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Leben zwischen Laufdress und Priesterkleidung

24.05.05
Quelle: Armin Mathis

Pfarrer Markus Kellenberger gehört am 6. LGT Alpin-Marathon zum Favoritenkreis

 
Pfarrer, die Marathon laufen, sind wohl eine Seltenheit. Wenn sie dazu noch schnell laufen wie Markus Kellenberger (Vaduz), ist das aussergewöhnlich. Das Beispiel Markus Kellenberger zeigt, wie schwierig es in seinem Beruf ist, einem zeitaufwändigen Hobby wie dem Laufen zu frönen. Der 6. LGT Alpin-Marathon am 11. Juni ist für ihn der erste Ernstkampf in dieser Saison.
 
Eines Abends, 18 Uhr, Pfarrhaus Vaduz. Pfarrer Markus Kellenberger verabschiedet im Hausflur zwei Bürger seiner Kirchgemeinde, für die er sich kurzfristig eine halbe Stunde Zeit genommen hat – Treffen mit Bürgern gehört zum Alltag in seinem Berufsleben. Zeit zum Essen bleibt heute nicht: Nach dem Interview steht um 19:30 Uhr schon wieder die Abendmesse an. Wann im Pfarrhaus Feierabend ist und die Lichter ausgehen – Pfarrer Markus Kellenberger weiss es selber nicht. Sogar schon mitten in der Nacht wurde er gebraucht. „Ich bin 24 Stunden am Tag verfügbar und bin einfach für die Menschen da“, sagt Kellenberger. Wer diese Berufsauffassung hat, muss bedingungslos flexibel sein. Kein Arbeitstag gleicht dem anderen, von Planung oder einer geregelten Arbeitszeit wie in anderen Berufen kann keine Rede sein. Nur die Gottesdienste – oft zwei am Tag – und der Religionsunterricht sind fix im Tagesablauf. Zwischendurch gibt es allerlei Administratives zu erledigen, vieles jedoch ist spontan und kurzfristig: „Plötzlich rufen Bürger an mit Sorgen oder Anliegen, oder ich werde ins Spital oder ins Pflegeheim gerufen, weil jemand im Sterben liegt“, erzählt Kellenberger. So verbringt der beliebte Kirchenmann jeden Tag viele Stunden in seinem „Clergy Man“, der schwarzen Priesterkleidung.
 
 
Pfarrer Markus Kellenberg on the run
© alpin marathon 2 Bilder
Der gebürtige Solothurner hat schon eine bewegte Berufs- und Sportlerlaufbahn hinter sich, trotz seiner erst 37 Lebensjahre. Er gehörte zu den besten Schweizern Ruderern, fuhr zu Weltmeisterschaften. Dennoch setzte Kellenberger nicht auf die Karte Sport. Er absolvierte ein Studium als Maschineningenieur an der ETH Zürich, betätigte sich anschliessend in der Erforschung der Physik. Es folgte ein radikaler Kurswechsel: Kellenberger entschloss sich, Priester zu werden. Seitdem ist er Pfarrer mit Leib und Seele, seit mehreren Jahren nun schon in Liechtenstein.
 

Lauftraining in knapp bemessener Freizeit

 
Für Kellenberger ist es immer wieder eine Herausforderung, Beruf und Sport unter einen Hut zu bringen. Oft ist das Lauftraining, welches er am liebsten in den Bergen absolviert, seine einzige Freizeitaktivität. Kellenberger – ein Vollblutsportler – würde allzugerne den Trainingsumfang steigern, weiss aber, dass der Beruf Vorrang hat: „Ein intensiveres und systematisches Training ist im Moment Wunschdenken, da müsste ich zu viele Kompromisse eingehen im Beruf. Manchmal bin ich morgens im Glauben, einen geruhsamen Tag mit einem längeren Training vor mir zu haben, und dann kommt doch alles anders, sodass eine Planung ohnehin unnütz wäre.“ Mit der Frage nach dem richtigen Mass Training ist Kellenberger nicht selten mit sich selber im Clinch; dies ist der Fall, wenn er realisiert, dass an Wettkämpfen viel mehr drin liegen würde als er momentan zu leisten vermag. „Dann kommt der alte Sportlerehrgeiz in mir wieder auf“, lacht er. Doch Kellenberger stellt klar, dass er auch gar kein Bedürfnis mehr hat, Hochleistungssport zu betreiben: „Ich betreibe heute den Sport anders als früher, nicht mehr stur nach einem Plan, egal wie man sich fühlte.“ Kellenberger mit seiner Erfahrung als Spitzensportler weiss sehr wohl, wie er in etwa das Training gestalten muss, um dennoch das Optimum zu erreichen. „Natürlich beachte ich gewisse Grundsätze in der Gestaltung, doch eigentlich wird mein Trainingsplan jeden Tag neu geschrieben“, schmunzelt der Kirchen-Marathonmann. Die Pulsuhr kennt er lediglich vom Hörensagen und bei wievielen Herzschlägen seine anaerobe Schwelle liegt – jener Punkt, bei dem man in die so genannte Sauerstoffschuld gerät –, weiss Kellenberger nicht genau. Aber er spürt sie. Jedenfalls ist der vielbeschäftigte Pfarrer der Meinung, dass sein Training mit all diesen Gegebenheiten effizienter nicht sein könnte.
 

