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Dirks Weihnachts-Geschichte

18.12.11
Quelle: Dirk Liedtke

Du sollst nicht ehebrechen

 

Ich schloss die Tür meines Wohnmobils und lief los. Abschalten, den Kopf klar kriegen! Wenn mir das nicht auf dem Bakenberg, hoch im Norden der Insel Rügen, gelang, wo dann? Hier wollte ich am Heiligabend vor dem vermaledeiten Weihnachtsfest davonlaufen.

Der urige Küstenwald nahm mich gastlich auf. Die Zweige seiner Bäume sprachen berauschend auf mich ein, zauberten das erste Lächeln des Tages auf mein zuvor mürrisches Gesicht. Über Wurzeln und Pfützen hinwegsetzen, an sturmgebeugten Baumstämmen vorbeischlängeln - darin lag Befreiung! Und dicht links grüßte das rauschende Meer mit seinen Gischt aufwerfenden Wellenkämmen. Ich fing an zu singen. Fast hatte ich meine Misere vergessen.

Fast! Als sich der Wald auftat und ich auf dem Steilufer beschwerlich gegen den Nordost anlief, kamen die quälenden Gedanken zurück: Ich hatte Katja beim Herbstmarathon kennengelernt. Sie war blond, attraktiv und zwanzig Jahre jünger. Es schmeichelte mir, dass sie mich wollte. Nur eine Nacht! Dumm nur, dass meine Lauffreundin Elli es mitbekam und Susanne steckte. Darauf verließ mich meine Frau.

Ich war das erste Mal fremdgegangen, aber Susanne kannte kein Pardon. Warum? Weil sie nicht glaubte, dass ich es nicht wieder tat? Weil das Vertrauen weg war? Weil ich die Jahre zuvor schon öfter mit anderen Frauen geflirtet hatte? Weil sie mich eh loswerden wollte? Ich musste es akzeptieren doch tat ich mich daran schwer. Ich wollte wieder mit Susanne zusammenkommen und alles Mögliche dafür tun. Im neuen Jahr würde wieder alles gut, vielleicht.

Am Kap Arkona streckten sich zwei Sendemasten den dunkelgrau tief hängenden Wolken entgegen. Dann thronten die beiden Leuchttürme erhaben über dem Wind umtosten Steilküstenland. Ich aber stürmte den Erdwall der ehemaligen Swantewit-Burg hinauf. Vor mir lagen die Ausgrabungsreste des slawischen Tempels. Hier wurde den alten Göttern gehuldigt, bevor die Dänen im 12. Jahrhundert die Burg eroberten und Rügen christianisierten. Tod und Vernichtung dem Alten, Heranbrechen und Geburt eines neuen Zeitalters. Welche Probleme damals? Wie nichtig klein waren meine heute? Ich wandte mich um und trat den Rückweg an.

 
© marathon4you.de 6 Bilder

Der fiel mir leichter, da der Wind mich von hinten schob. Mit den Gedanken war ich jetzt mehr beim Laufen an sich. Jeden Tag einsame 20 Kilometer erkämpfen; die Wunden lecken und erstarken. Nebenbei eine solide Vorbereitung für den Frühjahrsmarathon. Mit der Dunkelheit würde ich mich in mein Wohnmobil zurückziehen, bei Tee und Stollen, bei trockenem Rotwein und dickem Buch.

Als der Steinstrand in Sandstrand überging, nutzte ich die erste Gelegenheit, um unten direkt am Wasser zu laufen. Herrlich, die Kraft des Meeres hautnah zu erleben. Die frische Luft tief einsaugend, kostete ich das glückliche Gefühl in mir genießerisch aus. Selbst der Schneegraupel, welcher jetzt niederging, ergötzte mich.

Wie aus dem Nichts wurde ich überholt. Von einer Frau! Sie lächelte mir keck zu, ich nickte verblüfft zurück. Schon lief sie vor mir und ich staunte noch mehr. Sie lief nicht nur leichtfüßig schnell, sondern auch barfuß. Sie trug keine wettertaugliche Laufkleidung, sondern nur einen Fellumhang. Ich machte ihren zarten Körperbau aus, musterte ihre schlanken Beine, blieb an ihrem welligen Haar, welches strähnig über dem ähnlich gefärbten Hirschfell wehte, hängen.

