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Runner’s High am Golden Gate

09.12.12
Quelle: Wolfgang Bernath

Kennt Ihr das auch? Ihr seht ein Foto oder einen Fernsehbericht und schwört Euch: Irgendwann, dann aber auch wirklich, werde ich da mal laufen. Mir ging das so beim Anblick der Golden Gate Bridge in San Francisco.

Rational begründen kann ich das nicht, der Wunsch poppte einfach so hoch und mußte befriedigt werden. Deswegen extra nach San Francisco zu fliegen, kam mir nicht in den Sinn. Vor allem nicht, nachdem ich verschiedene Laufberichte über den örtlichen Marathon gelesen hatte, die zwar unisono vom Highlight Brücke sprachen, aber den Rest als höchst durchschnittlich schilderten.

Im Rahmen meiner kürzlich absolvierten kleinen USA-Rundreise (leider kein New York-Marathon, Miami Beach, Malibu-Marathon, Highway #1 von Los Angeles nach San Francisco) bot sich aber unverhofft die Chance, den Wunsch Realität werden zu lassen. Strategisch optimal am Westende der Lombard Street (Kreuzung Divisadero Street, nähere Infos gerne auf Anfrage) untergekommen, führte uns gleich der erste Morgenjog auf der Divisadero Street bergab in Richtung Wasser. Was für eine erhebendes Gefühl, wenn Du nach nur rund 700 m Laufstrecke weißt, daß das heißersehnte Bauwerk jeden Moment auf der linken Seite auftauchen muß, und dann siehst Du es tatsächlich! Ein erhabener Moment, der erst einmal Innehalten und Genießen erfordert, zumal die Morgensonne die Szenerie grandios beleuchtet.

Ein höchst filigranes, rotes Bauwerk, eine Hängebrücke, die da majestätisch die Bucht von San Francisco (im Wesentlichen eine Halbinsel, die Brücke führt nach Norden) überspannt. Lange schon geplant, hatte man den Bau mindestens ebenso lange für unmöglich gehalten. Höchst gefährdet durch starke Winde und die immer wieder auftretenden tektonischen Bewegungen (St. Andreas-Graben, großes Erdbeben von 1906), erschien eine Realisierung doch zu kühn zu sein. Erste, seinerzeit verworfene Pläne von 1872 wurden Mitte der 1920er Jahre erneut aufgegriffen und der Bau begonnen, 1937 erfolgte die Eröffnung. Seither verbindet sie auf einer Gesamtlänge von 2.737 m (1.280 m zwischen den beiden 227 m hohen Pfeilern) die Stadt San Francisco mit dem Marin County.

 
© marathon4you.de 35 Bilder

Elke und ich traben weiter, meine Gattin hat beschlossen, heute tapfer zu sein, der Reiz des Überquerens ist auch für sie hoch. Parallel zum Wasser nähern wir uns der Brücke über den ehemaligen Festungsbereich Presidio und durch das ehemalige Flugfeld Crissy Fields. Es zeiht sich doch gewaltig, die Perspektive täuscht und ich frage mich, ob ich mein Weib damit nicht überfordere. Zweimal fragen wir zur Sicherheit nach, wo wir denn die Brücke entern können und werden beide Male völlig richtig geschickt. Hier kennt sich scheinbar jeder aus, denn diese Gegend ist wohl DAS Laufrevier der Stadt. Ihr visiert einfach den linken Pfeiler an und werdet bald auf dem Crissy Field per Wegweiser geleitet. Idiotensicher.

Nach rund 4,5 km haben wir nach etlichen Höhenmetern das südliche Brückenende erreicht, der Verkehrslärm ist ohrenbetäubend. Pro Seite verlaufen drei Spuren, an der rechten Seite verläuft eine in wiederum zwei Streifen unterteilte gemeinsame Fahrrad- und Fußgängerspur. Man muß also keine Angst davor haben, vom Auto überrollt zu werden, dafür schockieren einen immer wieder die viel zu schnellen Radfahrer. Mit stolzgeschwellter Brust – meine Gattin daher mehr als ich – laufen wir auf den ersten Pfeiler zu. Längst habe ich die m4y-Kappe abgenommen, die steife Brise hätte sie einszweidrei in die Bucht geweht. Wow, ist der Pfeiler hoch! Und wie filigran doch die von oben nach unten verlaufenden Trageseile - nicht stärker als mein Unterarm – sind!

Am ersten Pfeiler ist eine riesige Messingtafel mit den wichtigsten Daten angebracht, nicht nur hier bleiben wir stehen, gaffen, fotografieren und gaffen erneut. Diese Momente müssen ausgekostet werden und glaubt mir, wir haben gekostet. Immer wieder drehen wir uns um, und werfen immer neue Blicke auf die in morgendlichen Glanz gehüllte Stadt. Am nördlichen Ende, hinter dem zweiten Pfeiler, haben wir gute sechseinhalb km zurückgelegt und ich habe doch etwas Bedenken, ob und wie Elke das durchhalten wird. Sie aber ist super drauf und stürmt mit einem Affenzahn zurück, vermutlich ist es die Aussicht aufs Frühstück, die ihr Flügel verleiht… Rückwärts trifft uns alle halblang der Schlag, als wir uns immer wieder vor von hinten kommenden Dreirad-ähnlichen Baustellenfahrzeugen (auf der Fußgängerspur!) und vor den rücksichtlosen Radfahrern nur durch beherzte Sprünge zum Brückenrand retten können.

Wieder zurück am Südufer, verbringen wir noch einige Minuten in einer Art Freiluft-Dokumentationszentrum, wo uns u.a. an einem Modell erläutert wird, daß die Brücke in der Lage ist, nach rechts und links jeweils bis zu acht (!) Metern zu schwingen, einfach unglaublich. Stolze 14 km und fast 100 Höhenmeter haben wir zurückgelegt, als wir uns zur Belohnung ein ordentliches Frühstück leisten. Heute, mittlerweile drei Wochen später, ist meine Frau immer noch stolz auf die weiteste jemals von ihr gelaufene Strecke. Was ein fesselndes Ziel doch ausmachen kann! Dringend zur Nachahmung empfohlen.

 
© marathon4you.de 14 Bilder

Und da wir schon mal hier sind, sozusagen auf den Straßen von San Francisco, müssen die auch mal gelaufen werden. Was daran so Besonderes ist? Die Älteren von Euch erinnern sich vielleicht an die Krimiserie „Die Straßen von San Francisco“ mit Karl Malden und Michael Douglas. Autojagden über die Steilstraßen, von denen es eine ganze Reihe gibt, und die wirklich ganz charakteristisch für die Stadt sind. Genauso wie die weltberühmte und einzigartige Cable Car, die an drei anderen Straßen hinaufführt. Leider regnet es an unserem letzten Tag, an dem ich wenigstens die Divisadero hoch- und wieder herunterlaufe, eigentlich zieht sie sich fast vier km lang quer durch die Stadt. Steil geht es hoch, teilweise nur in Trippelschritten machbar, nur wenige Meter sind flach, wenn die Querstraßen passiert werden. Da das Wetter so trüb ist, habe ich auch ein paar Fotos vom Vortag dazwischengeschmuggelt. Ja, San Francisco ist definitiv eine Reise wert!

 

 
 

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