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„Eine unglaubliche Achterbahnreise der Gefühle“

13.04.11
Quelle: Dorothee Staude

Le Grand Raid – die „Diagonale der Verrückten“: 162 Kilometer, 9643 Höhenmeter, ein Berglauf der Extreme 

 

Der Abenteuerläufer Bernhard Sesterheim spricht  nach seiner Teilnahme an dem Ultra-Berglauf "Le Grand Raid" 2010 im südlichsten Teil Europas auf der Insel Réunion im Interview mit Dorothee Staude über Halluzinationen, nackte Mädchen und den inneren Schweinehund.

Herr Sesterheim, seit über 10 Jahren bezwingen Sie Ultra-Trail-Läufe in der ganzen Welt. Doch ein Berglauf scheint es Ihnen besonders angetan zu haben: die „Diagonale der Verrückten“. Was macht diesen Lauf auf der Tropeninsel Réunion so außergewöhnlich?

Bernhard Sesterheim: „Die Diagonale der Verrückten auf Réunion ist ein Abenteuerlauf der Extreme und an seinem Namen ist ganz offensichtlich auch etwas dran (Er schmunzelt). Die Höhenunterschiede sind extrem und am Allerschlimmsten sind die steilen Abstiege in der Nacht bei Regen und Nebel, wenn man trotz Stirnlampe kaum noch die Konturen erkennen kann und fast zwei Nächte nicht geschlafen hat.“

Wie stellt man sich das Gelände bei diesem Berglauf vor?

„Auch das ist extrem! Die ersten 18 Kilometer läufst du noch auf einer gut geteerten Straße, doch schon bald geht es über schwierigstes Gelände! Durch Aschewüste, über spitzes Vulkangestein, Wurzeln und Geröll. Beim Vulkan habe ich schon den Schwefel in der Lunge gespürt. Später geht es durch dichten Dschungel vorbei an riesigen Wasserfällen und dann wieder durch ausgetrocknete Gebirgsbäche. Bei den Steigungen musst du richtig klettern. Das sind absolut keine Wege mehr!“

Der schnellste Läufer, der Spanier Kilian Jornet hat das Rennen in unfassbar schnellen 23 Stunden und 13 Minuten beendet. Wie sehen Sie diesen Sportler?

„Er ist ein ganz großes Ausnahmetalent, von denen es keine zehn auf dieser Welt gibt. Das ist mir völlig unverständlich! Er ist so los gerannt wie wenn ich einen Stadtmarathon laufen würde. Ein halber Flugmensch! Wie er über Klippen und Abhänge gesprungen ist, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Dabei hätte ich mir alle Knochen gebrochen.“

 
Bernard Sesterheim
© marathon4you.de

So wie Sie es schildern, hört sich das nach einem sehr gefährlichen Rennen an!

Man kann ganz klar sagen, dass das Rennen so wie es hier stattfindet in Deutschland nicht erlaubt wäre. In Sekundenbruchteilen musst du entscheiden, wo du hintrittst. Wenn du nicht hoch konzentriert bist, droht eine Verletzung wenn nicht sogar Schlimmeres. Du kannst dir hier einfach keinen Fehler erlauben. Der Grand Raid straft dich sofort. 2002 ist ein Holländer abgestürzt und gestorben.“

2005 haben Sie den Bad-Water-Ultramarathon in den USA in Death Valley, im Tal des Todes bezwungen.  217 Kilometer bei Temperaturen von 50°C. Sind die Bedingungen dort nicht noch viel extremer als auf Réunion?

„Dieser Ultramarathon findet ausgerechnet im Juli statt, wenn die Temperaturen um die 50°C liegen, aber jeder Läufer wird ständig erfrischt, man bekommt eisgekühlte Handtücher. Anders ist es auch nicht möglich, denn sonst wäre man nach 15 Minuten schon tot.  Aber du läufst ohne Gefahr auf einem Highway, kannst die Augen zumachen und fühlst dich sicher. Und es ist noch nie jemand gestorben. Hier auf Réunion machst du einen falschen Tritt und es ist aus.“

Wie reagiert der Körper in solchen Ausnahmesituationen?

„Da springen einem die Lippen auf, der Magen rebelliert, man bekommt Halluzinationen ohne Ende. Beim Bad-Water-Ultramarathon war ich bei über 40°C und nach 205 Kilometern, kurz bevor es die letzten Kilometer noch einmal 2500 Meter bergauf geht, sehr müde. Die runden Steine neben der Straße wurden vor meinen Augen zu nackten Mädchen mit Beinen, Hintern und Brüsten. Ich war geistig völlig weggetreten wie Odysseus bei den Sirenen, nur festbinden musste man mich nicht. (Er lacht). Aber du läufst eben einfach weiter.“

Diese Ultraläufe wie auch die Diagonale der Verrückten auf Réunion sind ja nicht nur körperlich sondern auch psychisch eine ausgesprochene Herausforderung. Was geht Ihnen beim Lauf durch den Kopf?

