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Mein Lauf ins Leben

10.05.06
Quelle: Garfield/Klaus Duwe

Manche Geschichten muss man einfach aufschreiben

 

Als Läufer bin ich viel unterwegs und treffe auch viele Leute. Manche sieht man fast jedes Wochenende, manche seltener. Oft freundet man sich an und man erzählt sich etwas aus seinem Leben. Dabei höre ich manchmal Geschichten, die gehen mir einfach unter die Haut. Ich ermuntere die Erzähler dann, ihre Geschichte aufzuschreiben. Aber das ist dann wieder eine andere Sache. Manche wollen das nicht, andere können das nicht.

 

Kürzlich erfuhr ich auf einem Marathon wieder von so einem „Lebenslauf“. Ich habe mich nach dem Lauf noch lange mit Garfield, so nennt er sich, weil er seinen richtigen Namen nicht veröffentlichen will, unterhalten und ich habe das Gehörte aufgeschrieben. 

 

Ich weiß von sehr vielen Lauffreundinnen und –freunden, dass ihre Laufkarriere mit einem Wendepunkt im Leben in Zusammenhang steht. Ich möchte alle ermutigen, hier ihre Geschichte zu erzählen, um Beispiel zu sein, oder, wie es mein neuer Freund von den Anonymen Alkoholikern gelernt hat, „um Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen.“

 

Mein Lauf ins Leben

 

Erzählt von Garfield, aufgeschrieben von Klaus Duwe

 

Mir ist elend zu Mute. Ich fühle mich krank und schwach, unfähig einen Gedanken zu fassen, unfähig mich zu bewegen und den Tag zu beginnen. Ich bin unfähig zu leben, kann aber auch nicht sterben. Seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren geht das so. Ich kann so nicht weiter machen. Ich muss mit dem Saufen aufhören.

 

Wie oft habe ich das schon versucht, mir und meiner Familie versprochen? Irgendwie ist es heute anders. Trotz meiner Kraftlosigkeit spüre ich, dass ich es selbst in der Hand habe, ob und wie es weiter geht. Ich will aufhören, ich will leben.

 

Ich weiss, dass ich es alleine nicht schaffe. Zu oft bin ich gescheitert. Ich habe eine Chance, wenn ich Hilfe finde. Ich gehe zum Arzt. Er will von meinem Alkoholismus nichts wissen. „Das bilden Sie sich ein.“ Ein Freibrief, aber ich weiss es besser. Ich bleibe hart und lasse den Kontakt zu einer Suchtklinik herstellen.

 

Am nächsten Tag bin ich zur Vorstellung dort, drei Tage später liege ich für 8 Tage zur Entgiftung in der Klinik. Acht Tage ohne Alkohol, ich weiss nicht, wann ich schon einmal eine so lange Zeit darauf verzichtet habe. Der Entzug ist nicht schlimm. Er wird von Medikamenten begleitet, Entzugserscheinungen bleiben aus.

 

Am dritten Tag wache ich auf und fühle mich wie neu geboren. Kein ausgetrockneter Mund, kein Brummschädel,  keine Gliederschmerzen. Ich schaue in den Spiegel und in meine Augen. Ich habe blaue Augen, sie sind klar, nicht gelb oder gerötet. Zum ersten Mal seit Jahren gefällt mir, was ich sehe.

 

Dann beginnt eine 6wöchige Therapie. Gruppenarbeit, Einzelgespräche, Untersuchungen. Rauchen ist nur auf der Geschlossenen erlaubt. Dort sind die, die es nicht geschafft haben, sich tot zu saufen und es nicht geschafft haben, aufzuhören. Verblödet dämmern sie vor sich hin. Für jede Zigarette muss ich mir das ansehen. Therapie …

 

Morgens ist Frühsport angesagt. Ich kann es mir aussuchen: Gymnastik in der Halle, oder Laufen im Wald. Wenn schon Sport, dann draußen. Also laufen, oder besser, gehen, spazieren gehen. Es tut gut.

 

Nach 6 Wochen geht’s nach Hause. Insgesamt habe ich jetzt 7 Wochen nichts getrunken. Ich habe Angst. Ich weiß nicht, wie ich draußen, außerhalb der Käseglocke, leben soll, ohne zu trinken. Ich muss es lernen.

