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Auf einen Schlag: Auch Läufer sind verwundbar

23.03.10
Quelle: Klaus Klein

Laufend genesen 

Am 05. Januar 2010 wollte ich zusammen mit Jens wie schon 2009 zum Marathon nach Tiberias fliegen (s. Bericht vom 11.01.2009). Wir freuten uns wieder auf eine schöne Urlaubswoche in Israel und das Treffen mit unseren Freunden dort.

Doch unsere Freunde warteten am Abend des 5. Januar 2010 vergeblich in Tel Aviv auf uns. Der Tag begann völlig anders als erwartet. Ich stand zunächst wie geplant gegen 7 Uhr auf. Nach dem Frühstück wollte ich mit der S-Bahn zur Flughafen Köln-Bonn fahren und unterwegs sollte Jens zusteigen.

Im Badezimmer passierte dann das Unglück. Ich spürte auf einmal einen Schlag im Kopf. Es gab richtig einen Knall und ich hörte laute Geräusche. Im ersten Moment dachte ich an einen Hörsturz, dann bemerkte ich, dass ich völlig die Kontrolle über meinen Körper verloren hatte. Gut, dass ich in diesem Moment saß. Ich wäre sonst gestürzt und hätte mir dabei schwere Verletzungen zuziehen können. Mir war sofort klar was passiert war. Ich hatte einen Schlaganfall erlitten. Israel würde warten müssen.

Irgendwie schaffte ich es zum Schlafzimmer und stürzte dort hinein. Gehen und Stehen war nicht möglich. Der Körper entzog sich den Befehlen aus dem Kopf. Als ich meiner Frau sagte, dass ich einen Schlaganfall habe und sie bitte den Notarzt rufen möge war nicht nur sie erschrocken, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes ins Zimmer gestürzt kam. Ich bemerkte, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Nur noch ein undeutliches Lallen war zu vernehmen.

Während wir auf den Notarzt warteten, riefen wir Jens an. Auch er hatte große Mühe mich zu verstehen und war schockiert.

Stroke Unit statt Israel

Gottlob kam der Notarzt innerhalb von Minuten und auch er vermutete einen Schlaganfall. Binnen kürzester Zeit war ich im Krankenhaus in Frechen. Dort gibt es eine Intensivstation für Schlaganfallpatienten, eine sogenannte Stroke Unit. Dort bekam ich sofort eine Lysetherapie.

Wie wichtig diese rasche Diagnose und Behandlung waren, wurde mir einige Wochen später klar, als ich einen Artikel zu Schlaganfällen las. 53.000 Todesfälle durch Schlaganfälle gibt es in Deutschland in jedem Jahr. Nur bei 13% kann eine Lysetherapie erfolgreich angewendet werden.

Das Gefährliche bei einem Schlaganfall ist, dass durch die Durchblutungsstörung das Gehirn nicht mehr ausreichend versorgt wird. Dadurch sterben Nerven- und andere Hirnzellen in den betroffenen Hirnregionen ab.

Bei einem Schlaganfall gilt es keine Zeit zu verlieren. Für die Lysetherapie steht nur ein kurzes Zeitfenster von etwa 3-4 Stunden nach dem Schlag zur Verfügung. Wegen der damit verbundenen vorübergehenden Ausschaltung der Blutgerinnung und Blutungsgefahr kann die Lysetherapie jedoch nicht bei jedem angewendet werden. Das bei mir durch einen Verschluss blockierte Blutgefäß konnte durch die Lysetherapie wieder frei gemacht werden und  das minderversorgte Hirngebiet wurde wieder durchblutet und damit die Folgen des Schlages eingedämmt. Je eher die Therapie begonnen werden kann, desto besser. Es gilt: „time is brain“.

Glück im Unglück

Wenn ich heute auf den Schlaganfall zurückblicke muss ich feststellen, dass ich großes Glück gehabt habe. Ich war wach als es passierte und wusste gleich was los war. Die Versorgung durch den Notarzt und die Ärzte im Krankenhaus war schnell und kompetent.

Die Folgen des Schlags konnten bei mir durch die rasche und gute Behandlung gemildert werden. Ich merkte schon beim Transport im Notarztwagen, dass ich alle Gliedmaßen isoliert bewegen konnte. Ich sah aber alles unklar und nahezu doppelt, dazu hatte ich keine Koordination über meinen Körper. Mir war aber klar: Ich bin nicht gelähmt. Somit würde ich eines Tages sicher wieder in der Lage sein mich auch wieder gehend bewegen zu können und die Bewegungen des Körpers koordinieren zu können. Das Gehirn verfügt über genügend Zellen um nach dem Absterben von Zellen deren Funktionen von anderen Zellen übernehmen zu können. Das alles war mir sofort klar. Nur wie lange würde dieser Prozess dauern? Davon hatte ich keine Vorstellung.

Ich wusste nur eins sofort: Ich wollte mich wieder normal bewegen können und sprechen können.

