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Laufberichte

Faszination Freiheit

17.08.13
Autor: Joe Kelbel

Viele Radfahrer, die entlang des naturbelassenen Grenzstreifens die Sonne genießen. Zwei Fahrradjungs haben vom Baltic-Run gehört: “Ach ja, Mauerweg, der ist auch lang! Wo seid ihr denn gestartet? In Magdeburg?”

Autsch, das tut weh, Betonschwelle, ich voll dagegen. Nach der Wende wurde der Kolonnenweg asphaltiert, doch darunter liegen die Betonplatten, deren Nahtstellen aufplatzen. Ich schreie wie am Spieß, meine Achillessehne!

Am VP 7 (km 39) Frohnau stehen Michael Vanicek und Jan Prochaska, die beiden Gewinner der 100 Meilen-Premiere im Jahr 2011. Ich brauche Bier: “Hamm mer nich. Oh, Hey Joe, Du bist´s, geiler Bericht! Klar kriegste Bier! Die Sehne läuft sich dann wieder ein!“ 

Steini zieht vorbei: “Meld dich doch in der Invalidensiedlung an!” Ja, die Invalidensiedlung (1748). Die 50 Häuser stammen von 1938: “Wohnfühlen trotz Handycap.” Handy gehört zur Pflichtausrüstung dieses Laufes und so kann ich mir über ein soziales Netzwerk noch ein kaltes Getränk für die folgenden Kilometer ordern.

Die Aufteilung Berlins in Sektoren wurde 1944 unter den Alliierten vereinbart. Grundlage waren die Bezirksgrenzen, die im Groß-Berlin-Gesetz 1920 umliegende Städte, Gemeinden und 27 Gutsbezirke eingemeindeten, nachdem infolge der Novemberrevolution die Gutsbesitzer enteignet wurden, deren Besitztümer später nach Bau der Mauer die westlichen Exklaven in der DDR bedeuteten. Umgekehrt, die  Exlaven, also Gebiete der DDR in Westberlin, die aus Bequemlichkeit und Kostengründen nicht von der Mauer umschlossen wurden, kosteten so manchen Menschen das Leben, wenn sie nichtsahnend jene Bereiche betraten, die von den Grenzern ohne Vorwarnung beschossen wurden. Wer sein Auto dort parkte, konnte froh sein, es irgendwann mal gegen harte Devisen einlösen zu dürfen.

VP 8 (km 43) Ruderclub Oberhavel, Staffelwechselstation. Werner Sonntag (“Einmal musst du nach Biel”) und die beiden Mädchen, die mich vor zwei Jahren mitten in der Nacht zur Dusche begleiteten.

Die LG Mauerweg hat eine gewaltige Aufgabe zu bewältigen: Jeweils 400 kg Nahrung und Getränke sind auf 27 Verpflegungspunkte zu verteilen. Im nächsten Jahr werden es 800 kg sein, dann gibt es nämlich 500 Startplätze. Bald werden es Tausende sein, die die Geschichte der geteilten Stadt lebendig halten und an die tödliche Grenze mit 54.000 Betonsegmenten, hunderten Kilometern Lichttrassen, mit Stacheldraht, Hundelaufanlagen, 186 Wachtürmen und all die Toten erinnern.

VP 9 (km 48) Grenzturm Nieder Neuendorf. “Schätzelchen machmer Foto!” sage ich zu Maria, die von HaWe begleitet wird, ohne zu ahnen, dass sie in drei Stunden im Krankenhaus sein wird. Der Weg geht entlang der Havel, die Grenze war mittendrin, biegt dann ab in den sandigen Spandauer Forst mit seinen ewig langen Wegen, wo entlang des Weges noch die Pfosten des Stacheldrahtes neben den Grenzsteinen stehen.

VP 10 (km 55) Schönwalde, danach die Exklave Eiskeller. Hier wurde für eine Brauerei Eis aus dem Falkensteiner See gelagert. 20 West-Einwohner lebten hier auf ihren Höfen, umschlossen von DDR Gebiet, nur mit einer 800 Meter langen Straße mit Westberlin verbunden. Im Gebiet Eiskeller lagen verschiedene DDR-Enklaven.