 

Auch dazu brauche ich Hilfe und ich gehe noch am gleichen Abend zu den Anonymen Alkoholikern. Dort finde ich, was ich suche. Freunde, die mir vorleben und zeigen, wie es geht. Und ich lerne, dass es nicht alleine darauf ankommt, das erste Glas stehen zu lassen. Ich muss ein neues Leben anfangen. Ich kann nicht so weiter leben wie bisher. Zuerst erschrecke ich bei dem Gedanken, mich von bequemen Gewohnheiten verabschieden zu müssen. Dann freue ich mich, weil ich lerne, dass sich für jede Tür, die sich schließt, eine andere auftut.

 

Ich wechsle meine Arbeitstelle und mache Karriere. Man vertraut mir Aufgaben an, an die ich mich in meinen kühnsten Träumen nicht gewagt hätte. Mein Einkommen erlaubt mir manchen Luxus.

 

Zweimal in der Woche bin bei meinen Freunden im AA-Meeting und teile Erfahrung, Kraft und Hoffnung. Genauso oft laufe ich. Aber erst, seit ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Nicht viel, eine halbe, manchmal eine ganze Stunde. Am Wochenende wage ich mich auch schon mal an zwei Stunden. 16 – 17 Kilometer werden das dann sein. Meist bin ich alleine unterwegs, allerdings sind auf meiner bevorzugten Strecke auch etliche Laufgruppen unterwegs und manchmal komme ich ins Gespräch.

 

Einmal lasse ich mich dazu verleiten zu sagen, dass es mein Traum sei, einen Marathon zu laufen. „Leider ist der Zug für mich abgefahren, schließlich bin ich aus dem Alter raus,“ füge ich aber schnell dazu. „Meinst Du wirklich? Wie alt bist Du denn?“ fragt mich Gabi ungeniert. Ich beichte ihr meine 52 Lebensjahre und sie lacht. „Ich stell Dir nachher mal den Karl-Erich vor, der ist glatt 10 Jahre älter und trainiert auf den New York-Marathon in 5 Monaten.“

 

Ich lerne Karl-Erich kennen und habe meine Zweifel. Drahtig ist der schon, aber Marathon? Und dann noch unter 5 Stunden? Ich stelle meinen Traum zurück und laufe weiter meine 8 – 16 Kilometer. Manchmal sehe ich Karl-Erich beim Training und staune, wie gut er drauf ist und welche Fortschritte er macht. Dagegen sehe ich richtig alt aus. Wir kommen auch hin und wieder ins Gespräch, er ermuntert mich, aber ich will nicht. Offiziell. Ganz für mich habe ich aufgehört, vom Marathon zu  träumen und statt dessen damit angefangen, Marathon zu laufen. Der Marathon beginnt nämlich nicht am Start, sondern 12 Monate vorher mit gezieltem Training. So habe ich es in einer Laufzeitschrift, die ich abonniert habe, gelesen.

 

Irgendwann im Oktober treffe ich die Gruppe wieder beim Laufen. „Mein Abschluss-Training, am Donnerstag fliege ich nach New York,“ erzählt mir Karl-Erich. Es ist das Jahr der Anschläge auf  das World-Trade-Center. Er hat sich den Marathon so fest vorgenommen, so dafür gelebt und gearbeitet, dass er sich jetzt durch nichts abhalten lässt. Er imponiert mir ungemein.

 

Habe ich mit eisernem Willen, Disziplin und Übung nicht den Weg zu einem neuen Leben gefunden? Zu einem Leben ohne Alkohol und Nikotin? Kann ich  nicht Vieles erreichen, wenn ich nur will, und wenn ich etwas dafür tue? Als mir zwei Wochen später Karl-Erich von seinem ersten Marathon in New York erzählt, von seinen Gefühlen und seinem Stolz, als ich mit Gänsehaut dastehe und andächtig zuhöre, weiß ich: ich will das auch, und ich kann das auch.

