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Erinnerungen

07.03.10
Quelle: Daniel Steiner

In alten Zeiten, wenn die Winter lang und die Tage kurz waren, pflegten die Familien abends zusammenzusitzen. Die Älteren erzählten Geschichten, die sich die Jüngeren merkten und als Überlieferungen am Leben erhielten. Geschichten wie diese:

Den Namen hatten wir ihm schon gegeben bevor wir ihn überhaupt das erste Mal sahen. Einer Ahnung folgend, tauften wir ihn Filou, ein Name, dem er alle Ehre machte. Mit dem Geld, das wir der Bäuerin für zahlen mussten, wollte sie einem ihrer fünf Kinder neue Schuhe kaufen, und wir setzten den kleinen schwarzen Kerl in den Fußraum vor den Beifahrersitz, von wo aus er uns vertrauensvoll und keck ansah, bevor er sich zusammenrollte und friedlich seinem neuen Zuhause entgegenschlief.
Dieser kleine Wirbelwind auf vier Pfoten stellte das Leben in unseren vier Wänden erst mal gehörig auf den Kopf. Unsere Älteste, damals im Kindergartenalter und mit nicht ganz realistischen Vorstellungen von einem Junghund als Familienmitglied, fragte dann auch nach kurzer Zeit, wie lange „der“ jetzt bei uns bleiben werde.

Zu jenen Zeitpunkt war ich neu zum Kreis der Läufer gestoßen und dabei, auf meinen ersten Viertelmarathon hinzutrainieren.  Als Filou ein bisschen älter war und ich als nächstes Trainingsziel den Halbmarathon hatte, begann er mich regelmäßig auf meiner Runde zu begleiten. Meist waren wir mutterseelenallein im Wald unterwegs und ich genoss in seinem Beisein die relative Einsamkeit dort draußen. Wenn wir auf andere Lebewesen stießen, dann waren es zuweilen Zusammentreffen, die ich nie vergessen werde.

Ich erinnere mich daran, wie ich nach einem Hügeltraining zügig auf dem Abstieg und Nachhauseweg war. Unter den Sohlen hörte ich nur das Knirschen der Steine der Forststraße und ein Stück hinter mir das Bimmeln des Schafglöckchens, das Filou am Halsband trug, damit ich immer wusste, wo er war. Plötzlich hörte ich ein Quietschen von Bremsen und als ich mich umschaute sah ich, wie ein Mountainbiker immer mehr verlangsamte. Filou zottelte tollpatschig neben ihm her, schaute ihn neugierig an und wedelte freudig mit dem Schwanz. Dem Gesichtsausdruck des Mountainbikers nach zu schließen schien die Freude recht einseitig zu sein. Ich musste mich beherrschen, dass ich nicht laut loslachte, das Bild war einfach zu komisch. Trotzdem machte ich rechtsumkehrt und hielt Filou am Halsband auf Distanz zu dem Sportfreund (aus seiner Sicht war ich das zu diesem Zeitpunkt sicher nicht mehr), der mittlerweile so verlangsamt hatte, dass er kurz davor war, mitsamt seinem Rad seitwärts auf den Waldboden zu kippen, die Schuhe immer noch in den Klickpedalen eingehängt. Dank dem Gefälle der Straße kam er schnell wieder in Schwung und verschwand talwärts – abgesehen von einem murmelnden Fluchen so geräuschlos wie er zuvor Filou und mich überrascht hatte.

Ein anderes Mal waren wir zusammen in Frankreich, in den lichten Kiefern- und Kastanienwäldern der Sologne unterwegs, als ein Kaninchen unvermittelt unseren Weg kreuzte. Für Filou war dies ein willkommener Anlass, unseren langen, langsamen Lauf mit einem kleinen Fahrtspiel aufzulockern.  Mit einem ungeheuren Sprint setzte er dem Kaninchen nach, holte es ein, nahm es sanft zwischen die Vorderpfoten, ließ es gleich wieder los, versuchte es wieder einzuholen, schaffte es ein zweites Mal und wollte weitermachen, doch ein Holzstapel, unter welchem sein unerwarteter Trainingspartner verschwand, setzte diesem Vorhaben ein Ende.