An einer Stehle das Foto eines Jungen aus Eiskeller, den ein Panzerwagen über die 800 Meter lange Straße zur Schule geleitet. Der Schulschwänzer hatte behauptet, DDR-Grenzer hätten ihn entführt, weswegen er nicht zur Schule gehen konnte.

Todesstehle neben Todesstehle an diesem Ort, dessen Grenzen für den Normalbürger undurchschaubar waren. Wir passierten die West-Exklave “Große Kuhlake” inmitten der DDR.

Ich muss jetzt Anja aus Dänemark ziehen lassen, denn ich kapiere nicht den Grenzverlauf, muss fragen. Rechte Straßenseite Kopfsteinpflaster und saubere, große Einfamilienhäuser mit Trampolin in den Vorgärten und Stempel des Bausparfuchses. Linke Seite dreckiger Grünstreifen mit geparkten Autos und zerbrochenen Gehwegplatten vor Kasernenhäusern. Verkehrte Welt. Wo ist Westberlin, wo ist DDR-Gebiet? Auf dem Grenzstreifen sind Prachtbauten entstanden. Die blühenden Landschaften? “Dort am Zaun des Vorgartens war die Mauer”, sagt mir ein alter Mann, der hässliche Bürgersteig ist Westberlin, die Wendeschleifen aus Kopfsteinplaster waren für die Westbusse, die hier umdrehten.

Der Hahneberg ist die Aufschüttung einer westlichen Kiesgrube und überragte wunderbar die Grenzmauer. Steinhaufen aus Basaltsäulen und alten Bruchsteinen inmitten von Schafweiden sind nicht Reste des kalten Krieges, man legte sie für den Steinschmätzer, einer Vogelart der Fliegenschnäpperartigen an. Sehen bisschen aus wie Bachstelzen, hüpfen lustig über die Lauffstrecke und fangen die von mir aufgescheuchten Insekten.

VP 11 (km 61) Falkenseer Chaussee. Ulrich und Egon waren als Grenzsoldaten für die Fahrradstreife eingeteilt (1980). Der 19 jährige Egon schoss Ulrich in den Rücken und floh in den Westen. Der Schuss war tödlich. Egon verbüßte 20 Monate in Westhaft.

Nachtschicht und Alkohol waren der Grund, warum Helmut gegen 15 Uhr aus Versehen mit seinem Motorrad Richtung Grenzbereich fuhr. 10 Meter davor wendete er, fuhr zurück, ohne dass die Besatzung des Wachturmes eingriff. Ein anderer Grenzsoldat jedoch schoss dem wegfahrenden Helmut in den Rücken. Auch nach DDR-Strafgesetzbuch Mord. Der Todesschütze erhielt die Medaille für vorbildlichen Grenzdienst.

Grundsätzlich war es den Westberlinern seit 1952 verboten, das Umland zu betreten, die Stadtgrenze wurde schon damals mit Stacheldrahtzäunen abgesperrt, der Wechsel zwischen den Sektoren jedoch, also auch in den sowjetischen Sektor war weitgehend bis zum Tag des Mauerbaus ungehindert möglich.

Es gab Durchlässe, sogenannte Schleusen, durch die Agenten geschleust wurden.

VP 12 (km 68) Gartenlaube Pletscher, VP 13 (km 72) Pagel & Friends. Laut werde ich von den kleinen Mädchen empfangen: “Die Nummer 5, die Nummer 5!” “Die Nummer 5 ist Joe Kelbel!” ertönt es daraufhin aus dem Lautsprecher. “Was möchtest du trinken?”

Der Flughafen Gatow kam erst am 01.08.45 durch Gebietstausch zur britischen Zone. Wichtiger Ort für Fluchtflüge nach Westen. Eine Kunstpilotin namens Beate Uhse flüchtete von hier mit ihrer Siebel Fh104 nach Flensburg.

 
 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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