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Laufberichte

Mit anderen Augen sehen

 

„Dürfte ich bitte noch ihre Ausweise sehen?“  Die der Sprache nach zu urteilen aus Deutschland stammende Zugbegleiterin will es mit schweizerischer Gründlichkeit wissen, ob wir wirklich berechtigt sind, mit einem Veranstaltungsticket nach Zürich zu fahren. Es könnte ja ein ausgeklügeltes Täuschungsmanöver sein, um eine Transportleistung zu erschleichen, dass wir morgens um 5.45 in einem sonst fast leeren Regionalexpress in Laufklamotten in einem Abteil zusammensitzen.

Dass die Anreise mit dem ÖV von jedem Punkt der Schweiz aus im Startgeld inbegriffen ist, relativiert das zu entrichtende Startgeld. Die Preise fürs Bahnfahren in der Schweiz sind stattlich. Dafür sind die gebotenen Leistungen meistens auf einem hohen Niveau.

Umsteigen in Zürich HB und noch drei Stationen mit der S-Bahn, dann ist die Saalsporthalle schon in Sichtweite. Dahinter erhebt sich der Üetliberg, Zürichs Hausberg. Steigungen wird es an diesem Tag nicht geben. Die Veranstaltung wirbt damit, dass der schnellste Marathon der Schweiz der von Zürich ist.  Und das ist er, weil er flach ist. Das haben Strecken, die nahe an einem Gewässer mit flachem Ufer sind, so in sich.

Die Startnummernausgabe ist im Außenbereich der Halle. Drinnen, wo am Freitag und Samstag noch die Marathonmesse war, dreht die Putzmaschine ihre Kreise.

 

 
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Mit dem ersten Shuttlebus fahre ich zum Strandbad Mythenquai. Dort sind Garderoben und gemäß Plan und Wegweiser die Kleiderabgabe. Letzteres ist aber eine Fehlangabe und im Augenblick nicht relevant, denn ich muss mich beeilen, damit ich nur ein paar Minuten zu spät zum Briefing komme.

Im Rahmen des Zürich Marathons gibt es einen 10km Cityrun und einen Teamrun, bei welchem die ganze Distanz auf vier Läufer aufgeteilt wird. 9,0km, 11,7, 4km und 17,5km ist die Stückelung. Dazu gibt es Inklusionsstaffeln mit fünf Teilnehmern, welche sich die zweite Staffeldistanz nochmals aufteilen. Auf der Fahrt zum Arosa Snow Walk and Run im Januar ist im Gespräch mit Karin und Roli die Idee entstanden, dass ich im April eine solche Staffel begleiten könnte.  

Der Lauftreff Limmattal ist eine fixe Größe wenn es um die Ausbildung von Guides für sehbehinderte Läufer und deren Begleitung geht. Deshalb sind sie mit 10 Leuten als komplette Staffel am Start und ich lerne schon mal acht von ihnen kennen. Einige von Ihnen haben Bedenken, dass sie zu langsam für mich seien, während ich mir den Kopf zerbreche, wie ich es am besten einrichte, dass ich von allen Fotos machen kann, denn es wird mir gesagt, dass das erste und das letzte Duo reichlich schnell unterwegs sein werden.

Nachdem alles geklärt ist, muss ich noch meinen Kleiderbeutel loswerden. Das heißt zurück zum Strandbad. Dort frage ich mich durch, bis ich auf der Landiwiese, Ort der legendären Landesausstellung von 1939, am anderen Ende des Geländes die Abgabestelle finde. Bis ich wieder im Startbereich bin, sind meine Muskeln genügend aufgewärmt und groß auskühlen können sie nicht mehr, denn wenig später geht vorne das Gewusel los.

Ich bleibe ganz hinten und pendle auf ein Wohlfühltempo ein, sobald das Feld nicht mehr dicht gedrängt ist.

 

 
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Zuerst geht es um das Seebecken, was besonders bei schönem Wetter Ferienstimmung aufkommen lässt. Einen solchen Tag haben wir erwischt und alle, die vergangenes Jahr Schneeregen und Graupel erdulden mussten, dürften sich bei diesen Bedingungen mit den Elementen versöhnen. Bürkliplatz, Quaibrücke mit Blick auf die dem Zürichsee entströmenden Limmat und die sie säumenden Orientierungspunkte wie das Großmünster, dann Bellevue mit Sechseläutenplatz und Opernhaus, dabei rechterhand der See und zeitweise ein Blick auf die im Dunst trotzdem gut erkennbaren, verschneiten Glarner Alpen; all das gibt es gratis und franko, kostenlos und für umme. Und das in der Schweiz und erst noch auf dem teuren Zürcher Pflaster.

 

 

 
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Auf gerader Straße geht es seeaufwärts. Hinter einer Mauer und dichten Bambussträuchern versteckt sich der China Garten, nur eine von vielen Sehenswürdigkeiten neueren Datums in „Downtown Switzerland“.  Bei der Spitzkehre am Zürichhorn heißt es aufpassen, damit man die Kurve kriegt. Am Horizont, also am Ende dieser Geraden, ist wieder das Opernhaus zu sehen. Nur vereinzelt sind in dieser Straße Zuschauer am Rand,  an einem geöffneten Fenster oder auf einem Balkon zu sehen.