Marathon als Ziel

Nach zwei Tagen wurde ich von der Stroke Unit in ein normales Krankenzimmer verlegt. Ich war mit meinen 54 Jahren mit Abstand der jüngste Schlaganfallpatient im Krankenhaus. Bereits auf der Stroke Unit begannen die therapeutischen Maßnahmen durch Physiotherapie und Logopädie. Ein solcher früher Beginn ist sehr wichtig für die Wiederherstellung. Je früher desto besser.

Die Versorgung im Krankenhaus und auch später in der Rehaklinik möchte ich hier ausdrücklich loben. Sowohl die ärztlichen Leistungen als auch die Betreuung durch die Schwestern, Physio- und Logotherapeutinnen waren ausgezeichnet und haben mir sehr geholfen. Sie haben auch stark motiviert.

Ich nahm den Schlag als Realität der es sich zu stellen galt hin und sah die kommende Rehabilitation als eine Art langen Trainingsprozess an. Hochmotiviert und voller Tatendrang ging ich ans Werk. Wichtig ist, dass der Patient mitmacht und selbst für seinem Erfolg arbeitet. Diesen Willen hatte ich von Anfang an. Schon auf der Stroke Unit habe ich die Ärzte gefragt was ich aktiv tun könne. Gleich bei der ersten Visite am Tag nach dem Schlaganfall verkündete ich, dass ich wieder Marathon laufen wolle. Tiberias 2011 war mein Ziel. Doch zunächst musste mich ich wegen der Gefahr einer Entzündung im Gehirn erst einmal 4-5 Tage bremsen. Gehen durfte ich nur im Zimmer.

Fortschritte motivieren

Meine Fortschritte waren enorm. Schon am ersten Morgen nach dem Schlag konnte ich wieder normal sehen. Am ersten Abend sogar noch unternahm ich von einer Schwester geleitet die ersten Schritte zur Toilette. Diese Schritte waren zwar noch sehr wackelig und normales Gehen ist sicher etwas anderes, für mich bedeuteten sie jedoch eine unvorstellbare Motivation.

Wer wieder gehen kann, kann auch später sicher wieder laufen!

Ich musste meinen Tatendrang bremsen. Mehr als einmal wurde ich gerüffelt weil ich zu aktiv war. Aber ich konnte immer sicherer gehen. Zunächst noch an den Wänden des Zimmers und später des Flures entlang, immer bemüht mich im Falle eines Sturzes irgendwo halten zu können. Am vierten Tag ging ich sogar heimlich im Treppenhaus ein Stockwerk hinauf und hinab. Runter war zwar schwierig und ging nur mit Festhalten, aber es ging! Meine Motivation stieg mit jedem kleinen Erfolg. Es kamen ganz merkwürdige Gedanken. Vielleicht würde ich es ja schon bis zum Alpin-Marathon in Oberstaufen am 3. Juli schaffen laufen zu können.

Man muss sich Ziele setzen. Mein Ziel war es wieder Marathon zu laufen. Damit würde auch alles andere wieder kommen.Ursache, als Läufer unverwundbar?

Doch zuerst galt es der Ursache des Schlages auf die Spur zu kommen. Ich hatte keine der klassische Risikofaktoren wie Übergewicht, hohen Blutdruck, Cholesterin. Ich rauche nicht und trinke (fast) keinen Alkohol. Was also hatte bei mir zum Schlag geführt?

Als Läufer hält man sich leicht für unverwundbar. Schließlich lebt man gesund, achtet auf seine Ernährung und tut aktiv was für seine Gesundheit. Doch wir sind nicht unverwundbar.

Eine Herzultraschalluntersuchung (Echokardiographie) brachte die für mich erstaunliche Erkenntnis, dass ich ein Loch im Herzen habe, medizinisch ausgedrückt ein offenes Foramen ovale (PFO). Dies erstaunte mich umso mehr, als ich 2005 im Rahmen einer groß angelegten Studie des Herzzentrums der Universität Essen über Marathonläufer ab 50 Jahre gründlich am Herzen untersucht wurde (s. Meldung vom 03.05.2006 auf m4y).

Doch das PFO lässt sich nicht mit einem EKG oder per Röntgenbild diagnostizieren. Nur wenn man eine Sonde schluckt und durch diese ein Ultraschallbild des Herzens von hinten gemacht wird, kann man mittels vorher gespritzten Kontrastmittels den Übertritt vom linken in den rechten Vorhof erkennen. Die Untersuchung ist nicht gerade appetitlich,  aber auszuhalten.

Das PFO könnte die Ursache meines Schlaganfalls gewesen. Durch das PFO kann eine Blutgerinnsel z. B. aus den Beinvenen in den Gehirnblutkreislauf gelangen und dort zum Verschluss=Gehirnschlag führen. Kann, muss aber nicht so gewesen sein. Möglich wäre z. B. auch erhöhter Stress und damit verbunden ein temporär höherer Blutdruck als Ursache.

