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Laufberichte

Wenn’s gut werden muss

 

Fotos: Markus und Silke Pitz

 

Wer kennt sie nicht: Die langen Kassenschlangen der Heimwerker an den Wochenenden, wenn‘s mal wieder etwas am oder ums Eigenheim zu reparieren bzw. zu gestalten gibt. Selbermachen ist das Gebot der Stunde, soweit es die eigenen Fähigkeiten zulassen. Leider manchmal aber auch ohne diese mit teils fatalen Folgen. Seit 1960 können Kunden ihr Geld z.B. im BAUHAUS lassen, 59 Jahre ist das jetzt her. Schon oder erst, ganz wie man will. Und dann einen Marathon zum Hundertjährigen vom BAUHAUS?

Nun, es gibt tatsächlich ein BAUHAUS in Weimar, exakt in Form des vielen von Euch wohlbekannten Heimwerkermarktes. Aber gerade der ist natürlich nicht die Grundlage für das Marathonereignis dieses Wochenendes. Gemeint ist etwas ganz anderes, nämlich das 1919 von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründete (staatliche) Bauhaus. Etwas völlig Neues entstand dort, weil die Idee eine noch nie dagewesene Zusammenführung von Kunst und Handwerk darstellte.

Das historische Bauhaus stellt heute die einflußreichste Bildungsstätte im Bereich von Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert dar. Es bestand von 1919 bis 1933 (ab 1925 in Dessau und ab 1932 in Berlin) und hat seine Wirkung auch heute noch nicht verloren. 1919 bis 2019 sind nach Adam Riese 100 Jahre, wir befinden uns also auf einer Geburtstagsfeier. Daß diese eben auch sportlich ausfällt, haben wir dem passionierten einheimischen Läufer Helmut Krauß zu verdanken. Da die „Bauhäusler“ auf den Wiesen der Weimar durchfließenden Ilm immer wieder Gymnastik gemacht und sich ertüchtigt haben (wenn auch weniger im Laufen), war die Kombination aus Kultur und Sport geboren.

In und um die mit 65.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Thüringens 42,195 km weit mehr oder weniger zu rennen ist an sich schon eine vernünftige, wenn auch nicht außergewöhnliche Idee. Krauß‘ Knallereinfall war jedoch etwas in der Tat Besonderes: Sport und Kultur schließen sich doch nicht aus, meinte er, eher ganz im Gegenteil. Und so gibt es auf der Strecke die Möglichkeit, sich ohne Zeitverlust interessante Punkte anzusehen. Wie das funktionieren soll? Wartet es ab! Das Konzept hat Markus und mich jedenfalls schnell überzeugt, daher sind wir mit Kind und Kegel bereits am Freitag angereist. Auch wenn wir bei der Einschreibegebühr (ohne Shirt) der ausrichtenden SSC EVENT GmbH, Berlin, von 80 € im Zeitraum Juli bis Dezember 2018 (danach 90 €, Nachmeldung 100 €) schon erstmal geschluckt haben.

 

 

Im Rahmen unserer ausgiebigen Stadterkundung holen wir in der Weimarhalle am UNESCO-Platz unsere Startnummern ab. Irgendwelche Beigaben gibt es keine. Darüber trösten wir uns u.a. in der nach dem Brand wiederhergestellten Herzogin-Amalia-Bibliothek hinweg, die einfach atemberaubend schön ist. Gerade eine Leseratte wie ich fühlt sich direkt zuhause und atmet den Hauch der „Gechichte", wie unser ehemaliger Kanzler zu sagen pflegte, in vollen Zügen ein. Ob der wirklich außerordentlich schönen Stadt sind wir alle schwer beeindruckt.

