marathon4you.de

 

Laufberichte

Faszination Freiheit

17.08.13
Autor: Joe Kelbel

VP 2 (km 11) Behmstraßenbrücke. Hier befand sich auf einer Brache im  Niemandsland ein Gleis, welches von den der französischen Armee genutzt wurde, auf der westlichen Seite der Mauer, aber rechtlich gesehen auf Ostberliner Gebiet. Niemand weiß, warum der Westbürger Lothar hier spazieren ging. Er wurde mit gezielten Schüssen der Grenzer getötet. Wenige Meter weiter wurde Silvio erschossen, die Familie erfuhr erst nach der Wende von seinem Schicksal. Sein Leichnam gilt als vermisst.

Winfried flog mit einem selbst gebastelten Ballon hier über die Grenze, er starb auf Westberliner Gebiet beim Absturz.

S-Bahnhof Wollankstraße, die Mauerbögen waren vernagelt, ideal, um unauffällig einen Tunnel zu gegraben. Aber der ständige Bahnverkehr brachte ihn zum Einsturz.

Die S-Bahn gehörte zur Deutschen Reichsbahn (DDR), die Westberliner boykottierten das Verkehrsmittel. Ein teures Prestigeobjekt der DDR im Westen, und immerhin eine jahrzehntelange Niederlage der DDR.

Die Posten an den Verpflegungsstationen sind angewiesen, auf unsere Fitness zu achten. Attest war ja vorgeschrieben, schützt aber nicht vor der heutigen Hitze. Keule, der Europaläufer macht es vor: “Ich bin der Klaus, mir geht es gut!” Der Satz kommt gut an. Den wiederhole ich jetzt an jedem Posten, auch wenn mich fast alle der 300 Helfer wegen meines 2011er Berichtes kennen.  

Am Friedhof Pankow begann ein sehr effektiver Tunnel unter einer Grabplatte. Erbauer war wieder die studentische Fluchthelfertruppe “Unternehmen Reisebüro”. Der Spiegel brachte 1962 einen Artikel mit der Überschrift ”Der dritte Mann wartete im Grab”. Die Pressegeilheit versperrte weiteren Flüchtlingen den Weg in den Westen.

VP 3 (km 16) S-Bahnhof Wilhelmsruh, dann VP 4 (km 22) Lübars. Steini sagt mir, dass es hier war, als ich 2011 im Tiefdelirium war. Irgendwo im Wald, schreckliche Erinnerungen an eine brutale Unterzuckerung. Der Lauf ging damals entgegengesetzt des Uhrzeigersinns, es war km 138. Wenn ein Arzt da gewesen wäre, dann hätte er mich aus dem Rennen genommen.

Heute, im Sonnenschein, genieße ich den Grenzstreifen. Es ist die pralle, geile Natur, die den Todesstreifen erobert hat. Die leuchtenden Farben, die prallen Früchte der Traubenkirschen, die langen Stauden der Goldähren, die mich vor zwei Jahren genervt hatten

“Hier war es!” ruft Steini an der Brücke, wo seine Kumpels sich durch den Stacheldraht gewühlt hatten. Sehr schöne Ecke, wo jetzt ein totgetrampelter Salamander auf dem Weg liegt. “Das Fließ” ist flach, man kann die kleinen Elritzen über dem sandigen Grund sehen. Die zarten Wasserpflanzen wiegen sich in dem 10 Zentimeter tiefen Wasser. Kaum zu glauben. In 4 Stunden Kleinarbeit kämpften die sich unter Todesangst durch dieses flache Naturparadies.

Adenauer hasste das flache, “sandige, Preußisch- Sibirien”. Er liebte Spalierobst. Ich auch. Besonders wenn ich durch seinen Garten in Bad Honnef lief und die süßen Birnen klaute.

Berlin wurde durch die Rote Armee erobert. Damit die West-Alliierten ihren Anteil gemäß den Verträgen der Alliierten erhalten, wurde Thüringen, Teile Sachsens und Mecklenburgs gegen Westberlin getauscht. Nach dem Mauerbau machte Adenauer den Vorschlag, diesen Tausch rückgängig zu machen. Die USA erwägten sodann eine Evakuierung der Westberliner. Da wohnten meine Eltern aber schon am Rhein.

VP 5 (km 28) Oranienburger Chaussee. An der Überquerung zur Schönfließer Straße, wieder der übliche Ampelstopp, vor uns McDonalds und genau davor die   Todesstehle von Friedhelm. Es ist genau 52 Jahre her: Eine durchzechte Augustnacht. Friedhelm lief, ohne Fluchtabsicht, laut gröhlend Richtung Kolonnenweg, wo ich jetzt stehe. Er hatte diese perverse, unbegreifliche politische Situation satt, zerbrach randalierend die Holzlatten des Hinterlandzaunes, wurde festgenommen und an zwei Posten übergeben, die ihn bäuchlings auf den Boden legten. Einer der beiden Posten schoss Friedhelm, als er aufstand, um im Suff zu protestieren, aus Panik ins Bein. Nur ins Bein. Ein Daumen auf die pulsierende Beinvene, und er hätte überlebt.

In Glienicke gab es drei Tunnels, durch die 53 Menschen flüchteten. Alle drei befanden sich rund um den Entenschnabel, einer Straßenenklave, der wir dieses Jahr nicht folgen.

Als die Familie Aagaard aus den Sommerferien aus der Tschechoslowakei zurückkam, stand direkt an ihrem Haus die Mauer. Auf westlicher Seite der Mauer war ein Abhang, ideal für den Tunnelbau. Es wurde von der Innenseite der Terrassentür nach Westen gegraben, mit bloßen Händen. Der Sand wurde ins Haus getragen und in eiligst aufgezogenen Zwischenwänden versteckt, in Fahrradschläuchen, Fernsehschränken, Kissen, überall. Vom Wachturm konnte man den Aargaards ins Wohnzimmer gucken. Die ganze Familie flüchtete, die Oma wurde auf einer Luftmatratze durch den Tunnel gezogen.

VP 6 (km 32) Naturschutzturm Hohen Neuendorf, Beate hat eiskaltes Bier. Ein  lieblicher Garten unterhalb des Grenzturmes, sehr gemütlich. Krass dagegen die 
Fotos vom ewig breiten Todessstreifen, unbegreifbar die weite Fläche, die nun wild bewachsen ist.

Hier beging Willi Selbstmord, als er von Grenzsoldaten verfolgt wurde. Niedrige Bäume voll mit Mirabellen. Die Früchte liegen leuchtend auf dem ehemaligen Todesstreifen und werden von Schmetterlingen vernascht .

 
 

Informationen: 100 Meilen Berlin
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner
 

Anzeige

Das M4Y-Buch

Das M4Y-Buch bestellen

Aktuelle Print-Ausgabe

Das marathon4you.de Printmagazin