
Er hatte, trotz jüngster Erfolge, immer noch das Gefühl, dass in ihm verborgenes Potenzial steckte, das durch ein zielgerichtetes Training gehoben werden könnte.
Bei den letzten Rennen hatte er es geschafft, nicht als Letzter die Strecke zu verlassen und auch den Abbau des Zielbereiches hatte er sich ansehen können, als er bereits die Ziellinie überschritten hatte. Damit hatte er schon für seine Verhältnisse substanzielle Fortschritte gemacht, was aber immer noch für
Optimierung Potenzial offen ließ. Aus diesem Grund war er zuletzt bei Timo, dem Dealer seines Vertrauens und hatte sich die neuesten technischen Errungenschaften angesehen, die der Markt zu bieten hatte. Er wusste, dass er ein typischer Mann war und deshalb konnte Technik ihn begeistern. Es hatte nicht lange gedauert und er hatte sein perfektes Spielzeug gefunden, dass ihn aufs Neue für das Laufen motivieren würde. Von dem führenden Hersteller von Sportuhren gab es ein neues Modell, welches im Herbst eingeführt werden sollte: Der RIT der Firma Sahara. RIT war die Abkürzung für „Running Interactive Trainer“ und Timo hatte ein Vorseriengerät erhalten, da er einer der Hauptabsatzpunkte der Firma Sahara in der Stadt war.
Nach ein wenig Quatschen hatte Timo ihm das Teil überlassen, verbunden mit der dringenden Bitte, gut darauf aufzupassen, denn er haftete der Firma gegenüber für das Gerät. Und so fuhr Geck zufrieden nach Hause, denn er wollte das Gerät so schnell wie möglich ausprobieren. Eine Auspack-Orgie war nicht nötig, denn Timo hatte ihm nur das Gerät und das Zubehör mitgegeben. Die Bedienungsanleitung hatte er nicht gefunden, aber er meinte, dass das Gerät recht einfach zu bedienen sei.
Er zog sich um und packte das Gerät ans Handgelenk, was allerdings ein wenig merkwürdig war, denn der ausklappbare Monitor zur Routenführung maß immerhin 7 Zoll und dementsprechend schwer war das Gerät. Ein Zubehörteil hatte er in den Hohlraum seines Schuhes gepackt, denn dies war ein Bewegungs- und Schweißfuß-Sensor, der für die richtige Belüftung der Schuhe sorgen sollte. Woran so Erfinder alles denken, ging ihm durch den Kopf.
Nun entfaltete sich der Schirm und er musste die Starteinstellungen vornehmen. Das interessanteste war die Sprachauswahl und seinem Spieltrieb folgend musste er dies unbedingt ausprobieren.
„Dawai, dawai“ schallt es aus dem Lautsprecher und er entschloss sich, schnell umzuschalten, denn er fühlte schon den imaginären Druck einer Kalaschnikow in seinem Rücken. Das müsste auch irgendwie lieblicher gehen.
„Muoversi“ schnurrte eine bezaubernde, weiche Stimme, so dass sich bei ihm die Haare am ganzen Körper erhoben. Welche Erotik in dieser Stimme. Er verstand kein Wort, aber der Klang war so atemberaubend, dass er diese Stimme behalten wollte und so lief er los.
Es summte wieder in seinem Ohr, als er erneut diese Stimme hörte: „Più rapidamente“ [Schneller]. Dieses „Più“ klang wie ein Versprechen und er hatte das Gefühl, dass er jetzt eigentlich dringend nach Hause müsste. „Rrrr“ antwortete er ihr und merkte, wie sich sein Atem beschleunigte.
„Buon passo“ [gute Geschwindigkeit] hörte er aus seinem Kopfhörer und er hielt die Geschwindigkeit, um ja nichts von dieser Stimme zu verpassen. „Ich glaube, meinen nächsten Lauf mache ich in Italien. Diese Stimme, dieses Timbre“ ging ihm durch den Kopf und er überlegte, ob er mit ihr auch flirten könnte. Auf einen Versuch konnte er es ja mal ankommen lassen und so verlangsamte er wieder seine Geschwindigkeit. Wenn schon, wollte er den direkten Weg wählen:
„Hast du heute Abend schon etwas vor?“
„Non voglio aspettare, ma tua moglie“. Irgendwie fand er es doch blöd, dass er sie nicht verstand und so schaute er auf den Monitor, da er die Spreche umstellen wollte; allerdings war das nicht nötig, denn die Untertitel wurden angezeigt und so konnte er die Stimme hören und gleichzeitig lesen, was gemeint war. Und so wiederholte er die Frage und er las: „Ich nicht, aber deine Frau wartet!“ Mist, diese Uhr hatte Recht, dachte er sich und ehe er sich weitere Gedanken machen konnte, hörte und las er das nächste. „Il sesso è la cosa meno importante del mondo. Mio fratello è nella mafia ” -„Sex ist die unwichtigste Sache der Welt. Mein Bruder ist bei der Mafia.“
Wie hatte die seine Gedanken geahnt? Und wieso die unwichtigste Sache der Welt? Das musste er am Abend erst mit Kati ausdiskutieren. Die Beachtung des zweiten Hinweises war sicher gesundheitsförderlich und zum ersten Mal war er froh, dass seine Frau keinen Bruder hatte.
Damit entschloss er sich, seine heutige Einheit zu beenden und war fest überzeugt, dass RIT und er noch eine Menge Spaß miteinander haben würden. Zumindest lauftechnisch!