Via LGT Alpin-Marathon zum Saisonziel Swiss Alpine Marathon

 
Bemerkenswert ist, wie weit es Kellenberger damit bringt. Die Jahre als Spitzensportler mit eisenhartem Training kommen ihm zweifellos zugute. Schon damals als Ruderer war er eher der Ausdauertyp und fühlte sich auf den längeren Strecken zuhause. „Auf den langen Distanzen schlug ich meine Gegner fast immer; bei keinem einzigen Ruderwettkampf war ich bei Rennhälfte auf einem schlechteren Rang klassiert als im Ziel, ja meistens machte ich noch Plätze gut“, blickt Kellenberger zurück. Noch heute als Marathonläufer ist ihm die zweite Hälfte lieber, wenn es zudem noch bergan geht, umso mehr. Deshalb sind ihm der LGT Alpin-Marathon, der Swiss Alpine Marathon und der Jungfrau-Marathon geradezu auf den Leib geschnitten.
 
Der 6. LGT Alpin-Marathon am 11. Juni ist für Markus Kellenberger der erste richtige Prüfstein in dieser Saison. Die Zeichen stehen gut, dass der Pfarrherr zum drittenmal aufs Podest laufen kann, denn eine Zeit um 3:20 Stunden traut er sich durchaus zu. „Jedenfalls habe ich das Gefühl, besser in Form zu sein als 2004. Damals musste ich das Training merklich reduzieren, da ich die beiden Pfarreien Triesen und Vaduz nebeneinander betreute, was sehr zeitintensiv war“, erinnert sich Kellenberger. Obschon der LGT Alpin-Marathon für ihn stets etwas früh kommt, lässt er es sich nicht nehmen, vor eigenem Publikum zu laufen. Die Sympathiewelle für den sportlichen Pfarrer treibt ihn regelmässig zu Höchstleistungen an. In guter Erinnerung ist sein 3. Rang 2002, welcher für ihn selbst am überraschendsten kam. Die Organisatoren mussten eigens die Siegerehrung vorziehen, weil Kellenberger schon bald zu einer Hochzeit musste und man das Brautpaar nicht warten lassen wollte… .
 
Den schönsten Erfolg durfte Kellenberger am Swiss Alpine Marathon 2002 verbuchen: In furioser Weise lief er auf den vierten Rang, ein Rennen, das ihm liegt. Auch dieses Jahr läuft Kellenberger in Davos die Königsdistanz über 78,5 Kilometer, sein erklärtes Saisonziel. Illusionen auf einen Podestplatz macht er sich allerdings keine, dazu trainiert er zu sporadisch verglichen mit anderen Spitzenläufern. Für den Jungfrau Marathon hingegen muss er dieses Jahr Forfait geben. Am 11. September ist Pfarrer Kellenberger bereits für zwei Hochzeiten gebucht.
 

 Als Missionar nach Südamerika

 
Markus Kellenberger war noch nie einer, der nicht wusste, was er wollte – weder beruflich noch sportlich. Und so weiss der Pfarrer schon sehr genau, wie seine nächsten Jahre, ja vielleicht die nächsten Jahrzehnte, aussehen: Aller Voraussicht nach 2008 wird er sich nach Südamerika verabschieden, höchstwahrscheinlich in die Anden von Peru oder Bolivien. Dort will sich Kellenberger in abgelegenen Gebieten – fernab von Zivilisation wie wir sie kennen – als Missionar betätigen. „Ich glaube einfach, dass das meine Berufung ist“, meint er. Als Mission definiert er viel mehr als nur Gottesdienste und Religionsunterricht abhalten: die Tätigkeit als Missionar in ärmeren Ländern beruht darauf, den Menschen zu helfen. Kellenberger wird ganz gut ohne sportliche Wettkämpfe sein können, so glaubt er zumindest: „Ich kann mich sehr gut selber herausfordern. Schön ist für mich einfach, in den Bergen zu sein und mich darin zu bewegen.“ Wann er denn zurückkommt? Vielleicht in 30 bis 40 Jahren, wenn es die Gesundheit zulässt, vielleicht auch gar nicht mehr. So weit in die Zukunft mag sich Kellenberger denn doch nicht festlegen.
 

Informationen: LGT Alpin Marathon Liechtenstein
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