 

 
Berlin Marathon, Kürfürstendamm. Im Hintergrund die Gedächtniskirche
© scc-running

Mein Ziel ist Berlin, nächstes Jahr im September. Ich intensiviere mein Training. Langsam steigere ich von 2 -3 Tage in der Woche auf 3 - 4 mal, dann 5 mal. Nicht mehr als 8 – 16 Kilometer. Dann pendelt sich dieser Rhythmus ein: 2 Tage laufen, 1 Tage Ruhe, 3 Tage laufen, 1 Tag Ruhe. Dabei zwinge ich mir keinen Trainingsplan auf. Wenn ich Lust auf Tempo habe, laufe ich schnell oder mache Intervall. Meist laufe ich aber langsam, dafür länger.

 

Bis zum Sommer will ich es schaffen, 4 Stunden am Stück zu laufen. An einem Sonntagmorgen ist es soweit. Ich habe mir einen Rundkurs ausgesucht, den ich, wenn alles glatt geht, in 4 Stunden bewältigen kann. Ich nehme mein Handy mit, Radio und Trinkflasche und trabe los.


Unsäglich langsam laufe ich, in kleinen Schritten. Aber nicht das Tempo ist mir wichtig, ich will 4 Stunden durchhalten. 3 oder 4 Mal bleibe ich stehen zum Trinken, einmal fülle ich an einer Quelle Wasser nach. Ansonsten zieh ich die Distanz durch. Etwas über 4 Stunden bin ich unterwegs,  vielleicht 32 oder 33 Kilometer. Ich fühle mich gut, so als könnte ich noch weiter laufen.

 

In den Wochen danach laufe ich mehr in hügeligem Gelände und mache häufiger Intervall-Training. Wieder plane ich einen langen Lauf ein, wieder soll er über 4 Stunden gehen. Ich nehme den gleichen Kurs, bin aber etwas schneller unterwegs. Als ich die Runde beende, sind noch über 10 Minuten „übrig“. Ich laufe weiter und komme in der gleichen Zeit wie beim letzten Mal gute 2 Kilometer weiter.

 

Ich weiß es jetzt, ich kann es schaffen. Ach was, ich werde ich schaffen. Natürlich ist meinen Bekannten vom Lauftreff aufgefallen, dass ich häufiger unterwegs bin. Kürzlich habe ich auch ausgepackt und erzählt, dass ich mich in Berlin zum Marathon angemeldet habe. Immer wieder fragen sie mich auch, warum ich mich ihnen nicht anschließen will. Aber wegen meiner Arbeit kann ich keine geregelten Zeiten einhalten und wäre ein sehr unzuverlässiger Trainingspartner. Deshalb überlasse ich es weiter dem Zufall, ob und wann wir uns treffen.

 

Der Sommer geht zu Ende, ich habe mein Lauftraining unverändert durchgezogen, alle 3 Wochen habe ich einen langen Lauf gemacht. Je näher der 29. September rückt, je nervöser werde ich. Plötzlich bekomme ich Schmerzen abwechselnd in den Knien und den Waden. Alles Nervensache, sagt einer der Routiniers vom Lauftreff.

 

Endlich bin ich in Berlin. Keine Ahnung, wie das alles abläuft. Am liebsten würde ich am Samstag schon mal alles durchspielen. Ich bin  beeindruckt von den vielen Menschen und von der Atmosphäre. Überall in der Stadt wimmelt es Läufern. Stolz tragen sie Shirts mit Aufdrucken von ihren Läufen. Alle Nationen sind vertreten. Am Abend bin ich in der Gedächtniskirche beim Gottesdienst. Die Kirche ist brechend voll.

 

Im stillen Gebet danke ich Gott für das neue Leben, das er mir geschenkt hat und dafür, dass ich trocken bin und hier sein darf. Ich bitte ihn, so leben zu können, dass ich keinen Alkohol mehr trinken will und muss. Ich bitte ihn, mich morgen auf der Strecke zu begleiten, mich zu beschützen und mich gesund ins Ziel bringen.

 

Mein Quartier habe ich am Kurfürstendamm in einem 4-Sterne-Hotel. Gebucht hatte ich ein Kategorie darunter, aber durch einen Fehler des Reisebüros war das Hotel überbucht. So lande ich ohne Mehrkosten in diesem Luxus-Hotel. Trotzdem kann ich kaum schlafen. Ich habe Angst, den Start zu verpassen. Hoffentlich finde ich hin.

