch wie die Vordere Mauer aus.

Die eigentliche Grenze lag am Kreuzberger Ufer, nicht inmitten der Spree. Wer hier am Kreuzberger Ufer badete, der wurde erschossen. Hier war es, wo die badenden Kinder ertranken, 10 bis 13 Jahre alt. Erwachsene wagten sich nicht ans Ufer, da die Ostseite mit Kalaschnikows auf sie zielte. Die Eltern durften die Leichen ihrer Kinder mit Westmark zurückkaufen.

Es geht wieder hinüber nach Kreuzberg. An der Köpenicker Str kommt mir der 100 Meilen Coach Michael Irrgang entgegengefahren, er muss einen seiner Schützlinge  auf die Beine helfen.

Vorbei geht es am “Baumhaus an der Mauer” von Osman Gecekondu. Er gründete seinen Guerilla-Garten auf einer Verkehrsinsel, die zur DDR gehörte. Die Mauer sparte aus Kostengründen die Insel aus. Er bekam mehrfach Besuch von Grenzsoldaten, die dafür eine Tür in der Mauer nutzten. Später erhielt Osman sogar die Genehmigung des Zentralkomites der SED für die Nutzung.

Die St. Thomaskirche ist beeindruckend groß, Kontrast zu den alten  NVA-Lastwagen und DDR-Bauwagen, die das schmuddelige Bild der Rollheimer-Siedlung am Mariannenplatz prägen.

Langsam begebe ich mich auf die Zielgerade. Ich habe zum zweiten Mal den längsten  Lauf meines Lebens geschafft. Mit dem Bericht über diesen Lauf  habe ich eine wichtige Aufgabe übernommen. Meine Eindrücke und Emotionen bei diesem Lauf  rund um die deutsche Hauptstadt bleiben bewusst hinter der Geschichte der Mauer mit ihren Grausamkeiten. “Wenn wir die Geschichte vergessen, holt sie uns ein.”

Von 220 Einzelstartern erreichen 180 das Ziel. Ich liege mit 26:48 Stunden auf Platz 117, erhalte zusätzlich die Back-To-Back Medaille.

Es gewinnen Peter Flock (15:53) vor Federico und Giovanni aus Italien. Bei den Damen: Annette Bahlke (17:13) vor Kerstin Fenzlein und Martina Schliep.

Wer den Mauerweg innerhalb von 24 Stunden schafft, erhält die begehrte Gürtelschnalle

 

Ausblick auf 2014:

 

Termin: 16./17. August .2014, Anmeldung sind ab sofort möglich.

Neuer Startort: Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, Prenzlauer Berg

Übernachtung in der Halle oder mit Sonderkonditionen in Hotels

500 Einzel-Startplätze

4 er Staffel, sowie die Staffel 10 + mit max. 27 Läufer in einer Staffel

In 2015 vermutlich der größte 100 Meiler Europas

 

 
 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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