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Triathlet mit Hund (Part. 1)

08.04.11
Quelle: Klaus Purwin

Okay, okay, ich weiß, dass wir uns damit nicht unbedingt innerhalb der Norm befinden und  einer recht bescheidenen Minderheit angehören. Zum einen, weil doch viele Läufer ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu bellenden Vierbeinern haben und umgekehrt. Und zum anderen, weil Triathleten zumindest im Sommer ein kleines Zeitproblem mit Trainingsumfang  und Familie haben und deshalb jede zusätzliche Belastung tunlichst meiden.

Aber ich habe nun mal diesen Hund. Obwohl ich anfangs nicht unbedingt als Gassigeher Nummer 1 deklariert worden war. Ab und an mal, aber nur,  wenn Not am Mann war, und es sich mit der Lauferei vereinbaren ließ. So ähnlich klingt es mir immer noch in den Ohren. Not ist ja anscheinend ein sehr relativer Zustand und damit frei interpretierbar, aber mir ist damals gar nicht so bewusst gewesen, dass unser „Notstand“ recht bald ausgerufen werden und  innerhalb kürzester Zeit  riesige Ausmaße annehmen sollte, denn schon sehr bald  lief ich nicht mehr ohne ihn.

Wie gesagt, das hatte ich mir anders vorgestellt, als mir vor über 8 Jahren meine Frau und deren Tochter stolz so ein kleines Etwas, was durchaus ein Hund hätte werden  können, präsentierten. Ein Produkt eines ungezügelten und äußerst triebhaften Geschlechtsverkehrs zweier Jagdhunde, die aber irgendwie in ihrer Extase total übersehen hatten, dass sie zweierlei Rassen angehörten. Eine Wachtelhündin und ein Deutsch-Kurzhaar hatten sich dem unverhüteten Sex hingegeben und heraus kam ein Mischling, quasi ein unehelicher Spross eines One Night Stands, um das mal etwas verständlicher ins Menschliche zu übersetzen. Aber ein Bild von einem Jagdhund. Ich hatte jeden Tag mit dem Anruf von Frankonia gerechnet, damit er die Titelseite von deren neuem Katalog verschönern sollte. Aber zumindest im Hunde-Playgirl hätte ihm die Mittelseite gehören müssen. So zum aufklappen, als Dog of the Month in lasziver Pose!

Dank seiner überaus riesigen Tatzen, kam das Töchterchen auf die glorreiche Idee, dass er wie ein Hobbit aussehen würde. Raten sie mal, was gerade aktuell im Kino lief. Also Hobbits haben große Füße und der Oberhobbit in “Herr der Ringe“  hieß nun mal Frodo Beutlin. Also hieß das kleine vierbeinige Etwas ab sofort auch so!

Anfangs war meine Einbindung in den täglichen Gassigeh-Ablauf auch kein Problem, denn wir haben auch noch zwei Pferde und damit waren die beiden weiblichen Vertreter der Familie jeden Tag mindestens 3 Stunden im Stall beschäftigt. Natürlich mit dem neuen Familienmitglied, das dort die Herzen der anderen Hunde, der meisten Pferde und der Reiter im Schnelldurchgang eroberte. Aber da sich seine kulinarischen Gelüste merkwürdigerweise immer mehr auf die Miste fixierten, konnte man ihn keinen Moment aus den Augen lassen, ohne dass er dort die Pferdeäppel mit wachsender Begeisterung vertilgte.

So kam es, dass ich eines schönen Tages gefragt wurde, ob ich ihn nicht ausnahmsweise mal übernehmen könnte, weil  der Schmied an dem Tag kommen würde und keiner so richtig auf ihn aufpassen könnte.

„Kein Problem!“ und das meinte ich auch unbedarfter weise so, wie ich es sagte. Obwohl ich mich mit meinen knapp 50 Jahren(!) gerade auf meinen allerersten Triathlon über die Olympische Distanz vorbereitete und sich mein Universum deshalb nicht um Arbeit, Familie oder gar einen Hund drehte, sondern um diese Aufgabe, sah ich keine Probleme darin, mit dem Tatzenbär eine kleine Runde zu drehen.

Ich hatte, wie so oft, so auch diesmal keine Ahnung. Weder von einem sinnvollen Triathlontraining noch von den Bedürfnissen eines jungen Hundes. Aber zumindest wusste ich, dass ich ihn nicht überfordern durfte und knapp 3 Kilometer ausreichen würden.  Wir liefen also los, natürlich ohne Leine, denn ich als alter 68er Revoluzzer habe etwas gegen jeden Zwang, obwohl ich als Triathlet in spe artspezifisch  was gegen einen solchen leinenlosen Zustand hätte haben müssen. Er fand diese neue Form der Bewegung anscheinend  ganz toll und fing schon bald an, mit mir zu spielen. Das fand wiederum ich ganz toll, allein schon weil die anderen Läufer und Läuferinnen uns ganz überrascht begutachteten. So drehten wir Beide eine äußerst unterhaltsame kleine Runde. Danach war er müde und ich packte allein  noch ein knappes Stündchen drauf, um meine Angst vor der Herausforderung Triathlon ein wenig zu beruhigen.