 

Der Frühstücksraum ist gerammelt voll, lauter Läufer. Ich bin nervös und kriege kaum was runter - ich will raus, zum Start. Wieder zwickt es in den Waden. Ich werde nicht laufen können, denke ich und schnappe mir trotzdem den Beutel mit den Klamotten. Als ich vor das Hotel trete, traue ich meine Augen nicht. Aus allen Ecken kommen die Läufer, haben die weißen Kleiderbeutel geschultert und kennen nur eine Richtung. Wie kann ich mich da verlaufen? Ich bin erleichtert und schließe mich der Meute an.

 

Es wird immer enger, immer mehr Läuferinnen und Läufer drängt es auf das Startgelände. Ich gebe meinen Beutel viel zu früh ab und stehe frierend in der Gegend rum. Es ist nämlich ziemlich frisch. Im Tagesverlauf soll auch die Sonne scheinen, allerdings sollen die Temperaturen nicht über 16 Grad steigen. Ideale Bedingungen nennen das die Experten.

 

Als es endlich los geht, dauert es eine ganze Weile, bis ich zur Startlinie komme. Mit der Chip-Technik ist das ja kein Problem. Irgendwie errechnen die dann die Netto-Zeit. „Unter 5 Stunden“ antworte ich immer, wenn man mich nach meiner Ziel-Zeit fragt. Insgeheim möchte ich aber unter 4:30 bleiben.

 

Nach gut 30 Minuten hat sich das Feld etwas auseinander gezogen und ich kann mein Tempo laufen. Aber was ist mein Tempo? Das hier nicht, das lass ich mir aufzwingen. Ich bin viel zu schnell, lasse mich treiben und ziehen. Aber ich bin gut drauf und merke das nicht.


Hunderttausende Zuschauer und Musik- und Tanzgruppen sorgen für eine phantastische Stimmung auf der Strecke. Ich lasse mich mitreißen und brauche für die ersten 5-Kilometer-Abschnitte immer ungefähr 29 Minuten. Auch bei km 15 und 20 bin ich noch gut im Rennen und rechne mir eine Zeit von 4:15 aus. Bei Kilometer 25 liege ich auch noch unter 30 Minuten für die 5 Kilometer und dann wird es hart. Die Euphorie ist raus. Der Ernst beginnt. Was hatte ich da mal gelesen? „Ein Marathon ist ein 12 Kilometer-Lauf mit 30 Kilometer Anlauf.“ Ich habe gerade mal den Anlauf geschafft und dabei für die letzten 5 Kilometer 32 Minuten gebraucht.

 

Meine Beine schmerzen, wie soll ich das noch über eine Stunde aushalten? Weiterlaufen, immer weiter laufen. Ich habe meine korrigierte Zeitvorstellung aufgegeben und bin zu meinem ursprünglichen Plan zurückgekehrt. Und ich will durchlaufen und keine Gehpausen machen. Nur an den Verpflegungsstellen gehe ich kurz, um zu essen und zu trinken. 34 ½ Minuten sind es für die nächsten 5 Kilometer. Die Schmerzen werden immer schlimmer.


Trotzdem schaffe ich auch den folgenden 5 Kilometer wieder in 34 ½ Minuten. 40 Kilometer sind erreicht. Ich schaffe es, ich komme ins Ziel. 14 lange Minuten noch, dann habe ich es geschafft. Ich sehe tausende Zuschauer auf dem Kurfürstendamm, aber ich höre nichts. Ich bin in Trance. Bei der Gedächtniskirche sage zigmal leise „danke“ vor mich hin.

 

Dann bin ich im Ziel. Ich bin Marathon-Läufer.

 

Wenn mir jemand dafür, dass ich aufhöre zu saufen, ein Leben versprochen hätte, wie ich es heute führe - ich hätte gesagt: "Ich mach es auch für die Hälfte." Nie hätte ich gedacht, dass in dem Topf, der "Leben" heißt, noch so viel für mich drin ist. Danke.

 
 

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