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Laufberichte

Schnell mal am See entlang

 

Marathonreisen sind eine wunderbare Sache: Man lernt Menschen kennen und andere Städte und Länder. Diesmal steht Zürich auf dem Programm. Die 400.000 und im Großraum 1,3 Millionen Einwohner zählende Stadt, heute vor allem bekannt als internationaler Finanzplatz, galt im 16. Jahrhundert als Zentrum der Reformation in der Schweiz und brachte zahlreiche Dichter, Naturforscher und Philosophen hervor. Hier wirkten die Schriftsteller Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer und Max Frisch sowie der Maler Arnold Böcklin. Die Zürcher Universität und die Eidgenössische Technische Hochschule, beide im 19. Jahrhundert gegründet, avancierten zu Bildungsstätten von Weltrang.

Ich fahre gerne in die Schweiz: Vieles ist dort anders, man spricht aber im Norden die gleiche Sprache wie bei uns –  zumindest annähernd. Wobei ich in Zürich recht schnell den Eindruck gewinne, dass sehr viele englischsprachige Bewohner am Marathon teilnehmen. Spanisch hört man fast ebenso oft. Über 30 Prozent der Einwohner kommen aus dem Ausland; zum Marathon werden Teilnehmer aus 85 Nationen erwartet. Und dank vieler Arbeitskräfte aus Deutschland sind auch sämtliche deutschsprachigen Dialekte vertreten. Spannend, wenn eine Dame in der Tram uns auf Plattdeutsch die an der Strecke liegenden Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt erklärt. Da muss ich dann fast genauso intensiv hinhören wie beim Schwyzerdütsch.

Wir sind im Ibis-Hotel im Szeneviertel Zürich West abgestiegen. Ein ehemaliges Industriegebiet wurde hier in ein modernes Büro- und Wohngebiet umgewandelt. Viele frühere Werkshallen wurden umgestaltet. Und es gibt allerlei schicke Kneipen, die wir aber leider nicht besuchen werden, da am Sonntag Aufstehen um 5:30 Uhr angesagt ist. Unzählige Trambahnlinien und O-Busse durchziehen die Stadt. Ein Eldorado für Straßenbahnfans wie mich. Auch städtische Bergbahnen und Seeschiffe können mit den Verbundtickets genutzt werden. Zürich ist das wichtigste wirtschaftliche, wissenschaftliche und gesellschaftliche Zentrum der Schweiz. Viele Großbanken haben hier ihren Sitz. Die Stadt erscheint immer wieder auf Ranglisten im obersten Bereich bei der Lebensqualität und den Lebenshaltungskosten.

Ja, die Kosten. Die ganze Welt deckt sich mit Schweizer Währung ein. Durch die Freigabe des Wechselkurses zum Euro durch die Schweizer Nationalbank hat sich fast eine Parität zwischen Franken und Euro eingestellt. Uns bringt dies immerhin den Vorteil einer leichten Preisvergleichbarkeit. Ist das Hotelzimmer am Wochenende noch erschwinglich, so wird es bei den Restaurants und Cafés schon interessanter: Man kann mindestens den doppelten Preis von zu Hause ansetzen. Mit gewissen Ausrutschern: Eine kleine Tüte Gummibärchen gibt es für schlappe 3,50, eine Packung Chips im Supermarkt für 4,60 Franken. Die ist freilich im Angebot und kostet normalerweise 6,90 CHF. Für Schnäppchenjäger wie Judith und mich eine ziemliche Herausforderung.

 