Nach einem gemütlichen, allerding etwas zu frühen Frühstück stehen wir am Sonntag um 9:00 Uhr direkt vor dem neuen Bauhaus-Museum und scharren mit den Füßen. Der Oberbürgermeister, Peter Kleine, konnte mit Uta Pippig eine ganz besondere Marathon-Legende (PB: 2:21:45 h) für den Startschuß gewinnen (je dreimal hatte Uta in den 90er Jahren die Marathons in Berlin und Boston sowie einmal den in New York gewinnen können). Heute wird sie die Halbmarathon-Distanz in einem angeblich gemütlichen Tempo bestreiten, was auch immer das bedeuten mag (hinterher wissen wir es: 1:41 Std., Gesamtplatz 4 bei den Mädels). Pech für sie: Unmittelbar vor mir übersteigt sie das Absperrgitter, um sich in die Läuferschar einzugliedern, was ihr direkt zum Verhängnis wird, denn ein laufender Reporter krallt sie sich sofort und Markus knipst. Jeglicher (nicht gezeigter) Widerstand ist zwecklos. Eine nette Zeitgenossin ist sie, die Uta.

Vor der Weimarhalle weit hinter uns in der Schlange sehen wir jemanden gut bekannten in Orange wild gestikulieren: Auch der Lautner Anton ist mit seiner Henny vor Ort und läßt sich die örtliche Kultur nicht entgehen. Nach einem guten km kommen wir am Goethe-Schiller-Denkmal vorbei, an dem mir gestern das legendäre Selfie mit dem Titel „Zwei Dichter und ein nicht ganz Dichter“ gelungen war. Die beiden Jungs - also die ganz dichten - bleiben uns in Form ihrer damaligen Wohnhäuser, die wir nacheinander passieren, erhalten. Über den Frauenplan, an dem wir residieren, und das Wieland-Denkmal geht es aus der Stadt heraus. So ist uns vom „Weimarer Viergestirn“ als Vertreter der sog. Weimarer Klassik lediglich Johann Gottfried Herder vorenthalten worden.

 

 

Nach guten drei km haben wir den westlichen Stadtrand erreicht und kommen auf einem Schotter-, später asphaltiertem Radweg erst über den Kirsch- und dann den Stierenbach ins 600-Seelen-Örtchen Niedergrunstedt. Dort erwartet uns die

 

Kulturauszeit 1: Kirche Niedergrunstedt


Kulturauszeit? Ich hatte eingangs erwähnt, daß es unterwegs die Möglichkeit gäbe, kulturell Interessantes zu besichtigen. Klar, nette Sachen gibt es im Vorbeihuschen bei zahlreichen Laufveranstaltungen zu sehen. Hier jedoch kann man das mit relativer Muße ohne Zeitverlust tun. Wie das funktioniert? Ganz einfach: Man überläuft eine Zeitmeßmatte und die Nettozeit wird angehalten. Nachdem der Wissensdurst gestillt ist, überschreitet man die Matte zum zweiten Mal und die Zeit beginnt weiterzulaufen. Klar, übertreiben sollte man es mit den Besichtigungen nicht, aber bei insgesamt max. 7:30 Stunden Bruttolaufzeit sollte selbst wirklich langsamen Läufern etwas Kulturgenuß möglich sein. Höhepunkte aus 100 Jahre Bauhaus auf sich wirken zu lassen ohne auf der Laufstrecke Zeit einzubüßen, das ist das überzeugende Motto.

Was gibt es also hier bei der ersten Kulturauszeit zu sehen? Eine große Brandkatastrophe im Jahr 1707 hatte nicht nur 40 Häuser zerstört, sondern auch die alte Niedergrunstedter Kirche so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass sie neu errichtet werden mußte. Einigen Bauelementen dieses Neubaus zufolge reicht die Baugeschichte bis ins 12. Jahrhundert zurück. So finden sich im Turm Teile gotischer Maßwerkfenster. Um 1726 begann der Neubau im einheitlichen Barock. 1919 malte Lyonel Feininger (1871 - 1956), ein deutsch-amerikanischer Maler, Grafiker und Karikaturist, die Kirche. Mit seinen Arbeiten am Bauhaus seit 1919 gehört er zu den bedeutendsten Künstlern der Klassischen Moderne. Das Bild der Kirche in Niedergrunstedt hängt heute in der Berliner Neuen Nationalgalerie als Dauerleihgabe des Landes Berlin. Vor der Kirche gibt’s verschiedene Möglichkeiten, sich, von Live-Musik umrahmt, malerisch zu betätigen.

