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Connemara Ultra-Marathon 2005

04.04.05
Quelle:

 
© Egbert Ostertag 11 Bilder

Mein Hauptbeweggrund, mich dieses Jahr schon so früh in einen neuen Ultra-Marathon zu stürzen, war die Landschaft von der diese Bilder nur einen unvollkommenen Eindruck vermitteln können. Man fragt sich: „Bin ich in den USA oder Kanada?“ Aber nein, es ist einer der westlichsten Zipfel der grünen Insel, die sein Jahrhunderten von Bürgerkriegswirren heimgesucht worden ist. Connamara ist in Irland, exakt westlich von Dublin. Einst der Gefängnishof von Oliver Cromwell, zählt es für mich schon seit Jahren zum Schönsten und Wildesten, was Irland zu bieten hat.

 

Beim Dublin-Marathon fiel mir die Ausschreibung in die Hände und für mich stand fest: „Das werde ich machen!“

 

Gesagt, getan. Es gab die Auswahl zwischen einem Halbmarathon, einem Marathon und einer Ultra-Marathondistanz von 39,3 Meilen. Letztes entspricht etwa 63,3 Km. Das war genau die richtige Distanz um das Erlebnis mit vollen Zügen genießen zu können.

 

Ich begann Mitte Dezember mit dem Training. Langsam aufbauen. Eine kleine Unterbrechung an Weihnachten war schon einkalkuliert, aber dann wollte ich konsequent arbeiten, denn Ende Januar sollte meine erste Standortbestimmung beim 50 km Lauf in Rodgau sein. Anfang Januar kam der erste Rückschlag in Form einer Erkältung, die mich 10 Tage außer Gefecht setzte.

 

Mit viel zu wenig Training ging ich nach Rodgau und kam überraschenderweise langsam, aber gut durch. Na das machte doch Mut! Jetzt galt es weiter trainieren. Ein Halbmarathon in Weinsberg stand noch auf meinem Plan und in Kandel vielleicht noch ein Halbmarathon.

 

Und dann kam der Schnee! Wochenende um Wochenende ging ins Land und ich konnte keine richtig langen Trainingsläufe machen. Zu schwerer Boden. Der Halbmarathon in Weinsberg versank im Schneechaos und ich hatte 2 Wochen vor dem Ultra-Marathon nur noch Kandel als Alternative. Also gab es für mich nur noch die etwas unkonventionelle Methode: ein Marathon in Kandel zum Einlaufen für den Ultra.

 

Die 42 km waren zwar anstrengend, aber ich kam eigentlich ganz gut in dem Renntempo, das ich für Connemara geplant hatte, durch. Das gab doch Anlass zur Hoffnung, dass ich auch die gut 39 Meilen schaffen würde.

 


Am 23.03. ging es nach Dublin und mit dem Auto nach Galway, wo ich noch einen Kurzurlaub verbrachte. Am 26.3. sah ich mir die Strecke an und am Ostersonntag war der große Tag gekommen.

 

Morgens um 7 Uhr trafen sich die Teinehmer des Halb-, des Full- und des Ultra-Marathons in getrennten Räumen des Peacockes Hotel in Maam Cross. Jede Gruppe bekam ein spezielles Briefing über die Modalitäten des jeweiligen Rennens. Der Start war der 3 verschiedenen Strecken war jeweils so gelegt worden, dass 90 Minuten und 21,1 km zwischen der jeweils kürzerern Distanz lagen. Die längste Strecke ging in einem Viereck von kurz vor Maams Cross bis zum gemeinsamen Ziel, das wieder beim Hotel lag. Die jeweils kürzeren Strecken setzten bei 2/3 bzw 1/3 der Gesamtdistanz ein. Der Transport zum Startpunkt erfolgte etrennt mit Bussen.

 

Unser Start war um 9 Uhr, eine Meile vor dem Peacockes Hotel wie man so schön sagt: In the middle of nowhere. Startschuss, und los ging die recht kleine Gruppe, am Hotel vorbei, wo uns doch tatsächlich ein paar Zuschauer Beifall klatschten. Von da an war die Zahl der Zaungäste doch eher bescheiden. Aber ich wollte ja keine Leute bestaunen, sondern die Landschaft.

 

Das Wetter schien schön zu werden, kein Regen aber mit Wind musste man immer wieder rechnen. Man war ja in einem Gebirge direkt am Meer. So hatte ich mich für ein dünnes Fließ und eine winddichte Jacke entschieden, die mir zu Beginn immer wieder zu warm war.

 

Von meiner Besichtigung am Tag zuvor wusste ich, dass die leichteste Strecke am Anfang kam. 10 Meilen eben einfach Richtung Westen. Die südliche Seite des Steckenvierecks hielt was sie versprach und war der schöne aber unspektakuläre Auftakt den ich erwartet hatte. So konnte ich mich am Anfang schön „einrollen“.


