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Bist du ein Natural Runner?

01.02.14
Quelle: Andreas Butz

9 Kriterien, die dich zu einem Natürlichläufer machen

 

Natural Running ist in aller Läufermunde. Doch was steckt genau dahinter? Reicht es, sich so genannte Natural Running Schuhe zu kaufen, um sich wie ein Natürlichläufer zu fühlen? Marathon4you-Autor und Top-Trainer Andreas Butz hat 9 Kriterien aufgestellt, deren Umsetzung auch dich zu einem echten Natural Runner machen:


1. Natural Running-Laufstil


Fersenlaufen ist eine unnatürliche Zivilisationsbegleiterscheinung. Nur gedämpfte Schuhe machen es für Läufer möglich, die Schockwelle auszuhalten, die beim Laufen durch den Körper strahlt, wenn man - mit dem, je nach Tempo, zwei- bis vierfachen des Körpergewichtes - auf der Ferse aufsetzt. Natural Runner sind Mittelfußläufer. Sie dämpfen den Laufsprung mit dem ganzen Bewegungsapparat. So wie jeder Mensch einen x-beliebigen Sprung abfedert. Probiere auch du es gleich mal aus. Spring von einer Treppenstufen runter, oder einem Stuhl. Wetten wir, dass du nie, nie, niemals mit der Ferse landen wirst? Beim Springen landet der Mensch sanft, in dem er auf dem Vorderfuß landet und dann den Fuß bis zur Ferse entlastet. Und genau so laufen auch echte Natural Runner. Der Dank der Natur: Natürlichläufer kennen die üblichen Sportverletzungen nicht.

 
© marathon4you.de


2. Natural Running-Schuhe


Schuhe mit hohen Absätzen und starker Dämpfung haben mit natürlichem Laufen nichts zu tun. Die Dämpfung verleitet zum Fersenfußlaufen, und die hohe Sohle erhöht durch die Sturzhöhe beim Abknicken das Verletzungsrisiko. Pronationsstützen sind völliger Murks, korrigieren Sie doch die natürliche Dämpfungsautomatik des Bewegungsapparates. Wenn Bänder, Sehnen und Muskeln den Sprung nicht mehr seitlich abfedern dürfen, dann verkümmern sie. Use it or loose it. Je mehr der Mensch in den natürlichen Bewegungsablauf eingreift, umso höher ist das Verletzungsrisiko.

Viele Möchtegern-Natural Runner wollen den Trend nicht verpassen und legen sich Natural Running-Schuhe zu. Doch aufgepasst: Schuhe und Laufstil sind immer als Verbindung zu sehen. Wer den falschen Laufstil im richtigen Laufschuh hat, verstärkt das Verletzungsrisiko. Sind Sie (noch) ein Fersenfußläufer? Dann bleiben Sie bei gedämpften Schuhen. Möchten Sie weg vom Fersenfußlaufen, dann nutzen Sie Natural Running-Schuhe. Doch was macht einen Schuh zum Natural Running-Schuh? Dies ist einen eigenen Artikel wert, daher an dieser Stelle nur die wesentlichen drei Kriterien: 1. Null Millimeter Sprengung, 2. hohe Torsionsfähigkeit, 3. flache Sohle.


3. Natural Running-Trainingstage


Der Transeuropalaufsieger von 2013, Robert Wimmer, hat mal auf die Frage, wie häufig er denn trainiere, wie folgt geantwortet: „Ich laufe nur an Tagen, an denen ich auch esse oder trinke“. Und in der Tat hat gelegentliches Joggen nichts mit Natural Running zu tun. Man muss ja nicht gleich zum „Streaker“ werden, die - nach den von der  amerikanischen Streak-Running-Vereinigung definierten Regeln - täglich mindestens eine Meile laufen. Doch täglich moderat zu laufen kommt unsere Veranlagung deutlich näher, als die nur 700 Meter pro Tag, die der zivilisierte Mensch heutzutage durchschnittlich zu Fuß unterwegs ist. Wenn man natürliches Laufen an unseren Vorfahren orientiert, an unserer evolutionären Veranlagung, dann kann man davon ausgehen, dass auch die Sammler und Jäger gelegentliche Ruhetage einlegen mussten. Daher halte ich mindestens 5 Laufeinheiten pro Woche für ein weiteres Kriterium bei der Beantwortung der Frage, ob man ein Natural Runner ist.


4. Natural-Running Wochenumfang


Der Mensch ist das begabteste Ausdauerlauftier der Welt. Robert Wimmer hat es in 64 Tagen mit durchschnittlich 90 Kilometern pro Tag von Lissabon nach Moskau geschafft. Ist das natürlich? Ich denke nein. Anthropologen gehen davon aus, dass unsere Vorfahren täglich im Schnitt 10 bis 20 Kilometer im Laufschritt unterwegs waren. Dies passt zur Beobachtung vieler Trainingsgelehrten, die festgestellt haben, dass bei Spitzensportlern eine Steigerung der Trainingsumfänge bis 140 Wochenkilometer deutlich messbare, beinah lineare Ergebnissteigerungen bringen. Eine Steigerung darüber hinaus, bringt prozentual deutlich weniger Leistungszuwachs, als die prozentuale Steigerung der Wochenkilometer. Wenn Anthropologen - die Wissenschaftler vom Menschen - 10 bis 20 Kilometer durchschnittlich für üblich halten, und ich mich an der unteren Grenze orientiere, dann machen uns 70 Wochenkilometer offensichtlich zu einem Natürlichläufer.