Hier läuft der Toni auf uns auf und eine kurzweilige Ratscherei beginnt. Piep, weiter geht’s mit ihm im Schlepptau. Knapp zwei km weiter über freies Feld gelangen wir ins hübsche Gelmeroda, wo uns deren 200 Einwohner die

 

Kulturauszeit 2: "Feiningerkirche" Gelmeroda

 

ermöglichen. Anfang des 13. Jahrhunderts wurden hier die ältesten Teile der Chorturmkirche errichtet, wenige Jahre später der Chor nach Osten erweitert, wo sich bis heute Reste einer mittelalterlichen Seccomalerei aus dieser Zeit finden. Das Langhaus wurde im 14./15. Jahrhundert erbaut, später mehrfach umgebaut. Bis heute umstritten ist, aus welcher Zeit der markante Turmhelm stammt. Möglicherweise wurde er im 16. Jahrhundert auf den Mauern des Chorturms errichtet. Seine Gestalt inspirierte Lyonel Feininger, die Kirche immer wieder zu zeichnen und zu malen, wodurch sie ihren Weltruhm erlangte.

 

 

Den werden Markus auf seinem 100. reinen Marathon und ich wohl nicht mehr erreichen, auch wenn wir verdammt gut aussehen und uns beschwingten Schrittes wieder auf die Socken machen. Und die bleiben erfreulicherweise weitestgehend trocken, denn der seit gestern Nachmittag ununterbrochene Dauerregen hat pünktlich zum Start aufgehört. Allerdings hat’s noch keine zehn Grad, die meteorologischen Rahmenbedingungen sind also als durchaus erfrischend zu bezeichnen. Eingangs des nächsten Dörfchens sind nach erstmaliger Unterquerung der BAB 4 die ersten zehn km abgearbeitet, aber schon droht die nächste

 

Kulturauszeit 3: Kirche Possendorf


Dessen Gotteshaus für heutige 200 Einwohner ist eine erstmalig im Jahr 1289 urkundlich erwähnte Chorturmkirche. Sie ist, zusammen mit dem Dorfteich, Mittelpunkt des kleinen Rundlingsdorfes. Im Abstand von ca. einhundert Jahren lassen sich Umbauten der Kirche nachweisen, wovon auch eine Reihe von Jahreszahlen innen und außen zeugen. Sehr schön erhalten sind mehrere gotische Spitzbogenfenster und eine Piscina (mittelalterliche Ausgußnische für sakrale Flüssigkeiten). Mich beeindruckt vor allem das schöne Triptychon über dem Altar. Die am Feininger-Radweg liegende Kirche diente dessen Namensgeber auch als Motiv. Gute drei ansteigende km Bewegung über freies Feld sind uns vergönnt, da erscheint das nächste Örtchen mit der


Kulturauszeit 4: Kirche Vollersroda


Die Kirche in Vollersroda (das ausnahmsweise einmal keinen Stadtteil von Weimar darstellt) ist ein relativ großer, wuchtig wirkender Rechteckbau, hauptsächlich von 1775 stammend. Offenbar hat die Kirche einen ins Mittelalter zu datierenden Vorgängerbau, wovon eine kleine gotische Sakramentsnische zeugt. Selbstverständlich diente sie ebenfalls Lyonel Feininger mehrfach als Motiv. Innen heißt man uns mit einem Orgelkonzert willkommen. Draußen gibt’s erneut Atzung, die mit kaltem Wasser, später kaltem Tee und noch später auch Bananen recht überschaubar ausfällt. Etwas Warmes vermisse nicht nur ich schmerzlich, die Kaltgetränke schlagen voll auf mein zartes Bläschen durch und verursachen mehrere Auszeiten ganz anderer Art.