Nach dem ersten Eckpunkt des Vierecks ging es so langsam in die Berge.

 

Es ging wellig aber merklich bergauf. Der Wind wurde böig aber nicht wirklich störend. An der Strecke tauchten hier einige der in Irland wirklich sehr raren Waldstücke auf.

 

Das erste Problem, war ein Zeitlimit von 2:15 Stunden für die ersten 21,1 km. Eigentlich machbar, aber ich wollte nicht zu sehr an das Limit gehen, denn die zweiten 21,1 km mussten nach 5 Stunden überwunden sein und da ging es doch ganz schön hoch und dann bis Normalnull herunter, wie mir meine Besichtigung gezeigt hatte. Und bei so einer Streckenführung weiß man nie. Außerdem war in diesem Streckenabschnitt der berüchtigte Kilometer 30.

 

Den Start des Marathons, bei Meile 13, passierte ich nach ca. 2 Stunden, am Rande eines größeren Süßwassersees. Zu diesem Zeitpunkt war ich allein auf weiter Flur. Ich brauchte an dieser Stelle etwa 9 Minuten pro Meile. Der Marathonstart war schon ½ Stunde her. Vor mir sah ich in unendlich erscheinender Entfernung den nächsten Läufer und hinter mir konnte ich inzwischen keinen mehr ausmachen.

 

In der Ausschreibung stand, dass nach 15 Minuten die Nachzügler aus dem Rennen genommen werden und ich schätzte, dass ich etwa in der Mitte des Feldes lief. Entweder die Regel würde etwas „irischer“ ausgelegt oder am Marathonstartpunkt dürfte das vorzeitige Ende dieses Rennens für einige Läufer hinter mir gekommen sein.

 

Ich merkte langsam, dass mich die Strecke anstrengte. Bis dato hatte ich nur die 0,3 cl Wasserflasche, benutzt, die ich am Beginn des Rennens eingesteckt hatte. Zwischendurch war ich an jeder Wasserstelle mit einer mehr oder weniger vollen Flasche vorbeigegangen, aber jetzt überfiel mich der Durst mit Macht und ich musste mit Schrecken feststellen, dass die nächste Wasserstelle noch 2 Meilen entfernt war. Von da an nahm ich an jeder Wasserstelle eine frische Wasserflasche, nicht ohne die letzte zu leeren.

 

Die Gegend war hier offen, wellig und nur am Horizont zeichneten sich die Bergketten der Twelve Pins ab. Ich befand mich mitten im Connemara National Park.

 

So langsam näherte sich der 2. Eckpunkt des Streckenvierecks.


Mit dem Richtungswechsel nach Osten bei der 18. Meile frischte der Wind merklich auf und zusätzlich ging die Strecke immer deutlicher bergauf. Ich ertappte mich immer häufiger, dass ich mich auf das Bergabstück nach Leenaun freute. Und dann kam der herbeigesehnte Streckenteil: Gegenwind und das beginnende Gefühl der Müdigkeit machten mich immer mehr mürbe. Vereinzelt passierten mich einige Läufer von hinten. So hatte ich mir das Stück nicht vorgestellt.

 

Auf der linken Seite tauchte die Zufahrt zu meinem Hostel auf und durch meinen Kopf ging kurz der Gedanke ob ich nicht einfach den Weg runter laufen sollte um mich ins Bett zu legen. Ich verwarf den Gedanken und freute mich kurz, dass ich ja die Hälfte des Weges schon passiert hatte.

 

Mein Plan war bis nach Leenaun, wo der Start des Halbmarathons gewesen ist, zu laufen und hinter dem Ort wo ich wusste, dass ein sehr unangenehmer Berg lauerte, erstmals ins Gehen zu verfallen. Die paar Meilen an dem Killary Fjord entlang dürften doch kein Problem sein. Jetzt, da ich es aber machen sollte, erschien es mir fast unendlich lange zu werden. Jede Meile an dem Meeresarm entlang dehnte sich unendlich aus und der Ort am Ende kam und kam nicht näher.

 

Ich wurde überholt und beantwortete unzählige Male die Frage: „How’s it going?“. Mein „Fine!“ entsprach allerdings nicht der Wahrheit.

 

So langsam gab es auch immer mehr Männer die auch ich überholte und die auf meine Frage nach dem Befinden, den Daumen hoben als ob sie sich daran festhalten und hochziehen wollten. Aha, es ging nicht nur mir so! Der Wind und das nicht näher kommen wollende Ende der Strasse zerrte nicht nur an meinen Nerven.

 

Kurz vor Leenaun passierten wir den Start des Halbmarathons bei Meile 26. Hier war der zweite Punkten, an dem man aus dem Rennen genommen werden konnte, wenn man die Startlinie später als 5 Stunden nach Start des Ultra-Marathons passierte. Ich selbst war hier knapp 40 Minuten vor der „Deadline“. Der Rest der Strecke konnte nur noch eine Frage der Zeit und der Moral sein.

