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Leistungsdiagnostik: Ausdauernd und schnell mit System

08.03.08
Quelle: Wolfgang Bernath

Leistungsdiagnostik. Das hört und liest man ja schon mal öfter. Klar, das ist wichtig für richtig Gute, die das Letzte aus sich herausholen möchten. Also nichts für Normalos wie mich, die in erster Linie gesund leben und ihren Spaß haben wollen. Denen es nicht unbedingt auf die letzten Sekunden und Minuten ankommt und mit Pulsmessung nichts am Hut haben, also ausschließlich nach Körpergefühl laufen. So dachte ich bis vor kurzem. Seit heute bin ich eines Besseren belehrt.

Nachzudenken begann ich nach meiner Teilnahme am Decke-Tönnes-Marathon am 09.02.2008 (Bericht auf dieser Homepage). Der Veranstalter dieses Benefizlaufs, Andreas Butz, ist unter anderem hauptberuflich Trainer und Leistungsdiagnostiker. Nach einigen Tagen des Überlegens entschloß ich mich, es tatsächlich einmal damit zu versuchen, denn dümmer kann man dadurch ja nicht werden. Leistungsdiagnostik bieten mittlerweile viele Fachleute an, die ihr Metier sicher auch beherrschen. Aus eingangs geschilderten Gründen lag es für mich nah, den Test bei Andreas Butz’ Laufcampus zu absolvieren.

Im Vorfeld hatte er mir bereits Tipps zur unmittelbaren Vorbereitung zukommen lassen: Bei Selbstzweifeln an vollkommener Gesundheit sicherheitshalber vorher den Arzt konsultieren, in den letzten 48 Stunden vorher nicht mehr trainieren, gut frühstücken, in den letzten zwei Stunden vorher nur noch Wasser trinken. Er erklärt kurz den vorgesehenen Ablauf, den Zeitbedarf (rund anderthalb Stunden), und was man mitbringen sollte (saubere Laufschuhe, kurze Sportkleidung, Duschgel, Handtuch und – falls vorhanden - Protokolle früherer Leistungstests). Das alles befolge ich brav.

So finde ich mich in Begleitung meiner Frau Elke samstagsmorgens um 10.30 Uhr in Euskirchen bei Andreas ein, der mich zunächst einen Fragebogen ausfüllen läßt (ein Arzt würde das wohl Anamnese nennen). Der Schwerpunkt liegt dabei natürlich auf der Beschreibung der eigenen läuferischen Vergangenheit und Gegenwart, sowie der Nachfrage was man sich von diesem Test verspricht. Er will wissen, an welchen Tagen man trainieren will, lange Läufe machen kann und ob eine 400m-Bahn zur Verfügung steht. Außerdem muß ich mein Einverständnis erklären, mich körperlich ausreichend fordern zu lassen. Andreas verspricht mir aber, die Quälerei im Zweifelsfall von sich aus zu beenden. Umgekippt sei bei ihm bisher keiner. Na ja, was noch nicht war, kann ja noch werden!

 

 
Erste Laktatmessung
© marathon4you.de 6 Bilder

Dann hilft nichts mehr. Ich ziehe mich um und begebe mich in den Trainingsraum mit Laufband, Radergometer & Co. Andreas erklärt mir dann die Herzfrequenzmessung, nachdem ich zum ersten mal in meinem Leben einen Brustgurt trage und warum er den Puls nicht durch das Laufband messen und anzeigen läßt, sondern durch eine Extra-Pulsuhr: es gibt nämlich Läufer, die nur auf die am Band angezeigten Pulswerte schielen und versuchen, diese durch Atemtechnik niedrig zu halten, was natürlich völliger Blödsinn ist, weil es die Messung verfälscht. Jeden weiteren Versuch, den Beginn hinauszuzögern, erstickt Andreas im Keim und schickt mich zum Stufentest aufs Laufband. Er wird mich jeweils drei Minuten laufen lassen, den Laktatwert messen und dann eine Stufe nach oben schalten, dann wieder messen und das Ganze so lange, bis entweder ich das Handtuch werfe oder er die Sache abbricht.

Mit dem Laktatwert hat es folgendes auf sich: dieser wird über einen Bluttropfen gemessen, der aus dem Ohrläppchen gewonnen wird. Keine Panik, ich merke zu meiner Beruhigung schnell, daß ein einmaliges Anstechen genügt und diese Punkte bei jeder neuen Messung wieder leicht geöffnet werden können. Laktat ist ein Stoffwechselabfallprodukt, das entsteht, wenn Kohlenhydrate verbrannt werden. Je niedrieger der Laktatwert um so geringer ist die Kohlenhydratverbrennung und um so mehr werden die für Läufer so wichtigen weil ergiebigen Fette verbrannt. Durch ausreichend lange Läufe über mindestens 90 Minuten und mehr wird die zur Fettverbrennung notwendige Fähigkeit zur Sauerstoffaufnahme vergrößert. Je mehr Sauerstoff aufgenommen werden kann, desto weniger Kohlenhydrate werden verbrannt und entsprechend weniger Laktat entsteht. Dieser Trainingseffekt läßt uns Marathonläufer länger laufen und auch deutlich schneller. Vorausgesetzt, die Fettverbrennung ist ausreichend trainiert.