Auf dem Weg zum Wachhügel, dem höchsten Punkt des Marathons, trifft man auf die Pferdeschwemme – eine natürliche, wassergefüllte Senke in der Flur des Dorfes. Nach einer Sage befand sich hier ein Rastplatz für Fuhrleute, die ihren Pferden und sich selbst nach der Passage des Buchfahrter Berg stets erst noch eine Ruhepause gewähren mußten, bevor sie das heutige 200-Einwohner-Dorf erreichen konnten. Ruhepausen hatten wir heute bisher wahrlich genug, weshalb es schleunigst weitergeht. Wunderschön ist die uralte Allee, die uns durch eine großzügige Gartenanlage zum barocken Schloß Belvedere führt. An diesem gibt es zwar keine Kulturauszeit, dafür ist es ein echter, seit 2004 top restaurierter Hingucker und seit 1998 als Weltkulturerbe anerkannt. Die


Kulturauszeit 5: Haus Hohe Pappeln


nach 18 km war das private Wohnhaus des belgischen Architekten und Designers Henry van de Velde (1863–1957), der 1902 als künstlerischer Berater des Großherzogs Wilhelm Ernst nach Weimar kam. Van de Velde ließ das Haus 1907/08 nach eigenen Plänen errichten und bewohnte es bis 1917 zusammen mit seiner Frau Maria und den fünf Kindern, wie mir der Führer erklärt, den unser lieber Lauffreund Jörg Schmid aus Arnstadt direkt an mich übergibt. Ich lerne, daß der Begriff von dem kleinen Till, Zwillingsbruder von Tilla, geprägt wurde, denn direkt gegenüber dem Eingang standen seinerzeit hohe Pappeln. Van de Velde verzichtete bewusst auf ornamentalen Zierrat, orientierte sich an der Ästhetik der modernen Industrie und gestaltete das Haus Hohe Pappeln in strenger Nord-Süd-Richtung nach Prinzipien der Zweckmäßigkeit. Innen stellen verschiedene Klangexperimente, mit und ohne Instrumente verursacht, hohe Anforderungen an mein Nervenkostüm. Man muß ja nicht alles toll finden. Hier haben wir wieder Weimarer Stadtgebiet erreicht und sind, knapp vor der Halbzeit und vorbei an wunderschönen Villen, an der


Kulturauszeit 6: Bauhaus-Universität Weimar

 

angekommen, deren Wurzeln im 19. Jahrhundert liegen. Anfangs künstlerische Lehranstalt, erhielt sie später den Charakter einer modernen technischen Hochschule mit zahlreichen bauwissenschaftlichen Disziplinen. Jetzt ist sie wieder eine Einrichtung, in der Kunst und Technik zusammengeführt werden. Seit 1996 trägt die Universität den Namen der bedeutenden Designschule des 20. Jahrhunderts. Natürlich wird sie auch und gerade von innen besichtigt. Schamerrötet verdecke ich an einer Skulptur zweier Liebender wesentliche Merkmale der Umworbenen.

 

 

Für uns bedeutet dies den Einstieg in die zweite Runde, die uns direkt hinter der Herzogin-Amalia-Bibliothek das Stadtschloß beschert. Hier befindet sich das spätere Ziel, an dem der Moderator von mir wissen möchte, wie es mir gefällt und ob ich denn auch die Kulturauszeiten nutzen würde. Ihr kennt die Antwort, ohne sie gehört zu haben. Eine Kulturauszeit ist das Stadtschloß zwar nicht, auf jeden Fall aber ein attraktives Fotomotiv, denn es stellt einen Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Klassisches Weimar“ dar. Wäre es zur Besichtigung im Rahmen des Marathons freigegeben, hätten wir vermutlich vor lauter „Ahs“ und „Ohs“ nicht mehr herausgefunden. Großherzog Wilhelm Ernst unterschrieb hier am 9. November 1918 seine Abdankungsurkunde, wenige Wochen später konstituierte sich in denselben Räumen die erste republikanische Regierung.

