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Blitz(krieg?)

09.01.08
Quelle: Running Geck

Dunkel ist es.

Das ist an sich nicht ungewöhnlich um diese Jahreszeit in den Abendstunden. Allerdings ist es selten so finster. Die Sterne am Himmel sind kaum auszumachen und ein leichter Nebel senkt sich über die Felder.

So war es schon, als er seine Schuhe geschnürt und losgelaufen ist. Nun schaut er sich um. Eigentlich kennt er den Weg. Hundertmal ist er ihn schon gelaufen. Beinnahe von selbst laufen seine Beine, nachdem er ihnen einmal das Signal zum Loslaufen gegeben hat.

Leicht zieht die Kälte an ihm herauf, während er gemächlich vor sich hin trabt. Er lässt das letzte Jahr noch einmal vor seinem geistigen Auge ablaufen. Die vielen Laufstrecken, die er in diesem ablaufenden Jahr neu kennengelernt hat. Die Rennen, immer zwischen Euphorie und Verzweifelung.

Höhen und Tiefen – das ist das, was ein Läuferjahr ausmacht. Die Schmerzen und die mentale Leere, als er in der Eifelachterbahn unterwegs war. Jede Faser seines Körpers schrie nach Aufgabe. Und doch hat er sich durchgebissen.

Die Euphorie, als ihm ein fast perfekter Lauf gelang und er spürte, wie sich sein Körper rhythmisch vorwärts bewegte und der erwartete Einbruch nicht kam. Stattdessen stand am Ende eine nie geahnte persönliche Bestzeit.

All dies geht ihm durch den Kopf bei seinem Jahresendlauf. Noch einmal ein schöner und entspannter Lauf. Und so läuft er langsam, beinahe besinnlich vor sich hin. Immer wieder schaut er sich um, da er seinen Schutzengel bei sich wähnt (das ist eine andere Geschichte). Aber er sieht ihn nicht. Wahrscheinlich erscheint dieser nur in der Vorweihnachtszeit.

Die kühle Luft umschließt ihn. Das ist nicht unangenehm, da es sich leichter atmen lässt und die Schweißbildung hemmt. Er fühlt sich rundherum wohl, während er die Wolken betrachtet und seinem rhythmischen Atem lauscht.

Ein Blitz!

Er denkt gerade noch „Wo kommt das Gewitter her?“ als er einen Aufschlag kurz vor sich sieht. „Ein Meteorit“ schießt es ihm durch den Kopf. Er will hin laufen, um es sich näher anzusehen. Da kommt der nächste Blitz, gefolgt von einem weiteren Einschlag. Diesmal auf der anderen Seite. Dort, wo er gerade noch gelaufen ist, sieht er nur noch etwas qualmen.

Irritiert schaut er sich um, als die Hölle um ihn herum losbricht. Nur ein Heulen und Jaulen ist zu hören und er sieht Blitze und Einschläge um sich herum. Nun bricht leichte Panik aus und im Zickzack hetzt er weiter. Die Augen rotieren und er versucht die Gefahrenquelle zu ermitteln. Immer näher scheinen die Einschläge zu kommen und immer schneller wird sein Schritt. Wenn dies ein Laufbewerb wäre, er würde garantiert eine neue Bestzeit aufstellen.

Aber nun gilt die erste Priorität dem Überleben und so hetzt er weiter, während er den umher fliegenden Geschossen elegant ausweicht.

Ein Einschlag unmittelbar vor ihm. Geistesgegenwärtig hechtet er in den Graben. Nach einer wenig eleganten Rolle bleibt er auf dem Bauch in einer Pfütze liegen. Er rappelt sich auf, während es um ihn herum blitzt, donnert und scheppert. Er hastet weiter mit wirrem Blick, bis er endlich sein Zuhause entdeckt.

Endlich zuhause. Er reißt die Tür auf und lässt sich völlig verdreckt und fertig an der Wand auf den Boden sinken. Der Duft von Kaffee reißt ihn aus seiner Lethargie. Er rappelt sich hoch und wankt in die Küche, wo seine Frau vor einer frisch gebrühten Tasse Kaffee sitzt.

"Schatz, mach das Radio an“ stammelt er nur. „Es ist Krieg. Ich weiß nicht, wer gegen wen, aber es ist KRIEG. Ich wurde gejagt, beschossen und bin froh, mit heiler Haut davon gekommen zu sein.“

Seine Frau wirkt erstaunlicherweise völlig ruhig. Dabei setzt sie wieder diesen „Armer-Irrer“ Blick auf.

„Schatz, hatte ich dich nicht gewarnt?“
Pause.

Als er nicht antwortet, fährt sie fort: „Aber nein, du musst ja unbedingt an Silvester laufen gehen.“

„Silv…..?!?“ – Das Wort bleibt ihm im Hals stecken. Und während er unter die Dusche geht, beschließt er, dass ihm nächsten Jahr zwischen Weihnachten und den heiligen Dreikönigen Laufpause ist.

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