„Du durchlebst eine unglaubliche Achterbahnreise der Gefühle, hast immer wieder Phasen, wo du dich gut fühlst wie ein Adler der Lüfte und auf einmal bist du nur noch ein Regenwurm und hast das Gefühl Schlafzuwandeln. Das ist wie eine Reise in eine andere Dimension, wie bei den Gottesläufern der alten Inkas, die nächtelang in den Anden ohne Schlaf unterwegs waren und durch ihre Halluzinationen den Göttern näher kamen. Diesmal habe ich die Äste der Bäume plötzlich als Flugsaurier wahrgenommen. Man macht da wirklich Erlebnisse als hätte man Kriege und Katastrophen hinter sich.“

Die Willenskraft ist neben der Körperkraft also nicht zu unterschätzen?

„Auf jeden Fall, du musst die Bereitschaft haben, Grenzsituationen durchleben zu wollen. Du erlebst einen ständigen Kampf zwischen innerem Gut- und Schweinehund. Diesmal hatte ich nach 50 Kilometern kurz vor der Zeitmessstation starke Müdigkeitserscheinungen, habe hochkonzentriertes Red Bull getrunken. Mein Puls ging hoch und nach zwei Aspirin musste ich mich übergeben. Auf einmal sah ich einen Veranstalterbus. Der Guthund sagte: 'Da kommen noch andere Läufer, du bist nicht der letzte, der Wille kann es doch.' Aber der Schweinehund will dich am Leben halten: 'Steig ein, du hast eine Verletzung, es ist sinnlos, du schaffst es nicht.' Der Bus zog mich magisch an und ich stieg ein.“

Können Sie versuchen zu erklären, was Sie trotz aller Strapazen und Gefahren motiviert hat, diesen Extrem-Berglauf auf Réunion anzugehen?

„Zum einen ist es der Reiz Réunions, die Vielfalt der Landschaften. In Australien brauchst du viele hundert Kilometer, um neue Landschaften zu sehen. Hier hast du Urwald, Aschewüste, Schluchten, Weideland, fast wie ein Kontinent in einer kleinen Insel. Zum anderen ist es der absoluter Flash im Ziel! Jeder Finisher fühlt sich wie im Drogenrausch, hat Highgefühle. Dieses Gefühl im Ziel, etwas ganz Wundervolles vollbracht zu haben, das steckt mehrere Tage in einem! Ein Lottogewinn mit sechs Richtigen ist nicht vergleichbar. Die Tränen rollen, alles ist irrational. Die Bezeichnung „verrückt“ hat schon seine Bedeutung! Die anderen Läufer sehe ich jetzt hier mit Wehmut ins Ziel einlaufen. Ich bin 65, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, das hier nochmal zu machen.“

 
Der Ultra-Cross-Berglauf: die Diagonale der Verrückten

 

„Le Grand Raid“ –  die Diagonale der Verrückten vom 13.-16.10.2011
Die Veranstalter des Grand Raid laden ein zur 19. Diagonale der Verrückten 2011, einer Inselüberquerung, die es in sich hat und jedes Jahr die härtesten Läufer aus aller Welt in ihren Bann zieht! 162 km und mehr als 9600 Höhenmeter (positiv) stellen die Sportler vor extreme körperliche Herausforderungen und zeigen selbst den erfahrensten Ultraläufern ihre Grenzen auf!

Neben dem Grand Raid über 162 km, der sich über drei Tage erstreckt und in einer einzigen Etappe in maximal 66 Stunden zu absolvieren ist, gibt es zwei weitere Bergläufe. Anmelden können sich interessierte Läufer zum 12. Trail de Bourbon vom 15.-16.10.2011, der einen Parcours von 93km und 4920 Höhenmetern (positiv) umfasst und in einer Zeit von maximal 29 Stunden durchzuführen ist.

La Mascareignes findet am 15.10.2011 statt und erstreckt sich über 61km und 3036 Höhenmeter (positiv) und ist in mindestens 18 Stunden zu bezwingen.

Die Teilnehmerzahl des Grand Raids ist auf 2650 Läufer begrenzt, die des Trail de Bourbon auf 1500 Sportler und die des La Mascareignes auf 1000 Athleten.

 

La Réunion

 

Fast 10.000km entfernt von Deutschland liegt eine kleine tropische Insel inmitten des Indischen Ozeans:  La Réunion. Nur 200 Kilometer trennen sie von der viel bekannteren Insel Mauritius. Etwa 800 Kilometer östlich von Madagaskar gelegen gehört sie als französisches Überseedepartement zur EU. Sie bietet nicht nur türkisfarbenes Wasser, Palmenstrände und bunte Korallenriffe, sondern unzählige zerklüftete Bergkessel, tropische Regenwälder, aufregende Vulkanlandschaften und den Piton des Neiges, den mit 3071m höchsten Berg des Indischen Ozeans. Seit August 2010 gehört der Nationalpark, dessen schroffe Gebirgskämme und steile Schluchten es bei der Diagonale der Verrückten zu bezwingen gilt, zum UNESCO-Weltnaturerbe!

 


 

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