 
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Wir nutzen den Samstagnachmittag für ein Sightseeing in der mittelalterlich geprägten Altstadt. Das Großmünster auf der rechten Seite des Seeabflusses Limmat gilt als Wahrzeichen Zürichs und zählt mit dem Fraumünster und der St. Peter-Kirche zu den bekanntesten Gotteshäusern der Stadt. Die Bauarbeiten begannen im 12. Jahrhundert und wurden erst 1880 mit zwei neugotischen Turmhauben, respektlos "Pfefferbüchsen" genannt, abgeschlossen. Hier löste Ulrich Zwingli mit seinen Predigten die Schweizer Reformation aus. Der nüchterne Innenraum zeugt noch heute von diesem Geist. Immerhin gönnte man sich aber in jüngerer Zeit eine spektakuläre Fenstergestaltung: Zu drei Darstellungen der Weihnachtsgeschichte, die der Schweizer Maler Augusto Giacometti 1933 schuf, gesellen sich seit 2009 zahlreiche Glasfenster seines deutschen Kollegen Sigmar Polke, teils mit abstrakten Mustern, teils mit alttestamentarischen Motiven. Berühmte Kunstwerke bestaunen kann man auch auf der linken Limmatseite im Fraumünster, einst Klosterkirche des Bedediktinerinnenstifts: Der fünfteilige Fensterzyklus im Chor (1970) und die Rosette im südlichen Querschiff (1978) sind Meisterwerke Marc Chagalls, die Glasmalereien an der Nordseite (1930-1945) stammen auch hier von Augusto Giacometti.

Von den prächtigen Häusern der zwölf Handwerkszünfte, die seit dem ausgehenden Mittelalter hier entstanden, sind in Zürichs Altstadt noch sieben erhalten.

Dann fahren wir mit "dem" Tram (so hier der Artikel) zur Saalsporthalle, in der die Marathonmesse stattfindet. So entgehen wir auch dem aktuellen Regenschauer. Die Startertüte enthält Gutscheine verschiedener Art, zwei Sorten Müsli und ein Reflektorarmband. An den Messeständen könnte man sich mit Laufutensilien eindecken. Fast pünktlich um 16:00 Uhr beginnt die Pastaparty. Eine Portion Nudeln ist im Startpreis enthalten. Eine zweite Portion gibt es für vergleichsweise günstige 9,00 Franken. Weiter geht es mit einer Tramrundfahrt durch die Stadt. Und um 22:00 Uhr liegen wir bereits im Bett. Ich freue mich auf das Frühstück, das ab 6:00 Uhr und in einer Light-Version schon ab 4:00 Uhr serviert wird.

 

Der Marathontag

 

Ein Blick aus dem Hotelfenster und auf die Wettervorhersage verheißt Sonnenschein mit gelegentlichem Regen und Höchsttemperaturen um die 8 Grad. Wie im ausführlichen Zürich-Marathon-Infoheftchen beschrieben, fährt "das" Tram Nummer 7 zum letzten Mal um 7:36 Uhr vom Hauptbahnhof Richtung Start ab. Der gesamte Bereich des Verkehrsverbundes ZVV kann heute mit der Startnummer als Ausweis befahren werden. Wir kommen um 7:00 Uhr in der als Shoppingmeile bekannten Bahnhofstrasse an und müssen feststellen, dass wir gerade einen Zug verpasst haben und der nächste in 15 Minuten kommt. Zusatzkurse leider Fehlanzeige. Und das bei fast 10.000 Startern... Entsprechend kuschelig eng geht es dann auch im Bähnli zu. Als Alternative möchte ich auf die S-Bahn verweisen.  Der Bahnhof Enge (Wortspiel!) liegt auch nur einen Kilometer von der Taschenabgabe entfernt. Wobei die ganze Innenstadt für Marathonis einen überschaubaren Radius hat, sodass es auch von anderen Stellen möglich wäre, zu Fuß zum Start am Mythenquai zu gelangen.

 

 
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Wir sind also schnell bei der Taschenabgabe an der (Freiluft-) Badeanstalt, ziehen uns aufgrund der Kälte nur widerwillig um. Noch hat es 3 Grad und dann ab zum Start, der um 8:30 Uhr erfolgen soll.  Die Sprecher informieren uns auf Schwyzerdütsch und Englisch. Als ich aus dem Toiletten-Häuschen komme, laufen gerade die 4:15-Stunden-Pacer vorbei. Perfekt, da hänge ich mich an. Nur keine Aufregung.

