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Höhentraining

28.05.08
Quelle: Running Geck

Er sitzt einfach nur da und blättert in seiner Laufzeitschrift. Da gibt es einen Artikel über Höhentraining und einen über das Lauf-ABC. Am Morgen war er erst gelaufen und fühlte sich eigentlich maximal entspannt. Beim Lesen der Artikel fiel ihm sein Laufwochenende ein, was er sich gegönnt hatte. Da hatte er tatsächlich das Lauf-ABC gelernt und er war überzeugt, dass es ihn zu einem besseren Läufer machen würde. "Warum nicht jetzt" geht ihm durch den Kopf. Da er ein Freund schneller Entschlüsse ist, streift er schnell Schuhe und Strümpfe ab und öffnet den Gürtel seiner Hose. Na gut, eine Laufhose hat er nicht drunter, aber der Slipboxer, den er noch auf der Haut trägt, scheint für den Moment in Ordnung zu sein. Nachdem er noch Krawatte und Hemd abgelegt hat, kann es endlich losgehen. 

Stille umgibt ihn. Totale Stille. Kein Vogel ist zu hören. Einfach nichts. Er kann die Sonne zwar nicht sehen, aber irgendwie spürt er sie trotzdem. Die Temperatur ist so angenehm, dass er nur mit dem Slip bekleidet nicht friert. Der Weg, der ihm zur Verfügung steht, ist nicht sonderlich lang. Aber das ist auch nicht nötig, da es sich in erster Linie um Wahrnehmungs- und Bewegungsübungen handelt. Dass er keine Laufschuhe dabei hat, stört ihn auch nicht, da der Boden weich zu sein scheint. Eine kurze Kontrolle beim Auftreten und der Boden gibt leicht nach. Daher fällt ihm das Federn nicht schwer. Und barfüßig zu laufen macht auch doppelt Spaß. 

Am Beginn seiner Strecke angekommen, beginnt er mit der Vorbereitung. Auf die Zehenspitzen stellen, die Pobacken zusammen kneifen und eine Körperspannung herstellen. Das ist die optimale Vorbereitung für die Übungen. Im Kopf fängt es an. Und schon beginnt er mit der ersten Übung, den Dribblings. Leicht und locker, wie er es gelernt hat. Kleine, kurze Schritte, wobei die Fersen kaum den Boden verlassen. Erst langsam, dann immer schneller wird seine Schrittfolge. Die ersten Schweißperlen bilden sich auf dem Oberkörper, was er mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt. 

Plötzlich ist es mit der Stille vorbei. Ein lautes Rufen und Geschrei weckt ihn aus seiner Konzentration. Er schaut sich um und erstarrt beinahe. Wenigstens hundert Leute sind um ihn herum und der Lärmpegel nimmt dramatisch zu. 

Während er sich auf die zweite Runde der Dribblings vorbereitet und nach der erfolgten Anspannungsphase loslegt, hört er die Leute jubeln und grölen. Die Frau im grünen Kleid brüllt etwas was klingt wie "Knackarsch" (hört, hört), während der wenigstens 160 Kilogramm schwere Ausdauersportler (zumindest im Restaurant) auf der anderen Seite so was wie "Quäl dich du Sau" zu ihm herüber ruft. Na, wenn er etwas erwidern könnte, was in Anbetracht der Anstrengung nicht möglich ist, würde er allen eine Warnung zurufen "Achtung! Auf den Boden! Die deutschen Panzer rollen wieder." Wer weiß, wozu es gut ist, dass sein Atem nicht reicht. 

Auf der anderen Seite nimmt er die Rufe und die Anfeuerung auch positiv wahr. Ein eigentümliches Gefühl, dass ihm so viele Leute beim Training zusehen und ihn anfeuern. Das bringt sein Adrenalin zum Kochen und steigert seine Motivation. 

Nun geht die Strecke leicht aufwärts. Er versucht, die Geräusche um sich herum auszublenden und sich auf die richtige Ausführung seiner Übungen zu konzentrieren. Als nächstes stehen Sprungläufe auf dem Programm. Zuerst die weiten, dann die hohen. Wie seine Trainerin gesagt hat - mit viel Druck auf dem Fuß. Die Steigung macht es zusätzlich anstrengend. Sein Puls beginnt zu rasen, während er sich in den "Berg" drückt. Und so absolviert er die ersten beiden Runden. Ja. So ein Bergtraining ist gut für die Oberschenkelmuskulatur. Also noch eine Runde. Diesmal muss die Schwierigkeit gesteigert werden. Nachdem die ersten Durchgänge weite Sprungläufe waren, sind jetzt die hohen dran. Da sieht er vor sich ein Hindernis auf seinem Laufweg. Ideal. Und schon setzt er beherzt zum Sprung an. Ein Satz und es ist geschafft. Er fühlt sich so leicht. Als würde er schweben. Die Zuschauer beginnen zu rasen. Laute Rufe, Applaus und Anfeuerung ist zu hören. 

Jetzt noch eine Runde Fersenlauf. Also die Beine schön hoch bis zum Po. Das Johlen der Leute feuert ihn weiter an. Da kommt ihm eine junge Frau entgegen. Ein Fan? Groupie? "Hoffentlich reißt die mir nicht die Kleider vom Leib" geht ihm durch den Kopf. "Erstens trage ich nur noch meinen Slip. Das ist nicht viel. Und für weiteres bin ich jetzt nicht zu gebrauchen. Ich muss trainieren, trainieren, trainieren." Wie eine Mantra betet er das hinunter. 

Sie stoppt ihn und spricht mit leiser Stimme auf ihn ein. "Entschuldigen Sie bitte. Ich will ja nicht aufdringlich sein. Aber wir landen in zehn Minuten. Würden Sie bitte wieder auf ihren Platz gehen und sich anschnallen." 

Oh Mist. Jetzt fällt ihm wieder ein, dass er ja ein Bord eines Flugzeuges ist und sein Hindernis der Getränkewagen der Stewardess war. Egal. Er hat ein Höhentraining in 8.000 Fuß absolviert, Bergtraining gehabt, da er den Steigflug perfekt ausgenutzt hat und sein Lauf-ABC absolviert. Ein genialer Trainingslauf. Gibt es Ultimativeres?

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