Wie auch immer. Mein PFO ist nicht groß und ich habe mich entschlossen, es nicht verschließen zu lassen. Ich nehme täglich eine Tablette mit einer 100er Dosis Acetylsalicylsäure zur Blutverdünnung und lebe ansonsten ganz normal.

Weiter Sport trotz Loch im Herzen

Gleichwohl war die Erkenntnis, ein Loch im Herz zu haben, für mich erst mal zu verdauen. Da treibst du seit Jahren Sport, läufst Ultras und jetzt kommt raus, du hast ein Loch im Herz. Was bedeutete das Loch für mich? Kann ich weiter laufen? Muss ich mich einschränken? Das waren Fragen die sich mir nun stellten.

Keiner der Ärzte riet mir jedoch zu einem Verschluss des PFO oder auf Sport zu verzichten. Ich klärte das PFO zur Sicherheit noch mit einem Kardiologen ab. Auch er riet von einer Operation ab und erklärte mir, weiter uneingeschränkt meinen Sport treiben zu können.

Nun gab es kein Halten mehr für mich. Nach 9 Tagen konnte ich das Krankenhaus verlassen und kam für vier Wochen in eine Rehaklinik. Die Godeshöhe in Bonn-Bad Godesberg liegt in der Nähe des wunderschönen Waldgebietes Kottenforst. Gleich am ersten Tag dort schnürte ich meine Laufschuhe und ging in den Kottenforst.

Spontan erster Laufversuch 16 Tage nach dem Schlag

Nach wenigen Minuten war ich dort angelangt und fasste spontan den Entschluss, einmal kurz das Laufen zu versuchen. Ich setzte mir ein Ziel, bis zur ersten Biegung des Weges sollte es gehen. Mit großer Spannung setzte ich sehr vorsichtig ein Bein vor das andere. Siehe da, es fühlte sich unbeschreiblich merkwürdig an und hatte mit meinem Laufen vor dem Schlag nichts gemein, aber es ging. Zwar wackelig und mit abgehackten Bewegungen – aber laufend erreichte ich sicher mein Ziel.

Nach 3 Minuten und 56 Sekunden war die Biegung erreicht und ich hatte 16 Tage nach dem Schlaganfall wieder den ersten Lauf gemacht. Es geht doch noch. Man muss sich trauen und daran arbeiten. Gleich am nächsten Tag lief ich in der Klinik auf dem Laufband schon stolze 7 Minuten. Jetzt wusste ich, es geht wieder. Die Laufbewegungen wurden mit jedem Tag immer sicherer und bald lief ich wieder wie vorher.

Motivation und Genesung durch Laufen

Das Laufen hat mir unbeschreiblich viel geholfen. Durch das Laufen wurde ich in allen Bewegungen sicherer und konnte viel rascher Erfolge verzeichnen, als dies ohne Laufen möglich gewesen wäre. Nicht für die motorische Entwicklung war das Laufen sehr hilfreich. Auch für die psychische Verarbeitung des Schlaganfalls war mein Laufen eminent wichtig. Ich merkte, ich werde wieder der Alte. Das gab mir viel Kraft und Motivation neben den normalen Therapieanwendungen in der Klinik zusätzliche eigene tägliche Sprach- und Schreibübungen zu absolvieren. Schon bald wurde ich scherzhaft von einem Physiotherapeuten der Klinik daran erinnert, dass ich immer noch als Patient da sei und es nicht übertreiben solle.

Mittlerweile kann ich wieder fast normal sprechen und auch das Schreiben wird besser. Ich habe auch bereits konkrete Marathonpläne. Wie im letzten Jahr möchte ich wieder in Messina am Marathon teilnehmen. Ich bin ein großer Fan von Sizilien und Marathon im Frühling dort ist wunderschön. Ich kann den 25. April 2010 in Messina kaum erwarten.

Ich bin dem Schöpfer dankbar, dass ich so glimpflich davon gekommen bin. Es ist mir bewusst, dass ich unbeschreibliches Glück im Unglück gehabt habe. Aber ich habe auch gemerkt, wie sehr mir das Laufen geholfen hat. Ohne das Laufen wäre eine solche rasche und gute Wiederherstellung nicht möglich gewesen. Das Laufen gab mir Kraft und Motivation, ich hatte ein Ziel vor Augen.
Besonders wichtig bei der Bewältigung des Schlaganfalls war die Unterstützung meiner Familie und von Freunden, Nachbarn, Kollegen und Bekannten. Die Anteilnahme und guten Wünsche haben wirklich gut getan und mich sehr motiviert.

Meinen Freunden in Israel habe ich versprochen, die 2010 ausgefallene Reise in 2011 nach zu holen.

Fazit:
Auch wir Läufer sind verwundbar, aber es gilt, sich nicht hängen zu lassen und sich Ziele zu setzen.
Laufen hilft!

Gut, dass wir laufen können.

 
 

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