Mein Jagdinstinkt war geweckt. Ich versuchte an ihr dranzubleiben. Umsonst, sie zog davon. Sicher stand sie bei diversen Volksläufen ganz oben auf dem Treppchen. Ich hätte jetzt eigentlich links zu meinem Wohnmobil auf dem Campingplatz abbiegen können, aber die Frau hielt mich im Bann. Wer war sie nur? Warum war sie spärlich altertümlich gekleidet? Wo lief sie hin? 

Plötzlich hielt sie an, streifte ihr Fell ab und ging ohne zu zögern ins Meer. Mich schlug es beinahe lang hin. Sie aber ging rasch hüfttief ins Wasser und warf sich kopfüber in die nächste Welle, kam prustend hoch, lächelte mir zu.

Auf der Höhe ihres Fells blieb ich stehen. Und ich war wohl lebensmüde, denn ich zog mich aus. Verrückt, aber ich stieg ihr tatsächlich nach. Ich zauderte zitternd. Sie sah mir gespannt zu. Keine halben Sachen! Ich warf mich neben ihr ins Meer. Beinahe war es der Tod. Mein Herz raste. In meinem Kopf stach es, wie von der Tarantel gestochen. Die Kälte fraß an meiner Haut und durchblutete diese doch wunderbar. Als wäre ich Weltrekord gelaufen, jubelte ich der Frau zu.

„Herrlich, nicht?“, sagte sie zugänglich.
„Irre, wunderbar!“, rief ich und ruderte wild mit den Armen.
„Nun bekommst du diesen Winter keine Erkältung“, meinte sie.
„Na, denn“, erwiderte ich unsicher, denn die Kälte schnitt gerade messerscharf in meine Fußsohlen.
„Komm, es reicht“, sagte sie mitleidig meine lila Lippen musternd.
Zu gern folgte ich ihr auch hinaus.

Am Ufer sah ich sie ratlos an. Mir war gar nicht so kalt, aber ich hatte nichts zum Abtrocknen und meine Laufklamotten waren nass und kalt.
„Komm“, rief sie zwinkernd und lief nackt wie sie war los.
Natürlich folgte ich ihr genauso. Warmlaufen war wirklich eine gute Idee. Zumal sie jetzt neben mir blieb.
„Du machst das wohl öfter?“, fragte ich.
„Mm.“
„Könnt ich mich mit anfreunden.“
„Glaub ich dir, du hast es drauf“, kam es ehrlich zurück.
„Ja.“ Ich war mir da nicht so sicher, mochte aber nicht widersprechen.

Verhalten musterte ich sie von Kopf bis Fuß. Sie war wirklich sehr sportlich schlank und mochte fünf Jahre jünger als ich sein. Um ihre schmalen Lippen lag beständig ein erwärmendes Lächeln. Sie kam lebenslustig natürlich herüber. Vor allem, dass sie unsere Nacktheit so selbstverständlich abtat, nahm mich für sie ein.

Wir liefen einige hundert Meter am Strand, drehten dann ohne viele Worte um, hielten bei unseren Sachen. Jetzt war auch sie unschlüssig.

„Mein Wohnmobil steht hier auf dem Platz. Ich kann uns einen Tee kochen, wenn du möchtest.“ Und da sie zögernd lächelte fügte ich hinzu: „Ich will mich nicht aufdrängen. Freuen würd ich mich.“
„Gut“, meinte sie da und ergriff ihr Fell.

Ich nickte eifrig, nahm meine Sachen auf, trabte voran.

Als erstes stellte ich den Wasserkocher an. Sie schlüpfte wie selbstverständlich in Susannes Bademantel. Auch ich dachte mir nichts dabei und stieg vor mich hin pfeifend in meinen Trainingsanzug. Ihre lockere Unbekümmertheit war auf mich übergesprungen. Dann saßen wir uns gegenüber.

