
„Ja, das ist es“, denkt sich Geck, während die Zeilen am Bildschirm tanzen. Ein Artikel über das Laufen. Von einer Frau! „Er (der Mensch) braucht nicht viel dazu, höchstens seine Beine und um die nicht zu ruinieren, ein Paar gute Laufschuhe“. Frauen!!! Die Frau, die das geschrieben hat, hat ja keine Ahnung, denkt er. Die Kleidung ist der Schlüssel zum Erfolg. Aber alles ist so furchtbar teuer, wie er zuletzt bei Timo, dem Dealer seines Vertrauens, feststellen musste. „Das müsste man selber machen“ durchfährt es ihn. „Na, ja. Nicht die Schuhe, das ist zu kompliziert. Aber die Klamotten“. Von diesem Geistesblitz geblendet schließt er die Augen. Da sieht er schon die riesigen Plakate, auf denen steht: „DIE NEUE GECK-COLLECTION“. Ruhm, Geld, Erfolg. Und seinen Job würde er an den berühmten Nagel hängen.
„Genug geträumt“ murmelt er vor sich hin. Selbstgespräche sind eine seiner eindeutigen Stärken. „Wer was bewegen will, der muss was tun“, ermahnt er sich. Okay, aber womit soll er anfangen? Laufhosen! Er schaut sich die Modelle im Katalog an. Tights heißen die. Damit sieht er irgendwie wie Rudolf Nurejew für Arme aus. Nur auf der Spitze laufen ist problematisch und seine Beine sind ein klein wenig voluminöser als die des Tanzstars. Nein, besser nicht. Laufshirts scheinen besser geeignet zu sein, um seine neue Designer Karriere zu starten.
Der Entschluss steht. Nun ist Beharrlichkeit und Ideenreichtum angesagt. Da Inspiration ja fast sein zweiter Vorname ist, scheint dies kein ernstes Problem. Die erste Frage, die es zu beantworten gilt, ist die Frage nach dem Material. Nun, Laufshirts sollten atmungsaktive Funktionsleibchen sein. „Das kann ich vernachlässigen“, denkt er sich. Das einzige, was beim Laufen atmungsaktiv ist, ist er schließlich selber. Und funktionell ist er auch. Er kann, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, seinen Oberkörper bis an seine Knie führen (beinahe wenigstens).
Das nächste ist die Materialfrage. Er schaut in seine Laufhemden. Der überwiegende Teil ist aus Polyester. Er erschauert. Wo er doch für den Tierschutz ist. Wie viele arme Polyester müssen für ein einziges Shirt ihr Leben lassen. An die Versuche will er gar nicht denken. Arme Tiere. „Nein, das geht gar nicht“. Aber was dann? Baumwolle?. Na gut, in Zeiten der anstehenden Klimakatastrophe sollte man grundsätzlich Schatten spendende Bäume erhalten. Da aber immer mehr Firmen auf das Papierlose Büro umstellen, dürften genug Bäume für seine Baumwollshirts vorhanden sein.
Er würde ja die Wolle gerne selbst mit den Bäumen züchten, aber das ist ein wohl eher langwieriger Prozess. Außerdem hat er nicht so viel Platz im Garten für eine Plantage. Also ein Rückgriff auf vorhandene Ressourcen. „Schatz, wo ist eigentlich das alte weiße Laken von der Besuchermatratze?“ „Im Keller, bei den anderen Sachen“ ruft seine Frau spontan zurück. „Gut. Die Antwort kam schnell. Sie scheint keinen Verdacht zu schöpfen“ schießt es ihm durch den Kopf. Schon ist das Laken gesichert und mit triumphierendem Gesichtsausdruck in seinen Werkkeller verschleppt. Doch jetzt kommt das eigentlich spannende. Aus diesem Fetzen, also quasi aus dem Nichts, was Hochwertiges zu konstruieren.
„Schaaaatz, hast du irgendwo noch ein paar Schnittmuster“ ruft er seiner Frau in seinem eigenen honigsüßen Ton zu. „Was??? Du weißt doch, daß ich nicht schneidere oder so nen Kram“ ruft sie zurück. Dabei klingt so ein merkwürdiger Unterton in ihrer Stimme mit. Der klingt irgendwie wie „armer Irrer“. Aber er kann sich ja täuschen. Bestimmt sogar. „Da müssten noch im Keller irgendwelche Hefte rum liegen. Warum?“ Immer diese Fragen. Müssen Frauen denn immer alles genau wissen? „Ach nichts Besonderes. Es interessiert mich nur.“ Mist, was Intelligenteres fiel ihm spontan nicht ein. Hoffentlich war das kein Eigentor – sonst hat er demnächst nicht nur die Treppe, sondern auch noch alle Näharbeiten am Bein.
Bestimmt schiebt er diesen Gedanken beiseite, macht sich auf die Suche und findet tatsächlich einen Plan mit vielen bunten Linien. Ein beherzter Sprint in die Küche, das Brötchen aus dem Butterbrotpapier geschält und schon kann es losgehen. Hat er irgendwann mal im Fernsehen gesehen(wahrscheinlich bei Jean Pütz). Also die Linien abgepaust und auf das Shirt übertragen. Und nun die Schere und Nadel und Faden. So wird geschnitten und gehobelt, genäht und geflucht. Nach zwei Stunden ist er fertig. Nun noch das eigene Logo angebracht und schon geht es zu seiner Frau. Stolz. Richtig stolz ist er.
Kaum erblickt ihn seine Frau in seinem neuen Shirt, bricht sie in schallendes Gelächter aus. „Wie siehst du denn aus?“. Eine Frage, die eigentlich keine Antwort verdient hat. „Große Erfinder werden immer erst belächelt“ denkt er sich, bevor er scheinheilig nachfragt. „Was ist denn nicht in Ordnung?“
„Wo sind denn die Ärmel?“
Das ist ihm auch schon aufgefallen, aber scheinbar lässig stößt er hervor „Is’n Singlet – so’n Shirt mit ohne Arme“. Erste Klippe überwunden.
„Und die vielen Löcher und ausgeschnittenen Streifen?“
„Na ja, soll ja atmungsaktiv sein. Außerdem ist der Schnitt so wie bei dem Muster.“ Langsam wird er störrisch.
„Na, dann zeig doch mal dein Schnittmuster“ fordert ihn seine Frau beschwichtigend auf.
Er versteht zwar die Welt nicht mehr, aber er zeigt es ihr. „Schatz“ prustet sie los, „das ist kein Schnittmuster, sondern der U-Bahn Plan von London“.
„Aber die vielen bunten Linien – wie bei einem Schnittplan“ stammelt er nur. Er glaubt, er müsse nun in ein tiefes Loch versinken.
„Aber hübsch ist es, besonders das Logo. Das eignet sich prima als Fenstertuch“ versucht sie ihn aufzubauen. Zu spät. Deprimiert wendet er sich ab und zieht seine Schlüsse. „Timo ich komme wieder und meine neue Karriere muss warten.“