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Weibliche (Hinter)List

30.07.10
Quelle: Running Geck

Geck saß mit seiner Frau beim Frühstück, was für ihn aus einem Brot mit Marmelade und einem Kaffee bestand. Seine Frau hatte heute frei, daher war sie noch nicht angezogen, aber schon hellwach.

„Eddie, wolltest du nicht irgendwann den Einbauschrank im Keller bauen?“ Er wusste, wenn sie diese Formulierung „irgendwann“ so betonte wie jetzt, dann ging ihr das alles nicht schnell genug. Ihm war klar, dass er jetzt möglichst diplomatisch vorgehen musste.

„Jaaa“. Dieses gedehnte ja hieß übersetzt „Dazu habe eigentlich überhaupt keine Lust.“, klang aber höflicher. „Ich werde mich mal darum kümmern.“ Er verzichtete bewusst auf eine Zeitangabe, da er sich sicher war, dass sie ihn im Zweifel darauf festnageln würde. Er erhob sich mit dem Hinweis, dass er fahren müsse, gab ihr noch einen Kuss und war schon draußen.

Den ganzen Tag hatte er dann gegrübelt, ob er sich der drohenden Arbeit hingeben sollte oder lieber doch laufen gehen sollte. Am Ende entschied Geck, dass er am Abend die  Füße hochlegen wollte. Am Abend vorher war er noch gelaufen und daher war an diesem Tag Ruhe das Zauberwort. Auch eine Hochleistungsmaschine wie Geck brauchte seine Ruhetage, denn selbst ein Formel-1 Wagen fuhr nicht einen ganzen Grand-Prix mit der Höchstdrehzahl.
Er öffnete die Tür und blickte direkt in die strahlenden Augen seiner Frau.
„Hallo mein Schatz“. Sie hatte diesen honigsüßen Klang in der Stimme, der viel Spielraum für weitreichende Gedanken ließ.

„Hallo, selber. Ich bin vielleicht kaputt, denn heute war echt die Hölle los. Ich möchte nur noch ein Bad, ein Buch und vielleicht ein Bier. Dann geht es mir gut.“
„Sollst du alles haben. Ich habe mir heute einmal eine Laufzeitschrift von dir ausgeliehen und es war sehr interessant.“

Er war beeindruckt, denn seine Frau dachte häufig, dass er bekloppt sei wegen der vielen Lauferei und mit einem Mal interessierte sie sich für das Laufen. Vielleicht könnten sie eines Tages einmal zusammen laufen – wenn das keine Perspektive war.

„Ja – es war echt interessant und ich erinnerte mich daran, dass du einmal überlegt hattest, deinen Laden zu schließen und dann dich auf Laufbekleidung und –equipment zu konzentrieren.“ Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie er mittels eines U-Bahn Stadtplanes ein Laufshirt gebastelt hatte und auch, wie ihn Kati hinterher ausgelacht hatte. Ohne dass er es wollte, wurden seine Wangen rot und fingen an zu brennen. Damals hatte er sich geschworen, dass sich so etwas niemals wiederholen sollte. Sie strahlte weiter und ihre Augen funkelten voller Euphorie, wie er es kaum für möglich gehalten hatte, wenn sie über das Laufen sprach. Dieser Sache musste er auf den Grund gehen.

„Was fandest du denn so spannend? Die Berichte von den Läufen?“ Langsam tastete er sich vorwärts.

„Nein. Da war ein Artikel, wie Laufschuhe gebaut werden und das war sehr interessant. Nachdem das mit dem Shirt nicht funktioniert hatte, habe ich mir überlegt, dass du vielleicht ein paar Schuhe kreieren könntest.“ 

„Meinst du wirklich? Ich meine, mein letzter Versuch war nicht von besonderem Erfolg gekrönt.“ Innerlich freute er sich. Zum einen weil seine Frau ihm das zutraute und zum zweiten, er sich natürlich auch.

„Ja, ich glaube, du kannst das. Was braucht man, um einen Laufschuh zu bauen?“ Ihre Frage klang herausfordernd und er beschloss, diese anzunehmen. Er schloss einen Moment die Augen, um sein Wissen abzurufen.

