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Dirk's Weihnachtsgeschichte

24.12.06
Quelle: Dirk Liedtke

Jedes Jahr schenkt Dirk Liedtke seinen Freunden und Bekannten eine Weihnachtsgeschichte - dieses Jahr auch den Leserinnen und Lesern von marathon4you:

 

Das Christkind

 

Der Duft nach Glühwein, Lebkuchen und Bratwurst erfüllte die Luft. Winterlich gekleidete Menschen drängten sich zwischen Buden. Hier und da fiel ein Blick auf ausliegenden Weihnachtsschmuck. Dichte Trauben aber bildeten sich nur an den Verpflegungsständen. Doch auch auf den Stufen vor der Kirche versammelte sich eine Menschengruppe. Das Christkind nahm Kinderwünsche entgegen.

 

„Ich wünsche mir ein Computerspiel.“
„Ich eine Play Station.“
„Und ich will endlich ein eigenes Handy.“

 

Manuela lächelte zu allem mild. Sie war in ihrem weißen flauschigen Kleid gar lieblich anzusehen. Ihr blondes Haar wurde von einem golden schimmernden Stirnband gehalten. Ebenso golden funkelte eine Krone auf ihrem Kopf. Den Schleier, der sonst vor ihrem Gesicht hing, hatte Manuela zurückgeworfen. Nur so glaubte sie, den Kindern wirklich nahe zu sein.

 

Manuela ging auf in ihrem Geschäft. Vor allem zu den ihr tief zu Herzen gehenden Wünschen lächelte sie überzeugt und würdevoll.

 

„Ich wünsche mir, dass Vati Weihnachten da ist.“

„Und ich wünsche mir, dass der Tumor in meinem Kopf verschwindet.“
„Ich möchte, dass alle Kinder auf der Welt glücklich sind.“

 

Wäre das doch alles möglich. Manuela seufzte innerlich auf. Den Kindern Hoffnung auf Glück zu vermitteln, war Manuelas Auftrag und Ziel. Reichte das aus? War das viel? Sie würde so gern viel mehr tun. Manuela wünschte, das echte Christkind zu sein.

 

Luzia war um 300 n. Chr. eins der hübschesten Mädchen auf Sizilien. Ihr wie Ebenholz schwarzes Haar fiel in natürlicher Lockenpracht herab. Obwohl sie aus bürgerlichem Hause kam, trug sie das schlichte Kleid einer Armen. Nur so glaubte sie, den Bedürftigen wirklich nah zu sein. Ihr freundliches Wesen, mit dem auch in schweren Momenten Mut verheißendem Lächeln, vollendete ihre Schönheit. Gar viele Männer hatten ein Auge auf sie geworfen. Doch Luzia hatte anderes im Sinn. Gerade den sich vor den römischen Machthabern versteckt haltenden Christen musste sie helfen. Heimlich des Nachts brachte sie ihnen Nahrung. Damit sie beide Hände zum Tragen der Naturalien frei hatte, trug sie einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf. So erleuchtete sie sich den Weg von einem Versteck zum anderen.

 

Manuelas Krone funkelte im Licht der Weihnachtsbeleuchtung. Lustig schwangen die engelsgleichen Flügel auf ihrem Rücken dazu. Die Kinder sahen zu ihr wie zu einem göttlichen Wesen auf. Das Christkind war begehrt, nicht nur bei den Kindern.

 

„Bert? Was willst du denn hier?“ Manuelas Lächeln erlosch.
„Auch ich habe einen Wunsch, Christkind.“ Bert grinste zynisch.
„Verschwinde. Du missbrauchst Weihnachten.“


„Ich habe den Wunsch, dass du wieder mit mir gehst, Christkind.“
„Geh Bert, es ist aus, akzeptiere das bitte.“ Manuela suchte Bert zur Seite zu schieben.


„Mich schickst du nicht so einfach fort.“ Berts Augen funkelten zornig. Doch er ging und verschwand mit den Jungen seiner Gang, die abseits gewartet hatten.