„Bist du auch über die Feiertage hier?“
„Nein, ich lebe hier, am Kap Arkona.“
„Echt? Dann läufst du öfter diese herrliche Strecke?!“
„Bei jedem Wetter.“
„Und immer barfuß?“
„Natürlich.“

Ich schenkte ihr Tee nach und war wirklich beeindruckt. Sie dankte mit diesem netten Lächeln, das mir schon vertraut vorkam und knapperte an einem Stück Stollen. Mir wurde allmählich warm, was nicht nur am Tee und dem geheizten Wohnmobil lag. Ihre Nähe tat mir wohl, Susanne war weit weg, Weihnachten war nicht einsam.

Ich kochte noch eine Kanne Tee und sie wurde gesprächiger:
„Herbst und Winter sind hier oben lang, aber ich liebe die feuchte Kälte mehr als den kurzen Sommer. Dann ist es hier oben übrigens immer kälter als Insel einwärts, des steten Seewindes wegen. Ja, ich bin ein Kältemensch.“
„Aber die Wärme jetzt tut doch ganz gut?!“
„Schon, aber sie ist mir doch recht ungewohnt, da ich Tags über fasst immer draußen bin...“
„…und jeden Tag baden gehst?“
„Mm.“
„Und warum das Hirschfell?“
„Ich bin ein Naturmensch, ein kälteliebender.“

Sie verschränkte gemütlich die Arme hinter dem Kopf und lächelte wieder so herzerwärmend. Draußen wurde es dunkel. Der Graupel war in reinen Schneefall übergegangen, wahrscheinlich würde es Frost geben. Dann sprach ich aus, woran ich geraume Zeit dachte:

„Du willst doch nicht allein im Dunklen durch Schnee und Wald zurück zum Kap? Ich kann dich fahren oder von mir aus zu Fuß begleiten. Aber wenn du wie ich alleine bist, kannst du heute Nacht auch hierbleiben. Ich mache ein Glas Bockwurst und eine Flasche Rotwein auf.“ Und da sie zögernd lächelte: „Ich würde mich freuen.“

„Ich weiß nicht, so spät ist es noch nicht, lass mich nachdenken.“ Sie legte die Arme auf den Tisch, stützte sich vorneigend ab, blickte gedankenfern auf ihre Teetasse nieder.

Ich ließ sie nachdenken, stand auf, kramte in der Küche, entkorkte den Rotwein, sagte knapp: „Ich muss zur Toilette, wenn du zuerst willst?“
Sie sah kaum auf und schüttelte den Kopf.

Ich ging ins Wohnmobilbad, lauschte gebannt. Da ich nichts hörte atmete ich auf. Wenn sie jetzt nicht ging, würde sie sicher bleiben. Als ich fertig und zurück war, war ihr Platz leer. Susannes Bademantel lag sorgsam zusammengelegt auf der Bank. Dafür war das Fell weg und mit dem Fell auch sie. Ich begriff sofort, griff nach der Taschenlampe, stürzte hinaus.

Ihre Spuren im Schnee führten direkt zum Strand und dort zurück Richtung Kap. Ich rannte ihr ein paar Meter hinterher. Hielt dann an - sie war ja schneller - rief laut: „Hallo!“ und „Komm zurück, bitte!“ Ich ging rasch weiter, wedelte mit der Taschenlampe durch die schneedurchtriebene Dunkelheit, rief erneut. Umsonst.

Zurück im Wohnmobil schenkte ich mir Rotwein ein. Ich nahm das Buch, vermochte mich aber nicht zu konzentrieren. Immer wieder lauschte ich nach draußen, ob sie vielleicht nicht doch zurückkam. Aber außer dem windigen Rauschen von Bäumen und Meer klopften nur die sachte treibenden Schneeflocken an die Scheiben.

Ich aß die Bockwurst kalt, leerte die Flasche, legte mich berauscht hin. Morgen würde ich zum Kap laufen, um sie zu treffen oder zu suchen. Im Einschlafen säuselten mir ihr Lächeln, ihr Fell, ihr Körper, Susannes Bademantel wirr im Hirn. In unruhigen Träumen wechselten die illusionären Bilder von Susanne, von Katja, von der kälteliebenden Frau im Fell permanent wechselnd einander ab.

 
 

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