Et jeht loss. 8 km pro Std. zum Aufwärmen, das schaffe ich gerade noch. Zwei Minuten darf ich quasseln, in der dritten Minute habe ich zu schweigen, weil Reden zusätzlich anstrengt und auch das die Ergebnisse verfälscht.

 
Schluß mit lustig
© marathon4you.de 4 Bilder

Zwischendurch habe ich vor jeder Laktatmessung anhand einer Skala anzugeben, wie ich mich fühle (von nicht angestrengt in vielen Stufen bis zu sehr, sehr angestrengt). Bei 13 km/Std. beginnt es für mich dann doch langsam flott zu werden und ich fange zu „ölen“ an. Andreas ist ein abgrundtief schlechter Mensch, was ich schon immer vermutet hatte. Denn bei rund 14 km/Std. sagt er kalt lächelnd: „Ich weiß, bis jetzt hat es DIR Spaß gemacht. Jetzt ist der Spaß auf MEINER Seite!“. Bei ca. 17,5 km/Std. und drei Minuten in diesem Tempo hat er ein Einsehen mit mir und läßt mich nach einer letzten Messung auslaufen.

Andreas wertet jetzt den Test aus und schickt mich erst auf seine Terrasse zum Ausschwitzen und anschließend unter die Dusche. Als ich wieder vorteilhafter rieche, erklärt er mit mir die Ergebnisse des Leistungstests. Anhand einer Leistungskurve erfahre ich die Bedeutung sowohl der Herzfrequenz- als auch der Laktatkurve und er zeigt mir, wo ich die nach einem gewissen Herrn Made bei 4,00 mmol/l vermutete anaerobe Schwelle überschreite, nämlich bei knapp 15 km/Std. 

Als doch wieder netter Mensch erzählt er mir erst, was ich hören will: meine Werte weisen auf einen Marathonsammler, ja Ultraläufer hin (Wolfgang wächst um mindestens 5 cm...). Ausdauermäßig ist alles optimal, an der Schnelligkeit kann ich noch arbeiten (ich hab’s ja befürchtet, Intervalleinheiten und Tempoläufe sind nicht so unbedingt mein Ding). Der BMI (Body Massindex) ist mit 24,0 (Soll Mann zwischen 20 und 25) für einen Marathonläufer zu hoch (ich denke, ein Läufer braucht Fettreserven? Aber nicht so an den Hüften – ah ja....).

Er vergleicht meine Werte mit denen anderer Läufer, stellt diese so in den richtigen Kontext und zeigt auch die Entwicklung anderer Läufer, die auf seine Trainingsempfehlungen zurückzuführen sind. Dann erstellt er mir einen 12 Wochen-Trainingsplan, aufbauend auf den von ihm aufgrund der Diagnostik für möglich gehaltenen Laufzeiten für 3 km bis Marathon. 3:20 Std. sollen auf 42,2 km drin sein, also könnte ich gegenüber Hamburg 2007 noch 10 Minuten herausholen. Das muß ich mir wirklich mal durch den Kopf gehen lassen. Und wenn ich von Frühjahr bis Herbst alle 4 Wochen einen Marathon laufen will, muß ich noch langsamer (!) werden. So um die 4:05 – 4:10 Std. plus ein paar Minuten fürs Fotografieren. Das wollte ich jetzt überhaupt nicht hören, denn Laufzeiten im Flachen mit einer „4“ am Anfang finde ich in Anbetracht meines Alters noch als „iiiiiih“.

Zum Schluß analysieren wir meinen Laufstil. Er hat mitgefilmt und wir schauen uns sinnvollerweise diejenige Aufzeichnung an, bei der ich volle Pulle gelaufen bin. Das macht Sinn, da ich dort natürlich an vieles gedacht habe, nur nicht an meinen Stil. Dies ist in einem Sportgeschäft, wo man mal locker vielleicht 5 Minuten auf dem Band steht, anders. Ich lerne, daß ich ein ausgeprägter Fersenläufer bin (schlecht) und mich aus orthopädischen Gründen aufs Mittelfußlaufen umstellen sollte. Das demonstriert er am eigenen Bein und Fuß, und zwar sehr überzeugend. Eine Überpronationsstütze ist auch nicht nötig (das höre ich ebenfalls zum ersten mal). Pronation ist der natürliche Dämpfungsmechanismus des Fußes. Bei einer unnötigen Pronatiosstütze wird der Fuß zu sehr entlastet und verwöhnt und die Bänder und Muskulatur, die die Dämpfung eigentlich übernehmen sollen, verkümmern ganz allmählich. Er schließt seine Ausführungen dann mit einer Schuhempfehlung ab.

 

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Mein Fazit: man kann tausend Bücher gelesen haben, aber 2 Stunden mit einem Fachmann in „Einzeltherapie“ bringen einen erheblichen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, denn ein Buch kann die individuellen Besonderheiten nie abdecken. Wer auf Spiegel-Online.de regelmäßig Achim Achilles verfolgt, versteht dann auch, weshalb Klemmbrett-Karraß – selbstverständlich völlig uneigennützig - gebetsmühlenartig (s)eine Individualberatung empfiehlt. Finanziell ist die Leistungsdiagnostik überschaubar, in meinem Fall liegt der Aufwand deutlich unterhalb eines ordentlichen Paars Laufschuhe. Eine Investition, die sich für mich absolut gelohnt hat. Den Kontrolltermin in ca. 14 Wochen und die Anschaffung einer guten Pulsuhr habe ich schon fest ins Auge gefaßt.

 
 

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