 

Luzia kam von ihrem letzten Gang zu den Verstecken zurück. Auf der Straße vor ihrem Elternhaus nahm sie den Kranz vom Kopf, blies die Lichter aus und erschrak. Anicius stand plötzlich vor ihr. 


„Lucia, ich weiß, du hast mein Aufgebot abgelehnt, doch so einfach ist das nicht. Ich komme aus besserem Hause als du. Verschmähst du mich, befleckst du mich mit Schande.“


„Anicius, willst du mich heiraten, auch wenn ich ewig Jungfrau bleiben will?“
„Nach der Hochzeitsnacht wirst du keine Jungfrau mehr sein.“ Anicius grinste frohlockend.


„Ich habe um meines Glauben willen geschworen, ewig Jungfrau zu bleiben“, entgegnete Luzia ernst.


„Ist es also wahr, du bist selbst eine Christin?“
„Ja, Anicius.“
„Verflucht!“ Anicius warf seine Toga zurück und ging davon.

 

Manuela ging allein durch die Altstadt nach Hause. Sie war erschöpft. All die Kinderwünsche wirbelten in ihrem Kopf. Jetzt nur noch eine Tasse heißen Tee und dann ins Bett. Doch in einer dunklen Gasse versperrte ihr plötzlich Bert mit zwei Jungen den Weg. Sie wandte sich um, aber auch von hinten traten drei Jungen näher. Manuela blickte Hilfe suchend an den Häuserfassaden empor. Doch die Menschen hatten sich hinter ihre Gardinen zurückgezogen.
 
„Zum letzten Mal, Christkind, kommst du zu mir zurück?“ Berts Arme hingen eigentümlich in der Schwebe.


„Willst du Liebe mit Gewalt erzwingen? In diesem Moment ist das letzte, was ich für dich empfunden habe, in mir erloschen.“


Bert sah Manuela ungläubig an. Dann grinste er zynisch und winkte seinen Jungen. 

 

Früh am nächsten Morgen rissen Soldaten Luzia aus dem Bett, schleppten sie, im Nachthemd noch, vor den Richter.


„Bekennst du dich zum Christenglauben?“
„Ja, aus tiefstem Herzen.“


Der Richter gab den Soldaten einen Wink und diese zerrten Luzia in den Kerker.


„Nun, mein Täubchen, wollen sehen, ob wir dir den Christengott austreiben können“, sagte der Henker und drückte ihr ein glühendes Eisen auf den Arm.


„Der Herr sei mit dir!“, rief Luzia schmerzerfüllt aufschreiend.


Der Henker schüttelte den Kopf und steigerte die Folter mit Bedacht. Schließlich aber hatte er ein Einsehen mit Luzia und stieß ihr das Schwert in die Brust. 
 
Manuela kniete in der Gasse nieder und erwartete den ersten Schlag. Schon holte Bert weit aus, da hob Manuela den Blick. Bert hielt verdutzt inne, denn Manuelas Blick ging verloren zum nächtlichen Himmel hinauf. Manuela fand einen Stern, schickte ein stilles Stoßgebet zu ihm. Da erhob sich ein kräftiges Brausen, ein scharfer Wind wehte unheilvoll die Gasse entlang.

 

Sandkörner schlugen Manuela und den Jungen ins Gesicht. Eine leere Plastiktüte flog heran, blieb an Berts ausgestreckten Arm hängen. Bert entledigte sich der Tüte und lief an Manuela vorbei den anderen Jungen hinterher, die allesamt die Beine in die Hand genommen hatten.

 

Manuela aber blieb hocken und blickte dem Wind ins Gesicht. Dort, am Ende der Gasse, stand eine junge Frau in ärmlichem Kleid. Trotz des starken Windes flackerten die Kerzen in dem Kranz auf ihrem Kopf nur leicht. Einen Moment trafen sich die Blicke der jungen Frauen. Luzia lächelte ermutigend zu Manuela hin. Dann trat Luzia mit einem wiegenden Schritt hinter die Hausecke.

 

Als mit der letzten wie Ebenholz schwarzen Locke auch der Wind so plötzlich verschwand wie er gekommen war, kniete Manuela noch eine Weile und blickte zu dem hell leuchtenden Stern empor.

 


 

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