
Leichte Nebelschwaden sieht er in der Ferne. Eigentlich ist es kein richtiger Nebel, sondern aufsteigende Feuchtigkeit. Noch ist der Weg eben, doch dies dürfte nicht mehr allzu lange so bleiben.
Obwohl er in der Entfernung leichten Schnee erkennen kann, trägt er seine kurze Laufhose und ein kurzärmliges Shirt. Erst hatte er sich überlegt, ob er nicht etwas Längeres und Wärmeres tragen soll. Aber ehrlich gesagt, nur kurz. Dann hat er diesen Gedanken wieder verworfen. Wenn ich eine Zeit unterwegs bin, werden die Muskeln warm genug, lautete seine Argumentation gegen sich selbst. Dem konnte er nicht widersprechen und hat sich auf den Weg gemacht.
Seit mehr als einer Stunde ist er unterwegs und er muss sagen – er hatte Recht. Seine Muskeln zeichnen sich unter den kurzen Hosen ab und sind warm und geschmeidig. Er lässt seinen Blick kreisen und nimmt die Natur vor ihm richtig wahr. Da liegt tatsächlich Reif auf den Bäumen. So viel, dass sich die Äste leicht unter dieser Last krümmen.
Erst kaum merklich, nun aber immer stärker werdend, steigt der Weg vor ihm an. Seine Schritte werden kürzer. Bewusst konzentriert er sich auf seine Beine, während der gleichzeitig seinen Körper quasi in den Berg legt und so langsam voran kommt. Wenn ihn jetzt jemand beobachten würde, könnte dieser seine Anstrengung nicht nur sehen, sondern bestimmt auch körperlich spüren.
Schritt für Schritt geht es nach oben. Er fühlt den Puls, wie dieser in seinen Schläfen klopft und hämmert. Der Schweiß läuft ihm den Rücken herunter und seine Oberschenkel beginnen zu brennen. Kein angenehmes Brennen, sondern dieses "Quäl dich, du Sau" Brennen. Nun ist Konzentration alles. Es gilt, wie schon viele Male vorher, sich selber zu überwinden. Wenn es ihm auch sonst nicht immer gelingt, aber wenn er Laufschuhe angezogen hat, kann er über diesen imaginären Schatten springen.
Der Puls rast. 180, 190 zeigt seine Uhr. Kein Grund zur Besorgnis, da er weiß, dass sein persönlicher Spitzenwert deutlich oberhalb der 200 Schläge liegt. Ein Rennen über 7 Meilen hat er einmal mit einem durchschnittlichen Puls von 185 gelaufen. Es geht also. Nichts desto Trotz entschließt er sich, das Tempo noch ein wenig herauszunehmen, um sich nicht zu Schanden zu laufen.
Er spürt Vibrationen. Was ist das? Ein Beben? Eine Lawine? Kurz danach ein Klingeln. Er schreckt auf. Nun merkt er, dass er es bei ihm klingelt und vibriert. Telefon! Er verdreht die Augen und greift zum Hörer. Dabei behält er seinen Laufschritt bei.
„Hallo"
„Guten Tag. Mein Name ist Melanie Meier. Ich rufe von der Fa. *knarr* an. Wir führen gerade eine Umfrage zum Thema Rauchen unter Sportlern durch. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“
„Ähm, Ächz“
„Entschuldigung, ich habe Sie gerade nicht verstehen können. Sie kommen etwas verzerrt hier an. Und, wenn ich das sagen darf, hören Sie sich etwas außer Atem an.“
Außer Atem? Hat die eine Ahnung. Wo haben die so etwas Unsensibles her? denkt er sich.
„Nein, danke. Mir geht es gut“ röchelt er leicht in den Hörer.
„Im Moment ist es etwas schlecht. Ich befinde mich gerade auf den Weg zur Jungfrau“ presst er mühsam zwischen den Lippen hervor.
„Zur Jungfrau? Entschuldigung!! Ich hatte nicht geahnt. Wenn ich Ihnen noch helfen kann…“
„Helfen?“
„Na, ja. Sie hören sich an, als ob sie noch ein Stück zu absolvieren hätten....“
„Nein, SIE können mir nicht helfen. Ich sehe die Jungfrau unmittelbar vor mir“ stößt er unter lautem Keuchen hervor.
„In Ordnung. Dann wünsche ich Ihnen viel Glück und einen schönen Abend“. Mit diesen Worten legt seine Gesprächspartnerin auf. Sie hatte zwar eine nette Stimme. Aber alles zu seiner Zeit. Jetzt nicht! denkt er sich abschließend, bevor er zu seinem Lauf zurückfindet.
Er konzentriert sich. Nicht mehr weit bis zum Höhepunkt. Dem Höhepunkt seines Laufes. Während er den Schnee vor sich sieht, sein Körper aus allen Poren schwitzt und seine Lunge keucht und pfeift, hört er eine Stimme. Diese gehört eindeutig seiner Frau.
Während er sich noch wundert, wo die denn her kommt, ändert sich seine Sicht. Der Berg, der Schnee, die vor Kälte knarrenden Äste sind verschwunden. Seine Frau steht hinter ihm. Er hält an und dreht sich langsam um. Dabei funkelt er sie an.
„Was ist los? Warum machst du meinen schönen Lauf kaputt?“
„Lauf kaputt? Hast du mal auf die Uhr gesehen? Das Essen steht gleich auf dem Tisch. Also beeile dich mit dem Duschen.“ Damit dreht sie sich um und geht.
Er steigt von seinem Laufband und schaltet den PC und den Beamer aus. Schade, wenn man so kurz vor dem Höhepunkt aussteigen muss, denkt er sich. Ein klassischer Interruptus. Ein Cursus Interruptus.
Alles wie im richtigen Leben.