
Läuferinnen und Läufer waren schon immer verdammt disziplinierte Lebewesen. In vielen Fällen reichte es aus, ihnen einen Trainingsplan in die Hand zu drücken und im nächsten Moment begannen sie zu schlucken, nervös zu zucken und leichte Speichelfäden sonderten sich aus ihren Mundwinkeln ab.
Da sollte ihnen keiner kommen, der meinte, dass man auch einfach nach Lust und Laune laufen könnte! Diese Ignoranten hatten nun wirklich keine Ahnung was echte Ektase bedeutet. Vermutlich waren das auch Anhänger des körperlosen Sex.
Geck gehörte zweifelsohne zur Sorte der Trainingsplan-Junkies und war immer noch völlig besessen von seinem Ziel, ein richtiger Läufer zu werden. Dazu plante er die erneute Teilnahme an einem Marathon und diesmal sollte es richtig gut werden. Aber dazu musste er zunächst einmal den richtigen Plan entwickeln und das war einfacher gesagt als getan. Er setzte sich an seinen Rechner und ging ins Netz der Netze und in seiner Lieblings-Suchmaschine gab er flugs ein: „Trainingsplan“. Und schon jagten die kleinen Menschen rund um die Welt und schauten in nahezu jedem Schrank nach, ob sie das Gesuchte fanden. Nach 0,04 Sekunden waren die kleinen Hilfsarbeiter bereits fertig und zeigten ihm an, dass es ungefähr 426.000 Ergebnisse gab. Er war verwirrt. Da schauten die überall nach und gaben ihm dann eine ‚ungefähr‘ Angabe. Waren die etwa mathematisch nicht ganz auf der Höhe? Er schüttelte den Kopf vor so viel Ignoranz. Aber um 426 Tausend Seiten zu sichten, würde seine Lebenszeit kaum ausreichen. Also entschloss er sich, die Suche noch ein wenig zu verfeinern und gab ein: „Trainingsplan Marathon“. Erstaunt blickte er auf den Bildschirm und nahm zur Kenntnis, dass die Anzahl der Ergebnisse auf 14,6 Millionen (!) gestiegen war.
Er entschloss sich, dieses Ergebnis zu glauben und blätterte durch die Seiten. Seine Frau Kati warf einen kurzen, gleichsam sorgenvollen wie mitleidigen Blick, in das Arbeitszimmer. In ihrem Gesicht stand in großen Leuchtbuchstaben: Muss Laufen so kompliziert sein? Aber was will man von einer nicht laufenden Ehefrau erwarten? Sein Jagdinstinkt war auf jeden Fall geweckt und so widmete er sich wieder seinem Plan für 2011.
Auf einer der ersten Seiten fand er einen Plan „Marathon in 3:15 Stunden“ und er musste sich eingestehen, dass ihm dieser Plan überaus sympathisch war. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er nach dieser Zeit mit hochgereckten Armen locker und elegant durch das Ziel lief. Als er die Augen wieder öffnete, kehrte die Realität zu ihm zurück und da er damit mehr als 1 Stunde unter seiner bisherigen Bestleistung bleiben würde, gestand er sich ein, dass dies wohl ein wenig zu ambitioniert wäre. Denn egal wie der Plan aussah, so wusste er, dass Schnelligkeit eine seiner eher unterentwickelten Stärken war.
Also widmete er sich den anderen Plänen und er stellte fest, dass alle irgendwie anders aufgebaut waren. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass alle auf eine Distanz von 42,195 Kilometern ausgelegt waren. Offenbar waren diese Autoren noch nie einen Marathon gelaufen. Diese 42,195 Kilometer galten nur auf der Ideallinie, was bedeutete, dass ein normaler Läufer so etwas niemals schaffen würde. In der Gruppe der toten Augen, in der für gewöhnlich lief, brauchten die Läuferinnen und Läufer nicht nur mentale Aufmunterung durch die Bands und Cheerleader, sondern brauchten auch Dinge zur körperlichen Erbauung. Es musste zwar keine Currywurst mit Fritten sein, aber so ein paar Früchte und was zu trinken konnten den drohenden körperlichen Verfall zumindest für eine Zeitlang aufhalten. Da wackelten dann die Läuferinnen und Läufer nach rechts oder links zu den Verpflegungsstationen. Und wenn man die Laufstrecke mittels GPS nachverfolgen würde, dann sah das vermutlich wie der Schnitt mit einer Zackenschere aus. Und das, obwohl alle nüchtern, also ohne die Zuhilfenahme von Alkohol liefen. In der Summe kam ein normaler Läufer, das wusste er aus eigener Erfahrung, eher auf 43 bis 44 Kilometer bei einem Marathon.
Ein weiterer spannender Plan lautete: „Marathon für Anfänger" und dauerte zehn Wochen. Als wenn es ein Anfänger in zehn Wochen zum Marathon schaffen würde! Irgendwie drängte sich für ihn der Eindruck auf, dass die Schreiber dieser Pläne von Fachkenntnis relativ unbelastet an dieses Thema herangegangen sind. In einem Plan wurde die durchschnittliche Geschwindigkeit von 6:30 Minuten pro Kilometer angegeben, um in 4:30 Stunden im Ziel zu sein. Er nahm seinen Rechner und tippte ein wenig herum. Toll, dachte er sich. Wenn er das so machen würde, käme er nur auf 41,5 Kilometer. Er stellte sich vor, was seine Mitläufer für Augen machen würden, wenn er plötzlich, kurz vor dem Ziel stehen bleiben würde und sagen würde: „Ich habe fertig“. Er war sich sicher, dass der Veranstalter ihm seine Medaille verweigern würde.
Er schaltete den Rechner aus. Nach dieser Recherche war ihm klar, dass er einen Plan selber entwickeln musste, wenn er sein Ziel 2011 erreichen wollte. Nun musste er seiner Frau nur noch begreiflich machen, dass er noch ein paar Abende brauchen würde, bis er was Passendes gefunden hatte.