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„Wo man mich nicht will, will ich nicht sein“

17.09.12
Quelle: Klaus Duwe

Es passiert selten, dass ich einmal ein Wochenende zuhause bin. Aber manchmal  muss man anderen Dingen Vorrang geben.

Schlecht ist es aber nicht, wenn man auf diese Weise etwas zur Ruhe kommt und ein wenig reflektieren kann. Weil ich auf das Laufen nicht verzichten wollte, war ich in Forstfeld. Das liegt 15 km von mir entfernt auf der anderen Rheinseite im Elsass. Früher habe ich dort fast jedes Jahr am „IVV-Marche Polulaire“ teilgenommen, seit ich zum Läufer mutiert bin, nicht mehr. 

Im DVV oder IVV (Deutscher oder Internationaler Volkssportverband) werden Volksmärsche ohne Sollzeiten veranstaltet. Die Startgebühr beträgt ohne Auszeichnung 1,80 Euro, die Distanzen reichen von 10 und 20 km bis zum Marathon, es gibt auch Ultras. Man kann Spazierengehen, Marschieren, Walken und Laufen, ganz wie man will. Es gibt keine fixen Startzeiten, man kann in der Regel vom frühen Morgen bis zur Mittagszeit starten, Zielschluss ist irgendwann am Nachmittag.  Ungefähr alle 5 km gibt es Getränke- und Verpflegungsstellen.

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Eigentlich ist eine solche Veranstaltung eine ideale Möglichkeit, für kleines Geld einen betreuten und unterhaltsamen Trainingslauf zu absolvieren. Daran habe ich mich erinnert, als mir kürzlich Anton Grüße von Volker Berka bestellt hat, den er beim Marathon in Crailsheim (auch eine IVV-Veranstaltung) getroffen hat. Volker hat viele Berichte auf marathon4you veröffentlicht.

 
Volker Berka 2006 beim Monschau Marathon
© marathon4you.de

Volker, Jahrgang 1943, nimmt seit 50 Jahren an Wettbewerben teil und hat weit mehr als 500 Marathonläufe erfolgreich absolviert. Seine Bestzeit lief er vor 40 Jahren (3:16), auf der Bahn schaffte er die 10.000 m in 36:26,6 Minuten. Kein gesundheitliches Problem und keine Verletzung konnten ihn dauerhaft vom Laufen abhalten. Laufen und lange Strecken sind sein Leben,  auch dann noch,  als es  „nur“ noch um’s  Dabeisein geht und nicht mehr um Bestzeiten.  Auch als kaum einer mehr nach ihm ins Ziel kommt, ist das kein Grund für ihn, aufzuhören.

„Hauptsache im Limit“, lautet seine Devise. Aber das wird immer schwerer, besonders wenn die Bedingungen oder die Strecke den Lauf erschweren. Stress und Hetze mag er nicht. Ebenso mag er es nicht, wenn Helfer und Veranstalter wegen ihm „Überstunden“ machen. Und schon gar nicht will er ein Finish aufgrund eines Kulanz- oder Gnadenaktes.

Folgerichtig meidet er Läufe, bei denen er mit seinem Leistungsvermögen nicht erwünscht ist. Getreu dem Motto: „Wo man mich nicht will, will ich nicht sein.“ 

 
Horst Preisler (Jahrgang 1935), der vielleicht bekannteste Senior, hat über 1800 Marathons auf seinem Konto.
© marathon4you.de

Horst Preisler (Jahrgang 1935), der wohl bekannteste Marathonsammler, denkt ähnlich. Er lief den Marathon in seiner besten Zeit in 2:54, heute braucht er schon mal doppelt so lange.

Läuferinnen und Läufer wie sie gibt es viele. Und es sind nicht immer „Alte“. Beim Jungfrau Marathon sprach mich kürzlich eine Frau, Mitte/Ende 40, an. Sie tat sich schwer am ersten Anstieg hinauf nach Wengen. Ihre beste Zeit bei diesem Bergmarathon liegt bei ca. 4:30. Heute ist sie froh, wenn sie nach 2 Stunden mehr das Zeitlimit schafft. Aber sie ist glücklich, überhaupt noch laufen zu können. Sie hat Leukämie.

Man muss also nicht warten, bis man aus Altersgründen aus dem Raster fällt. Es können schon früher und jederzeit Umstände eintreten, die das bewirken. Was ist man dann? Ist man noch Läufer oder Läuferin? „Nein“, sagte mir einmal eine ehemalige Spitzenläuferin, „bei einem Marathon in 5 Stunden kann man nicht mehr von Laufen reden.“  Viele Veranstalter scheinen der gleichen Meinung zu sein und selektieren mit entsprechenden Zeitlimits.

Ihr versteht mich hoffentlich richtig: Ich habe nichts dagegen. Von mir aus kann man auch 3 Stunden als Limit nehmen. Nur das Jammern wegen rückläufiger Teilnehmerzahlen verstehe ich dann nicht. Es ist einfach so, und das wird sich in Zukunft noch verstärken, dass jedes Jahr mehr aktive Marathonis durch das Zeitraster fallen, als junge, dynamische, leistungsstarke und –willige dazu stoßen und dabei bleiben.  Wer das nicht kapiert, muss die Suppe halt auslöffeln. 

Und noch eins: Es ist nicht damit getan, die „Langsamen“ mit 7:00 Stunden zu locken, wenn noch vor dem Letzten damit begonnen wird, das Ziel abzubauen und die restlichen Leckereien zu verteilen. Was wurde mir mal gesagt, als ich im Ziel nach 5 Stunden (Zeitlimit 7 Stunden) vor leeren Tischen stand?  „Du musst das nächste Mal halt schneller laufen.“ 

Manchen Veranstalter wird das langweilen, weil ihm die Läuferinnen und Läufer sowieso die Bude einrennen. Allen anderen würde ich empfehlen, über das Thema nachzudenken und gegebenenfalls ganz offensiv damit zu werben, dass auch langsamere Marathonis willkommen sind. 

 
 

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