Nach gut einer Woche war wieder was im Stall, so dass ich zum zweiten Mal  ran musste. Wir wieder los. Alles super, er versuchte mich in die Hände zu zwicken und wedelte dabei so intensiv mit dem Schwänzchen, dass sein Lustfaktor mehr als deutlich zu sehen war. Nur urplötzlich war Schluss mit lustig. Er blieb quasi an jedem Tannenzapfen stehen und schnüffelte dort so lang rum, bis er wirklich jeden Duft genauestens lokalisiert hatte. Er wäre bestimmt ein guter Drogenhund geworden. Nur waren wir nicht auf Dealer-  sondern auf Bestzeitenjagd und dieses  verdammte Geschnüffel dauerte mir einfach viel zu lange.

Nachdem  ich sämtliche Übungen des Lauf ABCs, die mir einfielen, absolviert hatte, hob er urplötzlich seine Rübe, stürzte ca. 100 Meter  los wie ein Irrer  und blieb am nächsten neuralgischen Punkt stehen, wo anscheinend  weitere  Drogen versteckt waren. Da er nun mal  sein ganzes Leben ohne Leine bestreiten musste, was sogar dem Großteil der hundefeindlichen Umwelt absolut keine  Probleme bereitete, konnte ich  mangels Leine seine kurzen Sprints nicht verhindern und bin wie ein Depp hinter ihm her gespurtet. Um dann zwangsläufig wieder ein paar Minuten Lauf ABC einzustreuen.

Eine glatte Stunde dauerte das  Spiel. Rübe hoch, ein Sprint und dann Drogen, beziehungsweise Lauf ABC. An sich gar keine so schlechte Unterbrechung der monotonen Lauferei. Aber, wie gesagt, ich wollte nun mal in 2 Wochen meine erste Olympische Distanz schaffen und ich war deshalb trotz oder gerade wegen meines Alters der absolute Mittelpunkt meines bescheidenen Universums. Ich hätte ihn erwürgen können! Auch, weil ich  die diesmal spöttischen Blicke der anderen Läufer ertragen musste. Triathlet, zumindest total egoistischer Fasttriathlet mit Hund, das funktioniert nicht. Niemals!

Niemals dauerte drei ganze Tage, denn dann musste ich dank einer innerfamiliären Virusgrippe den Part des Gassi Gehens zwangsläufig nach der Arbeit übernehmen. Und wieder das gleiche Spiel. Schnuppern, Sprint, Schnuppern. Beziehungsweise Lauf ABC, Sprint, Lauf ABC. Je nach Anzahl der Beine des Akteurs. Ich war am ausflippen, aber ihn ließ das anscheinend völlig kalt, so dass ich irgendwann kapitulierte, denn selbst einen Versuch mit der Leine musste ich geschlagen abbrechen. Entweder ich zerrte ihn mit brutaler Gewalt hinter mir her, oder aber es kam seine Sprintphase, in der ich gnadenlos von ihm gezogen wurde. Ein saudämliches und unproduktives Spiel, was ich baldigst einstellte. Außerdem waren wir nicht allein im Wald und somit konnten mehr Leute, als mir lieb waren, belustigt dieses Spektakel verfolgen.

Zum Glück verschwand der doofe Virus nach 5 Tagen und ich konnte endlich wieder allein die Haus–  und Hofrunde im Wald in Angriff nehmen. Ohne mich zum Narren machen zu müssen. Aber was war das? Ich lief  ganz easy  die 5 Kilometer lange Runde fast 2 Minuten schneller als sonst, obwohl ich dank  des Hundes meiner Familie eher das krasse Gegenteil erwartet hatte.

Ja  und eine Woche später durfte ich mich Triathlet nennen! Ich hatte  mit dem 10-Kilometerlauf  bei meinem ersten Kurztriathlon überhaupt keine Probleme. Ich lief locker durchs Ziel und wurde von dem Hund, der wohlgemerkt nicht meiner war, freudestrahlend empfangen. Die überraschten Blicke der anderen Triathleten bewogen mich dazu, ihn so herzhaft zu drücken, dass man hätte meinen können, dort haben sich zwei  Extreme gefunden.

Ein Triathlet und ein Hund.  Dabei war es im Endeffekt nur eine kleine Entschuldigung meinerseits, weil ich ihm dank einer maßlos egoistischen Lebenseinstellung alle bösen Dinge dieser Welt auf den Pelz gewünscht hatte. Und weil ich so ein alter Esel gewesen war, der  ein rein sportliches Ziel etwas arg überbewertet hatte. Na ja, selbst mit 50 kann man noch verdammt viel über die wirklich wichtigen  Prioritäten des Lebens  lernen. Selbst von einem Hund. Besonders dann, wenn es auch noch  schneller macht!

 

 

 
 

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