5. Natural Running Training


Der Mensch ist nicht so schnell wie die Antilope. Aber die Naturvölker konnten die Antilopen zu Tode hetzen. Wodurch? Durch ihre Ausdauer. Ausdauer entsteht durch ausdauernde Bewegung. So wie es die Sammler und Jäger hunderttausende an Jahren gemacht haben. 10 bis 20 Kilometer am Tag, wie oben bereits erwähnt, waren unsere Ahnen ausdauernd unterwegs. Nicht schnell, aber lange. Und weil das ausdauernde Laufen - das Dauerlaufen - in unseren Genen steckt, reagieren wir auch so gut darauf. Wir können nach einigen Wochen, Monaten und Jahren Dauerlauftraining immer länger laufen und immer schneller, weil der Körper mit der Zeit lernt, mit den körpereigenen Energiedepots Fette und Kohlenhydrate effektiver umzugehen.


Doch auch unsere Vorfahren sind gelegentlich schnell gelaufen, beim kindlichen Spiel und beim Rennen um Leben und Tod. Auf der Jagd oder auf der Flucht. Gelegentliche Tempoläufe und Sprints sind also ebenso natürlich und ermöglichen uns Menschen auf kurzen Distanzen beeindruckende Geschwindigkeiten. Überwiegendes Dauerlauftraining, 80 bis 90 Prozent unserer Trainingszeit oder Wochenkilometer, ergänzt durch gelegentliche Fahrtspiele, machen uns daher zu Natürlichläufern.


6. Natural Running Trainingssteuerung


Als Trainer bin ich ein großer Freund einer Trainingssteuerung nach Herzfrequenz oder Tempoangaben. Denn meine Kunden wollen in kurzer Zeit viel erreichen. Und da hilft es, wenn man Trainingsfehler durch eine präzise Trainingssteuerung vermeidet. Anfänger können aber ihrem Körpergefühl nur wenig vertrauen. Warum? Weil das Körpergefühl trügt, wenn man 20, 30 oder 40 Jahre lang keinen Sport getrieben hat und dann mit ambitionierten Zielen in die Laufschuhe springt. Sportverletzungen und Übertraining sind oft das Ergebnis von zu fordernden Trainingsreizen. Dennoch. Natural Runner verzichten auf eine technische Form der Trainingssteuerung. Oftmals auch erst nach einigen Jahren Trainingserfahrung, bei der sich mit der Zeit das Gefühl für die eigene Leistungsfähigkeit einstellt, verzichten Natürlichläufer auf die Computer am Handgelenk. Das geschulte Körpergefühl ermöglicht ihnen dennoch ihr Lauftraining zu variieren. Laufen sie ausdauernd ohne zu schnaufen, dann verbessern sie ihre Fettverbrennung, laufen sie zügig aber nicht zu schnell, dann verbessern Natürlichläufer ihre Tempoausdauer und verbrennen viele Kalorien. Und machen Natural Runner ein Fahrtspiel, dann kräftigen sie das Herzkreislaufsystem und den Bewegungsapparat. Alle drei Laufvarianten mindestens einmal in eine Woche gepackt, so einfach gelingt auch Natürlichläufern ein effektives Training.


7. Natural Running Terrain


Eine 400-Meter-Tartanbahn oder – viel schlimmer noch - ein Laufband, kommen echten Natürlichläufern nicht in den Sinn. Natural Runner wollen die Natur spüren, so gut es eben geht. Ein Park ist das Mindeste. Wälder, Wiesen, Strände, Trails, Berge, Täler, möglichst natürliches Trainingsgelände, sind das Nonplusultra für Natural Runner. Natürlichläufer wollen sich in natürlicher Umgebung spüren und die Natur in all ihren Fassetten erleben. Es versteht sich von selbst, dass Natürlichläufer keine Stadtmarathons (mehr) laufen und Landschaftsmarathons bevorzugen. Ein Glück, dass es immer mehr davon gibt.


8. Natural Running Wetter


Echte Natural Runner sind natürlich keine Schönwetterläufer. Frei nach dem Motto des britischen Schriftstellers John Ruskin (1819-1900) "Sonnenschein ist köstlich, Regen erfrischt, Wind kräftigt, Schnee erheitert. Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur verschiedene Arten von Gutem“, laufen Natürlichläufer bei beinah jedem Wetter. Hauptsache raus.


9. Natural Running Verpflegung


Energygel, Powerriegel und Sportlergetränke machen die Industrie reich und den Natürlichläufer krank. Natural Runner verzichten auf jede Form der synthetischen Verpflegung beim Laufen. Wasser reicht ihnen und wer längere Zeit unterwegs ist, nimmt sich frische Datteln mit. Das sind übrigens zwei Tipps, deren Umsetzung nicht nur den Puristen unter den Läufern gut tut, sondern auch allen ambitionierten Läufern. Wer im Training auf Kohlenhydrate verzichtet, verbessert einfacher seine Fettverbrennung, wodurch die gewünschten Effekte Schnellerwerden oder Abnehmen auch schneller eintreten.

Ich fasse zusammen: Natural Runner praktizieren das natürliche Mittelfußlaufen, in Natural Running-Schuhen, laufen mindestens fünfmal pro Woche, mit einem Wochenumfang von mindestens 70 Kilometern, nach Körpergefühl und ohne technische Trainingssteuerung, überwiegend im Dauerlauftempo mit gelegentlichen Tempoläufen, bei jedem (ungefährlichen) Wetter, in der freien Natur und verpflegen sich beim Laufen nur mit Wasser und gelegentlich Früchten.

So oder so, vor allem viel Freude beim Laufen, als Natürlich-Laufen-Purist oder als Gelegenheitsjogger, Bahnläufer und GPS-Freak, wünscht dir

Andreas Butz

 

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