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Die Stunde der Ohren

26.06.08
Quelle: Running Geck

Das Laufen mit Musik macht alles leichter? 
Erlebnisse aus dem Läuferleben.


„Ich glaube, es wird Zeit, dass du mal wieder eine Runde läufst"
Mit diesen Worten empfing ihn seine Frau. Machte er wirklich einen so unausgeglichenen Eindruck?
„Ist es wirklich schon so schlimm?"
„Nein, aber du wirkst etwas angespannt. Eine Runde auf der Straße könnte sich da überaus positiv auswirken. Auf Psyche, Beine und Po, wenn ich das sagen darf."

Bisher hatte sie nie was an seinen Beinen und seinem Po auszusetzen. Aber wo sie Recht hat, hat sie Recht. Er sollte wirklich mal wieder die Keulen schwingen. Er bewegt sich, scheinbar geschlagen, zum Umziehen. Kurz darauf steht er, gestiefelt und gespornt, wieder vor ihr.

„Ja, ich geh dann jetzt."
„O.K. – aber damit du dich wirklich entspannen kannst, habe ich noch was für dich. Sonst gibt das nur wieder irgendeine Hetzjagd und du siehst schlimmer als zuvor."

Während er noch ratlos herum steht und sich verlegen am Kopf kratzt, taucht seine Frau schon wieder auf. 

„Hier. Ein MP3-Player. Steck dir die Dinger in die Ohren und lauf los. Ich habe dir etwas Entspannungsmusik drauf gepackt. Dann geht es dir gleich besser."

Leicht verwirrt schaut er sich um, ob da noch einer ist. Mit dem typischen Blick eines Ehemanns –frustriert, aber glücklich - nimmt er das High-tech Teil in Empfang und schreitet möglichst elegant nach draußen.

Als erstes gilt es nun, in der knappen Hose noch einen Platz für den Player zu finden. Aber da gibt es ja diese niedlichen Innentaschen. Als nächstes wird das Kabel unter dem Shirt nach oben geführt. „Hoffentlich ist das feuchtigkeitsbeständig" denkt sich Geck, als er versucht, sich die Knöpfe ins Ohr zu stecken. 

„Hell. Wie kriegt man die Dinger so in die Ohren, dass sie auch halten? Da laufen Kids den ganzen Tag mit diesen Ohrpropfen rum und du bist offensichtlich zu blöd dafür." fährt es ihm schmerzhaft durch das Hirn. Nach vorsichtigen Drücken und Schieben sitzen sie halbwegs und er läuft los – natürlich nachdem er dieses Teil in Betrieb genommen hat.

Als erstes hört er „You never walk alone".
„Wow!" denkt er. "Genau das richtige Lied für den Alleinläufer". 

So summt er entspannt das Lied mit und fühlt sich schon recht entspannt. Da hört er plötzlich ein Hupen und wundert sich „Wieso ist in dem Lied ein Hupen. Habe ich ja noch nie wahrgenommen." Da er gleichzeitig den Blick nach rechts wendet, sieht er aus dem Augenwinkel gerade noch den nahenden Wagen auf sich zukommen, das Gesicht des Fahrers zu einer Fratze verzerrt. Mit einem beherzten Sprung bringt er sich auf dem Gehsteig in Sicherheit und landet nach einem dreifachen Salto auch wieder auf seinen Füßen.

„Puh, das ist das gerade noch mal gut gegangen. Ich dachte immer, jedes Auto hat Bremsen. Aber dem ist ja wohl nicht so." 

Da beginnt das nächste Stück in seinen Ohren zu brummen. „Who want's to live forever". Nun ist sein Geist leicht benebelt. 

„Oh Gott, hat meine Frau hellseherische Fähigkeiten?" durchfährt es ihn. Leicht zitternd und langsam läuft er weiter. Nachdem er als nächstes „Das Beste" von Silbermond hört, ist er zunächst wieder versöhnt. „Klasse Zusammenstellung" denkt er sich, während sein Schritt etwas beschwingter wird.

Plötzlich – eine Stimme. Nicht irgendeine Stimme, sondern die Stimme seiner Frau. Er dreht sich um, aber sie ist nicht da. Die scheint direkt in seinen Ohren zu sein und so lauscht er.

„Lieber Schatz, ich hoffe, die Musik hat dir ein wenig Spaß gemacht. Wenn du gleich wieder entspannt zu Hause bist, gibt es noch einige Dinge, die du heute erledigen solltest. Als erstes wäre der Rasen zu mähen, dann dein Hobbykeller aufräumen, die Birnen im Wohnzimmer sind wahrscheinlich kaputt und müssten getauscht werden. Und wenn du dann noch eine Maschine Buntes ansetzen könntest, wäre das prima.
Übrigens solltest du in der Zwischenzeit überlegen, was du dir gleich zu essen machst. Falls ich es noch gesagt haben sollte – Ich bin gleich mit Claudia zum Essen verabredet. Es wird wohl spät – daher warte nicht auf mich. Bis morgen früh, mein Schatz."

„Oh Gott, was war das?"
„Jetzt weiß ich auch, warum sie so heiß darauf war, mir dieses Ding anzudrehen".

Die kommenden Stücke überhört er nahezu, so ist er mit seinem Arbeitsplan und seiner Übermittlung beschäftigt. Da hört er, während er auf den letzten Metern ist, erneut die Stimme aus dem OFF.

„Übrigens. Schaaattttz" dringt es mit gedehnter Stimme an sein Ohr.
„Wenn du noch mal so ne Schnepfe beim Laufen triffst – behalt es einfach für dich".

In diesem Moment wird ihm klar, dass er es hasst, mit einem MP3 Player zu laufen. Zuhause setzt er sich erst mal hin und liest ein gutes Buch. 

Am nächsten Morgen fragt ihn seine Frau scheinheilig, nachdem sie den nicht gemähten Rasen, den unaufgeräumten Hobbykeller, die kaputten Birnen im Wohnzimmer und den Berg Wäsche gesehen hat. 

„Na, Schatz, hattest du einen schönen Abend?"
„Wie war das Laufen mit dem MP3 Player? Entspannend, oder?"

„Das kann ich dir nicht sagen, mein Schatz. Das erste Lied war prima, aber dann waren wohl die Batterien zu Ende und ich musste das Teil ausmachen."

Ja, eine kleine Rache muss sein und MP3 Player gehören auf den Index für Läufer.

 
 

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