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The Italian Stallion

30.04.09
Quelle: Running Geck

Er schwitzt nicht, aber so ganz trocken ist er auch nicht mehr. Der Schweiß liegt wie ein dünner Film auf seiner Haut. Die Temperatur ist zum Laufen sehr angenehm. Leicht oberhalb des Gefrierpunktes. Wenn er atmet, kann er sehen, wie sich aus seinem Atem eine Wolke, oder besser ein Wölkchen bildet.

Seit mehr als eineinhalb Stunden ist er bereits unterwegs. Gleichmäßig wie ein Schweizer Uhrwerk hat er Kilometer um Kilometer absolviert. Die Zeiten pro Kilometer lagen maximal 10 Sekunden auseinander. Trotz mancher roten Ampeln, an denen er halten musste. Auch die zwischenzeitlichen An- und Abstiege machten sich nicht bemerkbar.

Er schaut sich um, um sich zu orientieren. Diese Strecke ist er noch nie gelaufen. Dabei versucht er, die Gebäude in der Umgebung mit ihm bekannten Objekten abzugleichen. Langsam wird ihm bewusst, wo er sich gerade befindet und im Kopf überschlägt er die Strecke, die er noch zu laufen hat. Etwas mehr als eineinhalb Stunden sollte es noch sein. Vorausgesetzt er könnte sein bisheriges Tempo durchhalten. "Schnickschnack" geht ihm durch den Kopf. "Das ist kein Problem. Du bist fit und hast ja ausreichend vorgesorgt" überlegt er.

Er greift in seine Tasche und zieht einen Riegel heraus. Nicht irgendeinen, sondern einen ganz besonderen. Den hat er von Timo, dem Dealer seines Vertrauens anlässlich seinen letzten Einkaufs, bekommen. "Super Ding. Das bringt dich richtig nach vorne. Probier mal - ich schenk es dir" sagte er mit gönnerhafter Miene. Als er zu Hause war, fiel sein Blick auf Verfallsdatum. Wieso verdammt war dies übermalt? "Egal, du bist ein harter - das ist dein Stoff", ging im durch den Kopf und steckte ihn in seinen Gürtel zum baldigen Verzehr.

Nun war dieser Moment gekommen. Nicht, dass er bereits Hunger hätte. Nein, aber er wusste aus Erfahrung, dass er rechtzeitig essen und trinken muss, um am Ende nicht doch einzubrechen. Er nimmt diesen Riegel während des Laufens aus seiner Tasche und wickelt ihn aus. Geschmacksrichtung Cappuccino. Klingt gut. Er öffnet leicht den Mund, schiebt ihn langsam in Richtung Gaumen und beißt hinein.

"Autsch". Ein Schmerz durchzuckt ihn. Verdammt hart ist das Ding. Komisch. Hat den ganzen Tag eigentlich im Warmen gelegen. Aber unmöglich, dass zu kauen. Eine kleine Ecke schafft er. Das ist bestimmt ein Komplott. Timo hat bestimmt einen Akquisitionvertrag mit seinem Zahnarzt. Auf diese Weise soll das Gesundheitswesen also gerettet werden. Nicht mit ihm! Er denkt daran, den Riegel einfach wegzuwerfen, als er über eine Brücke läuft. Und schon sieht er vor seinem geistigen Auge, wie dieser Riegel wie ein Ziegelstein durch die Windschutzscheibe eines Autos schlägt und eine ganze Familie auslöscht. Er sieht schon die Überschrift der "Blöd-Zeitung" - "Der Killer mit dem Cappuccino-Riegel". Lebenslang das Urteil. Knast und zur Verschärfung wird seine Ernährung alleine mit Riegeln sichergestellt. Der Schauer, der ihm über den Rücken läuft, verstärkt sich.

Nein. Er steckt den Rest wieder ein und läuft weiter nach Hause. Nachdem er geduscht hat, geht er in seinen Keller, um die Überreste zu sezieren. Ist das Zeug für den menschlichen Verzehr überhaupt geeignet? Er liest die Inhaltsstoffe und seine Haare an den Armen und Beinen richten sich auf. Dicalciumphosphat ist darin enthalten. Dabei handelt es sich um etwas, welches als mineralisches Einzelfutter für Pferde Verwendung findet. Jawohl - für Pferde! Soll ihn das stärken? Jetzt wird ihm einiges klarer. Als er an der Brücke so schwungvoll wie Rocky Balboa, the Italian Stallion, die Stufen hochgestürmt ist. Nur an diesem Stoff lag es. Er sucht weiter.

Magnesiumcarbonat ist beigemischt. Dieses Zeug wird in Wärmeisoliermaterialien verwendet und ist als Füllstoff in Kunststoffen, Papier, Farben und Kautschuk, sowie in der Kosmetik in Pudern. Super. So soll er also schlichtweg gefüllt werden. Wahrscheinlich, damit er nicht noch mehr von dem Zeug isst. Aber es gibt auch beruhigende Zutaten. So findet sich Pantothensäure in dem Riegel. Diese dient dem Körper zum Abbau von Fett, Kohlehydraten und Eiweißen im Blut. Sie fördert das Wachstum der Haare, hilft beim Aufbau der Hautbräunung und reguliert den Stoffwechsel der Hautzellen. Klasse. Braun und schlank werden durch das Essen. Her mit dem Zeug.

Energieriegel sind doch eine Klasse für sich, denkt Geck, während er sich langsam noch einmal bildhaft jeden Bissen "durch den Kopf" gehen lässt. Soviel Gutes ist er einfach nicht gewöhnt.

 

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