
Er läuft still vor sich hin. Völlig in Gedanken versunken. Da passiert es. Eine gemeine Baumwurzel schlingt sich um sein Bein und bringt ihn zu Fall. Er schlägt der Länge nach hin und Murphys Law folgend, treffen seine empfindlichsten Weichteile den einzigen Stein, der auf dem Weg liegt. Ein Gefühl, als würde sich die Schädeldecke langsam anheben. Nach gefühlten zwei Stunden ist er wieder auf den Beinen und humpelt mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Hause.
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Kati sieht ihn an. So, wie eine Ehefrau ihren Mann ansieht, wenn sie erzürnt ist. Ein brodelnder Vulkan. Sie zieht die Stirn kraus, während sie gleichzeitig mit ihrem rechten Zeigefinger auf seine Brust klopft. Jetzt wird Geck klar, warum man Frauen nachsagt, dass sie Multitasking fähig sind. Stirnrunzeln und gleichzeitig den Finger als Zeigeinstrument benutzen, dass könnte er nicht. Er setzt seinen "Ich-war-das-nicht!" Blick auf, um sie zu besänftigen. Er wollte doch nur ein wenig laufen gehen. Mehr nicht.
"Du gehst jetzt nicht laufen!" sagt sie entschieden. "Ich muss gleich noch entscheiden, wen wir denn bei der nächsten Bundestagswahl wählen. Das ist wichtig. Und du.." fährt sie fort, während ihr Finger den Rhythmus von "Spiel mir das Lied vom Tod" auf seiner Brust tippt "gehst gleich zu Claudia. Die macht heute Abend eine Tupper-Party und ich habe zugesagt." Tja. So ist die Arbeitsteilung in der Familie. Die unwichtigen Sachen entscheidet seine Frau, während er für die existenziellen Dinge wie "Was frisst der Goldfisch" zuständig ist.
Das Grauen hat einen Namen. Tupperware. Er, ein Mann, ein Läufer soll sich unter eine Horde hysterischer Weiber begeben, um bei einen Sekt und Dipp irgendeinen Kram zu kaufen, den die Menschheit nicht braucht. Wenn das wenigstens eine Dessous Party wäre. Dann würde das vielleicht noch Spaß machen und er könnte vielleicht seinen eigenen Bodysuit vorführen.
Er windet sich in Krämpfen, aber Kati hat kein Einsehen. Und so drückt sie ihm eine gefühlte 300 Meter-Rolle mit Einkaufswünschen in die Hand und schiebt ihn zur Tür.
Er steht vor Claudias Tür. Von innen hört er Geräusche, die ihn an die Orgien aus seiner Teeniezeit erinnern. Die Tür öffnet sich und mit einem lauten "Ah. Mädels schaut! Ein Mann" öffnet sie die Tür. Wie hungrige Bestien liegen die anderen bereits auf der Lauer, um einen Blick zu erhaschen. "Mein Gott" fährt ihm durch den Kopf, "hat man die auf Entzug gesetzt?". Schnell flüchtet er in eine Ecke.
Da beginnt schon Miss Tupper mit Ihrer Vorführung. Auf einmal wird er hellhörig. Sie erzählt gerade etwas von dem Modell "Banana Joe" für 9,90 Euro. Ein knallgelber Behälter, mit dem man Bananen sicher transportieren kann. Genial. Genau das, was den Läufer von Welt vom Rest unterscheidet. Er berechnet kurz seinen Verbrauch für die langen Läufe und ruft dann entschlossen: "Ich nehme 8 Stück". Ein Raunen geht durch die Menge.
Als nächstes bestellt er 4 Stück vom Modell "Flexi Oval". Das kann für Schminke, Stifte und ähnliches verwandt werden. Genau das richtige, um sein Wertsachen während eines Regenlaufes sicher und trocken aufzubewahren.
Behälter um Behälter packt die Tupper-Dame aus. Dabei erklärt sie, dass das ganze im Wesentlichen aus Silikon hergestellt wird. "Klasse" denkt er sich. "Noch hundertfünfzig von diesen Dosen und ich kann mir eine eigene Pamela Anderson bauen."
So langsam fängt es an, Spaß zu machen. "Mensch, was die ne geile Laufausrüstung haben", geht ihm durch den Kopf. Und schon schnappt er sich den Design-Küchenrollen-Halter. Na ja. Während seiner langen Stoffwechselläufe wechselt nur mal sein Stoff. Was irgendwie fest im Magen verankert war, will dann nach draußen. Und dafür gilt es das richtige am Mann zu haben. Das Dixie-Klo auf Rollen ist ihm zu anstrengend. Aber das hier ist fast ideal.
Dann kommen die Utensilien für Käse und Brot. Elektrisiert hört er sich die Beschreibung vom KäseMaX an. "….sensorisch geprüft (u.a. Konsistenz, Geschmack, Geruch, Farbe, Oberfläche) und kam zu dem Ergebnis, dass der „KäseMaX“ zum Frischhalten von Käse optimal geeignet ist!" "Meine Rennsocken" hämmert es hinter seinen Schläfen. "Wenn ich die da hinein packe, behalten die auch ungewaschen ihre Farbe und Konsistenz". "Ich will so ein Teil" hört er sich sagen und alle beglückwünschen ihn, als hätte er gerade den Hauptpreis bezogen. Über den wahren Bestimmungsgrund sagt er vorsichtshalber nichts.
Nun wird noch der "kleine Sportfreund in Neongrün" geordert. Dieser Trinkrucksack, der eigentlich für den Kindergarten gedacht ist, erfüllt auch seinen Zweck beim Laufen. Und die Neon-Farbe ist im Winter auch gut zu sehen.
Er holt zum letzten und entscheidenden Schlag aus. Dabei erinnert er sich an seinen letzten Lauf, wo er aus Unachtsamkeit gestürzt ist und sich an einer empfindlichen Stelle wehgetan hat. Das Modell Mini-Max. "Entschuldigung, Claudia. Hast du mal eine Schere?" fragt er die Gastgeberin. Dienstbeflissen, wenn auch ein wenig ratlos, holt sie eine aus der Schublade und reicht sie ihm. In der Zwischenzeit hat er seine Schnürsenkel aus den Schuhen gezogen und aneinander geknotet. Er nimmt das Modell Mini-Max, entfernt den Deckel und sticht mit der Schere unter den entsetzten Blicken der Tupper-Tussi zwei Löcher in den Behälter. Nun noch die Schürsenkel eingeführt und verknotet. Fertig. Er hält sich den Behälter vor seine Weichteile, während er versucht, die Schnürsenkel hinter dem Rücken zu verknoten. Nun hat das Suspensorium, das ihm zuletzt so "schmerzlich" gefehlt hat. Der nächste Sturz kann kommen. "Äh. Gibt es das auch ne Nummer größer" fragt er zaghaft, während er auf den 700ml Behälter verweist. Es gibt ihn. Juhu. Nun merkt er, wie sich die Blicke ändern. Eine Aura von Bewunderung zieht zu ihm herüber.
Ohne auf die schmachtenden Blicke zu achten, drückt er der Tupper-Tussi Kati's Einkaufsliste in die Hand und verabschiedet sich schnell.
Auf dem Weg nach Hause reift die Erkenntnis, dass Läufer es immer wieder schaffen, aus allen Situationen das Beste zu machen. Und die nächste Party darf er nicht verpassen. Gut, dass im nächsten Jahr so viele Wahlen anstehen.