
Fast hatte er es geschafft – das Rennen und seinen Selbstversuch. Er merkte, wie seine Beine weich wie Gummi zu sein schienen und das er das Rufen der Leute wie durch einen Wattebausch wahrnahm. Ein Glücksgefühl strömte durch seinen Körper und er hatte das unglaubliche Gefühl, dem Ziel entgegen zu fliegen.
Gleichzeitig merkte er, dass es Zeit wäre, das Ziel zu erreichen, denn seine Backenzähne schwammen schon und bei dem Anblick der Dixie Klos im Zielbereich traten ihm Tränen in die Augen.
Er versuchte, einen Blick über die Schulter zu seinen Verfolgern zu wagen, kam dabei allerdings wie schon einige Male vorher aus dem Gleichgewicht und nur mit höchster Konzentration gelang es ihm, den möglichen Sturz zu verhindern. Unwillkürlich schlich sich ein Lied auf seine Lippen, als er merkte, dass hinter ihm kein Läufer mehr zu sehen war:
"Sieben Fässer Wein…"
Er fragte sich einen Augenblick, wie er auf ein so dämliches Lied kommen konnte, aber dann war dieser Gedanke schon wieder verschwunden und mit dem debilen Grinsen eines Menschen, der zu der Erkenntnis kommt, dass ein iPod kein Eierbecher ist, strebte er der Ziellinie zu.
Es war mehr ein Übertorkeln als ein Überlaufen der Ziellinie, aber in Anbetracht seiner Glücksgefühle nahm er das nicht nachhaltig wahr. Hinter der Linie wartete eine junge Dame, die eine Medaille an einem Band trug und die sich nun auf ihn zu bewegte, um ihm diese umzuhängen. Sie hob die Arme und versuchte es, aber mehrmals entkam sein Kopf dem Band, ohne dass er es wollte. Er sackte einfach nach unten weg, aber die junge Dame dachte nicht daran, aufzugeben.
"Isch, isch liebe dich – hab ich das schon gesacht?" presste er, in vermeintlich klaren Ton hervor, obwohl bei ihr nur "iiischdich" ankam. Sie versuchte ihn festzuhalten und winkte mit den Armen einen anderen Ordner herbei, aber Geck wand sich aus ihrem Griff, murmelte etwas wie "Meindaille" und wankte auf das nächste Dixie zu.
Selten war er so glücklich, dass es hier um diese Zeit keine Schlangen gab. Nicht, dass er sich vor Schlangen fürchtete, aber eine vor einem Dixie hätte ihn jetzt in argen Schwierigkeiten gebracht. Danach lugte er vorsichtig heraus, da er Sorge hatte, dass diese Frau ihm wieder auflauerte und ihm seine hart erkämpfte Medaille wieder abnehmen wollte. Nun konzentrierte er sich auf das Wesentliche und nach gefühlten zehn Minuten fühlte er sich maximal erleichtert. Er wartet noch einen Moment und als er glaubte, dass die Luft rein wäre, schlich er sich heraus und entschied, dass er besser den Zielbereich direkt verlassen würde.
Draußen lief er seiner Frau über den Weg, die ihn so merkwürdig ansah. Sie sagte aber nichts, packte ihn am Arm und führte ihn zum Auto. Auf der Fahrt nach Hause sagte sie kein Wort, sondern warf ihm nur zwischendurch einen schweigenden Blick zu. Das bekam er aber nicht nachhaltig mit, da er immer wieder einnickte.
Zu Hause nahm Kati seine Hand und stellte ihn, so wie er war, einfach unter die Dusche und das eiskalte Wasser brachte wieder das Leben zu ihm zurück. Er wies nun weitere Hilfe von sich, zog sich nunmehr aus und duschte. Anschließend ging er nach unten in die Küche, wo seine Frau ihm einen Becher mit heißem Kaffee in die Hand drückte.
"Mensch, was war denn mit dir los. Wenn ich nicht wüsste, dass du gerade ein Rennen gelaufen bist, würde ich sagen, du bist – warst, sturzbesoffen. Kannst du mir das erklären?"
"Habe ich denn gewonnen?" fragte er zunächst unsicher zurück.
"Lass es mich so sagen. Wärst du dreißig Minuten früher gekommen, wäre in der umgekehrten Rangliste noch einer vor dir."
"Oh Mist, dann war alles umsonst!" Nun begann er zu schniefen und er merkte, wie all seine Euphorie verflog.
"Ich hatte mir alles so gut überlegt. Ich hab so einen Artikel gelesen, dass Bier nahezu isotonisch und nährstoffreich ist. In einem Liter Bier sind rund 40g Kohlehydrate, also genau das, was man als Kraftquelle so braucht. Da habe ich mir an der Strecke meine Eigenverpflegung deponiert…"
"Bier??"
"Ja – Bier. Warum nicht? Neben den Kohlehydraten enthält Bier eine Menge von wichtigen Vitaminen, wie B1, B2 und Mineralien wie Magnesium und Calzium und..."
"Entschuldige mein Schatz, ich will dich ja nicht bremsen, aber das "isotonische" Bier, von dem du gesprochen, ist das Bier ohne Alkohol! Und du hast offenbar die falsche Sorte erwischt"
"Ups, ohne Alkohol? Dann hab ich den Artikel wohl nicht zu Ende gelesen, denn sonst habe ich alles richtig gemacht! Die schreiben in den einschlägigen Veröffentlichungen immer, dass man mindestens die gleiche Menge an anderer Flüssigkeit zu sich nehmen soll. Dann wäre das nicht so schlimm und außerdem habe ich ja auch viel ausgeschwitzt. Jawoll!" sagte er nun energischer.
"Also hast du an jeder Verpflegungsstelle Bier und Wasser zu dir genommen?"
"Ne, Wasser fand ich zu fade. Ich habe jeweils eine Flasche mit Bier und eine mit Kölsch deponiert. Aber ich glaube, das Experiment ist wohl schief gegangen…" sagte er nun kleinlaut, während er sich seinen Kopf festhielt, der nun anfing zu schmerzen.
"Aha. Gut, dass du das einsiehst. Ich wusste ja schon immer, dass du ein wenig bekloppt bist. Aber ich hoffe, du ziehst deine Lehren daraus…"
"Ja, mein Schatz, ich glaube, ich habe meine Lektion gelernt. Das Kölsch lass ich beim nächsten Mal weg!"
Kati verdrehte nur die Augen und Gecks Kopf sank entspannt auf die Tischplatte, wo er weiter von der optimalen Laufernährung träumte und mit der falschen Beschriftung von Bierflaschen haderte.