„Also, das wichtigste sind die Leisten für die Konstruktion und die Kunststoffe für die Zwischen- und die Außensohle. Die findet man nicht auf dem Jahrmarkt. Daher habe ich das damals ausgeschlossen.“ Seine Begeisterung wich einen Moment wieder der harten Realität. Die Augen seiner Frau funkelten aufs Neue, was ihn aufmerksam werden ließ.

„So schwierig ist das gar nicht, mein Schatz. Aber warte. Es kommt noch besser. Ich war heute Mittag schon einmal einkaufen. Komm mal mit.“ Sie nahm seine Hand und zog ihn hoch und er folgte ihr. Sie ging in den Keller und er aufgeregt hinterher. Es war sein Keller, auf den sie zusteuerte. Der, in welchem seine Laufsachen lagerten und der gleichzeitig als Werkkeller diente. Bevor sie den Raum betraten, bat sie ihn, sich die Augen zuzuhalten, denn es sollte doch eine Überraschung sein. Ein Geschenk? Er konnte sich kaum halten vor lauter Begeisterung, versuchte aber, sich an die Anweisungen seiner Frau zu halten, schließlich wollte er ihr die Freude nicht verderben.

„Ich war wie gesagt einkaufen und habe die ersten Materialien gekauft, die du für den Schuhbau benötigst. Fertig? In Ordnung, dann kannst du die Augen jetzt aufmachen.“

Er öffnete die Augen und sah – Nichts! Zumindest nichts, was ihn an Laufschuhe erinnerte. Es gab ein paar Dinge, die sich verändert hatten. An der Wand standen ein paar Latten und auf seiner Arbeitsplatte lagen Schwämme und eine Dose mit einem Spritzaufsatz.

„Na. Wo..wo  sind denn die Sachen?“ fragte er, nun ein wenig unsicher geworden. „Na, es ist alles hier. Was braucht man? Zum einen braucht man Leisten für die Konstruktion. Also habe ich dir welche gekauft. Dort an der Wand stehen sie.“ Sie deutete auf die Latten, die an der Wand lehnten.

„ Es hat nicht alles geklappt, denn ich wollte gebogene und gerade Leisten, aber die hatten nur die geraden.“  Sein Gesicht drückte Fassungslosigkeit aus. „Und was ist mit dem Rest?“ Er deutete auf die Schwämme und die Dose. Jetzt strahlte seine Frau noch mehr.

„Das sind Polyurethane, die Kunststoffe, die man für die Zwischensohlen braucht und auch bei den Sohlen verwendet werden. Dieses Füllmaterial in der Dose und die Schwämme sind genau aus diesem Material!“

„Aber…aber, daraus kann ich doch keine Schuhe bauen!“ Seine Euphorie war einer tiefen Fassungslosigkeit gewichen.

„Kann man nicht, Schatz?“ Sie machte kurz einen betrübten Gesichtsausdruck, bevor sich dieser wieder aufhellte.

„Ach, egal. Ich habe da eine Idee. Wenn es nicht für Schuhe reicht, müssen wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Was meinst du?“ Resigniert nickte er, mehr ging in seiner Enttäuschung und Fassungslosigkeit nicht.

„O.K., da du heute nicht laufen wolltest, könntest du die Zeit nutzen, um den Wandschrank zu bauen. Mit den Leisten kannst du schon einmal den Rahmen bauen und die Lücke in der Wand mit dem Stoff aus der Dose kannst du den Hohlraum an der Wand verfüllen. Und wenn du fertig bist, dann kannst du dir einen der beiden Schwämme aussuchen, um ordentlich sauber zu machen. Ist das ne Idee?“

Er war fassungslos. Dieses hinterlistige, weibliche Wesen, was sich seine Frau nennt, hat ihn aufs Kreuz gelegt. Er wusste genau, dass er aus dieser Nummer nicht mehr herauskommen würde, also musste er nun bauen. Wäre er doch lieber laufen gegangen! Gleichzeitig schwor er sich, dass er seiner Frau niemals wieder Zugang zu seinen Laufzeitschriften geben würde.

 

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