Diese Zeit genügte, um einer ganzen Epoche den Namen Weimarer Zeit zu geben. Denn exakt an diesem Ort, und nicht im politisch aufgeheizten Berlin, tagte mit der Weimarer Nationalversammlung als offiziell verfassunggebender Deutsche Nationalversammlung das verfassungsgebende Parlament der Weimarer Republik. Es tagte vom 6. Februar 1919 bis zum 21. Mai 1920. Insofern feiern wir hier und heute nicht nur 100 Jahre Bauhaus, sondern genauso 100 Jahre Weimarer Republik. Von so viel Geschichte und Kultur fast benebelt, überqueren wir die in die Saale mündende, 135 km lange Ilm. Ach ja, die Saale! Wie schön war doch im vergangenen Jahr der Himmelswegelauf, auch der gemeinsam u.a. mit Pitze genossen, gewesen. Durch eine wunderbare Parklandschaft, die für mich als Einheimischer garantiert das Laufrevier schlechthin wäre, gibt’s über Goethes Gartenhaus nach knapp 23 km die

 

Kulturauszeit 7: Haus am Horn

 

Dieses ist wiederum etwas Einzigartiges, denn das sich zurzeit in umfassender Restaurierung befindliche Musterhaus von Georg Muche ist die einzige in Weimar realisierte Bauhausarchitektur. Es wurde zur ersten großen Bauhausausstellung 1923 errichtet. Das Bauhaus, das mit der Berufung von Walter Gropius zum Direktor am 1. April 1919 ins Leben gerufen worden war, schuf mit diesem Gebäude ihr einziges architektonisches Zeugnis in der Goethe-Stadt. „Stretch it like Bauhaus“ lautet hier das Motto, das Mathias Worm wohl wörtlich nimmt, denn er lümmelt nicht nur hier auf den Treppenstufen gemütlich herum. Recht hat er damit. Streß brauchen wir in unserem hohen Alter doch keinen mehr, schon gar keinen selbstgemachten.

 

 

Eine meiner lieben Vereinsfreundinnen, sie bleibt sicherheitshalber ungenannt, würde für dieses Haus tausend Tode sterben, denn sie steht total auf das, was bei ihr heute Kubus-Haus heißt. Und bewohnt natürlich solch ein Paradebeispiel. Ganz ehrlich gesagt ist das meines überhaupt nicht, mir macht man mit einem hübschen Landhaus, z.B. mit Krüppelwalmdach und grünen Fensterläden, eine sehr viel größere Freude. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen oder op Kölsch: Mer moß jönne könne. Mit Lauffreund Klaus „Keule“ Neumann, der mit uns am Frauenplan übernachtet, kommen wir ins Plaudern und haben einigen Spaß zusammen. „Wir legen jetzt einen Viertelzahn zu, Klaus! Findest Du auch alleine weiter?“ „Nein nein, bitte bitte bleibt bei mir!“ hören wir die augenzwinkernde Antwort des u.a. zigfachen Comrades-Teilnehmers.  

Jetzt machen wir doch tatsächlich auch mal Strecke, denn für die nächsten sechs km gibt’s zumindest keinen kulturellen Grund zum Stehenbleiben. Den gibt es allerdings wieder bei km 29 als

 

Kulturauszeit 8: Kirche Mellingen


Die früheste kirchliche Nachricht, die von einem Pfarrer in Mellingen (1.400 Einwohner) spricht, stammt aus dem Jahre 1282. Damals gab es im Ort 2 Kirchen: St. Michael links der Ilm, 1299 erstmals genannt, und St. Georg, früheste Nachricht aus dem Jahr 1333. Diese Kirche stand an der Stelle der heutigen St. Georg Kirche. Mit der Einführung der Reformation wurden die beiden Pfarreien durch Kirchenvisitationen unter Melanchthon zusammengelegt. Reste des Turmes und der Mauern der nach der Reformation verfallenen Michaelskirche waren bis 1843 sichtbar.

