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Jeder Schritt zählt

01.10.13
Quelle: Norman Bücher

Als ich mit dem Ultramarathonlaufen vor vielen Jahren begonnen habe, fiel mir bei etlichen Wettkämpfen immer wieder ein bestimmter Läufer auf. Er unterschied sich nicht nur wegen seiner Äußerlichkeiten, einem schwarzen Kopftuch und einem langen, weißen Vollbart, von den anderen Läufern. Er schien auch schon ein wenig älter zu sein.

Ich fand heraus, dass er schon über 60 Jahre alt war. Für mich war es zum damaligen Zeitpunkt einfach unvorstellbar, dass jemand in seinem Alter noch Läufe von 100 Meilen und mehr erfolgreich absolvieren konnte. Doch er schien jedes Mal topfit zu sein. Bei jedem Lauf erreichte er das Ziel. Er lief zum Beispiel den sehr anspruchsvollen Badwater Ultramarathon im Tal des Todes in Kalifornien. 217 Kilometer und über 4.000 Höhenmeter bei teilweise fünfzig Grad. Einige jüngere Läufer mussten aufgeben, doch er beendete erfolgreich dieses Rennen.

Vor dem Lauf am Mont Blanc kamen wir schließlich ins Gespräch. Er stellte sich als Bernhard vor. Wir verstanden uns sofort und redeten gleich über Gott und die Welt. Und irgendwann fragte ich ihn: „Wie schaffst du es in deinem Alter noch, 100 Kilometer zu laufen?“ Und er sagte mir: „Ich laufe nicht 100 Kilometer, sondern einen Kilometer - 100 Mal!“ Bernhard konzentrierte sich jeweils auf einen Kilometer und konnte so die ganze Strecke laufen. Bei einer Fokussierung auf die gesamte Strecke hätte ihn allein schon der Gedanke daran völlig abgelenkt und ermüdet.

 
Norman Bücher beim UTMB kurz vor dem Ziel in Chamonix
© marathon4you.de

Begeistert von dieser Erkenntnis fing ich an, genau dieses Prinzip auf mich zu übertragen. Und von da an gingen meine Gedanken bei den Läufen immer nur bis zum nächsten Verpflegungspunkt oder beschränkten sich auf den jeweiligen Kilometer. Ich denke heute teilweise nur noch an den jeweils nächsten Schritt. „Jeder gelaufene Meter bringt dich deinem großen Ziel ein Stück näher“, habe ich dann im Hinterkopf. Die gesamte Strecke, die gesamten 168 Kilometer wie beim Ultra-Trail du Mont Blanc, sind bei mir völlig ausgeblendet. Damit erhalte ich eine ganz andere Einstellung gegenüber Distanzen. 168 Kilometer kann ich mir nur schwer vorstellen, aber acht Kilometer oder auch zwölf Kilometer sind noch überschaubar. Und genauso denke ich bei meinen Läufen.

Diese Art des Denkens half mir auch bei einem ganz anderen, sehr speziellen Wettkampf weiter, den ich im Jahr 2008 gemacht habe: dem Sächsischen Mount Everest Treppenmarathon. Bei diesem Event läufst du einen Doppelmarathon, also 84,4 Kilometer. Aber nicht in der Ebene. Mitten in Radebeul, einer idyllischen Stadt nordwestlich von Dresden, befindet sich die Spitzhaustreppe. 397 Stufen und 88 Höhenmeter führt diese Treppe mitten durch einen Weinberg steil hinauf. Diese Treppe musste ich bei diesem Wettkampf insgesamt einhundert Mal rauf und wieder runter laufen. Dann kommt man auf exakt 8.848 Höhenmeter. So viel wie vom Meeresspiegel bis zum Gipfel des Mount Everest. Insgesamt musste ich also fast 40.000 Stufen bergauf und 40.000 Stufen wieder bergab laufen. Nach über 21 Stunden erreichte ich das Ziel. Was ich bei diesem Rennen wirklich lernte, war, dass jede einzelne Stufe, jeder einzelne Schritt auf dem Weg zum Ziel ganz entscheidend ist.

Doch du musst bei weitem keinen Ultramarathon laufen, um diese Denkweise anzuwenden. Auch und gerade für mittlere Strecken oder für einen Marathon gilt dieses Prinzip. Jeder einzelne Kilometer ist wichtig. Jeder Schritt zählt.


Weitere Informationen zu Norman Bücher, seinen Vorträgen, Seminaren und Büchern findest Du unter

www.norman-buecher.de und

www.extremsport-redner.de

 

 
 

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