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Zimt & More

02.03.10
Quelle: Running Geck

Leicht nervös tigerte er durch das Haus. Er inspizierte den Keller, in welchem seine Laufsachen verstaut waren. Nebeneinander aufgereiht standen seine vier Paar Laufschuhe. Zufrieden musterte er sie und wühlte sich danach durch seine Sachen.

Er war ein bisschen nervös. Nicht sehr, aber doch ein wenig. Ein Wettkampf stand an und er versuchte, seine Bekleidung hierfür zusammenzustellen. Damit er nichts vergaß, versuchte er gedanklich, seinen Körper systematisch von oben nach unten abzutasten.

Also, zunächst das Laufshirt. Welches sollte er nehmen? Er hatte beinahe soviel wie seine Frau Handtaschen. Er entschied sich für das Shirt mit ohne Arm. So ein Ding nannte sich Singlet. Warum eigentlich? Wahrscheinlich deshalb, weil man, wenn man ein solches Teil trug, meistens alleine lief, eben als Single. Der Geruch nach wenigen Kilometern schlug wahrscheinlich den resistentesten Mitläufer in die Flucht. Aber es sollte ja warm werden und dann war die passende Bekleidung besonders wichtig. Außerdem sah er darin so schnell aus. Ohne weiteres Zögern legte er das Shirt beiseite. Diese Entscheidungs-schnelligkeit unterschied ihn von seiner Frau, die offensichtlich viel mehr Variablen bei ihrer Handtaschenauswahl zu berücksichtigen hatte.

Nun kam die Hose dran. Klar, eine Kurze sollte es sein. Die war zum einem praktisch und schärfte auf der anderen Seite das Problemzonenbewusstsein. Im Neu-Hochdeutsch hießen die Dinger „Tights“. Dies bedeutete ja eng und so war dieses Teil auch. Eben Problemzonenorientiert! Bei der Farbe hatte er die Auswahl zwischen Schwarz oder Schwarz. Dies erleichterte seine Entscheidungsfindung ungemein. Auch wieder ein Vorteil gegenüber der weiblichen Handtasche, wie er erleichtert feststellte.

Nun brauchte er nur noch das Wichtigste: die Socken. Diese entschieden entscheidend über Freud und Leid, Schmerz oder Wohlbehagen, Lust oder Frust. Er wühlte in seiner Kiste und erstarrte. Da lagen seine ganzen Socken und alle waren frisch gewaschen und ordentlich zusammengelegt.

Er bekam hektische Flecken. „Nein. Das kann doch nicht wahr sein!", entfuhr es ihm. Von diesem Wutgeheul aufgeschreckt kam seine Frau angelaufen. „Was ist los? Hast du dich verletzt?“ stieß sie keuchend hervor.

„Nein.“ Dieses Nein war mehr ein Röcheln. Da sie sich schon so lange kannten, wusste sie, was dieser Laut bedeutete. Ein Außenstehender hätte gedacht, dass es sich um einen Holländer beim Jodeln handelte.

„Meine Socken. Wo sind meine Socken?“ stieß er röchelnd hervor. Völlig verständnislos schaute ihn seine Frau an und deutete auf den Stapel Socken, der ordentlich aufgeschichtet vor ihm lag. „Wie würdest du das nennen, was da vor dir liegt?“ fragte sie ihn entgeistert. Dabei vermittelte sie den Eindruck, als müsste er sofort an die Jungs mit der hinten zuzuknöpfenden Jacke übergeben werden.

„Ich brauche meine getragenen Socken! Die schönen Eingeschweißten. Die, die so riechen wie dieser Käse, den du so gerne magst. Das, was da liegt, ist ... Ich weiß nicht, was es ist. Aber ich weiß, dass ich damit nicht laufen kann.“

„Ach, diese Dinger, die schon von alleine gestanden haben, meinst du.“ Jetzt schien sie es verstanden zu haben. „Ja. Genau die meine ich.“ Hoffnung keimte bei ihm auf.
„Ich hab gedacht, du hast so viele schöne Socken.“ Dabei deutete sie auf den Stapel vor ihm. „Diese alten stinkenden Dinger habe ich die umweltgerecht entsorgt und dem Schadstoffmobil übergeben.“

Frauen!! Keine Ahnung von dem, was Männer wirklich brauchten. Socken und insbesondere Laufsocken sind nur dann richtig, wenn es denen gelang, alleine zu stehen. So vermied man Blasen und außerdem stützte das den Fuß.

Was nun? Immer wieder trieb ihn dieser Gedanke. Er konnte doch nicht mit frisch gewaschenen Socken laufen gehen. Auch für das Argument seiner Frau, dass man ein Kondom auch nur einmal benutzte, war er nicht zugänglich.
Es blieb ihm daher nur eine Möglichkeit – sein heutiger Wettkampf musste ausfallen. Und das, wo er bestimmt heute persönliche Bestzeit gelaufen wäre. Ganz bestimmt. „Sabotage“ ging es ihm durch den Kopf. Bestimmt hatte sein Freund seine Frau dazu angestachelt, weil er wusste, dass er heute erstmals in 5 Jahren gegen ihn verlieren würde.
Und so nahm er sich grummelnd ein paar dieser „frischen“ (welch furchtbarer und für Laufsocken unpassender Ausdruck) Socken und zog sie an. Jetzt sollte seine Frau sehen, was sie davon hatte!

Voller Abscheu trug er sie. Auch in der Nacht. War auch besser – wegen der Sittlichkeit. Auch am nächsten Tag und in der nächsten Nacht. Langsam nahmen sie die von ihm gewünschte Konsistenz an.

„Schatz. Deine Füße stinken.“ sagte seine Frau am nächsten Abend.
„Das kann gar nicht sein. Das bildest du dir nur ein.“ erwiderte er.
„Bitte, du trägst diese Fußhüllen nun seit fast 48 Stunden. Da bleibt das doch nicht aus“. Dabei rümpfte sie ein wenig die Nase.
„Also, mein Schatz. Noch mal. Das kann nicht stimmen. Erstens trage ich die Socken auch beim Duschen, wie du heute Morgen sehen konntest.“
Jetzt huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Offensichtlich konnte sie sich an diesen Anblick noch gut erinnern.
„Und zweitens“ fuhr er fort „habe ich den ganzen Tag Zimtstangen gekaut“.

„Zimtstangen??“ fragte Sie. Dabei zog sie die Stirn leicht kraus.
„Jawohl. Zimtstangen! Wie du sicherlich weißt, ist Zimt gut gegen Schweißfüße. Die gibt es so Zimteinlagen für die Schuhe, damit die Socken keinen menschlichen Geruch annehmen können. Und wenn das funktioniert, geht auch mit Zimtstangen, die man kaut. Dann riecht gar nichts mehr am Körper.“ Während er dies sagte, bekam sein Gesicht einen triumphierenden Ausdruck.

Seine Frau sagte nichts mehr.

„Ich habe zwar nicht das Rennen gewonnen, aber meine Frau mal sprachlos gemacht. Ich bin ein wahrer Sieger!“ waren seine letzten Gedanken, bevor er vor lauter Zimtstangen Magenkrämpfe bekam und sich sein Frühstück noch einmal durch den Kopf gehen ließ.

 

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