Die St. Georg Kirche erlitt im Dreißigjährigen Krieg schweren Schaden. Das Dach wurde vollständig zerstört. Die Gemeinde begann 1667 zunächst mit Reparaturen, gestaltete dann aber in den folgenden Jahren die Kirche völlig um. Auch sie wurde mehrfach von Lyonel Feininger gemalt. Dem hat übrigens der Schweizer Künstler und Architekt Marcel Kalberer 1999 am Südostende Mellingens im Rahmen eines Projektes während der Zeit Weimars als Kulturhauptstadt Europas den sog. Feiningerturm errichtet, den man uns aber vorenthält, durchaus verschmerzbar. Das ist genau das richtige Stichwort, denn pünktlich nach 30 km beginnt’s wieder zu zwicken und zu zwacken, die morschen Knochen wollen heim (gemeint sind die vom zehn Jahre jüngeren Herrn Pitz).

Toni verlieren wir hier leider. Auf einer Straße an km 31 befinden wir uns am südlichsten Punkt unserer heutigen Aufgabe, die allen nach wiederum zweimaliger Unterquerung der BAB 4 den zweiten langen Anstieg beschert, der an km 33 bewältigt ist. Bei km 34,5 kommen wir auf bekanntes Geläuf durch die Parkallee des Schlosses Belvedere, denn hier befanden wir uns bereits auf der ersten Runde (an km 15,5). Glücklicherweise bietet man einem älteren und einem noch älteren Herrn an km 36 die hochwillkommene Gelegenheit einer als


Kulturauszeit 9: Musikgymnasium Schloss Belvedere


getarnten Verschnaufpause. Unter dem Motto „Altes erhalten – Neues gestalten“ entstand 1996 am Rand der Schloßanlage der preisgekrönte Musikgymnasiums-Neubau der Kölner Architekten Thomas van den Valentyn und Seyed Mohammad Oreyzi. Markus verweigert die 29 Stufen ins Obergeschoß und spart sich so die entscheidenden Körner für die finalen km, auf denen er mich, ohne sich auch nur ansatzweise zu schämen, gnadenlos versägen wird.

Das vom Tageslicht durchflutete „Haus im Park“ mit seinen Unterrichtsräumen und einem an antike Stadien erinnernden Konzertsaal versteht sich als Hommage an die Weiße Moderne des 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses, insbesondere an die Ideen und Ideale Le Corbusiers. Dieser war ein schweizerisch-französischer Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner. Als einer der einflußreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts lösten dessen neue Ideen aber auch Kontroversen aus, die teilweise bis heute umstritten sind. Seit 2016 gehören 17 seiner Bauten zum UNESCO-Welterbe.

 

 

Wir jedenfalls entschleunigen hier zum neunten, leider letzten Mal, das aber jetzt sowas von. Das Wiederanlaufen fällt nicht mehr ganz leicht, aber langsam wird es doch absehbar. Nochmals vorbei geht es am Haus Hohe Pappeln (Kulturauszeit 5) und der Bauhaus-Universität Weimar (Kulturauszeit 6), km 40 ist erreicht und damit mein Lieblings-km-Schild. Ihr werdet es nachvollziehen können. Hier hätten wir es nur noch 500 m bis ins Ziel gehabt. Gott sei Dank wissen wir das nicht, deshalb können uns die niederträchtigen Streckenplaner noch auf eine Ehrenrunde durch den Park schicken, bevor wir endlich das Ziel auf dem Platz der Demokratie vor der Nase haben. Auf ihm steht das Fürstenhaus als ehemaliges Schloß, Parlaments- und Regierungsgebäude, das heute die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar beherbergt.