 

Als der Ort da war lief ich durch die erste wirklich nennbare Ansammlung von Menschen, die einen aus dem stumpfsinnigen Rennen und Kämpfen gegen den Wind eigenen Schweinehund herausrissen. Ich lies mich sogar zu einem kurzen Zwischensprint gegen eine Gruppe von halbwüchsigen Mädchen hinreißen, die doch etwas erstaunt feststellen mussten, dass ich noch kurzfristig Einiges an Beschleunigung zusetzen konnte. Das zeigte mir, dass ich noch nicht am Ende war sondern nur gegen meinen Kopf angehen musste.

 

Trotzdem verfiel ich an dem Anstieg hinter Leenaun ins Gehen. Allerdings ging es meinen Mitläufern ebenfalls so.

 

Wenn ich den Rest der Strecke schildern soll, so fällt mir nur Eines ein: Auf und ab. So ging der Weg, meine Kraft und meine Moral. Auch die Leute um mich herum litten unter dem selben, teilweise beflügelnden, teilweise lähmenden Phänomen. Immer wieder trabte ein vereinzelter Läufer, den man kurz vorher überholt hatte, wieder an einem vorbei, sobald man ins Gehen verfallen war. So zog sich der Strom der müden Wettkämpfer sich gegenseitig immer wieder durch die hier relativ ebene Strecke.

 

Mir wurde langsam immer mehr klar, dass ich schon seit einiger Zeit dabei war, mich immer mehr durch das Ende der Marathonläufer zu bewegen, zu denen ich offensichtlich aufgeschlossen hatte. Dass ich die Marathonis noch erreichen kann, damit hatte ich ehrlich gesagt nicht mehr gerechnet.

 

Als letzter Anstieg kam 4 Meilen vor dem Ende der unendlich lang erscheinende, etwa 2 Meilen andauernde Aufstieg aus dem Maamtal.

 

Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade dabei das Ende der Halbmarathonläufer aufzuarbeit, aber von „Runner’s High“ konnte wirklich keine Rede sein, eher von Schmerzen in den Oberschenkeln, die seit einigen Meilen immer wieder zu krampfen begannen. Ich schwor mir, in Zukunft mit dem Unsinn auf zu hören und malte mir aus, was ich im Ziel alles machen würde.

 

Das Ziel, ach ja! Quälend langsam trabte ich von dem letzten Anstieg hinab und konnte in dem langsam immer mehr nervenden Braun und Grau der Landschaft die ebenfalls braungraue Silhouette des Hotels nicht lokalisieren. Ich wusste nicht mehr ob es 39,3 oder nicht etwa 39,9 Meilen bis zum Ziel sind. Am letzten Meilen-Schild erwischte ich mich sogar bei dem Gedanken einfach aufhören zu wollen. Allerdings verwarf ich die Überlegung und richtete mich mit dem Geistesblitz auf: „Vor dem Ziel hälst du kurz an und machst noch ein Photo vom Tor!“


Ich zog schon meine Kamera heraus und machte sie schussbereit, als ich das Zielbanner sah. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass der Sprecher, der das Geschehen ständig kommentierte, sich über mich verwunderte. „Da kommt einer unserer Ultras an. Aber was ist das? Ich habe fast den Eindruck dass er mich fotografieren möchte!“

 

Selbst wenn ich das hätte tun wollen, ich konnte ihn nicht ausmachen unter den Menschen die am Ziel warteten. Dann fiel wohl sein Blick auf meine Startnummer und er schrie ins Mikrofon: „It’s Egbert Ostertag, he comes all the way from Germany!“

 

Die Komik der Situation und das Klatschen der Zuschauer ließen mir keine Gelegenheit für ein Bild vor dem Zieldurchlauf, obwohl mir inzwischen die Zeit schon völlig egal war. Erst nach dem Durchlauf, als ich meine Medallie schon in den Händen hielt, machte ich noch den angestrebten Schnappschuss vom Ziel - aber rückseitig.

 

Noch heute, 2 Tage nach dem Lauf kämpfe ich mit dem Muskelkater aus dem Wettkampf und der Überlegung was den Lauf für mich so unglaublich schwer gemacht hat. Die Strecke, die am Ende eigentlich immer schwerer wurde, der Wind, der eigentlich bis zum Ende als Gegenwind zu spüren war … Wahrscheinlich war es das fehlende Training.

 

Ins Ziel kamen 881 Halbmarathon-, 338 Marathon- und 58 Ultra-Marathonläufer. Der Rest stieg entweder aus oder wurde aus dem Rennen genommen.

 

Ich konnte den 48. Platz im Gesamtfeld der Ultra-Marathonläufer (41. bei den Männern) mit einer Zeit von 07:09:53 belegen.

 
 

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