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Laufberichte

Tuond umb Gottzwillen etwas Dapfers!

17.04.11

Schon wieder so ein kryptischer Titel! Ist das die Auswirkung der unzähligen Marathonläufe? In diesem Falle schon, denn keiner anderen Marathonveranstaltung habe ich so viele Aufwartungen gemacht. Zum sechsten Mal gehe ich in Zürich an den Start und zum dritten Mal in Folge schreibe ich einen Bericht. Da möchte ich nicht einfach bereits Gesagtes aufwärmen, sondern die Schilderung des Bekannten mit weniger Bekanntem garnieren.  Über die Stadt habe ich schon einiges geschrieben.

Wer sich für Zürich und seine Geschichte Zürichs intensiver interessiert, stößt unweigerlich auf den Ausspruch in 500-jährigem Deutsch, der heute als Titel herhalten muss. Denn er stammt von einem, der den Verlauf der Geschichte vor Ort maßgeblich beeinflusst hat. Die Auseinandersetzung mit dem Reformator Ulrich (Huldrych)Zwingli ist also zwingend.

Zuerst bleiben meine Schilderungen ganz profan.

Entgegen meiner bisherigen Gepflogenheiten hole ich die Startunterlagen erst am Sonntag. Die Saalsporthalle macht einen ziemlich verlassenen Eindruck. Ich frage mich, ob ich die Informationen nicht richtig gelesen und eine Änderung der Abläufe übersehen habe. Dort, wo am Freitag und am Samstag die Marathonmesse und die Startnummernausgabe sind, sind ein paar Athleten anzutreffen, sonst ist tote Hose. Ich frage mich durch und finde den Ausgabeschalter auf der Rückseite des Gebäudes, wo ich dafür gleich die Haltestelle für den Pendelbus ausmachen kann.

Beim Warten auf den Bus genieße ich die morgendliche Frühlingssonne und freue mich, dass mir in Zürich ein weiterer Marathon bei perfekten Wetterverhältnissen bevorsteht.

 
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Eine halbe Stunde vor dem Start gebe ich meinen Kleidersack bei den Eisenbahnwagen ab, die als Depot dienen. Es ist noch frisch, doch für einmal muss ich nicht lange überlegen, welche Schichtung und Länge die Laufkleidung aufweisen muss, damit ich optimal eingestellt bin.

Liegt es daran, dass ich ein alter Routinier bin, oder liegt tatsächlich eine ungewohnte Ruhe in der Luft? Bei der Startlinie treffe ich eine Viertelstunde vor dem Pistolenknall Klaus in voller Fotomontur. Auch er ist erstaunt, dass es kurz vor dem großen Moment so ruhig ist.

Zum Glück habe ich keine zeitlichen Ambitionen, besonders nicht im Hinblick auf die Wertung für die Schweizer Meisterschaft, für welche die Bruttozeit maßgebend ist. Für alle Unterfangen, die ein  rasches Wegkommen erfordern, hätte ich schlechte Karten. Es scheint, dass die farbliche Bezeichnung der Startsektoren für die Mehrzahl der Teilnehmenden nur kosmetischer Natur ist.

 
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Ich lasse mir Zeit, mache mich mit den letzten Zugläufern auf die Strecke und höre, wie mich jemand von hinten fragt: „Und, hast du gut überwintert?“  Es ist Reto, Stammgast an Läufen in der Schweiz, die mindestens über die Marathondistanz führen. Seit dem Waffenlauf in Frauenfeld sind für uns beide einige Kilometer ins Land gegangen, wir haben für die kommenden Kilometer genügend Gesprächsstoff. Auf der ersten Schlaufe durch die Stadt, in welcher unsere Aufmerksamkeit keinen Positionierungstaktiken gelten muss und erst wenige Zuschauer den Kurs säumen, können wir uns dem gemütlichen Austausch widmen.

Am Ende der Bahnhofstraße, am Bürkliplatz, vorne beim See, wie man hier zu sagen pflegt, ist die Stadt schon wach. An dieser Begegnungsstrecke gibt es auch reichlich „Action“. Eben prescht eine Gruppe Afrikaner auf der anderen Seite zurück zum Ausgangspunkt. Ein paar Takte gemächlicher laufen wir das erste Mal über die Quaibrücke. Links gibt es einen schönen Ausblick auf die Skyline der Stadt links und rechts der Limmat. Die zwei Kirchtürme gehören zum Großmünster, der Kirche Zwinglis. 1518 wurde er als Leutpriester dorthin berufen, ein sehr einflussreicher Posten, da dieses Amt die Nahtstelle zwischen Gemeinde und Stift war. Das Großmünsterstift war das wichtigste „religiöse Unternehmen“ in Zürich, durch gutsherrliche Befugnisse und Zehntenrechte wirtschaftlich bestens abgesichert und zudem von steuerlichen Abgaben befreit.

Weiter geht es am Bellvue und der Sechseläutenwiese vorbei. Am vergangenen Montag wurde am „Sächsilüüte“ auf einem Scheiterhaufen traditionell der Böögg verbrannt. Keine elf Minuten hielt der Schneemann dem Feuer stand, was angeblich einen schönen Sommer verspricht. Die Bezeichnung «Böögg» bedeutet in Zürich «verkleidete, vermummte Gestalt», entsprechend werden Leute in fasnächtlicher Verkleidung auch als Bööggen bezeichnet. Zu Zwinglis Zeit wurde dieser Begriff als Synonym für Narr verwendet. Zu kirchlichem Firlefanz künstlerischer Art meinte er: „Das usswendige Böggenwerk ist nüt dann ein beschiss.“ Leider hat diese Konzentration auf den Glaubensinhalt auch zum unwiederbringlichen Verlust von Kunstwerken geführt, da ein paar Radikale die Differenzierung bezüglich der Ablehnung gewisser Bilder nicht nachvollziehen konnten. Nebst inhaltlichen führte Zwingli als weiteren Grund für seine Haltung an, dass das Vermögen, das für den Prunk der Kirchen ausgegeben werde, sinnvoller für soziale Hilfe verwendet würde.

Mittlerweile sind wir am Opernhaus vorbei auf der Dufourstraße, wo es in Sachen Zuschauer wieder ruhiger ist. Zwischen den meisten Leute, welche an den Fenstern stehen, und ihren Betten liegen erst ein paar Schritte. Es ist auch noch früh.

Beim Zürichhorn dreht die Streckenführung in Richtung Stadt zurück. Das Rauschen beim Chinagarten kommt nicht vom üppigen Bambusbewuchs hinter der Mauer. Es ist die Spitze, die bereits wieder entgegenkommt. Einfach beeindruckend!

Ums Seebecken herum haben wir noch längere Zeit die Möglichkeit, die Schnellen zu bewundern – für ihre Geschwindigkeit und die Strapazen, die sie für eine solche Laufzeit auf sich nehmen. Nicht nur heute, sondern das ganze Jahr  über.

In der Zwischenzeit habe ich auch die Pacer für 4:00 ein- und überholt und mich Peter Vollmer an die Fersen geheftet. Er ist einer der Polit- und sonstigen Promis, welche ihr Stelldichein geben, und einer der wenigen, die ich zu Gesicht bekomme – vielmehr: den ich erkenne. Er kämpft, um das zweite Teammitglied des eSPress bald weiterschicken zu können, es ist also kein günstiger  Zeitpunkt, ihm mein Anliegen zu unterbreiten. Einmal um den Block, dann sind wir wieder bei Start und Ziel und haben das erste Viertel schon abgespult.

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Informationen: Zürich Marathon
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