Und dann war noch jener Nachmittag im Winter. Der Wald war tief verschneit, die Temperatur lag deutlich im Minusbereich. Wir gingen auf unsere gewohnte Runde, bis zu dem Ort, wo der Weg wegen Holzfällarbeiten diesmal gesperrt war. Ein Blick zurück zeigte mir, dass Filou nicht den gewohnten Weg ging, sondern bei dieser Abzweigung schon in der gleichen Richtung wie ich unterwegs war. Ich lief weiter und dachte, dass ich das Glöckchen nicht mehr höre, weil er noch irgendwelche Duftmarken untersuche. Später, dort wo die beiden Wege wieder zusammentrafen, stellte ich aber fest, dass mein Kumpel nirgends mehr zu sehen war. Auch nach längerem Warten und Rufen war keine Spur von ihm auszumachen. Da blieb mir nichts anderes mehr übrig, als das ganze Gebiet zwischen den beiden Wegen im Zickzack abzusuchen und weiter nach ihm zu rufen. Diesem Bemühen war kein Erfolg beschieden und langsam aber sicher war nichts mehr los mit gemütlicher Laufrunde. Der Blick auf die Uhr ließ den Pegel der Stresshormone drastisch ansteigen, denn viel Zeit blieb mir nicht mehr, um den Sohn im Kindergarten abzuholen.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Heimweg ohne ihn antreten und darauf zu vertrauen, dass er irgendwann in die gleiche Richtung ziehen würde. Für den Fall, dass er bei meiner Rückkehr vom Kindergarten noch nicht vor der Haustüre säße, würde ich nochmals loslaufen.

Kurz vor der Weggabelung, wo es zum Nachbardorf hinuntergeht, kam ein Auto von hinten über den Schotter getuckert und verlangsamte neben mir. Der grün gewandete Fahrer kurbelte die Scheibe herunter und fragte mich, ob ich einen Hund suche. Innerlich auf eine Standpauke vorbereitet, rückte ich mit der Wahrheit heraus, worauf er vor den Beifahrersitz zeigte und fragte, ob es zufällig dieser Hund sei. Dort lag in der Tat, friedlich zusammengerollt, mein vermisster Filou. Er sei beim Lagerfeuer an ihrem Arbeitsplatz freundlich wedelnd aufgetaucht und habe um Leckerchen gebettelt. Sie befürchteten, dass sein Besitzer irgendwo in der Kälte und im Schnee auf der Strecke geblieben sei und wollten ihn deshalb zur Polizeistation im Nachbarort  bringen. Mit entschuldigenden, erklärenden und dankbaren Worten nahm ich meinen Ausreißer entgegen und für den Nachhauseweg an die Leine. Wäre ich nur hundert Meter weiter gewesen als das Auto kam, hätte unser gemeinsamer Lauf einen wesentlich umständlicheren Ausgang genommen.

Am Abend nach den gemeinsamen Läufen warfen wir uns häufig zusammen aufs Sofa. Wer zuerst war, hatte mehr Platz. Meist schlief er schnell ein und begann zu träumen. Dabei hing seine Zungenspitze aus der Schnauze, er gluckste zufrieden und seine Beine zuckten in rhythmischen Laufschritten. Ich hätte immer gern gewusst, was er auf diesen Traumläufen alles erlebt hat.

Mit dem Alter wurden unsere Läufe kürzer, später waren es nur noch Spaziergänge, die immer kürzer wurden, dafür länger dauerten. In dem für Hunde seiner Größe beachtlichen Alter von 12 Jahren bekam er Gesellschaft von einer jungen, quirligen Mischlingshündin. Dieser Jungbrunnen ließ einen Ruck durch seinen Körper gehen und gab ihm nochmals viel Energie. So viel, dass er zwischendurch seine alten Knochen vergaß und auf den Spaziergängen herrlich tollpatschige Galopp-Einlagen bot.

Wir genossen jeden dieser Tage mit ihm, im Bewusstsein, dass in seinem Alter jeder Tag mit ihm erst recht ein Geschenk ist.

Am Valentinstag durchschritt er nun den Zielbogen – sein langer Lauf war vorbei und wir mussten von unserem vierbeinigen Familienmitglied Abschied nehmen. Zum Glück dauerte es vierzehneinhalb Jahre, bis die Frage unserer Ältesten von damals beantwortet wurde.
Draußen war der Boden unter dem vielen Schnee gefroren, und so fand das schlichte Holzkistchen mit Filous Asche seinen Platz in der Vitrine im Wohnzimmer. Es ist eine traurige Erinnerung, aber eine die zu unzähligen schönen führt, die uns niemand nehmen kann.

Seit zwei Wochen macht der Frühling versuchsweise dem Winter den Platz streitig. Daran kann auch der Schnee nichts ändern, der gestern die ersten Frühlingsboten im Garten wieder zugedeckt hat. Der Frühling ist nicht aufzuhalten, darüber bin ich froh.

Es war ein harter Winter.

 

 
 

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