Von hinten kommen immer mehr Läufer des Teamruns und des Cityruns angeprescht. Ich bewundere diese Schnellen und bin gleichzeitig froh, dass ich mir so was nicht antun muss. Noch nicht.

Nach fünf Kilometern geht es wieder am Sechseläutenplatz vorbei, von der anderen Seite auf die Quaibrücke. Wäre ich ein bisschen schneller, hätte ich die Führenden des kenianischen Schnellzugs auf der Gegenseite verpasst, denn kurz darauf geht es rechts ab in die Bahnhofstraße. Die edle Shoppingmeile ist wie üblich am Sonntagmorgen verwaist. Zumindest, wenn man mit dem Samstagnachmittag vergleicht.  

 

Eine alte und umstrittene Tradition in der Schweiz, das Bankgeheimnis, wurde gebodigt. Dafür wird am Paradeplatz, dem Bankenplatz schlechthin, einer anderen noch gehuldigt. Einer, welche niemandem schadet, sondern –zumindest bei mir – ein Gefühl der Ruhe und des Wohlbefindens bewirkt. Ein Alphorntrio grüßt die Läuferschar mit ihren urigen, natürlichen Klängen.

Wenig später sind es Klänge einer Steelband, welche gleich vom Schränzen einer Guggenmusik abgelöst werden. In dem Moment sehe ich Lenthe und seinen Guide Urs in flottem Tempo die Bahnhofstraße hochkommen. Ich schliesse mich ihnen für die nächsten drei Kilometer an und achte darauf, wie das Zusammenspiel der Beiden funktioniert.

Seit dem Bellvue gibt es eine Erschwernis in Form von Tramschienen und ihren Weichen und Kurven. Ganz routiniert und eingespielt ist das Duo unterwegs. Die Anweisungen bezüglich jeglicher Art von Hindernissen sind präzise. Lenthe verlässt sich voll und ganz darauf und folgt ohne zu zögern. Denkt man sich die Westen weg und schaut nur auf die Beine, käme man kaum auf die Idee, dass ein Beinpaar den Weg mit den Augen des anderen beschreitet. Gleichzeitig wird mir bewusst, wie viele Hindernisse auf einer Strecke sind, über welche ich mir sonst keine Gedanken machen würde.  

 

 
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In der Parallelstraße des Starts, einen Block vom See entfernt, ist bei Kilometer 9 die erste Staffelübergabe. Die beiden Zeitnahmechips wechseln die Träger und werden nun von Andrea und ihrem Guide Claudia getragen. In der Wechselzone ist es für Claudia eine rechte Herausforderung, auf dem schmalen verbleibenden Straßenstück eine ideale Lauflinie zu finden, haben doch viele ambitionierten Teamläufer in der Angst, dass ihr Staffelpartner sie nicht finden würde, den Durchgang zu einer hohlen Gasse verwandelt.

Kaum haben sich diesbezüglich die läuferischen Verkehrsverhältnisse gebessert, steht wieder eine Spitzkehre an, diesmal auf die Startstrecke. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich eine solche Kurve nur auf Anweisung laufen würde.

Beim zehnten Kilometer erhalten die Cityrunners ihre Medaillen und wir anderen etwas mehr Bewegungsfreiheit. Andrea entschuldigt sich dafür, dass sie nicht schneller ist. Kein Problem. Mir bleibt so mehr Zeit zum Beobachten und Genießen.

Nebst den Anweisungen zu Unebenheiten im Asphalt, der Stolpergefahr einer Zeitmessmatte und den Schienen, gibt Claudia auch eine Beschreibung, wo wir sind und was sich am Rand der Strecke befindet. Und lässt Andrea wissen, welche Anfeuerungsrufe und Respektbezeugungen der Zuschauer ihr gelten. Das sind nicht wenig.

Beim Zürichhorn geht es für die Marathonis beim zweiten Mal geradeaus. Ungefähr zwölf Kilometer sind es bis zum großen Wendepunkt in Meilen. Die Sonne von vorne, rechts der See und Bäume und Büsche in voller Blüte, besser könnten wir es nicht haben. Das ist Frühling, das ist fast wie Ferien.

Am zusätzlichen Wechselpunkt der Inklusionsstaffeln warten Jörg und sein Guide Bruno. Als Trio im besten Alter, sie mit den orangen Westen, ich in der orangen Arbeitskluft, machen wir uns auf den nächsten Abschnitt. Jörg braucht keine direkte Verbindung zum Guide, ist aber auf die Hinweise angewiesen.

Es dauert nicht lange, dann kommt auf der anderen Straßenseite die Spitze entgegen. Wusch – und vorbei! Die gesperrte Seestraße und die Beschaffenheit des Untergrunds sind meiner Einschätzung nach für die Sehbehinderten Garant für entspanntes Laufen. Keine abrupten Manöver und wenig Warnhinweise auf Unebenheiten ermöglichen ein lockeres Plaudern.

