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Lauflegenden unter sich

23.10.08
Quelle: Running Geck

Er ist wild entschlossen. Heute soll es sein Tag sein. Die Strecke liegt ihm. Das weiß er, dann er hat sich akribisch vorbereitet und nichts dem Zufall überlassen. Zunächst hat er sich aus dem Internet den Streckenverlauf besorgt und sich diesen mit Google Earth angesehen. Hier hat er sich auch schon seine Ideallinie eingezeichnet.

Seit einer Woche ist er vor Ort um sich zu akklimatisieren. Gut, der Start ist nur 30 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Aber trotzdem kann ja da anderes Klima herrschen. Seine Frau hat ihn nur verständnislos angeschaut, als er sich dort ein Hotelzimmer genommen hat. Aber nach all den Jahren weiß sie, dass ihr Geck nicht mit normalen Maßstäben zu messen ist. Und so hat sie das schweigend akzeptiert und diese Woche kurzer Hand zur Freundinnen-Besuchswoche erklärt.

Ein bewusst einfaches Hotel hat er sich ausgesucht. Der Körper soll lernen, die notwendige Härte zu ertragen. Um diese Härte zu bekommen, duscht er ausschließlich eiskalt und nächtigt auf dem harten Boden im Hotelzimmer in einem Schlafsack. Auch der Magen wird abgehärtet. Jeden Morgen gibt es wasserlöslichen Kaffee und abends ein Glas Kölsch. Er merkt, wie ihm regelmäßig schlecht wird. Aber für den Erfolg muss man leiden.

Gestern hat er sich morgens vor den Spiegel gestellt und in Todesverachtung seinen Rasierer angeworfen. Dem sind nun die letzten Haare zum Opfer gefallen. „Und wieder ein paar Zehntel gewonnen“, geht ihm durch den Kopf.

Anschließend ist er die gesamte Strecke abgegangen und hat die Realität mit seiner errechneten Ideallinie verglichen. An manchen Stellen hat er heimlich mit grüner Kreide eine Markierung auf dem Asphalt aufgebracht. Diese Markierungen sollen ihm seinen Idealweg aufzeigen.

Am Morgen des Laufes hat er sich komplett eingeschmiert, um die Windschlüpfrigkeit zu verbessern, die letzten Haare an den Armen und Beinen mit einer Wachsbehandlung entfernt. Und nun ist es soweit. Nervös wie ein Rennpferd steht er am Start und wartet auf das Signal des Starters. Und dann ist es soweit und er jagt los. Aus der ersten Reihe heraus. Die Läufer und Läuferinnen jagen rechts und links an ihm vorbei und die Oma mit der Gehhilfe winkt ihm lächelnd zu, während sie ihn am Seitenrand überholt und in der Apotheke an der Ecke verschwindet.

Aber er kämpft und beißt. Schreit innerlich seinen Körper an, damit dieser sich schneller fortbewegt. Er ist fertig, erschöpft und will eigentlich nicht mehr weiter. Dabei sollte es doch sein Tag sein. Die neue Bestzeit. Eine Fabelzeit. Hunderte, ach Tausende von Kilometern hat er trainiert. Tempotraining bis zum Erbrechen. Und nun das. Er könnte heulen.

Da überholt ihn ein Typ in einem weißen Shirt. „marathon4you“ steht auf dem Rücken. „Was ist das denn für ein Verein?“ geht ihm durch den Kopf. Das weiße Shirt dreht sich um. „Walter“ steht auf der Brust geschrieben. Ein Blitz durchzuckt seinen Schädel. Er, der Running Geck, trifft gerade den weißen Kenianer von marathon4you – Walter, die Lauflegende. „Wow. Der Tag kann doch noch gut werden“, hämmert es hinter seinen Schläfen.

Walter feuert ihn an. „Komm endlich weiter. Wir schaffen das. Du siehst zwar im Moment total Scheiße aus. Ich weiß auch nicht, ob du im Ziel besser aussiehst. Aber lass es uns versuchen.“ Dabei rappelt sich Geck auf und heftet sich bei Walter an die Fersen. Von nun an laufen sie gemeinsam dem Ziel entgegen. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen. Erst leicht, dann immer mehr.

Geck versucht alles zu geben, was noch da ist. Nicht mehr weit bis zum Ziel. Die letzte Kurve. Eine scharfe Linkskurve. Durch die Körperwärme ist sein ganzes Öl, was er sorgsam am Körper verteilt hatte, nach unten abgelaufen. In Verbindung mit dem Regen und der Kurve eine verheerende Konstellation.

Er rutscht seitlich weg und schlägt mit seinem Oberschenkel hart an der Abgrenzung an. Er spürt noch, wie es warm an seinem Bein herunter läuft, während er zu Boden sinkt. Er schließt die Augen. „Meine Bestzeit“, stöhnt er. „Heute soll doch mein Tag sein“ stößt er mühsam zwischen de Lippen hervor.

Walter versucht ihn zu beruhigen. „Eh Mann. Ist nichts passiert.“ Dabei schaut er fasziniert auf das blutende Bein.

Geck richtet sich auf und wendet sich an Walter. „Blute ich?“ Eigentlich eine überflüssige Frage, da er merkt, wie der Saft an seinem Bein herunter läuft. Dementsprechend kommt auch die kurze Antwort: „Ja. Du blutest“. „Welche Farbe hat mein Blut?“ Walter ist beunruhigt und antwortet doch spontan: „Rot“.

Da mischen sich leichte Tränen in Gecks Auge. „Ich wusste es. Ich wusste es. Alles Training war umsonst.“
„Nein es war nicht umsonst. Nächste Woche kannst du es wieder versuchen. Du bekommst eine neue Chance. Bestimmt!“

„Ach. Du verstehst das nicht. Du sagtest deutlich ROT. D. h. ich habe also mehr langsame rote Muskeln als schnelle weiße. Ich werde nie schneller laufen können. NIE. Sonst wäre mein Blut doch nicht rot, oder? Es müsste weiß sein!!“

Walter ist sprachlos, hilft Geck auf und gemeinsam hinken sie durch das Ziel. In Gecks neuer persönlicher Bestzeit.

Wenn's läuft – dann läuft's!

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