Die Strecke ist schnell beschrieben: Drei Kilometer am See, dann Wende und zurück zum Start über die Innenstadt. Dann das Ganze noch mal, aber mit 15 statt drei Kilometern am See nach Südosten. Hinter uns die Teilnehmer des "Team Run", die in vier Etappen die 42,2 km laufen und um 8:37 Uhr gestartet sind. Fünf Minuten später der Start der City-Runner, die 9,85 km zu bewältigen haben. Die Laufstrecke ist sehr breit, sodass die Heißsporne unter den Staffel- und City-Läufern nur gelegentlich nerven. Dafür stellt sich nun heraus, dass sämtliche Wetterberichte zu positiv ausgefallen sind. Schon seit einer halben Stunde nieselt es, nun gesellen sich Graupel und Schneeregen hinzu. Davon lassen sich die Zuschauer am Bürkliplatz nicht die Stimmung vermiesen. Kommen doch die Läuferinnen und Läufer hier innerhalb kurzer Zeit dreimal vorbei. Mir frieren wegen der Kälte fast die Finger ab. Ich habe Angst, dass ich den Fotoapparat nicht mehr halten kann und stelle die Fototätigkeit ein, zumal ich wegen des Regens sowieso keine akzeptable Qualität hinbekomme.

Nach Kilometer 3,5 laufen wir einmalig auf der Dufourstraße zurück in Richtung Opernplatz. Dann am Bürkliplatz auf die 2,5 Kilometer lange Sightseeing-Runde. Hier geht es richtig zur Sache: Ein kleiner Schneesturm empfängt uns. Kurzzeitig ist der Boden weiß, dann stapfen wir durch den Schneematsch. Und die Alphornbläser sowie mehrere Steelbands in Arkaden halten tapfer durch. Kurz vor dem Bahnhofsportal – selbstredend ist der Zürcher Hauptbahnhof der wichtigste Verkehrsknoten der Schweiz – drehen wir nach links und laufen zurück zum Zürichsee. An der Bärengasse geht es links zum Rennweg. Bei dem Namen fällt mit ein, dass der Rennsteig auch noch auf unserer läuferischen To-do-Liste steht. Aber der ist ja ganz woanders. Vor dem Kongresshaus nochmals Alphornbläser. Anscheinend sind die Instrumente regenresistent.

 

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Über die Alfred-Escher-Straße am Start vorbei. Escher (1819-1882) war ein Industrieller und Staatsmann, der zahlreiche Ämter innehatte und eine unglaubliche Machtfülle besaß: Er gründete unter anderem das Eidgenössische Polytechnikum (heute ETH Zürich), die Schweizerische Kreditanstalt, die Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt sowie die Gotthardbahn-Gesellschaft. Viermal wurde er zum Nationalratspräsidenten gewählt.

Bei Kilometer 9,85 laufen wir am Start vorbei und die schnellen City-Runner haben einen Wettkampf hinter sich, von dem sie noch lange erzählen werden. Wir Marathonis können uns jetzt die Strecke genauer ansehen: Natürlich stehen hier am General-Guisan-Quai beeindruckende Bauwerke. Der links abgehende Schanzengraben mit seinen Booten erinnert ein bisschen an Venedig. Das Parkhaus Opéra hat einen schicken französischen Akzent auf dem e.

Für mich ist es nun an der Zeit, mich von meinem blauen, wärmenden Müllsack zu befreien. Doch wohin damit? Wir sind ja hier auf Ordnung bedacht. Die nächste Mülltonne bezeichnet sich als Bio. Nach einem weiteren Kilometer lasse ich den Sack bei einer Verpflegungsstelle zurück. Diese ist wie alle anderen vorbildlich ausgerüstet: Iso, Wasser in kleinen Flaschen mit Schnappverschluss zum Mitnehmen, Powerbar-Riegel und ausgepackte Bananenstücke. Letztere schmecken bei den geringen Temperaturen ein wenig nach Bananeneis. Vielleicht  hätten sich viele Teilnehmer noch über warme Getränke gefreut. An zwei Verpflegungsstellen gibt es zusätzlich Powerbar-Gel. Toilettenhäuschen habe ich auch gesehen.

Unglaublich, wie viele Geschwindigkeitsmesser hier an der Straße stehen. Würden die uns fotografieren, hätten wir schon Material für ein ganzes Album beisammen. Autos sieht man übrigens absolut keine. Die Bewohner scheinen sich mit den Einschränkungen arrangiert zu haben und müssen heute nicht mal schnell ganz dringend irgendwohin...

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Informationen: Zürich Marathon
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