 

 
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Nach gut sechs Kilometern ist wieder Staffelwechsel. Die Chips gehen an Diana und ihren Guide Yannic, einen jungen Wilden – jedenfalls in Sachen Marathonbestzeit. Nicht selbstverständlich, dass einer in dieser Leistungsklasse seine Ambitionen in den Hintergrund und sich in andere Dienste stellt.

Bis zum Wendepunkt sind wir gemeinsam unterwegs. „Schön, dass wir hier laufen dürfen, wenn wir es schon nicht vermögen, hier zu wohnen“, meint Diana. In der Tat ist es ein Privileg, die Mittel zu haben, um seine Zelte in einem der alten schönen Häuser oder in einer der modernen  Wohnungen aufzuschlagen.

Immer wieder erhält das Duo neben mir anerkennende Zurufe. Die besondere Leistung wird wahrgenommen und gewürdigt.

Die gemeinsame Wegstrecke geht schon bald zu Ende und ich weiß, dass ich mich nun bald von der Begleitung dieser Staffel verabschieden muss. Im Vorfeld wurde mir angekündigt, dass Hans-Peter und sein Guide Mike ein zünftiges Tempo anschlagen werden, eines, dem ich im besten Fall anfangs Marathon noch folgen könnte. Sicher aber nicht auf den letzten 17,4km.

Frisch und voller Tatendrang stürmen sie los und ich folge ihnen - bald schon keuchend, zumal am Wendepunkt eine kurze, fiese Steigung zu bewältigen ist. Mein Versuch noch etwas schneller zu laufen, um ein paar Fotos von vorne zu schießen, bricht mir endgültig das Genick meines derzeitigen Leistungsvermögens. Ich verabschiede mich mit den besten Wünschen von ihnen und lasse sie auf ihren Wahnsinnslauf. Sie werden die Staffel auf eine Schlusszeit von 4:07 bringen. Was das heißt, lässt sich erahnen, wenn ich erwähne, dass wir uns zu dem Zeitpunkt ein Stück hinter den Zugläufern für 4:45 befinden!

Zu diesen schließe ich im Verlauf der nächsten zwei Kilometer auf und treffe dort Marco. Mit ihm und seiner Truppe bin ich die folgenden zehn Kilometer auf bekanntem Territorium unterwegs. Sonne im Rücken, den See zur Linken, die blühenden Gärten und immer wieder aufmunternde Zuschauer sorgen für eine gute Kulisse für das, was für mich ein Lustspiel ist. Ein Blick in einige der Gesichter von Teilnehmern, die wir überholen, zeigen, dass der Spielplan auch Dramen umfasst.

 

 
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Opernhaus, Bellvue und Quaibrücke zum Vierten. Die Steelband am Bellvue hat auf die andere Straßenseite gewechselt, um ihre motivierenden Klänge ganz nah an die Läufer auf dem Rückweg zu bringen. Beim Einbiegen in die Bahnhofstraße setze ich mich von der Gruppe ab und schiebe bis zum Ziel noch eine Trainingseinheit ein. Ein gutes Gefühl, wenn da noch was geht.

Medaille, Finisher-T-Shirt aus Funktionstuch und eine Dose Bleifreies aus Erding und ich habe fertig. Fast. Nun gibt es noch einen längeren Spaziergang zum Kleiderdepot. Bei diesem Wetter ein schönes Unterfangen, wenn man sich auf dem Marathon nicht total verausgabt hat.

 

 

Zu den Duschen ist es dann nicht mehr weit. Ein oben offener Duschwagen mit heißem Wasser unter einem exotischen Baum lässt nochmals Urlaubsgefühl aufkommen, ebenso die Liegewiesen des Strandbads davor, welche nicht viel anders aussehen als mitten im Sommer.

Wenn ich richtig gezählt habe, brauche ich noch drei weitere Teilnahmen, um in den Jubiläumsclub des Zürich Marathons aufgenommen zu werden. Neuland ist es also nicht, was ich heute gemacht habe, doch ich hatte die Möglichkeit, diesen Lauf mit anderen Augen zu sehen, indem ich Läufer begleiten konnte, die mit anderen Augen sehen. Ich danke ihnen, dass ich (so lange ich mithalten konnte)Teil ihrer Staffel sein durfte.

Wenn sich jemand angesprochen fühlt, sein Laufvermögen sinnvoll zu teilen, darf er gerne mit dem Lauftreff Limmattal Kontakt aufnehmen und sich zum Laufguide für Sehbehinderte ausbilden zu lassen.

 

Marathonsieger

 

Männer

1. Tonui Vincent Kipkorir,  Schweiz           2:12.57,5     
2. Ereng Patrick Mugur,  Schweiz              2:16.47,1      
3. Karani Samuel Njeru, Schweiz              2:16.51,0       

Frauen

1. Nunes Vera, P-Cascais                     2:34.17,5
2. Chepkok Ivy, Zürich                       2:52.17,0
3. Inauen Franziska,  Windisch                2:56.18,6

2228 Finisher

 

Informationen: Zürich Marathon
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