Zwanzig Meter vor der Ziellinie steht unser Toni mit einem hoch erhobenen Bier zu meiner Begrüßung am Absperrgitter. „Mogst oan Schluck?“ Blöde Frage, natürlich mog i, und spontan erkläre ich diesen Moment zur zehnten Kulturauszeit, nämlich der bajuwarischen. Das Volk beeumelt sich, so etwas hat es offensichtlich noch nicht erlebt. Einen erfrischenden Augenblick später bin ich im Ziel und lasse mich mit der höchst individuellen, attraktiven Medaille dekorieren. Eine Plane gegen den Wind drängt man mir nicht auf, vielleicht gab es keine mehr. Egal, dann widme ich mich eben dem üppigen Zielbuffet. Tee gibt es nach knappen viereinhalb Stunden Nettolaufzeit zwar bereits keinen mehr, dafür aber kaltes Wasser und Bananen, da fällt die Auswahl richtig schwer.

Ach ja, es gab doch einen Gutschein für ein Freibier, der ist die Rettung! Markus eilt mit deren zwei zur Ausgabe und kommt gleich darauf ziemlich bedröppelt zurück. Einen Euro Pfand will man von ihm pro Glas. Nur, welcher Läufer hat Geld dabei? Und Pfand für Freibier, das es sonst immer im Becher gibt? Man lernt eben nicht aus, der Toni rettet uns mit einem beherzten Griff in seine Bauchtasche. Fein sind die warmen Duschen, welche die Lebensgeister endgültig wiedererwecken. Jede Menge Fach- und sonstige Simpelei beendet diesen erlebnisreichen Tag, bevor es wieder heimgeht.


„Richtig gut macht richtig glücklich“


„Wenn’s gut werden muss!“ ist für uns bei BAUHAUS viel mehr als ein Qualitätsversprechen, heißt es in der Werbung für das andere, das Bau-Bauhaus. Es sei ein Glücksversprechen. Denn schließlich ginge es um mehr als das reine Bauvorhaben (in unserem Fall sagen wir mal: Laufvorhaben). Es ginge darum, andere oder auch mal sich selbst mit dem Ergebnis richtig glücklich zu machen. Wenn das der Qualitätsanspruch auch an den 100-Jahre-Bauhaus-Marathon war, darf ich resümierend werten: Dieses hohe Ziel wurde in Weimar weitestgehend erreicht. „einmalig. einzigartig. einhundert.“ war das Motto unseres heutigen Laufs.

Vielleicht gibt es ja doch eine Wiederholung? Konzept und Strecke sind Bombe und wenn man das Gesamtpaket mit verbesserter Verpflegung und zu moderater Startgebühr nochmals anbieten sollte, hat der Weimar-Marathon trotz der großen Konkurrenz am letzten Aprilwochenende das Zeug zur Etablierung. 2.022 Jungs und Mädels aus allen 16 Bundesländern und 25 Nationen über alle Strecken im Ziel waren doch ein vielversprechender Beginn und wir ganz sicher nicht zum letzten Mal in dieser schönen Stadt.

 

Impressionen

 

 

 

 

 


Streckenbeschreibung:
Profilierter, weitestgehend verkehrsfreier Kurs mit 471 Höhenmetern. Zielzeit 7:30 Std. inkl. Kulturauszeiten.

Startgebühr:
50 – 80 – 90 -100 € (je nach Anmeldezeitpunkt)

Weitere Veranstaltungen:
Halbmarathon, Staffelmarathon

Leistungen/Auszeichnung:
Medaille, Urkunde (Shirt 20 €)

Logistik:
Kurze Wege, nichts zu meckern.

Verpflegung:
Kalte Getränke (Wasser und Tee) sowie Bananen

Zuschauer:
In der Stadt an vielen Punkten, für eine (Erst?)Veranstaltung durchaus ordentlich.

 

Informationen: 100 Jahre Bauhaus Marathon
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