
Warum? Warum nur? Warum sind diese schattigen Mitbürger bloß so schnell. Er hatte sich den Berlin Marathon im vergangenen Jahr aufgezeichnet und da er jetzt ein wenig Zeit und Muße hatte, wollte er diesem Geheimnis auf die Spur kommen. Wieder und wieder schaute er sich die Szenen an, schnell, langsam und in der Super-SlowMo. Sein Kinn in die Hände gestützt, studiert er jede einzelne Bewegung.
Wie immer bringt seine Frau Kati ihm die Erleuchtung und wieder einmal ist ihm bewusst, wie wichtig sein Weib für ihn ist. Sie sieht die Unterschiede auf den ersten Blick. Der erste Unterschied ist die Extrempigmentierung der führenden Läufer. Das schrie nach ein Paar Sitzungen im Münz-Malle um die Ecke. "Ach", sagte er sich. "Wenn es denn hilft, dann muss man auch einmal über seinen eigenen Schatten springen." Für den nächsten Schritt auf der Läuferevolutionsleiter sind nun einmal besondere Schritte erforderlich, auch wenn diese wehtun. Als Zweites ist es der Laufstil und Geck erinnert sich an die Aussage von seinem Weib nach dem Neusser Sommernachtslauf im vergangenen Jahr. Sie meinte, dass es aussehen würde, als würde Hannibal mit seinen Tieren über die Alpen ziehen. Und im Übrigen würde er nicht wie Hannibal aussehen. Das fand er damals schon schonungslos deutlich. Wenn er genau hinsah, merkte er, was seine Frau meinte: Die liefen alle locker und elegant auf dem Vorfuß und trampelten nicht so wie er auf dem Mittelfuß herum. Ergo – Laufstil umstellen. Aber wie?
Er surfte ein wenig und plötzlich hatte er die Idee. "Ich brauche nur die passenden Schuhe, die das unterstützen." Ein paar Klicks weiter und schon sind die Schuhe gefunden. Leider gibt es die in seiner Größe nur in Rot, aber etwas auffallen ist manchmal ja auch nicht schlecht.
Nach wenigen Tagen waren seine Schuhe geliefert und nach der heimlichen Probe im Keller ist er sich sicher, dass nun seinem Vorhaben nichts mehr im Wege steht. Die letzten Tage ist er konsequent in den Toaster gestiegen – das hatte allerdings nicht den gewünschten Effekt. Nicht braun ist seitdem die dominierende Farbe, sondern rot. Geck tröstet sich damit, dass die Farbe wenigstens gut zu seinen Schuhen passt. Nun geht es noch darum, wo er sein neues Laufequipment als Erstes ausprobiert.
Benrath! Das war der Ort, um alles unter Wettkampfbedingungen zu testen.
Er fühlte sich prächtig und hatte das untrügliche Gefühl, dass es sein Tag sein würde. Dabei ist er sich im Klaren, dass es an diesem Tag nicht zu einer neuen Bestzeit reichen würde. Das ist aber auch nicht sein Ziel.
Er steht am Start und spürt fast körperlich die Blicke seiner Mitläufer. Sie zeigen auf ihn und tuscheln. Anders fangen an zu kichern, aber Geck stört das nicht. Warum auch? Er ist ein Lauftier und manchmal muss man ausgetretene Pfade verlassen und neue Dinge probieren, die einen weiterbringen. Unter diesen Aspekten hat er sich die feuerroten Flitzer gekauft und war tagelang im Malletoaster verschwunden. Und dabei ist er sich schon bewusst, dass alleine diese Farbe für einige Aufmerksamkeit sorgen würde. Noch grübelt er, ob es die Körper- oder die Schuhfarbe ist, die seine Mitläufer so faszinierend finden.
Der Start ist geglückt und Geck versucht entspannt zu laufen, aber er stellt fest, dass dies mit seinen Trainingsschuhen schwierig ist. Jetzt erst wird ihm bewusst, wie schwach seine Fußgelenke sind und die Muskulatur an den unteren Extremitäten durchaus entwicklungsfähig. Aber das ist ja genau der Grund, warum er sich für diese Schuhe entschieden hat. Ein besserer Laufstil war auch abhängig von einer gut ausgebildeten Muskulatur.
Es sind nur wenige Zuschauer an der Strecke, was Geck nicht so schlimm findet, da die Strecke landschaftlich schön ist. Der Rest des Feldes ist bereits weit enteilt, sodass er sich ganz auf sich selbst konzentrieren kann. Der etwas weiche Boden macht ihm zu schaffen und selten fand er einen so kurzen Lauf so anstrengend. Der Schweiß rinnt in Sturzbächen über seinen Körper, und obwohl gerade erst einmal die Hälfte absolviert ist, fühlt er sich so kaputt wie selten.
Er kommt in Sichtweite des Zieles und die Zuschauer stehen nun dichter. Dazu haben sich viele Läufer gesellt, die gerade noch mit ihm im Renntempo unterwegs waren. Auch die wollten sich nicht entgehen lassen, wie der wahre Läufer ins Ziel lief. Er hört laute Rufe und eine La-Ola-Welle schwappt durch die Zuschauer. Er nimmt dies nur wie durch einen Schleier wahr. Auf der einen Seite ist er körperlich beinahe am Ende und auf der anderen Seite muss er aufpassen, dass er auf dem weichen Waldboden senkrecht bleibt.
Da hört er schon den Sprecher, der ihn ankündigt:
„Da kommt auch unser letzter Läufer. Die Startnummer 254. Der Running Geck aus…“
Jubel brandet auf und er hört nur ein „Geck, Go, Go, Go“. Dabei war Go wie Gehen gar nicht so verkehrt und er reißt sich zusammen, um diese Trainingseinheit mit Anstand zu Ende zu bringen und wirft sich mit letzter Kraft ins Ziel. Sofort springen ihm ein paar Helferinnen zur Seite und einen Moment denkt er, dass er wohl doch auf Frauen wirkt. Aber die reißen ihm nur die Schuhe von den Füßen und halten diese triumphierend nach oben.
Er schüttelt den Kopf. Was finden Frauen nur an High Heels mit 15 cm Absatz so toll? Zum Vorfußtraining kann er sich nichts Besseres vorstellen, aber im normalen Leben würde er damit niemals freiwillig laufen.
Nachdem seine Schuhe jetzt weg sind, beschließt er sich, direkt ein paar neue zu Trainingszwecken zuzulegen – diesmal aber in einem unauffälligen Schwarz!